Jahresrückblick 2022 von Florian Schaffer

2022 kehrte langsam der Alltag zurück. Zumindest schien es so, als im Frühjahr Stück für Stück der Live-Sektor wieder hochgefahren wurde. Wir hatten einen fast ganz normalen Festival-Sommer und eine vollgepackte Herbstsaison, wo dann auch die ganze Misere der vergangenen Jahre deutlich wurde. Überangebot, Zurückhaltung bei den Fans, Inflation, explodierende Kosten und in der Folge teils schwach besuchte Konzerte, wenn nicht sogar komplett abgesagte Touren. Es ist also noch Sand im Getriebe, wenngleich ich doch für 2023 optimistisch nach vorne blicken will.

Das musikalische Resümee der vergangenen zwölf Monate wiederum ist eine andere Geschichte. Nach der regelrechten Flut im Vorjahr landeten nun wieder etwas weniger EPs auf meinem Tisch. Gutklassige Releases waren dennoch dabei: V/HAZE MIASMA eröffneten 2022 etwa mit „Nebula“ in atmosphärischer Art und Weise, OCEANS wurden mit der „Hell Is Where The Heart Is“-Reihe gar zum treuen Begleiter, ALLT setzten mit “The Seed Of Self-Destruction” im Metalcore neue Impulse und DÉCEMBRE NOIR gelang es mit „Pale Serenades“ darüber hinaus, vier Stücke mit prominenter Gastriege komplett neu zu erfinden – allein für die Synth-Wave-Interpretation von „Small.Town.Depression“ hätte die Formation einen kleinen Sonderpreis verdient.

Die beste EP 2022

DARK FOREST: Ridge & Furrow

Die beste EP des Jahres kam für mich persönlich aber komplett aus dem Nichts: Reingehört habe ich in „Ridge & Furrow“ ehrlich gesagt nur, weil Kollege Andreas in seiner Kritik aus dem Schwärmen gar nicht mehr herauskam. Dem von ihm betitelte „Feuerwerk an guter Laune“ konnte schließlich auch ich mich nicht entziehen. Die Melodien, der Gesang, die gesamte Atmosphäre zwischen Idylle und Aufbruch wirken regelrecht ansteckend und wischen jeglichen Anflug von Trübsal einfach beiseite. Dank Kurzformat also die ideale Medizin, um eben mal die Stimmung zu heben.

Das beste Live-Album

ARCHITECTS: For Those That Wish To Exist At Abbey Road

For Those That Wish To Exist At Abbey Road” ist keineswegs das beste Live-Album aller Zeiten – genau genommen wurde es ja auch nur im Studio und ohne Publikum aufgenommen. Aufgrund der hinzugenommenen Orchestrierung entwickelt das Material von „For Those That Wish To Exist“ (2021) jedoch eine unglaubliche Energie. Das macht aus einem eigentlich mäßigen Album kein Meisterwerk, hebt den Großteil der Songs allerdings auf ein neues Level – fast so, als wären die Songs von Anfang an mit Orchester im Hinterkopf konzipiert worden.

Die 25 besten Alben 2022

Es wird schlicht nicht einfacher. 122 Alben habe ich dieses Jahr selbst besprochen, von den einfach nur privat gehörten Platten ganz zu schweigen. Wie soll man aus dieser Flut an Veröffentlichungen die besten herauspicken? In manchen Jahrgängen ist es einfach, zumindest die großen Highlights direkt zu benennen. Diesmal aber wird es fast zur Qual: Verschiedenste Genres, Alben für unterschiedliche Jahreszeiten oder Stimmungslagen. Leichte Kost, die entsprechend oft im Player landet, trifft auf komplexe oder mental fordernde Werke, die vielleicht nur selten liefen, aber mir nicht minder bedeutsam waren.

Der große Unterschied zum letzten Jahr ist also, dass 2022 nicht einmal die Spitze unangefochten scheint. DAS Ausnahmealbum gab es für mich diesmal leider nicht. Dafür eine ganze Menge an starken Platten, die leider nicht alle in meinen Top 25 Platz haben und doch nicht komplett ohne Erwähnung bleiben sollten. BLUT AUS NORDs „Disharmonium – Undreamable Abysses“ etwa ist die perfekte Vertonung des Lovecraft-Mythos. Ein in vielerlei Hinsicht beeindruckendes Werk für seine Nische, das aber auch genau deshalb für mich außer Konkurrenz läuft.

Einige sichere Kandidaten waren letztendlich zu routiniert unterwegs

SOILWORK („Övergivenheten“) und AMORPHIS („Halo“) hingegen waren gut, aber weit von ihrer Topform entfernt; ARCH ENEMY („Deceivers“) und MESHUGGAH („Immutable“) zu routiniert und kalkuliert, um nachhaltig begeistern zu können. Den Schnitt verpasst haben zudem die wiedererstarkten MACHINE HEAD („Of Kingdom And Crown“), das kurzweilige „We Are The Apocalypse“ (DARK FUNERAL), die überraschend mächtigen CHELSEA GRIN („Suffer In Hell“) und die Thrash-Veteranen KREATOR („Hate über alles“), die mich in Teilen, aber nicht durchweg begeistern konnten.

Im Frühjahr hatte ich außerdem viel Spaß mit MOTIONLESS IN WHITEs „Scoring The End of The World“, das trotz Synth-Overkill und hart modernem Einschlag ein paar echte Ohrwürmer mitbringt – letzten Endes aber etwas zu seicht und kurzlebig. Ganz knapp nicht in den Top 25: GAEREA (“Mirage”), GRIMA (“Frostbitten“), PURE WRATH (“Hymn To The Woeful Hearts“), PORT NOIR (“Cuts“) sowie FIT FOR AN AUTOPSY (“Oh What The Future Holds“).

25. OBSIDIOUS: Iconic

Die Nähe ist durchaus zu spüren, doch OBSIDIOUS sind weit mehr als ein OBSCURA-Ableger. Nicht zuletzt dank Sänger Javi Perera, der neben kraftvollen Growls auch eine erhabene Singstimme besitzt, grenzen sich die Musiker von ihrer ehemaligen Band ab. „Iconic“ ist stilistisch weiter gefasst und vereint somit die spieltechnische Raffinesse des Progressive / Tech Deaths mit symphonischen Elementen sowie Klangfarben des Power Metals. Kurzum, es gibt eine ganze Menge zu entdecken – und da ich mich erst in den letzten Wochen des Jahres intensiver mit der Platte beschäftigen konnte, habe ich selbst jetzt noch nicht alle Ecken dieses spannenden Albums erkundet.

24. ALLEGAEON: DAMNUM

ALLEGAEON erweitern ihren Sound durch neue Einflüsse: Das macht “DAMNUM” zum bislang abwechslungsreichsten Werk, weil feinere Details auf den Vorgängern nun neue Prominenz erlangen. Die Death-Metal-Band agiert dadurch deutlich progressiver, indem sie neben den immer wieder auftauchenden Konzertgitarren auch verstärkt Klargesang in ihr Repertoire aufnimmt. Und doch bleibt die Handschrift der US-Amerikaner weiterhin erkennbar: ALLEGAEON opfern also keineswegs die gemeinsame Vision der Band. Vielleicht nicht die stärkste Platte des Quintetts, aber dennoch auf gewohnt hohem Niveau.

23. AARA: Triade II: Hemera

Es gab dieses Jahr eine ganze Menge starker Black-Metal-Veröffentlichungen. Was mich allerdings an AARA einmal mehr fasziniert, ist diese Leichtigkeit, mit der das Gespann Wildheit und Melodie zusammenführt. „Triade II: Hemera“ ist unnachgiebig und stürmisch, beizeiten roh und doch irgendwie berührend. Das ist beim derzeitigen Veröffentlichungstempo AARAs keine Selbstverständlichkeit, vor allem weil der zweite Teil der Trilogie kaum Zeit zum Atmen lässt. Hoffentlich behält das Finale dieses Niveau bei.

22. FREEDOM OF FEAR: Carpathia

Noch sind die Australier FREEDOM OF FEAR ein echter Geheimtipp: Der technische, aber doch melodische Death Metal ist dank schwarzmetallischer Einflüsse und atmosphärischer Synth-Untermalung so abwechslungsreich wie fordernd, bleibt dabei allerdings stets schlüssig. „Carpathia“ ist bei allem Furor – Sängerin Jade ist diesbezüglich genauso maßgebend wie die starke Performance von Session-Drummer HANNES GROSSMANN – keineswegs überwältigend – fast schon eine Schande, dass die Platte dieses Jahr weitgehend unter dem Radar geflogen ist.

21. IBARAKI: Rashomon

Ich weiß immer noch nicht, wer auf die Idee kam, IBARAKI als Black-Metal-Projekt zu bewerben, denn trotz IHSAHNs Mitwirken und durchaus vorhandenen schwarzmetallischen Einflüssen ist „Rashomon“ deutlich breiter und vor allem progressiver aufgestellt. Matthew Heafys Solo-Projekt flirtet dabei in Auszügen sogar mit älteren OPETH – zumindest instrumental. Gesanglich ist das sonst durchaus modern gehaltene Album dagegen ein zweischneidiges Schwert. Weniger der Klargesang als die extremen Vocals sind dabei Stein des Anstoßes: Für frostigen Black-Metal-Anstrich klingt Heafy schlicht zu brachial nach Metalcore, was dem Material nicht immer perfekt zu Gesicht steht. Eine facettenreiche Platte bleibt „Rashomon“ trotz kleinerer Abstriche aber in jedem Fall.

20. CELESTE: Assassine(s)celeste-assassine-album-cover

Auf “Assassine(s)” sortieren CELESTE ihre Prioritäten neu: Moderner produziert mit weniger Fokus auf die schwarzmetallischen Einflüsse markiert das neue Studioalbum durchaus eine Veränderung. Ihre stilbildende Essenz geben die Franzosen aber dennoch nicht auf, obwohl die Musik in Teilen nicht mehr ganz so düster und hoffnungslos erscheint wie die bisherige Diskografie der Band. Dafür gestaltet sich „Assassine(s)“ nach kurzer Eingewöhnungsphase griffiger als erwartet, während das Material einen fast schon hypnotischen Sog entwickelt.

19.  THE CALLOUS DAOBOYS: Celebrity Therapist

Zwischen Chaos und Wahnsinn bringen THE CALLOUS DAOBOYS den Mathcore wieder zurück auf die Landkarte. Erinnerungen an THE DILLINGER ESCAPE PLAN werden wach, wenn die Formation auf jegliche Konvention pfeift und schlicht ihr eigenes Ding durchzieht. Das macht „Celebrity Therapist“ so unberechenbar wie anstrengend – in Dauerschleife anhören kann man das Zweitwerk wohl nicht, obwohl sich zwischendurch doch immer wieder ein paar unglaublich eingängige Melodien eingeschlichen haben. Man muss das Ganze somit dosiert genießen, um von diesem konzentrierten Adrenalinschub nicht überwältigt zu werden.

18. OUR LOSS IS TOTAL: I

Kurz vor Jahresende kam relativ unerwartet „I“ um die Ecke. Mit ihrem Post Black Metal-Projekt OUR LOSS IS TOTAL hinterlassen Musiker aus dem NEAERA-Umfeld zusammen mit HEAVEN SHALL BURN-Sänger Marcus Bischoff eine Schneise der Verwüstung: Während die Musiker vor trister und unwirtlicher Atmosphäre die Grenze zwischen Post und Black Metal verschwimmen lassen, blitzen immer wieder die Wurzeln der Bandmitglieder durch: in der Handschrift der Gitarristen, in der massiven Produktion und in Bischoffs fiesen Vocals. Massiv!

17. COUNTERPARTS: A Eulogy For Those Still Here

Emotionaler und intensiver als COUNTERPARTS auf „A Eulogy For Those Still Here” kann man Melodic Hardcore kaum intonieren. Das Energielevel bleibt folglich die meiste Zeit am Anschlag – die ruhigen Passagen dienen somit vorwiegend dem allgemeinen Luftholen, damit es anschließend wieder ohne Kompromiss, aber mit viel Leidenschaft weitergehen kann. Dass der emotionale Höhepunkt mit „Whispers Of Your Death“ direkt am Anfang steht, ist etwas schade, doch angesichts der kurzen Spieldauer letzten Endes kein allzu großes Manko.

16. DISILLUSION: Ayamdisillusion-ayam-album-cover

Egal, wo man dieses Jahr hinblickte, DISILLUSION heimsten fast überall Topwertungen ein. Deshalb fühle ich fast so etwas wie Rechtfertigungsdruck, weil „Ayam“ hier nun so weit unten sitzt. Die Situation ist schlicht eine ähnliche wie bei „The Liberation“ (2019): Ich finde die Platte ziemlich gut, aber sie erreicht mich emotional immer noch nicht zu Einhundertprozent, wie es beispielsweise „Back To Times Of Splendor“ (2004) tut. Es ist somit ein langer und mühsamer Prozess: Mit jedem Hören kommen wir uns ein wenig näher, aber noch ist nicht absehbar, ob es irgendwann endgültig klickt. Deshalb sitzt „Ayam“ derzeit auf der 16 mit mittel- bis langfristiger Tendenz nach oben.

15. FIT FOR A KING: The Hell We Create

Zugegeben, “The Hell We Create” ist ein enorm risikofreies Album. Was der Platte aber an Innovation fehlt, machen FIT FOR A KING durch effektives Songwriting, abwechslungsreiches Drumming und – auf lyrischer Ebene – aufrichtige Botschaften wett. Allein gegen Ende verliert die Formation durch diese Vorgehensweise ein wenig an Schwung, da mir dann doch irgendwo das unverbrauchte Element fehlt. Für klassischen Metalcore waren die US-Amerikaner dieses Jahr dennoch eine verlässliche Anlaufstelle.

14. STRAY FROM THE PATH: Euthanasia

Auf „Euthanasia“ wird mit harten Bandagen gekämpft: STRAY FROM THE PATH lassen von Anfang bis Ende nicht locker und verleihen ihrem modernen Hardcore dadurch eine beeindruckende Dringlichkeit. Dank tief gestimmter Gitarren, mörderischem Groove und einem Drew York in Bestform mutieren die zehn Track zum erbarmungslosen Abrisskommando. Keine Platte für besinnliche Stunden, aber der ideale Begleiter, um sich nach einem miesen Tag ordentlich auszukotzen.

13. ZEAL & ARDOR: Zeal & Ardor

Viele Jahre sind ZEAL & ARDOR schlicht an mir vorübergegangen, bis ich nun 2022 aufgrund der zahlreichen euphorischen Kritiken dann doch mal ein Ohr riskiert habe. Obwohl Gospel, Blues und Soul nun wirklich nicht zu meinen Faibles zählen, ist die Art und Weise, wie „Zeal & Ardor“ diese Genres mit Black Metal und anderen extremeren Spielarten verschmelzen lässt, absolut packend. Die Songs sind dabei durchweg kompakt gehalten, entwickeln aber im Verbund mit den ruhigen, gesangsbetonten Passagen eine elektrisierende Energie. Gleichzeitig zeigen sich ZEAL & ARDOR durchaus offen für weitere Einflüsse, was das Drittwerk letzten Endes zu einer ziemlich einzigartigen Erfahrung macht.

12. MUSE: Will Of The People

MUSE mussten gerade in den letzten zehn Jahren viel Kritik einstecken. In gewisser Weise wirkt „Will Of The People“ wie die verspätete Reaktion auf all die Schelte: Das kompakt gehaltene Album deckt so ziemlich die komplette Bandbreite des Trios ab: MUSE vereinen Glam Rock, 80er Synths und sogar Metal-Anleihen mit ihrer charakteristischen Megalomanie. Wenn es also dieses Jahr eingängig und rockig sein sollte, landeten meistens die Briten in der Anlage. So stark wie 2022 war die Band lange nicht mehr.

11. WHITE WARD: False Light

So richtig für mich entdeckt habe ich sowohl „False Light“ als auch WHITE WARD generell erst gegen Ende des Jahres. Die Fusion aus Post Black Metal, Darkjazz und weiteren Anleihen hat mich dann aber umgehend gepackt – nicht nur, weil die Mixtur alles andere als alltäglich ist, sondern weil die verschiedenen Elemente wunderbar ineinandergreifen. „False Light“ wirkt stellenweise bedrückend, aber nie hoffnungslos; die Ukrainer geben ihren Stücken Raum zur Entfaltung und nehmen sich auch mal stark zurück, damit man diese ganz spezielle Atmosphäre voll umfänglich aufsaugen kann.

10. KARG: Resignation

Obwohl KARG mit “Resignation” die bandeigene Handschrift nicht neu denken, bleiben sie doch im Gedächtnis: Über vier ausladende Kompositionen hinweg besticht Mastermind J.J. mit Feingefühl und Liebe zum Detail, die den emotionalen Texten auch in musikalischer Hinsicht Leben schenken. Vereinzelte Stilmittel wie Gastauftritte, Violine oder Glockenspiel sind überdies mehr als nur schmückendes Beiwerk, sondern runden das nachdenkliche Album in stimmiger Weise ab.

9. THE GLOOM IN THE CORNER: Trinity

Trinity” ist eine vollgepackte Metalcore-Wundertüte, die aufgrund ihrer zahlreichen genrefremden Einflüsse schnell zu einem der originellsten Genre-Beiträge der letzten Jahre avanciert. Der Grund dafür ist schnell gefunden: THE GLOOM IN THE CORNER sind eine Konzept-Band, die mit jeder Veröffentlichung den eigens geschaffenen Mythos weiterspinnt. Das hat teils Musical- und Hörspielqualitäten und kann natürlich auch mal am Rande zur Reizüberflutung enden – für das Genre aber ist „Trinity“ ein echter Augenöffner.

8. ROLO TOMASSI: Where Myth Becomes Memory

Dass ROLO TOMASSI den Mathcore hinter sich lassen, kann ich gut verkraften, wenn das Resultat so stark ausfällt wie „Where Myth Becomes Memory“. Vor allem das Songwriting bleibt von Anfang bis Ende so abwechslungsreich wie spannend. Harte, teils noisige Parts haben genauso ihren Platz wie zerbrechliche und gefühlvolle Momente. Und dazwischen füllen die Briten das komplette Spektrum aus und halten das Ganze mit einigen wundervollen Melodien zusammen. Um die Zukunft des Quintetts mache ich mir also keinerlei Sorgen.

7. CULT OF LUNA: The Long Road North

Auf “The Long Road North” trifft blanke Brutalität auf abstrakte Schönheit: Obwohl CULT OF LUNA ihren massiven Post-Metal-Wänden treu bleiben, tritt nun mehr Wärme durch die Fugen. Das hält das Erfolgsrezept auch diesmal wieder lebendig – nicht jede Minute dieses ausladenden Werks ist revolutionär, doch packend bleibt das Material zumeist dennoch. Vielleicht mag „The Long Road North“ in seiner Gesamtheit nicht der größte Meilenstein der Bandgeschichte sein, in seinen besten Momenten aber erklingen die Schweden so gut wie nie zuvor.

6. THE DEVIL WEARS PRADA: Color Decay

THE DEVIL WEARS PRADA zeigen mit “Color Decay” durchaus eindrucksvoll, wie man als Metalcore-Band sein musikalisches Spektrum erweitern kann, ohne sich selbst zu verbiegen oder die eigenen Trademarks zu verwässern. Dabei nimmt die Band zwar nicht komplett den Fuß vom Gas, erlaubt sich aber neue Freiheiten – ein reifes und absolut rundes Album, das ich in dieser Qualität nicht erwartet hatte.

5. BRUTUS: Unison Life

Was soll ich noch groß zu BRUTUS hinzufügen? Im Prinzip hat Kollege Captain Chaos in seiner Kritik zu „Unison Life“ alles bereits auf den Punkt gebracht. Dem Trio gelingt ein abwechslungsreiches Album voller Emotionen, ohne kitschig oder infantil zu wirken. Mit neu gewonnener Reife heben die Belgier sich und ihren eigenen Stilmix auf ein komplett neues Niveau. Beeindruckend!

4. SHADOW OF INTENT: Elegy

SHADOW OF INTENT lassen den reinen Deathcore hinter sich und erweitern auf „Elegy“ ihren Horizont. Indem die US-Amerikaner die symphonischen Elemente sowie das dominante und modern gehaltene Death-Metal-Fundament geschickt ausbalancieren, kann das Album selbst über 60 Minuten ohne Längen bestehen. Technische und fordernde Tracks wechseln sich ab mit symphonisch gehaltenen Hymnen, während die Melodien immer genug Halt geben, um zwischendurch durchatmen zu können. Die gelebte DIY-Attitüde ist da letztlich nur die Kirsche auf der Torte.

3. BLEED FROM WITHIN: Shrine

Im Frühjahr noch mutmaßte ich, dass „Shrine“ eventuell das Metalcore-Album des Jahres sein könnte. Eine Einschätzung, die ich nun Ende 2022 nochmals unterstreichen kann. Denn auch wenn BLEED FROM WITHIN diesmal das Rad nicht neu erfinden, bleiben sie frisch und alles andere als berechenbar. Tatsächlich gelingt es den Schotten, immer die richtige Balance zu finden: Metalcore-Urgewalt trifft auf filigrane Streicher, Experimentierfreude auf klassische Trademarks. In einer Szene, die sich immer mehr angleicht, formen BLEED FROM WITHIN in beeindruckender Weise eine eigene Identität.

2. THE HALO EFFECT: Days Of The Lost

Einerseits mutet es schon etwas seltsam an, dass ein Album wie „Days Of The Lost“, welches eigentlich nichts wirklich Neues bieten kann, am Ende so weit oben landet. Gleichzeitig ist genau das aber die Stärke der schwedischen Supergroup: THE HALO EFFECT spielen ihren Göteborger Melodeath exakt so, wie ich es vor 15 bis 20 Jahren kennen und lieben gelernt habe. Ein Nostalgietrip voller Hits, den all das auszeichnet, was ich an diesem Genre so liebe – „Feel What I Believe“.

1. LORNA SHORE: Pain Remainslorna-shore-pain-remains-album-cover

Es hatte sich im Verlauf des Jahres abgezeichnet, dass am Ende LORNA SHORE ganz oben auf dem Treppchen stehen würden. Dabei ist „Pain Remains“ aller Klasse zum Trotz kein unfehlbarer Siegeszug geworden: Die massive Produktion ist bisweilen grenzwertig, die Platte als Gesamtwerk ein Stück zu lang und nun machen sich zum Ende des Jahres auch die ersten leichten Abnutzungserscheinungen bemerkbar.

Und dennoch lief kein Album öfter als LORNA SHOREs vierter Full-Length-Beitrag. Wenn die US-Amerikaner sich von ihrer besten Seite zeigen, dann gelingt ihnen ein explosiver Mix aus Härte, Melodie und Theatralik, wie wir ihn in solch einer Intensität schon lange nicht mehr gehört haben. Insbesondere der dreiteilige Titeltrack zum Abschluss ist ein Glanzstück symphonischen Deathcores. Nicht unumstritten also, doch trotzdem in entscheidender Weise prägend für mein Musikjahr.

BLIND CHANNEL: Lifestyles Of The Sick & Dangerousblind-channel-lifstyles-of-the-sick-album-cover

Es ist schon ein kleines Kunstwerk, in 35 Minuten so wenige frische Ideen unterzubringen, wie es BLIND CHANNEL tun. Vorhersehbare Strukturen, Riffs und Melodien vom Reißbrett sowie das Unvermögen, bei elf Versuchen auch nur einen einzigen einprägsamen Moment heraufzubeschwören. „Lifestyles of the Sick & Dangerous“ könnte als Grabinschrift eines einst frischen Genres dienen, hätte der Nu Metal nicht ausgerechnet in den letzten zwei Jahren einen zweiten Frühling erlebt.

ARCHITECTS: The Classic Symptoms Of A Broken Spirit

ARCHITECTS setzen die Schere an, allerdings an den falschen Enden: Indem sie beide Extreme ihres Sounds zusammenstutzen, bleibt letztendlich nur der kleinste gemeinsame Nenner übrig. Elf Songs, die nahezu alle gleich klingen und all das vermissen lassen, was die Briten einst an die Spitze des Genres katapultierte. Nach dem zwiespältigen „For Those That Wish To Exist“ (2021) ist “The Classic Symptoms Of A Broken Spirit” der endgültige Beleg, dass die einstigen Trendsetter heutzutage nurmehr Mitläufer sind. Das Schlimmste aber ist, dass die Platte an sich keine komplette Katastrophe ist – gemessen an den Möglichkeiten des Quintetts allerdings ist sie schlicht eine Beleidigung.

PARKWAY DRIVE: Darker Still

Im Nachgang wurde klar, warum „Darker Still“ klingt, wie es klingt: Es ist das Produkt einer Band, die fast an sich und dem Ballast, den sie jahrelang mit sich herumgeschleppt hat, zerbrochen ist. Insofern ist es fast schon ein Wunder, dass überhaupt ein halbwegs schlüssiges Resultat dabei herausgekommen ist. Problematisch bleibt jedoch auch dann, dass Ambition und Realität immer weiter auseinanderklaffen. Während sich PARKWAY DRIVE um Abwechslung bemühen, fehlt ihnen das richtige Werkzeug. Winston McCall ist ein fantastischer Frontmann und Shouter, doch nur ein unterdurchschnittlicher Sänger, während das Feuer der Vergangenheit vielerorts nur noch sporadisch aufglimmt.

2022 war das Jahr, in dem die Live-Shows zurückkehrten. Was viele zunächst nicht auf dem Schirm hatten, waren allerdings die Ausmaße, die das Ganze im Herbst und Winter annehmen würde: Kaum ein Wochentag ohne Nachholshow oder neue Tour, teils sogar mit bis zu drei konkurrierenden Konzerten am gleichen Tag. Das Überangebot brachte, wie hinlänglich bekannt, ganz eigene Probleme mit sich. Dennoch blieben mir einige der zahlreichen Gigs ganz besonders in Erinnerung.

DARK TRANQUILLITY am 18.04.2022 im Backstage Werk, München

Was am Ostermontag im Münchner Backstage vor sich ging, war nichts anderes als eine 80-minütige Ehrerbietung an die schwedische Melodeath-Institution. Aus gutem Grund allerdings, denn mit einem abwechslungsreichen wie hitgespickten Set, einer gut eingespielten Band und dem stets grundsympathischen Mikael Stanne am Mikro kann es live fast gar nicht besser werden. Obwohl mir DARK TRANQUILLITY in diesem Jahr ganze dreimal über den Weg liefen, war es doch die eigene Headliner-Show, die mich am meisten mitreißen konnte. Fantastisch!

BRAINSTORM am 16.09.2022 in der Backstage Halle, München

Was auf den ersten Blick fast schon deprimierend wirkte, wandelte sich letztlich zu einem der schönsten Konzertabende des Jahres: Nach eigener Schätzung fanden nicht einmal 100 Besucher:innen den Weg zur „Brainrage Over Europe“-Tour ins Münchner Backstage. Da aber sowohl Bands als auch Fans unglaublich viel Lust hatten, endete die Show für uns mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Ein beherzter wie sympathischer Auftritt vor einem wunderbaren, wenn auch erlesenen, Publikum – und damit ein kleiner Höhepunkt in meinem persönlichen Konzertjahr.

BLEED FROM WITHIN am 12.12.2022 im Hansa 39, München

Ausverkauftes Haus, rappelvolle Hütte, verrücktes Publikum, hochmotivierte Band. Was BLEED FROM WITHIN zum Jahresende nochmal ermöglichten, ist in Worten schwer adäquat wiederzugeben. Mit einer kurzen, aber dafür hochintensiven Show ließen die Briten keinen Stein auf dem anderen, auch weil das Material des aktuellen Albums „Shrine“ (2022) live noch mächtiger wirkt als auf Platte.

IMMINENCE am 11.05.2022 im Backstage Werk, München

„Intensiv, vielfältig, schweißtreibend“, lautete das Fazit im Frühjahr. Es ist durchaus beeindruckend, wie sehr sich IMMINENCE über die letzten Jahre zum Headlining-Act gemausert haben. Dank des starken aktuellen Albums „Heaven In Hiding“ (2021) und ihrem charismatischen Frontmann Eddie Berg servierten die Schweden ein nahezu perfekt getaktetes Set, bei dem bald niemand mehr stillstehen konnte.

SOEN am 10.09.2022 in der Backstage Halle, München

Mit Stil und Klasse führten SOEN durch ein Set voller großer Momente, ohne allerdings das persönliche Element außer Acht zu lassen. Gleichzeitig wurde jeder Song zur Entdeckungsreise, auch weil neben dem guten Sound die spieltechnische Leistung makellos war. Es muss nicht immer Bombast sein: Die Schweden zeigten, wie man mit einer bodenständigen und sympathischen Art trotzdem die Anwesenden in Euphorie versetzen kann.

Nach drei Jahren Zwangspause endlich wieder das Festival-Flair aufsaugen zu können. Das SUMMER BREEZE 2022 hatte zwar wettertechnisch mit allen Extremen zu kämpfen, war jedoch auch diesmal wieder trotz seiner Größe ein herrlich entspanntes und wunderbar familiäres Festival.

 

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie all jene, welche die Invasion mitsamt Kriegsverbrechen und Terror gegen die zivile Bevölkerung als gerechtfertigt ansehen.

Zum Abschluss gibt’s wie jedes Jahr eine Reihe willkürlicher Auszeichnungen meinerseits.

Bestes Albumcover: WORMROT: Hiss

Schlechtestes Albumcover: MESHUGGAH: Immutable

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Albumcover Sonderpreis: RODY WALKER: Velocicopter

Meistgehörter Song: SHADOW OF INTENT – From Ruins…We Rise

Emotionalster Song: COUNTERPARTS – Whispers of Your Death

Beste Eigenproduktion: SHADOW OF INTENT: Elegy

Beste Neuaufnahme / Bestes Re-Release: MORS PRINCIPIUM EST: Liberate The Unborn Inhumanity

Unheiligste Atmosphäre: BLUT AUS NORD: Disharmonium – Undreamable Abysses

Beste Neuinterpretation (Song): DÉCEMBRE NOIR – Small.Town.Depression

Bester Newcomer: THE HALO EFFECT

Bestes Drama: Mick Gordon vs. Bethesda (“Doom Eternal”-Soundtrack)

George-Lucas-Award für mieseste Neuauflage: WHILE SHE SLEEPS: Sleeps Society (Special Edition)

Bestes Gimmick: NEKROGOBLIKON (John Goblikon)

Schlimmster Schlagersong: RAMMSTEINAdieu

Bester Songtitel: COUNTERPARTS – Whispers of Your Death

Größter Hype: LORNA SHORE

Bester Breakdown: FIT FOR A KING – End (The Other Side)

Beste IN FLAMES-Imitation: THEREIN: The Void Affinity

Dämlichster Trend: „Golden Circle“-Tickets auf Live-Shows

Metal of Honor: Manuel Gagneux (ZEAL & ARDOR), der einen Fan kurzerhand auf die Gästeliste setzen ließ, weil jener sich kein Ticket für die Show leisten konnte.

Nebligste Bühnenshow: HUMANITY’S LAST BREATH

Größte Quasseltante (live): Atilla Dorn (POWERWOLF)

Beste Videospiele: 1. Elden Ring 2. Dark Souls: Remastered 3. Hades