Beitragsbild Jahresrückblick 2025

Jahresrückblick 2025 von Florian Schaffer

Wenn wir von einer Sache stets zu wenig haben, dann ist das wohl die Zeit. Genau deshalb bietet der Jahresrückblick eine Gelegenheit zur Bestandsaufnahme: Eigentlich ist ja in den vergangenen zwölf Monaten doch viel passiert – auch und gerade in der Musik.

Mut zur Lücke? Es ist ein Konzept, mit dem ich mir schon immer schwergetan habe. Deshalb ist der Dezember für mich immer ein stressiger, aber auch musikalisch oft erfüllender Jahresausklang. Nach den letzten regulären Veröffentlichungen bleiben meist zwei bis drei Wochen, um in Ruhe all das nachzuholen, was ich verpasst habe – und in der Regel stoße ich dabei auch auf das eine oder andere unerwartete Highlight.

Dass bis zur Deadline trotzdem zwei bis drei Dutzend Platten ungehört bleiben müssen, liegt in der Natur der Sache. Anfreunden will ich mich mit dieser Realität eigentlich nicht, doch ist das wie immer ein Problem für das kommende Jahr.

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Genug Musik gehört habe ich ja trotzdem, sowohl im Lang- als auch im Kurzformat. Sowohl als Live- als auch als Studioaufnahme. Als großer Freund der EP gab es diesmal sogar eine überaus stattliche Auswahl, wobei ich mich immer dann besonders freue, wenn Bands die „kleine Ausgabe“ benutzen, um eine andere Facette von sich zu zeigen: Seien es persönlich wichtige Cover-Songs wie auf THE HALO EFFECTs „We Are Shadows“, oder überraschend akkurate Liebeserklärungen an den Metalcore der 2000er Jahre, wie ihn NIK NOCTURNAL auf „The Lost Chapters“ zelebriert hatte.

Auch INVENT ANIMATE und SILENT PLANET nutzten das Medium, um auf „Bloom In Heaven“ gemeinsame Sache zu machen: keine Split, sondern eine wirkliche Kooperation für drei Songs. Erfreulich war darüber hinaus die Rückkehr DEADLOCKs, die sich auf „Buried Alive“ an ihrer eigenen Vergangenheit orientieren und sich mit der einen oder anderen Hommage zurück ins Rampenlicht tasten. ENTERPRISE EARTH hingegen nutzen die beschränkte Spielzeit, um auf „Descent Into Madness“ nach einer experimentellen Phase wieder die Daumenschrauben anzuziehen. Dass es GRAND CADAVER mit „The Rot Beneath“ eher klassisch halten, kann man hingegen mit dem Bandkonzept entschuldigen.

Kein Risiko gehen zudem AMENRA auf „With Fang And Claw“ ein. Zwei Songs im Stile älterer Veröffentlichungen bringen den Post Metal zwar nicht nach vorne, sind qualitativ aber gewohnt stark und waren auch deshalb ein Kandidat für das Treppchen. Nur knapp an der Pole Position vorbei schrammten außerdem TRIVIUM, deren „Struck Dead“ ein Händchen für eingängige Melodielinien bei gleichzeitig hohem technischen Anspruch vereint. Vor allem das Schlagzeugspiel des scheidenden Alex Bent zeichnet die EP aus.


Die beste EP 2025

ROLO TOMASSI: In The Echoes Of All Dreams

Rolo Tomassi - In The Echoes Of All Dreams Cover

Mit zauberhafter Atmosphäre und einem Auge für Balance ist „In The Echoes Of All Dreams“ ein würdiges Präsent zum 20-jährigen Jubiläum ROLO TOMASSIs. Vier Songs in einer Viertelstunde und dennoch lassen sich die Briten Zeit mit dem Songaufbau, wodurch das fast schon als Intro fungierende „Woodburn“ das folgende „Tempest“ noch unbarmherziger wirken lässt. Die Extreme bedienen ROLO TOMASSI hier meisterlich und schaffen es trotzdem, mit dem großen Finale „Unintending“ unsere Seele zu streicheln. Kurzum, der schönste Überraschungsrelease des Jahres.


Das beste Live-Album 2025

DARK FORTRESS: Anthems From Beyond The Grave

"Dark Fortress - Anthems From Beyond The Grave" Artwork

Es gab vielleicht in mancherlei Hinsicht eindrucksvollere Veröffentlichungen: das fast makellose und umfangreiche „An Evening Of Atonement“ von LEPROUS zum Beispiel oder das ebenfalls extrem saubere „RADAR O.S.T.“ TESSERACTs, deren Songs durch zusätzlichen Hintergrundgesang an Atmosphäre zugewinnen. Was „Anthems From Beyond The Grave“ für mich schlussendlich aber noch eine Spur attraktiver macht, ist der authentische Klang. DARK FORTRESS klingen gut, aber keineswegs verfälscht. Das ist wichtig, um dieses Abschiedswerk auch als solches würdigen zu können: Die Black-Metal-Band darf ihr Erbe somit ehrenvoll zu Grabe tragen.

Grundsätzlich bin ich zwar kein Fan davon, Mitschnitte verschiedener Tourstopps zu einem Live-Dokument zusammenzuschneiden. Weil es hier jedoch in geschickter Weise vollzogen wird und im Falle von „Anthems From Beyond The Grave“ auch eine gewisse emotionale Komponente mitspielt, möchte ich hier jedoch dieses eine Zugeständnis erlauben. Rest in Peace.


Der beste Soundtrack 2025

LORIENT TESTARD: Clair Obscur: Expedition 33

Lorient Testard - Clair Obscur Expedition 33 OST Cover

Eine neue Kategorie nur für dieses eine Album: Ich höre eigentlich überhaupt keine Soundtracks, aber selbst nach dem Ende von „Clair Obscur: Expedition 33“ ließ mich die Musik LORIENT TESTARDs nicht los. Bei rund achteinhalb Stunden Musik ist es natürlich schwer, den OST am Stück zu hören, zumal selbst Versuche, die Höhepunkte in einer Playlist zusammenzufassen, am Ende immer noch auf knapp die Hälfte der Laufzeit kamen.

Was die Musik „Clair Obscurs“ auszeichnet, ist mit wenigen Worten nur schwer zu erklären. Musikalisch eigenständig, stilistisch unglaublich vielfältig und – inklusive der Texte – oftmals diegetisch konzipiert, entfaltet sich die größtmögliche Wirkung erst in Verbindung mit der geradezu meisterlich geschriebenen Handlung des Videospiels.

Die zweite Schlüsselkomponente ist schließlich Sängerin Alice Duport-Perciers gefühlvoller Gesang, welcher direkt durch Mark und Bein geht. Ob im reduzierten „Alicia“, dem an ein Schlaflied erinnernden „Lune“ oder dem aus einer Art Traumwelt entlehnten Leitmotiv „Lumière“: Lorient Testard und Alice Duport-Percier berühren wie selbstverständlich die Seele. Dazwischen bringen unerwartete Stilmittel wie das jazzige Saxophon in „Monoco“ oder das gesampelte Sonar in „Goblu“ immer wieder originelle Ideen mit ein.

Highlight ist aber vielleicht das elfminütige Boss-Theme „Une vie à t’aimer“, bei dem Alice Duport-Percier und Gastsänger Victor Borba ein „Duett“ der besonderen Art intonieren und dessen Gravitas sich erst dann vollumfänglich erschließt, wenn man die feineren Facetten der Handlung entschlüsselt hat.


Die 25 besten Alben 2025

2025 war ein Jahr voller musikalischer Überraschungen, im positiven wie im negativen Sinn. Nicht immer war es einfach, den Überblick zu behalten, insbesondere da es neben den 121 Reviews, die ich in den vergangenen zwölf Monaten selbst verfasst habe, zahllose weitere Veröffentlichungen gab, die bei meiner persönlichen Topliste ein Wörtchen mitreden wollten. Während die Spitzenpositionen schnell feststanden, rangelten die restlichen Alben bis zur Deadline wild um die übrigen Plätze. Im Prinzip sähe selbst heute noch die Liste je nach Tagesform und Laune jedes Mal ein bisschen anders aus.

Erstaunlich war für mich selbst jedoch, wie viele Bands der Vorjahre nun nicht einmal in die nähere Auswahl kamen: Die Gründe hierfür reichen von kreativem Bankrott (u.a. THE DEVIL WEARS PRADA) bis hin zu fehlender Innovation. So lieferten beispielsweise LANDMVRKS mit „The Darkest Place I’ve Ever Been“ ein grundsolides und gutes Genre-Werk ab, das mir nach dem Vorgänger „Lost In The Waves“ (2021) jedoch schlicht nicht interessant genug war. Evolution und Einfallsreichtum waren für mich dieses Jahr ein wichtiger Faktor, wobei – und hier zeigt sich dann doch die komplett subjektive Note – beide Attribute nicht immer das gleiche Gewicht haben. Dass THE HALO EFFECT dahingehend keinerlei Ambitionen zeigten, störte mich kurioserweise kein bisschen: Hier ist die Nostalgie der prägende Faktor, die den Sound meiner Teenager-Jahre wiederaufleben lässt.

Selbst 25 Plätze sind eine begrenzte Anzahl, wenn die musikalische Qualität hoch ist

Leider sind selbst 25 Plätze eine begrenzte Anzahl, weshalb so mancher Act den Schnitt knapp verpasst hat. THE MAN-EATING TREE feierten mit „Night Verses“ ein schönes Comeback, das in Zukunft sicherlich noch eine Schippe drauflegen wird. In der Komfortzone agieren hingegen MORS PRINCIPIUM EST mit „Darkness Invisible“ – vielleicht nicht herausragend, doch dafür stets kurzweilig. Meine Schwäche für Kitsch wiederum konnten HAMMER KING mit „Make Metal Royal Again“ befriedigen, wobei letztlich nicht jeder Song gleichermaßen ins Schwarze traf.

Erwähnung finden sollen zudem noch KARGs “Marodeur”, EIDOLAs „Mend“, BRAINSTORMs „Plague Of Rats“ und „Give Us The Moon” der AOR-Supergroup THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA. Vier verschiedene Platten, die trotzdem auf ihre Weise überzeugen und neben einigen weiteren Kandidaten à la IN MOURNING („The Immortal“) oder DAWN OF OUROBOROS („Bioluminescence“) genauso gut einen der folgenden Plätze hätten belegen können. Gleiches gilt für DER WEG EINER FREIHEIT und „Innern“, das für mich erst zum Jahresende immer präsenter wurde und mit etwas mehr Zeit sicherlich eine Position weiter vorne sicher gehabt hätte.


25. THE ACACIA STRAIN: You Are Safe From God Here

The Acacia Strain - You Are Safe From God Here Cover

Keine Kompromisse, kein Humor, kein Ausweg: Derart roh, aggressiv und räudig habe ich THE ACACIA STRAIN bislang nicht erlebt. „You Are Safe From God Here“ ist ein Konzeptalbum, das durch seine beklemmende Atmosphäre, aber auch die erschütternden bis fatalistischen Texte lebt. Statt Altersmilde regiert hier die größtmögliche Urgewalt: Ihren Deathcore spielt die Formation weiterhin nach den Regeln der alten Schule und ist sich dabei weder für Slam noch für den traditionellen Ausflug in doomige / sludgige Gefilde zu schade.

24. KATATONIA: Nightmares As Extensions Of The Waking State

katatonia-nightmares-as-extensions-of-the-waking-state-album

Nightmares As Extensions Of The Waking State“ ist die Definition von Slow Burn: Das Album offenbart seine Qualitäten nicht auf Anhieb, sondern benötigt viel Geduld und Zeit. Liebe auf den ersten Blick dürfte bei diesem Album wohl die Ausnahme sein, zumal es mit seinen Qualitäten zunächst lieber hinter dem Berg hält und auch keine Angst hat, ungeduldigen Naturen die kalte Schulter zu zeigen.

Hätte ich mir nicht in den Kopf gesetzt, eine Kritik zur Platte zu schreiben, hätte ich die Scheibe wohl vorzeitig beiseitegelegt. Glücklicherweise hatte ich aber den benötigten langen Atem, bis es irgendwann überraschend geklickt hat: Noch mehr als in der Vergangenheit haben KATATONIA ein Album für gewisse Stunden geschrieben. Eines, das wohl nicht universell packend ist, aber eine ganz bestimmte Gemütslage voller Weltschmerz nahezu perfekt zu verkörpern weiß.

23. MALEVOLENCE: Where Only The Truth Is Spoken

Malevolence - Where Only The Truth Is Spoken Cover

Für mich wohl einer der größten Glow-ups des Jahres. Weil ich mit dem vielerorts hochgelobten „Malicious Intent“ (2022) seinerzeit nicht vollständig warm geworden war, erwischte mich „Where Only The Truth Is Spoken“ nahezu komplett unvorbereitet. Im Prinzip bleiben sich MALEVOLENCE auf der Platte treu, legen aber gerade in puncto Songwriting nochmal ordentlich zu. Die Riffs sitzen, die Intensität ist hoch und die Hooks – manchmal im markanten CROWBAR-Stil – sorgen im Genre für ein eigenes Profil. Die Briten zeigen sich entschlossen, vielseitig und doch mit beiden Beinen auf dem Boden: stark!

22. ASTRONOID: Stargod

Astronoid - Stargod Cover

Ich verstehen alle, die “Stargod“ zu glatt, zu gefällig, zu kitschig finden. Tatsächlich reduzieren ASTRONOID ihren Sound hier wirklich auf das Wesentliche und lassen damit auch ein paar durchaus interessante Facetten ihres Frühwerks endgültig auf der Strecke. Was das Album aber auszeichnet, ist seine beispiellose Wärme: An manchen Tagen tut es einfach unglaublich gut, die Augen zu schließen und sich von den Harmonien und Melodien des Trios davontragen zu lassen. „Stargod“ ist ein spritziges Album voller Energie und eine Wohltat fürs Gemüt. Oder anders formuliert: Hin und wieder gibt mir dieser Mix aus Progressive Metal, Synthesizern und Alternative Rock schlicht genau das, was ich in jenen Momenten brauche.

21. THE HAUNTED: Songs Of Last Resort

The Haunted - Songs Of Last Resort Cover

Haben THE HAUNTED den Jungbrunnen entdeckt? Es fällt schwer eine andere Erklärung für den jugendlichen Elan der Schweden zu finden. Überhaupt ist es keine Selbstverständlichkeit, das mittlerweile zehnte Studioalbum mit so viel unbändiger Energie zu füllen – schon gar nicht nach fast drei Jahrzehnten Bandgeschichte. Furios von Anfang bis Ende ziehe ich den Hut in aller Ehrfurcht. Kompromissloser als auf „Songs Of Last Resort“ kann man modernen Thrash Metal schließlich kaum intonieren.

20. JINJER: Duél

Das Artwork von "Jinjer - Duél"

Obwohl sie es könnten, schreiben JINJER keine klassischen Hits. Mit unerwarteten Wendungen und eiskalter Konsequenz setzt das Quartett abermals auf Vielseitigkeit. „Duél“ zementiert dabei den Anspruch auf den Modern-Metal-Thron, indem es seine Facetten mit beängstigender Präzision einzusetzen weiß. Warme Gesangslinien, angejazzte Einschübe und verschachteltes Riffing gehören weiterhin zum guten Ton, der von Produzent Max Morton abermals fantastisch in Szene gesetzt wird. Dass „Duél“ wie sein Vorgänger entschlüsselt werden will, trägt letztendlich nur zur Qualität bei: Mit JINJER verbringt man nicht nur einen Nachmittag, sondern gerne mehrere Wochen.

19. AVATAR: Don’t Go In The Forest

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AVATAR punkten auf „Don’t Go In The Forest“ vor allem mit beispielloser Kreativität. Bis zum Schluss enthält das Album neue Überraschungen bereit, die von Disco-Flair über Pop-Vibes bis hin zu krummen Riff-Konstrukten reicht. Hier und da hätte der Platte zwar ein bisschen mehr Härte gutgetan, doch trübt das den Gesamteindruck nur unwesentlich. Dafür passiert auf „Don’t Go In The Forest“ einfach zu viel, zumal sich die kurzweiligen und unberechenbaren Kompositionen trotzdem zu einem schlüssigen Gesamtwerk zusammenfügen.

18. HARAKIRI FOR THE SKY: Scorched Earth

Das Artwork von "Harakiri For The Sky - Scorched Earth"

HARAKIRI FOR THE SKY behalten ihren Charakter bei und doch scheint der Zugang zu „Scorched Earth“ noch leichter als in der Vergangenheit. Die emotionale Zerrissenheit ist weiterhin fester Grundbestandteil des Sounds und der Performance von Sänger J.J., während die Melodieführung noch ein wenig direkter ausfällt. Zumindest scheint sie mir im Mix prominenter platziert. Wie auf seinen Vorgängern folgt auch hier auf jeden Höhenflug unweigerlich der Absturz. Diese Dualität zeichnet das Werk des Duos aus, das es mit „Scorched Earth“ schlüssig fortführt. Nicht ganz so packend wie „Maere“ (2020), doch weiterhin ein wichtiger Eckpfeiler im Post Black Metal.

17. ALLEGAEON: The Ossuary Lens

Allegaeon - The Ossuary Lens Cover

Ich hätte nicht gedacht, dass die Rückkehr von Ursänger Ezra Haynes der Progressive-Death-Metal-Band so guttun würde. Auf „The Ossuary Lens“ wagen ALLEGAEON erfolgreich den Spagat zwischen ihrem Früh- und Spätwerk, ohne dabei jedoch auf der Stelle zu treten. Den unbändigen Drive nach vorne trägt auch diese Platte in sich, die einerseits technisch fordernd ist und doch den Hang zur Melodie nicht aus den Augen verliert. Den von seinem Vorgänger eingeführten Klargesang führt Haynes fort, reduziert ihn aber auf ein wohldosiertes Maß. Im Kosmos der US-Amerikaner ist „The Ossuary Lens“ nicht revolutionär, aber eine Rückbesinnung auf die größten Stärken ALLEGAEONs – inklusive der zauberhaften Konzertgitarren.

16. ALL THAT REMAINS: AntiFragile

All That Remains - AntiFragile Cover

Bezüglich der Weltanschauung ist die Schnittmenge zwischen Sänger Phil Labonte und mir wohl äußerst gering. Dass mich ALL THAT REMAINS dieses Jahr dennoch gepackt haben, war für mich somit eine der größten Überraschungen. Die Lorbeeren hierfür gelten wohl vor allem dem mittlerweile ausgestiegenen Gitarristen Jason Richardson, der nach dem tragischen Tod Oli Herberts das Ruder an sich gerissen hatte.

Tatsächlich fängt „AntiFragile“ den Geist der goldenen Metalcore-Ära nahezu perfekt ein. Das Riffing, die Melodien, die Hooks – all das hätte man Mitte der 2000er Jahre wohl kaum besser hinbekommen. Ob nun „Kerosene“ oder „Forever Cold“ – ALL THAT REMAINS haben eine ganze Reihe von Hits im Gepäck und halten dieses Niveau noch dazu bis zum Schluss. Wenn das doch nur auch für die manchmal kruden Texte gelten würde.

15. HERETOIR: Solastalgia

Heretoir - Solastalgia Cover

Ich hatte zunächst meine Schwierigkeiten mit „Solastalgia“: Die Musik war gefällig, aber richtig erreicht hat sie mich nicht. Es brauchte mehrere Anläufe, um den richtigen Zugang und die richtige Stimmung für den weit angelegten Post Black Metal zu finden. Die Belohnung ist ein abwechslungsreiches Werk, zu dem sich wunderbar abschalten lässt: Kopfhörer auf, Augen zu. Allein etwas mehr Biss hätte ich mir von HERETOIR in der zweiten Hälfte gewünscht, wo gerade aufgrund der langen Spielzeit ein bisschen mehr Zug nicht geschadet hätte. Das ist auch der Grund, warum „Solastalgia“ für mich ein Album für bestimmte Tage und kein Dauerbrenner ist.

14. PARADISE LOST: Ascension

paradise-lost-ascension-album Cover

PARADISE LOST sind ein Phänomen: Nach 17 Alben haben die Briten immer noch den Drang, sich weiterzuentwickeln. Dabei ist „Ascension“ zwar keine Revolution, aber das Ergebnis einer klaren künstlerischen Vision, die auf den umfangreichen Erfahrungsschatz der Briten trifft. Die Band vereint hier alle Facetten ihres Schaffens, geht mit „Silence Like The Grave“ in die frühen Neunziger zurück, bringt mit „Savage Days“ die „One Second“-Phase zurück und lässt auch sonst keine Station ihrer Karriere aus.

Zusammen mit der fantastischen Produktion und dem makellosen Songwriting ist „Ascension“ möglicherweise sogar eines der besten Alben in der langen Karriere PARADISE LOSTs – ein Beleg, dass die goldene Ära vielleicht sogar noch vor ihnen liegt.

13. WALDGEFLÜSTER: Knochengesänge

Waldgeflüster - Knochengesänge Cover

Was WALDGEFLÜSTER auszeichnet, bildet auch das Rückgrat von „Knochengesänge“: Die melancholischen, dichten Soundkulissen schultern den Großteil des Albums, das viele berührende Momente aufweist, aber auch ein Muster erkennen lässt. Das Songwriting ist gut, aber ein wenig berechenbarer als noch auf „Dahoam“ (2021). Gerade die nachdenkliche Seite der Band holt mich aber trotzdem immer wieder ab, weshalb „Knochengesänge“ gerade in diesen Wintermonaten ein regelmäßiger Begleiter ist. Nicht das beste Werk WALDGEFLÜSTERs und dennoch für mich ein wichtiges Album in diesem Musikjahr.

12. WHITECHAPEL: Hymns In Dissonance

Whitechapel - Hymns in Dissonance Artwork

Unerbittlich wie zu Anfangstagen: WHITECHAPEL lassen die Prog-Experimente sein und kehren wieder zum erbarmungslosen Deathcore zurück. Ohne Handbremse, ohne Rücksicht auf Verluste, aber dafür mit starkem Songwriting und einem phänomenalen Phil Bozeman am Mikrofon. Die Kompromisslosigkeit hält „Hymns In Dissonance“ bis zum Ende hin aufrecht, weshalb die Platte WHITECHAPEL in Windeseile zurück an die Genre-Spitze katapultiert.

11. BLEED FROM WITHIN: Zenith

Bleed From Within - Zenith Cover

BLEED FROM WITHIN machen nicht viel anders als auf „Shrine“ (2022) oder „Fracture“ (2020), was letztendlich auch das größte Problem des Albums ist: „Zenith“ beginnt fast schon zu vertraut und sicher, öffnet sich dann aber zum Glück doch noch neuen Einflüssen. Die halten sich zwar in Grenzen, sorgen aber dafür, dass sich das Erfolgsrezept der Schotten diesmal noch nicht abnutzt – obwohl die elf Tracks nicht mehr ganz so frisch Klingen wie die beiden Vorgänger.

Was BLEED FROM WITHIN jedoch weiterhin auszeichnet, sind effektive Strukturen, das auf den Punkt gebrachte Songwriting und ein nicht zu unterschätzender Fokus auf richtiges und vor allem mitreißendes Riffing. Am eigenen Anspruch auf den Genre-Thron hält das Quintett also fest, auch wenn man artwork-technisch diesmal gehörig danebengegriffen hat. Dennoch hoffe ich beim nächsten Mal auf etwas mehr als musikalisches Comfort Food.

10. NAILED TO OBSCURITY: Generation Of The Void

Nailed To Obscurity - Generation Of The Void Cover

Ging es nur mir so oder war „Generation Of The Void“ plötzlich einfach da? Gefühlt jedenfalls wurde die Platte vom Label etwas stiefmütterlich behandelt, weshalb ich erst mit etwas Verspätung über die Veröffentlichung stolperte. Ein Jammer, denn mit ihrer dezenten Kurskorrektur haben NAILED TO OBSCURITY ein echtes Juwel geschaffen.

Trotz inhaltlicher Schwere entdeckt das Quintett die Leichtigkeit: „Generation Of The Void“ ist als Gesamtpaket stimmig, ohne den Tiefgang missen zu lassen. Ein wenig Geduld musste ich zwar mitbringen, bis sich mir das Album in seiner Gänze öffnen wollte, dann aber bekam ich eine regelrecht aufwühlende Doom-Death- / Dark Metal-Erfahrung als Gegenleistung.

9. DEAFHEAVEN: Lonely People With Power

Deafheaven - Lonely People With Power Cover

Eine Art Rückbesinnung, aber mit erweitertem Horizont: „Lonely People With Power“ zeigt DEAFHEAVEN wieder herrlich roh und garstig, ohne jedoch die atmosphärischen Passagen zu vernachlässigen. Tatsächlich wandelt die Band hier zwischen Schönheit und galligem Trotz: einem Mix der Gegensätze, der schon bald einen unwiderstehlichen Sog entwickelt. Die Spannungskurve stimmt dabei genauso wie die Dynamik, weshalb „Lonely People With Power“ in seinem Genre das beste Werk des Jahres ist.

8. STRAY FROM THE PATH: Clockworked

Stray From The Path - Clockworked Cover

Aufhören, wenn es am schönsten ist: STRAY FROM THE PATH nehmen auf ihrem letzten Studioalbum kein Blatt vor den Mund, während sie musikalisch einem Abrisskommando gleichen. „Clockworked“ gibt sich in seiner knapp bemessenen Spielzeit unfassbar angepisst und kombiniert diese Wut mit packendem Groove und prägnantem Drumming. Auch wenn das vorzeitige Ende schade ist, beendet das Quartett seine gemeinsame Laufbahn mit einem Höhepunkt. Eigentlich gibt es sogar keinen besseren Schlusspunkt als „Clockworked“: ein Album wie der berühmte Mic Drop am Ende einer Performance.

7. ORBIT CULTURE: Death Above Life

Orbit Culture - Death Above Life Cover

Ich bin ja nicht ausnahsmlos glücklich mit „Death Above Life“: Die Produktion ist mir zu unsauber und die frischen Ideen lassen ORBIT CULTURE ebenfalls in der Schublade. Trotzdem ist das Erfolgsrezept der Schweden nach wie vor unwiderstehlich: massiver Sound, harter Groove, catchy Melodiebögen und dank tief gestimmter Gitarren immer ein Mindestlevel an Brachialgewalt.

Man könnte also auch sagen, die Band bleibe sich treu. Dass die Rechnung also ein weiteres Mal aufgeht, liegt auch an der gebotenen Variation und der grundsätzlich hohen Qualität der Stücke. „Death Above Life“ ist eingängig, massiv und hitverdächtig, weshalb das Album letzten Endes doch ständig den Weg in meine Anlage fand. Beim nächsten Mal aber hoffe ich auf ein paar neue Facetten im markanten Bandsound.

6. RIVERS OF NIHIL: Rivers Of Nihil

Rivers Of Nihil - Rivers Of Nihil Cover

Das selbstbetitelte Album als Statement? Mag sein, jedenfalls können RIVERS OF NIHIL in dieser Hinsicht durchaus Argumente anführen. Beizeiten feinfühlig, dann wieder gewaltig schöpft die Gruppe aus einem durchaus breiten Ideenfundus, den sie aber fokussierter umsetzt als in der Vergangenheit. „Rivers Of Nihil“ zeigt eine Band mit Vision und dem Werkzeug, diese Realität werden zu lassen. Selbstbewusstsein und Charakter? „Rivers Of Nihil“ hat von beidem mehr als genug.

5. HEAVEN SHALL BURN: Heimat

Heaven Shall Burn - Heimat Cover

Klar, manchmal bewegen sich HEAVEN SHALL BURN hier nahe an der Selbstkopie. Die Stilmittel sind weitestgehend bekannt und bisweilen kommen mir einzelne Passagen überraschend vertraut vor. Allerdings wäre das nur die halbe Wahrheit, zeigt der Blick aufs Detail doch Innovation im kleinen Rahmen: Die MACHINE HEAD-Anleihen in „War Is The Father Of All“ seien hier stellvertretend genannt.

Davon abgesehen setzt „Heimat“ natürlich auf die Stärken der Thüringer, die weiterhin ein fantastisches Gespür für Melodien haben, um ihren wichtigen politischen Botschaften Nachdruck zu verleihen. Dazu gehört auch eine gewisse Dringlichkeit, die „Heimat“ über die komplette Laufzeit auszeichnet. Am Ende ist das Album HEAVEN SHALL BURN in Reinessenz – brachialer Melodic Death Metal, der bei mir eigentlich zu jeder Gelegenheit den richtigen Ton trifft.

4. THE HALO EFFECT: March Of The Unheard

Das Artwork von "The Halo Effect - March Of The Unheard"

Mit THE HALO EFFECT ist es in etwa dasselbe wie mit HEAVEN SHALL BURN: Die Musiker hinter der Supergroup begleiten mich seit meiner Jugend, weshalb auch die Göteborger bei mir eine kleine Sonderstellung genießen. Hier erwarte ich gar keine großen Innovationen, sondern freue mich über ein Wiederaufleben des klassischen Melodeath-Sounds, der in gewisser Weise auch der Soundtrack meiner Teenager-Jahre war.

Deshalb stehen sowohl „Heimat“ als auch „March Of The Unheard“ in meiner Jahresliste ungewöhnlich weit oben: Auch ich bin nicht vor der wohligen Wärme der Nostalgie gefeit. Immerhin schreiben THE HALO EFFECT auf ihrem Zweitwerk munter weiter einen Hit nach dem anderen. Das treibende „Detonate“ oder der aufrüttelnde Deep-Cut „Our Channel To The Darkness“ liefen beispielsweise die vergangenen zwölf Monate regelmäßig in der Streaming-Rotation. Angestaubt klingt „March Of The Unheard“ trotz aller 2000er-Huldigung nicht: Es ist vielmehr so, als stünden THE HALO EFFECT mit einem Bein in der Vergangenheit und mit dem anderen in der Gegenwart.

3. SHADOW OF INTENT: Imperium Delirium

Shadow Of Intent - Imperium Delirium Cover

SHADOW OF INTENT spielen mit offenen Karten: Schon der Opener „Prepare To Die“ vereint so ziemlich alles aus dem Deathcore-Handbuch in einem Song: Blastbeats, dramatische Chöre, orchestrale Opulenz aus der Feder Francesco Ferrinis (FLESHGOD APOCALYPSE), Tempowechsel, ein Gitarrensolo sowie ein wuchtiger Breakdown. Aggressiver als der Vorgänger „Elegy“ (2022) betritt die Platte dabei kein neues Terrain, setzt aber im Gegenzug auf wendungsreiches Songwriting.

Das Resultat ist ein urgewaltiges Deathcore-Gewitter, das durch starke Gitarrenarbeit ebenso besticht wie durch die fantastische Leistung Ben Duerrs am Mikrofon. Gleichzeitig haben SHADOW OF INTENT genug Fingerspitzengefühl, um sich nicht eine knappe Stunde stur durchzuprügeln. „Imperium Delirium“ ist ohne Zweifel das stärkste Genre-Werk des Jahres.

2. BETWEEN THE BURIED AND ME: The Blue Nowhere

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Ein Konzeptalbum, das aber keinem expliziten Konzept folgt, sondern einem Gefühl nachjagt: Das menschliche Dasein einzufangen erfordert ausgefallene Ansätze, die BETWEEN THE BURIED AND ME weiterhin zur Genüge in petto haben. Von ihrem Einfallsreichtum hat die Progressive Metal-Band auf „The Blue Nowhere“ nichts verloren, wo hinter jeder Tür dieses fiktiven Hotels ein Kuriositätenkabinett der Kreativität wartet.

Ihre klassische Handschrift lässt die Band bei allem Sturm und Drang punktuell natürlich trotzdem durchscheinen, doch grundsätzlich sind BETWEEN THE BURIED AND ME weiterhin um Fortschritt bemüht. Easy Listening ist das natürlich nicht, doch weil die Ideen zünden und trotz hoher Komplexität die stets großartigen Melodien einen roten Faden spinnen, merkt man „The Blue Nowhere“ seine Länge nicht an. Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel, den letzten Endes genauso gut BETWEEN THE BURIED AND ME hätten für sich entscheiden können. Fantastisch!

1. THE CALLOUS DAOBOYS: I Don’t Want To See You In Heaven

The Callous Daoboys - I Don't Want To See You In Heaven Cover

Unerwartete Wendungen, Detailfülle und Suchtpotenzial: Mit „I Don’t Want To See You In Heaven“ erklimmen THE CALLOUS DAOBOYS die nächste Stufe. Das erreichen die US-Amerikaner aber nicht einfach nur durch bloßes Haken Schlagen, sondern einen gereiften Ansatz im Songwriting. Dem chaotischen Mathcore setzt die Gruppe einen entsprechenden Gegenpol entgegen, der vom catchy Post-Hardcore-Hit „Distracted By The Mona Lisa“ bis zum bluesigen Fundament von „Body Horror For Birds“ reicht. Jazzige Einschübe, MESHUGGAH-Anleihen und hibbelige Synthesizer machen das kreative Feuerwerk komplett. Meine Damen und Herren: The Callous Daoboys.

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Überraschend viele Nieten gab es für mich dieses Jahr von eigentlich zuverlässigen Künstlern. Wobei der Begriff Niete nicht immer ganz akkurat scheint: Oftmals stehen hier immer noch grundsolide Alben, die jedoch gemessen an ihren Vorgängern bzw. dem individuellen Bandpotenzial aus meiner Sicht einen großen Rückschritt bedeuteten. Dazu zählten 2025 u.a. UNPROCESSED mit „Angel“, die nach dem großartigen „…And Everything In Between“ (2023) die Balance zwischen Härte und Pop-Affinität wieder aus den Augen verloren und noch dazu die virtuosen Soli komplett aus dem zu langen Album verbannt haben.

BURY TOMORROW fehlte auf „Will You Haunt Me, With That Same Patience?“ der rote Faden, wirkte die Platte doch mehr wie eine Ansammlung von (soliden bis guten) Singles. Wenig verwunderlich also, dass das Album bei mir schnell aus der Rotation flog. Überhaupt nicht erst dorthin schaffte es „Flesh Stays Together“ von DYING WISH, die ihre Stärken – und damit auch das treibende Riffing – komplett über Bord geworfen haben und nun für mich schlicht uninteressant klingen. FIT FOR A KINGs „Lonely God“ wiederum war in Ordnung, doch biederte es sich zu sehr an geläufigen Trends an, wohingegen SPIRITBOX mit „Tsunami Sea“ nicht unter schwachen Songs, sondern der dynamikarmen Produktion zu leiden hatten. So machte mir das Album auf Dauer jedenfalls keinen Spaß. Schlimmer war nur noch der Klang von RISE AGAINSTs „Ricochet„, das regelrecht dilettantisch abgemischt wurde.

LORNA SHORE blieben 2025 hinter den Erwartungen

Lorna Shore - I Feel The Everblack Festering Within Me Cover

Bevor ich aber nun zu den richtigen Flops komme, möchte ich kurz auf den wohl größten Absturz zu sprechen kommen: 2022 war „Pain Remains“ noch mein persönliches Album des Jahres. Nun schafften es LORNA SHORE nicht einmal unter die besten 25 Scheiben. Gemessen an der überlangen Laufzeit hat die Platte schlicht zu wenige Konturen. Oftmals verkommt die Deathcore-Band zur Selbstkopie und gibt sich mit demselben Aufguss zufrieden, der sie seit dem Einstieg von Sänger Will Ramos in neue Sphären katapultiert hat.

Das Resultat konnte mich ergo einfach nicht packen, zumal „Pain Remains“ im Laufe der Zeit schon nicht vor Abnutzungserscheinungen gefeit war. Noch dazu misslingen fast alle der wenigen Experimente: „Unbreakable“ und „Glenwood“ sterben im Kitsch und sind aufgrund der dick aufgetragenen PARKWAY DRIVE-Leads nahezu unhörbar. Bleibt nur das massive „War Machine“ als wirklich markanter Ausbruch aus dem LORNA-Einerlei. An und für sich ja ein gutes und dabei leider doch völlig egales Album. Schade.

THE DEVIL WEARS PRADA: Flowers

The Devil Wears Prada - Flowers Cover

Color Decay“ (2022) war die perfekte Balance aus altbewährtem Metalcore und modernen Alternative-Rock-Sounds. Diese Balance werfen THE DEVIL WEARS PRADA auf „Flowers“ über Bord und tauschen ihre Authentizität gegen Plastikcharme. Ein kalkulierter Versuch, die US-Radiosender zu erobern? Jedenfalls ist das Album eine Ansammlung von 14 uninspirierten Tracks, die nicht nur in lyrischer Hinsicht im Vergleich zu früheren Schaffensperioden den absoluten Hohn darstellen.

Dass „Flowers“ gar so seelenlos vor sich hin mäandert, liegt auch an seiner Entstehungsgeschichte. Lead-Gitarrist Kyle Sipress ließ man beim Schreibprozess außen vor, um stattdessen mit einem ganzen Schwall externer Songwriter zusammenzuarbeiten. Das Ergebnis kann man deutlich hören. Schade, dass dieser Blumenstrauß von Anfang an welk war.

MEMPHIS MAY FIRE: Shapeshifter

Memphis May Fire - Shapeshifter Cover

Noch eine Band, die sich ihre Songs lieber schreiben lässt, anstatt selbst Hand anzulegen. Die Handschrift Cody Quistads (WAGE WAR) zieht sich wie ein roter Faden durch „Shapeshifter“. Als wäre die Platte im Autopiloten entstanden, reiht sich eine dreiminütige Radiosingle an die nächste, ohne auch nur den Hauch eines eigenen Charakters zu entwickeln. MEMPHIS MAY FIRE bleiben oberflächlich und vorhersehbar. Für die Zielgruppe interessant, alle anderen haben diese zehn Songs in dutzenden Variationen bereits woanders gehört.

SLEEP THEORY: Afterglow

Sleep Theory - Afterglow Cover

Die Praxiskomponente zur Theorie: „Afterglow“ ist leider wirklich zum Einschlafen. SLEEP THEORY haben hier ein vorhersehbar konzipiertes Modern Rock-Album im Gepäck, das aufgrund seiner Kraftlosigkeit nicht einmal in der Umsetzung punkten kann. Kein Tiefgang, keine zündenden Ideen, aber ganz viel Zucker. Rock für Leute, die keinen Rock mögen.

AMORPHIS: Borderland

Amorphis - Borderland Cover

Etwas kontrovers, aber was soll man machen? „Borderland“ ist natürlich bei weitem nicht so mies wie die anderen Platten in dieser Kategorie. Gemessen am Potenzial und dem Stellenwert, den AMORPHIS bei mir genießen, ist das Material – wenn auch keine Bruchlandung – trotzdem viel zu wenig. Die neu gewonnene Unbeschwertheit, mit der die Finnen aufspielen, reicht nicht, um mich nachhaltig zu fesseln. Das Drumming ist mitunter stinklangweilig („Dancing Shadow“), während auf der anderen Seite sowohl Härte als auch progressive Spuren als Gegengewicht fehlen. AMORPHIS entdecken mit „Borderland“ zwar die Leichtigkeit, sterben dabei aber auch sang- und klanglos in Schönheit. Ein Jammer.

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GAEREA am 16. August 2025 auf dem Summer Breeze Open Air

Gaerea live auf dem Summer Breeze 2025

Es war vielleicht der Auftritt des diesjährigen Festivals: Schon nach den ersten Takten des zart und zerbrechlich beginnenden „The Poet’s Ballad“ stand ich wie gebannt vor der T-Stage, schließlich gelang GAEREA die Balance zwischen Intensität und Schönheit spielend. Als audiovisuelle Erfahrung war die Darbietung der Portugiesen unter klarem Nachthimmel ein absolutes Erlebnis. Leider konnte die Formation daran auf ihrer Club-Tour mit ORBIT CULTURE einige Wochen später nicht anknüpfen. Ein absolut grandioses Late-Night-Set am letzten Festivaltag.

NESTOR am 6. September 2025 in der Stora Scenen Liseberg, Göteborg

Nestor - Stora Scenen Liseberg Goeteborg 2025-09.06

Die Krönung eines halbwegs spontanen Wochenendtrips: NESTOR unter freiem Himmel und mit aufwendiger Produktion in Liseberg zu sehen war schon ein besonderes Erlebnis, während hinter uns die Fahrgeschäfte des Freizeitparks ihre Runden drehten. Eine gewohnt starke Performance inklusive opulentem Feuerwerk zum Abschluss: NESTOR sind auch gewappnet für die großen Bühnen.

DARK TRANQUILLITY, SOEN, EQUILIBRIUM, IOTUNN am 26. September 2025 im Backstage Werk, München

Dark Tranquillity live in München 2025

Stilistisch mochte hier nicht viel zusammenpassen, für mich persönlich war das diesjährige Line-up des Ultima Ratio Fests aber nahezu perfekt. Besonders nachhaltig in Erinnerung blieben aber die stets fantastischen SOEN mit einer wunderbaren wie makellosen Performance und das Special-Set des Headliners DARK TRANQUILLITY. Trotz Lieblingsband-Status waren die Göteborger in den letzten Monaten fast schon zu präsent, weshalb ich mich über die Songs von „The Gallery“ (1995) und meinem heimlichen Favoriten „Character“ (2005) besonders freute. Auch die Musiker hatten ganz offensichtlich Spaß daran, lange nicht gespielte Klassiker wieder auf die Bühne zu bringen.

LORDI am 30. September 2025 im Backstage Werk, München

Lordi live in München 2025

Die finnische Monster-Rock-Band ist mein Guilty Pleasure, weshalb es schön war, LORDI auch mal abseits der Festival-Bühnen und noch dazu aus der ersten Reihe zu erleben. Die großen Hits ziehen natürlich auch heute noch und abseits der Nostalgie unterhalten Mr. Lordi und seine Gefolgschaft durch kreative bis trashige Showeinlagen. „Would you love a Monsterman?“ Aber selbstverständlich!

PARKWAY DRIVE am 20. September 2025 in der Olympiahalle, München

Parkway Drive live in München 2025

Wenn es um große Arena-Shows geht, kommt man dieser Tage wohl kaum an PARKWAY DRIVE vorbei. Für ihre Jubiläumstour gruben die Australier nicht nur ein paar alte Hits und Klassiker aus, sondern schraubten auch ihre schon immer fein ausgeklügelte Produktion nochmals nach oben. Dabei gab es natürlich auch ein bisschen Effekthascherei wie das sich vertikal rotierende Schlagzeug im Flammeninferno von „Crushed“. Insgesamt aber hatte das ganze Spektakel auch dramaturgisch Hand und Fuß, zumal viele Effekte im Verlauf des Sets dosiert genutzt wurden.

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Wir beginnen mit der Musik, wo ich langsam anfange, mich zu wiederholen: Wie jedes Jahr fühlte ich mich auf dem WISDOM TOOTH FESTIVAL und dem SUMMER BREEZE pudelwohl. Es sind zwei Events komplett unterschiedlicher Größenordnung und doch hat man bei beiden das Gefühl, dass die Zufriedenheit der Besucher:innen ein großes Anliegen ist. Ich freue mich schon auf die nächsten Ausgaben im Jahr 2026!

florian jahresrueckblick 2025 erlebnis zadra
Zadra, Energylandia (Polen)

Privat denke ich gerne an den Urlaub in Polen zurück, der mit einer mittelschweren Katastrophe begann (die Wasserpumpe des Autos gab den Geist auf), aber den wir dank schneller Hilfe doch noch fast reibungslos zu Ende führen konnten. Zwischen Kletterfelsen, Achterbahnen und Kultur verging die Zeit wie im Flug.

florian jahresrueckblick 2025 erlebnis
Ötztal, Österreich

Im August folgte dann noch eine Woche im österreichischen Ötztal, die wir vorwiegend für Klettersteige nutzten, bevor wir im September noch ein spontanes Wochenende in Göteborg verbrachten, um NESTOR zu sehen, aber auch um den dortigen Freizeitpark zu erkunden. Davon besuchte ich 2025 ingesamt zwölf Stück, was für mich auch immer wie ein kleiner Kurzurlaub ist.

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Im Frühjahr musste sich unser Kater Veno einer nicht risikoarmen Operation unterziehen. Glücklicherweise verlief alles gut – die Sorgen aber waren im Vorfeld und währenddessen schon enorm.

Andere Baustelle, aber auch Garant für Kopfzerbrechen: Das Internet wird überflutet von minderwertigen KI-generierten Bildern und Videos. Die weitläufig kaum vorhandene Medienkompetenz und weiterhin in den Schulen vernachlässigte Medienerziehung rächt sich nun massiv.

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Zum Abschluss gibt’s wie jedes Jahr eine Reihe willkürlicher Auszeichnungen meinerseits.

Bestes Albumcover: KARG: Marodeur

Karg - Marodeur Cover

Schlechtestes Albumcover: CURSE OF CAIN: Achtung!

Curse Of Cain - Achtung Cover

Meistgehörter Song: THE CALLOUS DAOBOYSDistracted By The Mona Lisa

Emotionalster Song: LORIEN TESTARD – Une vie à t’aimer

Beste Eigenproduktion: SHADOW OF INTENT: Imperium Delirium

Roheste Urgewalt: THE ACACIA STRAIN: You Are Safe From God Here

Nostalgischstes Oldschool-Feeling: PARADISE LOST: Ascension

Bestes Drama: CRADLE OF FILTH vs. Zoë Marie Federoff und Ashok

Bestes Comeback: DEADLOCK: Buried Alive

Bester Mic-Drop: STRAY FROM THE PATH: Clockworked

Bester Newcomer: SPLIT CHAIN

Unerwartetes Glow-up: NOVELISTS: Coda

Bestes Gimmick: Fliegende Wale während GOJIRAs „Flying Whales“

Beste Choreo: BEAST IN BLACK

Schlimmster Stilbruch: THE DEVIL WEARS PRADA: Flowers

Bester Albentitel: STICK TO YOUR GUNS: Keep Planting Flowers

Bester Songtitel: PARADISE LOST – Lay A Wreath Upon The World

Bester Breakdown: THE ACACIA STRAINSacred Relic

Beste Neuaufnahme: END OF GREEN: Twinfinity

George-Lucas-Award für mieseste Neuauflage: ANNISOKAY: Abyss – The Final Chapter

Bester Mix: JINJER: Duél (Max Morton)

Sperrigster Albumtitel: KATATONIA: Nightmares As Extensions Of The Waking State

Größter Narzisst: Spencer Charnas (ICE NINE KILLS)

Größter Kontrollfreak: Tobias Forge (GHOST)

Peinlichstes Nebenprojekt: BAD LOVERZ

Plötzlich-Rockstar-Award: SPIRITBOX

Bester Fernsehgarten-Auftritt (aber warum?): WIND ROSE

Dämlichster Trend: Tour-Fotograf:innen, die den halben Auftritt lang ungeniert über die Bühne stolzieren.

Metal of Honor: Britta Görtz (HIRAES), die mehrfach spontan für den ausgefallenen Marcus Bischoff (HEAVEN SHALL BURN) eingesprungen ist

Größte Quasseltante (live): Tobias Sammet (AVANTASIA)

Familiärstes Festival: WISDOM TOOTH FESTIVAL

Beste Konzertlocation: Backstage München

Beste Security: Grabenschlampen

Beste Videospiele:

  1. Clair Obscur: Expedition 33 (2025)
  2. Hollow Knight: Silksong (2025)
  3. Dark Souls III (2016)