DARK TRANQUILLITY: Character

Wer Death Metal aus Göteborg mag wird "Character" lieben.

Sie waren ja schon immer etwas anders, statt übermäßiger Wut und Brutalität gab es bei DARK TRANQUILLITY eher Leidenschaft und eine Prise Melancholie zu hören, mal mehr, mal weniger. Character ist ein Album, das weniger durch verträumte Melodien glänzt, auch die klare Stimme von Mikael Stanne bleibt dem Album fern. Experimente a lá Projector sind endgültig Vergangenheit, dafür lebt die ungestüme Kraft der frühen Veröffentlichungen wieder komplett und nicht nur halbwegs wie im zugegebenermaßen guten, aber vergleichsweise seichten Damage Done, sondern so richtig. Richtig leidenschaftlich eben. Nein, die ersten Töne des Openers The New Build lassen die Kinnlade erstmal nach unten Sacken: Blast Beats wie man es eher von amerikanischen Kollegen gewohnt ist treffen den Hörer mitten ins Gesicht. Man taumelt jedoch nicht zu Boden, man jauchzt viel mehr vor Freude. Wie diese Heaviness mit für DARK TRANQUILLITY typischen Riffs und Melodien verbunden wird ist schlichtweg furios.

Doch so brutal bleiben die sechs Musiker aus Göteborg auf Album Nummer sieben nicht die ganze Zeit, auch wenn sich in den meisten Songs recht heftige Parts einschleichen. Unwiderstehliche Grooves und treibende Double Bass-Passagen wechseln sich mit atmosphärischen und eher ruhigen Zwischenstücken ab. Perfekt durchdacht ist Character zwar, aber dieses Album kommt hauptsächlich aus dem Bauch. Hörbar. Somit funktionieren Songs wie die erste Single Lost to Apathy mit dem wunderbaren Chorus hervorragend, andere brauchen mehr Zeit um richtig erfasst zu werden und zu zünden. Doch gleich beim ersten Hören merkt man: Dieses Album hat enormes Potenzial.

DARK TRANQUILLITY werden es mit diesem Album sicherlich schwerer haben, als mit dem seichten Damage Done, das vor eingängigen Songs nur so strotzte. Character ist schwerer zu begreifen, klingt wie die Umschreibung eines sehr eigenwilligen Individuums, das nicht perfekt ist, aber äußerst liebenswert. Will heißen, nicht alle Melodiebögen gefallen, hier und da wird ein Riff nicht so betont, wie der Hörer es sich wünscht. Doch gerade das macht den Reiz von Character aus, die Scheibe klingt nicht poliert, sondern ist durch und durch ehrlich. Das zeigt auch die Produktion, die vielleicht bei den Gitarren zu viel Höhen aufweist, aber dennoch keine Details verschluckt.

Dem heftigeren Material entsprechend klingt auch Mikael Stanne aggressiver und wilder, so wie in besten The Mind´s I-Zeiten. Die Texte bringt er dennoch mit ganzem Herzblut rüber, man hört förmlich wie sich der sympathische Fronter im Studio heiser geschrien haben muss. Dadurch wird das mittlerweile siebte Album wilder und chaotischer. Im krassen Gegensatz dazu stehen die leisen Einschübe, die genau das bewirken, was sie sollen: Dynamik verstärken. Auch ansonsten werden die Keyboards immer besser mit dem Elchtod verbunden, klingen sehr organisch und nicht deplatziert oder künstlich. Die Gitarren werden von den Synthieklängen umgarnt, man merkt hier einfach, dass Musiker zusammen und nicht gegeneinander arbeiten.

DARK TRANQUILLITY waren lange nicht so gut und mitreißend wie auf Character, auch wenn es für den Hörer ein paar Anläufe mehr als üblich braucht um sich das einzugestehen. Das siebte Album ist wie aus einem Guss, ein Ganzes und besteht nicht aus elf Einzelteilen. Kompakt, kurzweilig, anspruchsvoll, heavy, melodisch, süchtig machend. Wer Death Metal aus Göteborg mag wird Character lieben. Denn dieses Album vereint alles, was an DARK TRANQUILLITY so sehr begeistert, sämtliche Stärken der letzten Scheiben wurden miteinander verbunden, die Band klingt so frisch und motiviert wie lange nicht mehr. Wie seit The Mind´s I, genaugenommen.

Veröffentlichungstermin: 24. Januar 2005

Spielzeit: 48:17 Min.

Line-Up:
Mikael Stanne – Vocals

Martin Henriksson – Guitars

Niklas Sundin – Guitars

Michael Nicklasson – Bass

Anders Jivarp – Drums

Martin Brandström – Electronics

Produziert von DARK TRANQUILLITY
Label: Century Media Records

Homepage: http://www.darktranquillity.com

Tracklist:
1. The New Build

2. Through Smudged Lenses

3. Out of Nothing

4. The Endless Feed

5. Lost to Apathy

6. Mind Matters

7. One Thought

8. Dry Run

9. Am I 1?

10. Senses Tied

11. My Negation