LYNCH MOB: The Final Ride (Live)

George Lynch und seine Gang verabschieden sich mit einem unbehauenen, aber grundehrlichen Livedokument aus ihrer Karriere. George Lynchs Gitarre jault, kratzt und schlingert durch die Songs, während Lynch Mob noch einmal unterstreichen, dass sie stets die dreckigere und kantigere Schwesterband von DOKKEN waren.

LYNCH MOB machen Schluss! Glaubt man dem Promotext der Plattenfirma, soll „The Final Ride“ das Abschiedsgeschenk an die Fans der Hardrocker sein. Nach neun Studioalben und 36 Jahren Bandgeschichte beendet George Lynch das Kapitel, das er 1989 nach seinem Ausstieg bei DOKKEN aufgeschlagen hat. Und dessen Anfang zugleich die erfolgreichste Episode markierte: Das Debüt Wicked Sensation hielt sich 1990 immerhin 23 Wochen in den US-Charts und verkaufte sich beachtlich.

Doch mit dem Siegeszug von Grunge gerieten auch LYNCH MOB unter Druck. Die Mischung aus Hard Rock, Blues und den letzten Ausläufern des 80er-Metal traf nicht mehr den Nerv des Mainstreams, sodass die kommerzielle Aufmerksamkeit für die Band in den folgenden Jahren spürbar nachließ.

Eine treue Fanschar blieb der Band dennoch erhalten, und über die Jahre reiften sie zu einer klassischen Kultband. Die Hallen wurden kleiner, die Band löste sich dreimal auf und fand ebenso oft wieder zusammen. Auch das Wechselkarussell drehte sich zeitweise schneller als ein Zahnarztbohrer: Der Wikipedia-Eintrag zählt insgesamt 29 Musiker in der Bandhistorie – bei einer Formation, die meist im Quartett auf der Bühne stand. Es gibt Bandbiographien, die geradliniger verlaufen. Die einzige Konstante: George Lynch.

Der Sound ist herrlich unbehauen

Was bekommen wir also vorliegend geboten? Zwölf Songs umfasst das Livealbum, aufgenommen im Guild Theater in Menlo Park/Kalifornien – einem 1926 als Kino eröffneten, heute stilvoll restaurierten Saal mit Holzvertäfelung und Balkonen, der gerade einmal 500 Besucher fasst. Ein intimer Rahmen also, der kaum weiter entfernt sein könnte von den Dimensionen, in denen George Lynch mit DOKKEN in den 80er Jahren unterwegs war: Millionen verkaufte Alben, Gold- und Platinauszeichnungen und Auftritte in großen Arenen.

Auf die Frage „Wie rau darf ein Album klingen?“, antwortet der Maestro mit einem lauten „Ja“. Zwar ist im Promotext von „meticulous mixing and mastering“ sowie „outstanding sonic clarity“ die Rede, verbunden mit dem Anspruch einer dezenten Bearbeitung – im Ergebnis klingt das Album jedoch überraschend roh und direkt. Da darf die Gitarre übersteuert aus den Marshall-Boxen fauchen und die Stimme abrupt abbrechen. Überhaupt hat die Aufnahme stellenweise fast Jamcharakter – im Moment festgehalten mit all seinen Kanten und Unschärfen.

Zum Eindruck der Roughness trägt auch Sänger Gabriel Colón (unter anderem WHITE WIZZARD, GOTHIC KNIGHTS) bei. Gegenüber den eher bluesig gefärbten Vocals von Oni Logan und Robert Mason aus den klassischen Lynch-Mob-Phasen wirkt Colón deutlich aggressiver und angriffslustiger. Colón bewegt sich stimmlich zwischen dem aufgerauten Biss eines frühen Axl Rose und einer deutlich erdigen, sleazigeren Variante von Robert Plant. Statt makelloser Linien setzt er auf Reibung, Druck und bewusstes Brechen der Phrasen – eine Stimme mit viel Volumen, aber deutlich kratziger Färbung.

Ein Statement ist auch die Songauswahl. Neben neun Stücken, die die gesamte Diskographie abdecken, haben es auch drei DOKKEN-Kompositionen auf das Album geschafft. Mit „Lightning Strikes Again“ und dem phänomenalen Uptempo-Riffer „Paris Is Burning“ sind darunter zwei der härtesten Nummern, die Dokken je aufgenommen haben. Dazu kommt „It’s Not Love“, das ebenfalls mit ordentlich Distortion und einer sehr präsent verzerrten Gitarre dargeboten wird. Die Botschaft ist klar: Allzu glatte Arrangements haben George Lynch hier erkennbar nicht mehr interessiert.

Das Gitarrenspiel: Virtuosität mit Dreckkante

Man kann nicht von LYNCH MOB sprechen, ohne das Gitarrenspiel von George Lynch hervorzuheben. Gerade der unbehauene Sound bringt seine Handschrift besonders deutlich zur Geltung. Eine zweite Gitarre gibt es nicht – und sie wäre vermutlich überflüssig. Lynch ist Rhythmus- und Leadgitarrist in einer Person, er füllt beide Rollen nahtlos aus: Seine Riffs bleiben in Bewegung, immer wieder brechen Leadfiguren und Soli unvermittelt in die Rhythmusarbeit ein, ohne klare Trennlinie.

In der beiliegenden DVD zur CD sieht man, wie sehr sich dieser Mann – mit 71 Jahren noch immer muskulös – in sein Spiel vertiefen kann. Leicht vornübergebeugt, oft auf das Griffbrett konzentriert, wirkt sein Spiel von einem ausgeprägten Arbeitsethos geprägt. In einem Interview mit dem „Gitarre & Bass“-Magazin erklärt er, dass ihm übermäßige Bewunderung für sein Spiel eher unangenehm sei. Wenn ihm jemand sage, wie gut er sei, „ist das auch eine Bürde“, so Lynch. „Denn ich fühle mich als normaler Mensch. Ich ziehe meine Hosen auch mit einem Bein nach dem anderen an, muss Probleme lösen, gehe einkaufen, versorge meine Kinder, bezahle meine Rechnungen. Musikmachen ist einfach meine Arbeit.“

Genau diese Haltung spiegelt sich auch in seinem Spiel: Lynch’ Riffs wirken oft nervös und kraftvoll zugleich, weil sie keine statischen Rhythmusfiguren sind, sondern synkopierte, bewegte Formen zwischen Riff und Lead. Vieles ist gegen den Grundpuls verschoben, mit überraschenden Betonungen, die Erwartungen unterlaufen. Zugleich bleibt sein Spiel tief im Blues verwurzelt – Call-and-Response-Muster und kurze dialogartige Figuren verleihen den Riffs eine kommunikative Qualität. Die Mischung erzeugt eine unmittelbar spürbare Spannung im Körper: weniger konstruiert als instinktiv, zwischen Kontrolle und Ausbruch.

Jaron Gulino (Bass) und Jimmy D’Anda (Schlagzeug) übertragen dieses Prinzip in den rhythmischen Unterbau: Der Bass stabilisiert die Beweglichkeit der Gitarrenlinien, während D’Andas gradliniges, aber variables Drumming die innere Spannung des Grooves fortschreibt.

Vom Debüt sind gleich fünf Songs vertreten

Die DOKKEN-Nummer „Lightning Strikes Again“ gibt es zum Einstieg, im schnellen Tempo und mit metallischer Härte gespielt. In den Lyrics erscheint das Bild des wiederkehrenden Blitzschlags als Metapher für plötzliche, unkontrollierbare Eskalation – der Song als Naturgewalt im Hard-Rock-Gewand. Das Schlagzeug treibt mit wuchtigem Doublebass-Spiel nach vorn, während Gabriel Colón stimmlich Höhen erreicht, die man im Original von Don Dokken so nicht hören konnte – gegen Ende steigert er sich beinahe ins Schreien.

Vom Debüt sind mit „River of Love“, „Hell Child“, „Rain“, „Street Fighting Man“ und „Wicked Sensation“ gleich fünf Songs vertreten. Sie stehen für einen dunklen, leicht mystisch eingefärbten Hard Rock mit deutlicher 70s-Note, dessen sleazy Grundhaltung durch Gabriel Colóns Gesang noch stärker konturiert wird. „Hell Child“ ist eine Außenseiterfigur im Songformat: ein Ich-Erzähler, der seinen Freiheitsdrang weniger als Befreiung denn als Zustand permanenter Instabilität erlebt – zwischen Rausch, Selbstentgrenzung und Kontrollverlust. „I’m a hellchild, I’m howlin’ at the moon / Ain’t good for nothin’“. Trotz der typischen Riffs, die auch auf einem DOKKEN-Album hätten stehen können, bewegt sich die Band hier eher an einem Sound zwischen THE CULT und LED ZEPPELIN.

„Street Fighting Man“ lehnt sich, wie es der Songtitel schon verrät, bei den ROLLING STONES an. Keine Coverversion, doch es werden ähnliche Motive aufgegriffen: eine düstere Milieustudie eines durch Gewalt geprägten Außenseiters, dessen Leben keine Gegenwelt kennt. Das hat wenig zu tun mit den teils süßlichen Liebesgeschichten, die Lynch kurz zuvor noch mit DOKKEN vertont hat, die Attitüde ist eine andere. „Er lernte nur Gewalt, Blut und Gier – mehr nicht.“ Die Gitarren winden sich nervös und schrill quietschend, der Song groovt schwer im mittleren Tempo, und auch hier testet Colón die Grenzen seiner Stimmbänder aus.

Deutlich düsterere Grundausrichtung als bei DOKKEN

Vom zweiten, nach der Band benannten Album aus dem Jahr 1992 ist mit „No Good“ nur ein Song vertreten. In dieser Phase korrigierte die Band ihren Sound und rückte wieder stärker in Richtung des klassischen DOKKEN-Gefühls der 80er Jahre. Entsprechend präsentiert sich „No Good“ als geradliniger Track zwischen Hard Rock und Hair Metal, getragen von einem klaren Riff und klassischen Gangshouts, die auf direkte Live-Wirkung zielen.

Aus der jüngeren Phase der Band stammen drei Songs. Vom 2009er Album „Smoke and Mirrors“ ist „Let The Music Be Your Master“ vertreten, der sich seither als Fanfavorit etabliert hat. Der Song pendelt zwischen leicht grungigem Feeling und verschleppten Mollharmonien, die an ALICE IN CHAINS erinnern. Zugleich ist er eine Verneigung vor dem Jamrock der 60er- und 70er-Jahre: Im langen Instrumentalteil kreist die Gitarre fast Hendrix-artig frei über einem verspielt pulsierendem Bass.

In der Gesamtschau wirken die Songs der Band deutlich düsterer, muskulöser und introspektiver als das Material von DOKKEN. Selbstzerstörung, Rastlosigkeit und toxische Verhaltensmuster tauchen immer wieder auf. So schildert „Time After Time“ vom 2023 erschienenen Album Babylon einen Protagonisten, der in Schlaflosigkeit, Selbsttäuschung und einem Kreislauf aus immer gleichen Fehlern gefangen bleibt. „Time always letting me down / Suffering as the sun goes down on me.“ Dazu passt der musikalische Rahmen: rau groovender Hard Rock mit tiefen Blues-Wurzeln.

LYNCH MOB war nie die Soundkulisse für den Glamour des Rockstardaseins. Die Band entstand in einer Lebensphase, in der der Familienmensch George Lynch den Exzessen und dem Dauer-Rampenlicht der Branche zunehmend kritisch gegenüberstand.

LYNCH MOB waren kein Egotrip

Trotz des prominenten Namens auf dem Bandlogo war der Mob nie eine reine George-Lynch-Veranstaltung. Die musikalischen Grundideen stammten meist vom Gitarristen, doch Texte und Songwriting entstanden häufig im Zusammenspiel mit den jeweiligen Bandkollegen. Auf dem Debüt steuerte beispielsweise Sänger Oni Logan mehrere Texte bei, bei späteren Reunion-Phasen agierte er als Co-Songwriter. Auch die Bassisten und Schlagzeuger brachten sich in die Kompositionen ein.

Im abschließenden „Wicked Sensation“ zitiert die Band SLY AND THE FAMILY STONE – jene legendäre Band aus Musikern verschiedener Hautfarbe, die wie kaum eine andere in den späten 60er und frühen 70er Jahren für Verständigung und die verbindende Kraft der Musik stand. „Thank you for letting me be myself.“ Eine schöne Geste zum Abschied. Gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Polarisierung erinnert das Zitat daran, dass Musik Menschen auch über Unterschiede hinweg zusammenbringen kann. Für ein Album mit dem Titel The Final Ride hätte die Band kaum einen passenderen Schlusspunkt wählen können.

VÖ: 29. Mai 2026

Spielzeit: 73:00

Line-up:

George Lynch – Gitarre
Gabriel Colón – Gesang
Jaron Gulino – Bass
Jimmy D’Anda – Schlagzeug

Label: Frontiers Records

“The Final Ride” Tracklist:

1. Lightning Strikes Again
2. River Of Love
3. No Good
4. Caught Up
5. Hell Child
6. Let The Music Be Your Master
7. Time After Time
8. Paris Is Burning
9. Rain
10. Street Fighting Man
11. It’s Not Love (Official Live Video bei Youtube)
12. Wicked Sensation (Official Live Video bei Youtube)