HEALTH, KABBEL: Konzertbericht – Im Wizemann, Stuttgart – 05.08.2026

Am 5. August wurde der Club „Im Wizemann“ in Stuttgart zum Treffpunkt aller Subkulturen: Die „Cum Metal“-Band HEALTH lud zu einem intensiven Konzerterlebnis ein, das gleichermaßen Katharsis, Gemeinschaft und Party-Stimmung bot.

Als jemand, der sich musikalisch normalerweise hauptsächlich in den Genres Metalcore und Post-Hardcore bewegt, war ich nicht ganz sicher, aber trotzdem nicht weniger gespannt, was mich an diesem Abend erwarten würde.

Und das lag nicht nur am mir persönlich nicht ganz so vertrauten Genre, sondern auch an den Aufrufen der Band auf ihren Social Media-Kanälen. Hier riefen sie z. B. in einem Reel mit dem Titel „How To Attend A HEALTH Show“ (Zu Deutsch etwa: „So besuchst du eine HEALTH-Show“) dazu auf, in seiner besten Sonntags-Kleidung zu kommen. Als Beispiele hierfür schlugen sie unter anderem Cosplays, Fursuits, Latex-Goth-Outfits und Battle Jackets vor.

Fans mit HEALTH-Merch

Und ich muss zugeben: Diesem Aufruf sind nicht so viele Besucher:innen nachgekommen, wie ich es erwartet hätte. Aber dennoch fanden sich neben den zahlreichen Band-Shirt-Tragenden durchaus auch eine Handvoll Plüschohren, Cosplayer und Menschen, die sich sichtlich Mühe mit ihren Outfits gegeben hatten, im Publikum.

KABBEL

KABBEL-Sänger Gregory Hoepffner

Für die Eröffnung des Abends sorgte KABBEL, das Projekt des französischen Musikers Gregory Hoepffner. Das Set begann eher ruhig und mit einer gewissen Schwermütigkeit und Melancholie, die nicht nur dem selbst betitelten Genre „Queer Sadcore“ gerecht wurde, sondern zugleich auch gut zum Headliner des Abends passte.

Und doch wirkte die Stimmung nicht zu bedrückend. Sänger Gregory Hoepffner bewegte bereits zu Beginn seiner Performance regelmäßig seine Arme in einem Rhythmus, der der Melancholie in den Songs Ausdruck verlieh.

Der vierte Song „FICTION CLOUDS“ lud mit seinem eingängigen Beat dann auch die ersten Zuschauer:innen zum Tanzen ein.

Gregory Hoepffner und Kostia Cavalié

Während ein technisches Problem gelöst wurde, scherzte Hoepffner locker: „Das ist komplett unsere Schuld, das hat nichts mit AI zu tun“ und entlockte dem Publikum damit ein Lachen. Am Humor fehlte es also trotz der melancholischen Musik nicht.

Im Anschluss wurden dann auch die bisher noch etwas ruhiger gebliebenen Stuttgarter:innen abgeholt: Ein pushender Beat sorgte dafür, dass in den ersten Reihen mehr getanzt wurde und auch in den hinteren Reihen wurde mindestens der Kopf im Takt gewippt. Und auch Gregory Hoepffner war jetzt nicht mehr zu halten: Er sprang auf der Bühne umher und gab gemeinsam mit seinem Bassisten Kostia Cavalié nochmal alles.

„WHEN THE WAR IS OVER“ lud zum Abschluss des Sets dann nochmal zum Träumen ein: Hoepffners sanfter Gesang wurde von einer ruhigen Keyboard-Melodie und – in Ermangelung eines besseren Wortes – „glitzernd“ klingenden Tönen begleitet. Als dann der Beat einsetzte, klatschte die Crowd nochmal im Takt mit, bevor das Duo die Bühne für den Haupt-Act des Abends frei machte.

KABBEL, Setlist

  1. WAVE
  2. WHERE IS THE MAGIC?
  3. BUSY HATIN
  4. FICTION CLOUDS
  5. ELEPHANT
  6. REWARD
  7. VANITY PLATES
  8. YOU DON’T MATTER
  9. WHEN THE WAR IS OVER

Fotogalerie: KABBEL

HEALTH

HEALTH-Sänger Jake Duzsik

Um 21 Uhr erklang „A Cruel Angel’s Thesis“ von Yōko Takahashi – vielen vielleicht besser bekannt als der Theme-Song aus dem Anime „Neon Genesis Evangelion“ – aus den Boxen. Noch bevor die letzten Töne des Intros verklangen, betrat Jake Duzsik die Bühne, gefolgt von seinen Bandkollegen Benjamin Jared Miller und John Famiglietti, sowie Gitarrist John McKinney.

Bereits als die ersten Takte von „VIBE COP“ erklangen, spürte man als Fotograf im Fotograben, wie die Absperrung im Rücken keine andere Wahl hatte, als sich mit den euphorisch tanzenden und mitsingenden Fans in der ersten Reihe zu bewegen. Innerhalb weniger Minuten lud der Raum sich mit einer Energie auf, die sich im weiteren Verlauf des Abends noch weiter verstärken sollte.

HEALTH-Fans in Cosplays und mit HEALTH-Merch

Unterdessen beeindruckte John Famiglietti – oder Johnny Health, wie seine Fans ihn liebevoll nennen – nicht nur mit seiner Haarpracht, die er headbangend zur Schau stellte, sondern auch mit seinem rasanten Wechsel zwischen seinen Verpflichtungen an Synthesizer und Bass. Der letztere war übrigens mit einem Sticker aus dem Manga „Chainsaw Man“ versehen, was gemeinsam mit den Videospiel-Soundtracks in der Pre-Show-Playlist, das Bild einer Band verstärkt, die offen für jegliche Subkulturen ist.

John Famiglietti – Synth & Bass bei HEALTH

Zwischen Nebelschwaden und Stroboskop-Lichtern verschmolz der Kontrast aus harschem Sound und den tiefgängigen Lyrics, die Sänger Jake Duzsik in seinen butterweichen Vocals darbot, zu einer intensive Live-Show, die gleichermaßen düster-melancholisch und mitreißend war.

Doch auch die emotionale Bindung zu den Fans kam nicht zu kurz: In einem stillen Moment zwischen den Songs rief ein Fan „Love you“, was von John Famiglietti zugleich mit einem „Love you too“ beantwortet wurde.

Bereits wenige Minuten später musste ein wenig an der Technik nachjustiert werden. Diese kurze Pause nutzte John Famiglietti zugleich für einen Witz, der zwar flach anmutete, aber zugegebenermaßen auch sehr „on brand“ für eine Band ist, die ihren Stil mit einem Augenzwinkern als „Cum Metal“ bezeichnet.

HEALTH-Drummer Benjamin Miller

Schlagzeuger Benjamin Miller würdigte den humorvollen Einschub mit einem Sting, bevor er zur Überbrückung der ungeplanten Pause ein beeindruckendes, improvisiertes Drum-Solo hinlegte.

Als das Problem gelöst zu sein schien, brachte der Bass in „ANTIDOTE“ die Halle erneut zum Beben, während Jake Duzsik mit weicher Stimme über harte Gefühle sang.

Nachdem die letzten Takte von „CRACK METAL“ verklungen waren, wandte sich John Famiglietti erneut an das Publikum und löste auf, was es mit dem zusätzlichen Gitarristen (John McKinney) auf sich hatte: „Falls ihr euch schon gewundert habt, warum wir heute zu viert auf der Bühne stehen, das hier ist der Grund.“ Die Antwort kam zugleich in Form des Gitarren-Intros zu „CHILDREN OF SORROW“, welches das Publikum mitriss.

HEALTH

Im Gegensatz zu den harten Riffs, enstand bei „WE ARE WATER“ durch den Industrial Noise, den treibenden Beat und die blauen Stroboskop-Lichter, die durch den Nebel schienen, nahezu die Atmosphäre eines Raves.

Trotz der guten Stimmung und den euphorisch tanzenden Fans ist anzumerken, dass vor allem bei diesem Song die sehr sanfte Stimme von Sänger Jake Duzsik leider fast ein wenig in der Flut des vielschichtigen und teils doch sehr lauten Industrial-Sounds versank. Dieses Problem kann man allerdings weder der Band noch der Event-Location vorwerfen, da dies eine Herausforderung ist, vor der einige Musiker:innen stehen, die versuchen, bei solch komplexer Musik die perfekte Balance zu finden.

Und auch die Fans ließen sich davon nicht aus Fassung – oder besser gesagt aus der Bewegung – bringen. Auch als die zu Beginn etwas ruhiger anmutenden Songs „DEMIGODS“ und „ORDINARY LOSS“ gespielt wurden, bewegten die Körper sich im Einklang mit den sphärischen Klängen und der schweren, melancholischen Stimmung. Und als dann der Beat einsetzte, fühlte es sich an, als würden sowohl stimmungsmäßig als auch auf emotionaler Ebene ein Knoten platzen, der neue Leichtigkeit und Euphorie mit sich brachte.

Am Ende der Show crowdsurfte Johnny Famiglietti ins Publikum, um mit seinen Fans zu interagieren.

Nach bereits etwas über einer Stunde kam die Ankündigung, dass der folgende Song der letzte sei. „Wir geben keine Zugaben. Stellt euch mal vor, wir würden jetzt hier an der Seite von der Bühne in den kleinen Backstage-Bereich gehen, nur um dann ein paar Momente später wieder auf die Bühne zu kommen,“ scherzte Famiglietti, „Also lasst nochmal alles raus, was ihr habt. Bewegt eure Körper, tanzt und habt eine gute Zeit.“

Das ließen sich die Stuttgarter Fans natürlich nicht zweimal sagen. Zu den Klängen von „DSM-V“ wurde nochmal alles gegeben. Und nachdem dann auch die letzten Takte des Songs verstummten und die Bühnenbeleuchtung heller wurde, sah man um sich herum in freudige Gesichter, applaudierende Fans und auch einige Menschen, die sich ob der soeben gemeinsam erlebten Erfahrung in den Armen lagen.

Ganz viel Liebe von den Fans am Ende des HEALTH-Sets

Die Essenz der „HEALTH Experience“, wie die Band ihre Shows liebevoll nennt, ist schwer in Worte zu fassen. Und doch schafft die Band um Jake Duzsik es, mit ihrer Musik und ihrer Show vor allem den Gefühlen, die schwer in Worte zu fassen sind, Ausdruck zu verleihen und sie gleichzeitig mit tanzbaren Beats und eingängigen Lyrics zu vereinen.

Entgegen der Vermutungen, die ich aufgrund der starken Social Media-Präsenz der Band vorab hatte, waren tatsächlich während der gesamten Shows keine Kamera-Crew oder Social-Media-Beauftragten zu sehen. Vor allem in einem Zeitalter, in dem man bei vielen Bands das Gefühl bekommt, dass die Live-Shows mehr zum Erstellen von Social Media-Content ausgerichtet werden, als für die Fans im Raum, ist dies eine willkommene Abwechslung (auch wenn natürlich generell nichts gegen das Dokumentieren von Shows durch einen dafür angestellten und subtil agierenden Foto- und/oder Video-Menschen spricht.)

Was das angeht, fielen HEALTH mir an diesem Abend positiv auf. Auch wenn die Band fernab davon ist, ihre Social Media-Präsenz zu ignorieren, konzentrierte sie sich in ihrer Performance voll und ganz darauf, eine ganz bestimmte Energie im Raum zu erzeugen, schwer definierbaren Emotionen Raum zu geben und nicht zuletzt ein Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Menschen zu vermitteln, in der jeder genau so sein darf, wie er will.

HEALTH, Setlist

  1. VIBE COP
  2. TRASH DECADE
  3. HATEFUL
  4. SHRED ENVY
  5. FEEL NOTHING
  6. ANTIDOTE
  7. CRACK METAL
  8. CHILDREN OF SORROW
  9. ASHAMED
  10. MAJOR CRIMES
  11. TEARS
  12. WE ARE WATER
  13. YOU DIED
  14. DEMIGODS
  15. FUTURE OF HELL
  16. ORDINARY LOSS
  17. DON’T KILL YOURSELF
  18. DSM‐V

Fotogalerie: HEALTH