Kristopher, ich freue mich, dass du dir Zeit für ein Fanzine wie vampster nimmst. Ihr seid in Norwegen eine ziemlich große Nummer und mit jedem euren Alben seit knapp zehn Jahren fast immer in den Top 10 der Charts.
Ich will eigentlich keine Interviews geben, das habe ich dem Label gesagt, die waren nicht begeistert. Für euch mache ich eine Ausnahme. Die norwegische Presse ist einfach faul geworden, da wird wenig recherchiert, die Fragen sind langweilig. Und außerdem schreiben sie ohnehin wenig über Rockmusik, sie wollen gar nicht mit mir über THE DOGS sprechen.
Ich hoffe, ich bin gut genug vorbereitet. Und ich habe mir ein eigenes THE DOGS‑Shirt gedruckt. Eigentlich schulde ich dir jetzt Lizenzgebühren.
Das ist der einzig richtige Weg: DIY, einfach selbermachen. Bei den Shows meiner anderen Band WHITE URINE ermuntere ich Fans, Bootlegs aufzunehmen. Es gibt einen Typen, der presst dir solche Aufnahmen auf Vinyl – wir verteilen seine Mailadresse bei den Konzerten. Ich habe keine Ahnung, ob es jemand macht und welche Bootlegs im Umlauf sind. Aber ich liebe die Vorstellung!
WHITE URINE ist nicht dein einziges Bandprojekt neben THE DOGS, da sind ja auch noch HURRA TORPEDO, die statt eines Schlagzeuges Kühlschränke, Herde, Backöfen und andere Weißware auf die Bühne stellen und darauf herumtrommeln.
HURRA TORPEDO waren hauptsächlich in den 90er und 00er Jahren aktiv. Wir haben allerdings im vergangenen Jahr ein Reunion-Konzert beim Tons of Rock in Oslo gegeben. Das war verrückt. Ich werde das nie wieder machen.
Eure Roadies tun mir leid. Euer Stage-Equipment herumzuschleppen muss ein Knochenjob sein.
Nicht nur die Roadies müssen hart arbeiten, wir auch. Mir war klar, dass es kein gutes Ende nehmen wird. Wir haben zuletzt vor über neun Jahren live gespielt, und ich war zunächst gar nicht begeistert von der Anfrage zu einer Reunionshow. Aber dann wollte ich wissen, ob ich es körperlich überhaupt noch durchstehe, ein HURRA TORPEDO Konzert zu geben. Es ist anstrengend. Und ich werde nicht jünger, der Rücken, die Schulter, alles tut weh und zwei Bandscheiben sind auch nicht mehr da, wo sie hingehören.
Aber lass uns auch über THE DOGS und euer neues Album „Trauma Junkie“ reden. Wo habt ihr die Bandfotos und das Coverfotos gemacht? Das sieht nach einem ziemlich verruchten Nightclub aus.
Es ist ein Billardclub, der hier vor Kurzem eröffnet hat. Ich bin nicht glücklich mit dem Cover des letzten Albums „Starvation“. Ich würde mir dieses Album gar nicht erst anhören, weil ich das Cover nicht mag. Ich war echt sauer, als ich es gesehen habe. Das ist auch einer der Gründe, warum es so lange gedauert hat, bis „Trauma Junkie“ fertig wurde. Ich habe lange überlegt, was ein gutes Cover wäre. Wir haben dann wieder mit Agnete Brun zusammengearbeitet, sie hat auch die Fotos für „El Verdugo“ gemacht. Sie hat unzählige Fotos mit uns in dieser Billardkneipe gemacht, auch als wir eigentlich schon dabei waren, wieder zu gehen. Diese Fotos vom Ende der Session haben mir am besten gefallen, die haben wir dann genommen. Ich mag die Atmosphäre, es sieht so aus, als ob da etwas ziemlich Ungutes passieren wird. Passt ja auch zum Titel, da fügte sich etwas zusammen.

Ich bin sicher, dass der Teppich in diesem Club schon vieles verschluckt hat.
Ja, Teppichboden in einem Club ist ein spezieller Lebensraum. Aber ich mag diesen Retrostil. Mit „Starvation“ wollte ich eigentlich ein ganz anderes Cover, wir konnten es aber nicht umsetzen: Die Band trägt weißen Hosen und weiße Jacken, also quasi ein Negativ von dem, wie man uns sonst kennt. Ganz in Weiß stehen wir in der Brandruine eines Hauses. Es scheiterte bislang daran, dass es kein abgebranntes Gebäude gibt, das passt. Ich werde diese Idee aber nicht aufgeben und hoffe, dass wir sie für das nächste Album umsetzen können.

Trauma Junkie – bezieht sich der Titel auf das Buch „Trauma Junkie: Memoirs of an Emergency Flight Nurse von Janice Hudson“ über ihre Arbeit als Rettungssanitäterin in Kalifornien? Der Ausdruck wird auch für Menschen verwendet, die in Krisensituationen zu Höchstleistungen auflaufen – und diesen Kick immer wieder suchen, wie Rettungskräfte oder Feuerwehrleute.
Ich mag den Klang. Zweimal sechs Buchstaben pro Wort, zwei Silben pro Wort. Es lässt viele Interpretationen zu. Und ich weiß, dass sich echte THE DOGS-Fans Gedanken machen, ich hoffe also, euch fällt etwas Gutes dazu sein.
Der Titel fasst das Album gut zusammen. Es geht darauf ja wie immer um die nicht so schönen Momente im Leben. Und ich frage mich manchmal, warum ich mir so Zeug eigentlich anhöre. Man könnte sich ja auch mit etwas Schönem beschäftigen.
Nun, auch mir fällt es viel leichter, negative Texte zu schreiben, als Glückseligkeit zu verbreiten. Deshalb war es auch ein ziemlicher Kampf für mich, den Text zum Opener „Back To Fucking“ zu schreiben. Der Song sollte ja irgendwie witzig sein. Ich habe daran lange herumgetüftelt. Ich bin trotzdem nicht zufrieden.
Ich mag den Song, denn er enthält ein paar Anspielungen auf das vorherige Album und den Track „I’m Done With Fucking, I Just Want To Dance“.
Der Satz „We’re back“ musste rein, aber es war so schwer. Ich kann bei CHEMTRAILS OSLO, einer anderen Band von mir, all den miesen Kram verarbeiten, die Texte sind wirklich finster. Ich schreibe die Songs, nehme sie auf. Schreibe die Texte. Aber ich singe sie nicht live, dafür hat CHEMTRAIL OSLO einen Sänger (lacht). Ich muss mich also nicht hinstellen und diese Texte vor anderen Menschen singen. In den CHEMTRAILS OSLO-Lyrics steckt ziemlich viel schwarzer Humor und Sarkasmus, da ist es einfacher zu schreiben.

Du hast ein Gespür für „Catch Phrases“, Zeilen, die sofort hängenbleiben. „This Is The Worst she felt in years“ in „Another Child Of The Cross“ zum Beispiel. Die Textzeile geht einem nicht mehr aus dem Kopf, wenn man sie einmal gehört hat.
So arbeite ich: Ich schreibe mir einen markanten Satz auf und baue dann drumrum. Ich habe eine ganze Sammlung an Sätzen, Satzfragmenten, Ideen. Und gerade diese Zeile wird oft wiederholt, es wird also alles immer noch schlimmer.
Wiederholung nutzt die häufiger als Stilmittel, der Text zu „Fuck em“ hat gerade mal 17 Wörter.
Wir proben gerade für die Tour, und da haben wir auch „Fuck em“ wieder gespielt – und ich habe mich gefragt, ob dieser Song wirklich von mir stammt. Ja, er ist von mir, aber er ist untypisch, die Gitarren sind anders als sonst. Aber ich mag ihn.
„Fuck You“ ist einer der wenigen Punk-Songs auf „Trauma Junkie“. Insgesamt erscheint mir das Album ein wenig zugänglicher. Am Ende biegt dann doch wieder alles in Richtung Katastrophe ab, auch wenn es gut anfängt.
Ja. Die Tracklist ist bewusst gewählt.
„Do You Miss Me AT All“ und „Come on“ – sind das zwei Teile einer Geschichte? Erst die Hoffnung, dass der oder die Verflossene noch zurückkehrt, und dann Wut und Trotz?
Wir streiten nicht viel bei THE DOGS, außer über die Reihenfolge der Songs. Es ist eine Geschichte, aber keine gute. Die Bonussongs der LP erzählen dann auch das Ende – und es geht natürlich alles andere als gut aus.
Wie findest du es, wenn man deine Alben mit einer zufällig gewählten Songreihenfolge abspielt?
Das mag ich nicht. Manches in unserem digitalen Leben ist einfach bescheuert. Ich werde immer analoger und schätze vermeintlich altmodische Dinge. Neulich habe ich mir einen iPod gekauft. Es gibt ein paar Typen in der Ukraine, die modifizieren die Dinger, da passt dann ein Terabyte Musik drauf. Das reicht für eine gute Sammlung. Ich weiß, dass das nicht wirklich analog ist, aber ich kann Musik hören, ohne dass mir WhatsApp-Mitteilungen oder anderer Kram vom Smartphone dazwischenfunkt.
Deshalb mag ich physische Veröffentlichungen, CDs. LPs, Bücher: Sie haben einen Anfang und ein Ende, es ist absehbar, wie viel Inhalt drinsteckt, man kann auch mal kurz durchskippen, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Online geht das nicht, es heißt auch nicht ohne Grund Doomscolling.
Ja, wenn du ein Buch liest, merkst du irgendwann, dass du dich dem Ende der Geschichte näherst. Ich habe mein Leben lang irgendwelche Fanzines und solche Dinge gemacht. Zuletzt ein Ding namens SchnØrr, mit Ivar Nikolaisen von KVELERTAK und THE GOOD THE BAD AND THE ZUGLY, das ist jetzt aber eingeschlafen. Aber auch WHITE URINE haben ein eigenes Fanzine, schicke ich dir zu.

THE DOGS haben seit langer Zeit ein stabiles Line-up.
Wir verstehen uns gut. Wir hängen zwar nicht wahnsinnig viel miteinander rum, jeder hat sein eigenes Leben. Aber wenn wir uns sehen, passt es. Als ich die Band gründete, habe ich nicht nach den besten Musikern gesucht, sondern nach Typen, die sich untereinander gut verstehen. Sie sind dann zu guten Musikern geworden! Mein Rat an alle, die eine Band gründen: Schau, dass du mit deinem Bandmitgliedern acht Stunden in einem Auto sitzen kannst, ohne dass ihr euch an die Gurgel geht. Wenn du dir das nicht vorstellen kannst, nimm den Typen nicht in deine Band auf!

Ihr werdet im Oktober wieder zusammen im Tourbus sitzen und durch Norwegen reisen. Ihr spielt in kleinen Venues an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, viele der Konzerte sind schon ausverkauft. Warum habt ihr keine größeren Hallen gebucht?
Weil es keinen Spaß macht, wenn man zu weit vom Publikum entfernt ist. Beim letzten Album hat mir nicht nur das Cover nicht gefallen, ich fand auch die Tour nicht gut. Die Hallen waren viel zu groß. Wir haben zwar viele Tickets verkauft, aber der Spaß blieb auf der Strecke. Ich will nicht zwei Meter vom Publikum entfernt sein, ich will den Fans in die Augen schauen! Wir müssen diese Band wieder kleiner machen. Wir können ohnehin nicht von THE DOGS leben, also sollten wir wenigstens genießen, was wir machen. Und wir fangen früher an. Ich will nämlich nach der Show an den Merchstand und mit den Leuten reden – und das geht nur, wenn du auch Zeit dazu hast und nicht sofort weiterfahren musst.

Da werden sich sicher viele freuen. GLUECIFER haben das im Frühjahr nach ihrem Konzert in Karlsruhe im Substage auch gemacht, sie waren auch auf der Aftershowparty in der Alten Hackerei, dem Club neben dem Substage. Da gab es viele glückliche Gesichter zu sehen, bei der Band wie bei den Fans.
Das habe ich über die Jahre gelernt, auch mit WHITE URINE. Stefan und ich machen alles selbst, wir verkaufen auch unseren Merch. Und der Kontakt zu den Leuten ist so toll, es macht viel mehr Spaß als mit THE DOGS. Also habe ich überlegt, wie ich auch mit THE DOGS wieder mehr Spaß haben kann: Wir spielen in kleineren Clubs, gehen früher auf die Bühne, lassen uns am Merchstand blicken. Das ist einfach besser: Menschen treffen, Kontakte knüpfen, reden.
Ich kremple WHITE URINE gerade zu einer komplett analogen Band um. Ich lösche die Songs von den Streamingplattformen und lege die Social Media Channels still. Leute haben mich gefragt, wie sie dann von unseren Konzerten erfahren werden. Nun, ihr müsst mir eure Adressen geben, ich verschicke Flyer! Und die Leute mögen es, sie schreiben mir Briefe, ich antworte. Beide Seiten müssen sich dafür Zeit nehmen, es ist langsamer, aber persönlicher.
Das weckt Erinnerungen an Tapetrading-Zeiten. Man musste viel mehr Zeit investieren, um an Infos und neue Musik zu kommen. Aber dadurch hatte alles einen höheren Wert. Es war immer ein tolles Gefühl, einen Umschlag mit neuer Musik aus dem Briefkasten zu nehmen.
Ich verkaufe keine WHITE URINE-Platten mehr im Laden. Wer eine haben will, muss sich melden und mich treffen. Wenn du also außerhalb Norwegen lebst, musst du jemanden finden, der mich für dich trifft. Ich will Menschen treffen, ihm die Platte übergeben und ein bisschen labern.
Die Alben von THE DOGS bekommt man noch per Online-Shop oder im Plattenladen. Unter welchem Genre würdest du THE DOGS denn einordnen? Psycho Rock?
Das gefällt mir, passt.

Seit dem Album „Starvation“ wissen wir: „Exceptations are Dangerous“, denn so heißt einer der Songs des Albums. Können wir trotzdem weitere Alben von THE DOGS erwarten?
Es ist schräg, jetzt über Trauma Junkies zu sprechen. Ich und Gitarrist Mads wir haben so viele Songs geschrieben, dass wir schon Demos für das nächste Album aufgenommen haben. Ich hoffe, dass wir im November das nächste Album einspielen. Es mangelt uns nicht an Songs, es mangelt uns an Zeit. Aber Mads hat einen Bauernhof gekauft und ein Studio gebaut. Ich denke, wir werden künftig wieder viel aktiver sein!
Wenn ihr im November ins Studio geht, könnt ihr ja vielleicht an die THE DOGS-Tradition anknüpfen und das Album wieder am ersten Montag des neuen Jahres veröffentlichen. Warum hat das bei den beiden letzten Alben eigentlich nicht geklappt?
Ja, das vermisse ich. Die Covid-Pandemie hat alles durcheinandergebracht, wir haben nicht wieder in den Rhythmus gefunden.
Ein guter Termin wäre auch der „Blue Monday“ – der dritte Montag im Januar. Der britischer Psychologe Cliff Arnall hat eine Formel aufgestellt, die Wetter, Schulden, Gehalt, Zeit seit Weihnachten, gescheiterte Neujahrsvorsätze und Motivation in ein Verhältnis setzt und festgestellt, dass am dritten Montag des Jahres die Stimmung besonders schlecht ist. Klingt nach Wissenschaft, Auftraggeber war aber ein Reiseunternehmen, das Urlaub verkaufen will.
Das ist eine grandiose Idee. Zumal es einfacher sein wird, ein Album am dritten statt am ersten Montag des Jahres rauszubringen.
Ihr habt wieder mit Produzent Chips Kiesbye zusammengearbeitet, wie auch für „El Verdugo“ und „Starvation“.
Wir haben Bass, Schlagzueg und Gitarren mit ihm in seinem Studio aufgenommen, eine Pause gemacht und den Gesang und Percussion in unserem Proberaum in Oslo aufgenommen. Der Mix kommt von Magnus Gulbrandsen – das hat damit zu tun, dass wir beim Mix alle in einem Raum sein wollten, Chips aber in Schweden lebt. Wahrscheinlich werden wir beim nächsten Album wieder alles selbst machen. Es geht einfach schneller. Wir lieben Chips, er ist ein grandioser Mensch, aber wir wollen schneller arbeiten und schneller fertig werden.
Was ist denn dein Lieblingsalbum von THE DOGS?
Die beiden ersten, „Set Yourself On Fire And Follow The Smoke“ und „The Tears Are Voodoo“. Es ist ein bisschen peinlich, aber „The Tears Are Voodoo“ ist bis heute unser bestes Album. Vielleicht, weil wir da gemerkt haben, dass diese Band funktioniert.

Und da ist „In This Bed“ drauf, einer meiner Top 10 Lieblingssongs. THE DOGS haben mir neue Horizonte erschlossen, ich habe auch Bands wie DEAD MOON durch euch kennengelernt.
„In This Bed“ ist live auch sehr beliebt, ich mag den Song auch. Vergangenen Freitag habe ich Kathleen „Toody“ Cole von DEAD MOON übrigens live gesehen, sie tourt nach dem Tod ihres Mannes Fred Cole alleine. Es war ein unglaubliches Konzert, eines der besten, das ich seit den 1990er Jahren gesehen habe. Diese Frau ist 77 Jahre alt, ich habe noch nie so viel Punkspirit gesehen wie bei diesem Konzert! Ihr Stimme ist nicht von dieser Welt, wenn sie singt, öffnet sich die Hölle. Ich war kurz davor, selbst mit dem Singen aufzuhören, an sie kommt niemand ran. Sie ist die Zukunft der Rockmusik! Eine alte Frau, die die beste Zeit ihres Lebens auf der Bühne hat – das bedeutet auch, dass du im Publikum eine der besten Zeiten deines Lebens hast.
Musik besteht für dich und THE DOGS auch zu einem großen Teil aus Liveshows, oder? Die Singles zu „Trauma Junkie“ hatten alle ein Livefoto als Cover, mit einer ganz bestimmten Bildsprache, die mich an das ikonische THE CLASH-Albumcover erinnert.
Ja, da könnte eine Verbindung sein. In erster Linie sind wir eine Liveband, und die Cover sollen natürlich auch darauf aufmerksam machen, dass wir wieder unterwegs sind.


Jedes Konzert hat ein eigenes Plakat.
Ja, das macht Spaß. Und es ist einfach wunderbar, ein echtes Poster in den Händen zu halten. Daran ist keine KI beteiligt. Ich habe wenig Angst vor KI – denn wenn sich KI-generierte Musik ausbreitet, also wenn alles gleich aussieht und gleich klingt, falle ich umso mehr auf. Hört gerne euren KI-Schrott, ich kümmere mich nicht darum. Nutzt so wenig Technik wie möglich, dann bleibt ihr einzigartig. Wir haben deshalb auch keine Clicktracks bei den Aufnahmen benutzt. Wenn das Tempo im Song nicht 100 Prozent regelmäßig ist, ist das gut, weil nur dann klingt es echt.
Der Song „7:25“ von „Trauma Junkie“ ist auch ziemlich einzigartig – und rätselhaft. Worum geht es denn?
Den Song hat unser Gitarrist Mads geschrieben, das macht es schwer für mich, einen Text zu finden. Und hier war es noch schwieriger: Er bestand nämlich darauf, dass „7:25“ im Text vorkommt. Und er wollte mir nicht erklären, warum oder was diese Zahlen für ihn bedeuten. Für mich ist es eine Uhrzeit und deshalb geht es in dem Song um Menschen, die nicht pünktlich sind.
Unpünktlichkeit empfinde ich als absolut unhöflich und – wenn es ständig vorkommt – als respektlos.
Exakt, es ist Diebstahl. Man stiehlt dir deine Zeit.
Ah, nun verstehe ich auch den Dialog, den du und die Band mit ihren Backinvocals in dem Song führen. Das ist ein bisschen wie in TYPE O NEGATIVEs „Unsuccessfully Coping with the Natural Beauty of Infidelity“ bzw. das Remake „I Know You’re Fucking Someone Else“ vom „Origin Of The Feces“-Album, wo Pete Steele „I know you’re fucking someone else“ singt und Kenny mit „He knows you’re fucking someone else“ antwortet.
Ja, Peter Steele war ganz groß im Sich-beschweren (lacht). Aber er war ein Guter. Schade, dass er nicht mehr unter uns ist. Als ich bei der Band DATSUN war, war ich mit Abstand das größte Bandmitglied. Die anderen sind genau genommen alle ziemlich klein. Es gibt einen Song mit dem Titel „I’m Not Tall“ (auf dem 1999 Album „Preaching the gospel of porn“) und die Backingvocals dort lauten: „Yes You Are, Yes You Are“. Live funktionierte das immer ganz wunderbar, es war fast wie ein Theaterstück.
Du hast ein Buch geschrieben über Beerdigungen von vereinsamten Menschen, bei denen keine Trauergäste dabei waren. „På vegne av venner“ (deutsch: „Im Namen von Freunden“). Und es gibt ein THE DOGS Album namens The Grief Manual. Gibt es da einen Zusammenhang?
Das hat tatsächlich nichts miteinander zu tun. The Grief Manual geht zurück auf den Podcast S.Town des US-amerikanischen Journalisten Brian Reed. Wenn ich jetzt erkläre, worum es geht, spoilere ich – ihr solltest aber selbst diesen Podcast anhören, er ist wahnsinnig gut. „På vegne av venner“ ist vor langer Zeit entstanden, ich meine das war Anfang der 2000er, „The Grief Manual“ ist von 2018.

Du schreibst Bücher, machst Musik, provozierst mit Kunstaktionen. Wie würdest du dich bezeichnen? Künstler, Musiker?
Ich bin eigentlich ein Radiomensch, meinen Lebensunterhalt verdiene ich damit, dass ich mit Menschen spreche. Mit meinem Bruder Aleksander mache ich seit über 30 Jahren das Musikradio-Programm Kvegpels. Vielleicht bin ich ein Radiomensch, der Songs schreibt. Ich kann mich der Wirkung von Musik nicht entziehen, kaum jemand kann das. Ich habe am vergangenen Donnerstag eine wirklich beeindruckende Erfahrung gemacht: Der norwegische König Harald V. lag im Sterben, alle wussten das. Ich lebe recht nah beim Stadtschloss in Oslo und bin rausgegangen, um die Atmosphäre in der Stadt zu erkunden. Viele haben sich vor dem Schloss versammelt, es war sehr ruhig, die Menschen haben geschwiegen, aber nicht geweint. Und dann kam da dieser alte Mann in seinem besten Anzug mit einem zerbeulten Instrumentenkoffer, er packte eine alte Trompete aus und spiele „Amazing Grace“. Als er fertig war, packte er die Trompete wieder ein und ging einfach. Als ich mich umsah, hatten fast alle Menschen Tränen in den Augen. Musik hat die ganze Situation verändert, ein alter Mann, der einen gar nicht mal so originellen Song gespielt hat. Es war ein Klischee, aber zeigte, wie viel Macht Musik haben kann. Interessant finde ich übrigens auch, dass die Stadt gerade viel schöner ist. Wir haben hier viele elektronische Werbetafeln, jetzt nach dem Tod des Königs dürfen dort für ein paar Tage keine Anzeigen eingeblendet werden, sondern nur das Porträt des Königs. Oslo ist so viel schöner ohne diese schreiend bunte Werbung. Sogar Todesanzeigen sind schöner als diese knallbunte, laute Werbung. Wir haben für ein paar Tage den unmenschlichen Kapitalismus aus dem Leben verbannt, aus einem traurigen Anlass, und es macht eine Stadt so viel attraktiver. Das ist verrückt, oder? Darüber werde ich einen Song schreiben. Trauer sollte hässlich sein, aber hier ist sie jetzt ästhetischer als unser kapitalistischer Alltag.