Können wir uns bitte gleich auf eine Sache einigen? CAIRISS mögen ein Post Black Metal- oder auch Blackgaze-Fundament besitzen, aber in ihren Songs passiert viel zu viel, um sie da hineinzupressen. Und das ist absolut beachtlich, denn „Wilderness“ ist das Debüt der Band aus Southampton, UK. In einer knappen Dreviertelstunde zeigen die sechs Musiker*innen, was ihn ihnen steckt, und das ist wirklich viel. „Wilderness“ ist ein leidenschaftliches und gefühlvolles Album, das wie selbstverständlich Shoegaze, Post Rock, Post Metal und Progressive Metal einfließen lässt, und in den meisten der sechs Songs passiert eine Menge, sodass es nicht verwundert, dass zwischen der Debüt-EP „Fall“ und diesem Album zehn Jahre verstrichen sind.
Mit „Nervosa“ startet das Album sehr kraftvoll. CAIRISS bauen den Song auf, von Post Rock geprägten Tremolo-Gitarren und E-Bow-Klängen ausgehend lassen sie die Komposition explodieren mit mitreißenden Riffs, zarten Leadgitarren, einer atmosphärischen Strophe und einem brachialen Chorus. Und trotz seiner acht Minuten wirkt das Stück absolut kompakt. Das Schöne daran ist: Es ist nicht nur dieser Song, der mitreißt. Es steckt eine Menge Liebe zum Detail in der Musik. Sie nimmt unerwartete Wendungen, steigert sich, hat mal betörend schöne, verzaubernde Momente und nimmt dann wieder dramatische und düstere Wendungen. Insofern passt der Titel „Wilderness“ sehr gut zum Album, denn auch dort kann sich das Leben frei und ungehindert ausbreiten.
CAIRISS agieren sehr frei und setzen sich auf ihrem Debüt „Wilderness“ kaum Grenzen.
„Wilderness“ ist anzumerken, dass bei CAIRISS alle Musiker*innen ihre Talente einbringen dürfen. Im Zentrum des Albums steht dennoch Sängerin Freya Brown, die neben einer intensiven und sehr starken Scream-Gesangsperformance auch als Texterin und Coverkünstlerin die Band ästhetisch prägt. Ihr Gesangsgegenstück ist Lydia Williams, deren Sopranstimme CAIRISS immer wieder etwas in Richtung Gothic Metal bringt. Auch die Instrumentalisten zeigen sich als gut eingespielt, gerade die Gitarristen toben sich aus, mit markanten Riffs und beachtlichen Soli. Das wird in „The Guide“ ausgekostet: Es beginnt als ruhiger Prog- und Post Rock-Song und baut sich groß auf, zerschmettert dann jegliche Harmonie und wird im zweiten Drittel aggressiv, aber dennoch bleibt dieses Artrock-Flair bestehen. Hier zeigt sich aber auch, womit CAIRISS zu kämpfen haben: diese großen, ausufernden Songs unter Kontrolle zu halten. Etwas mehr Straffung hätte dem Material gutgetan.
Dass es auch Songs gibt, an denen wirklich alles passt, beweist nicht nur der Opener, sondern auch das berührende „Wildfire“. Insgesamt balancieren CAIRISS geschickt auf diesem breiten stilistischen Terrain, um Kitschfallen weitgehend zu vermeiden. Sie lassen es aber zu, dass sie sich hin und wieder sentimental zeigen, und hier fangen sie ihr Publikum immer wieder ein, auch wenn sie sich zwischendurch mal verzetteln. Das passiert aber selten. Durch die immer wieder eingestreute Raserei ist die Band äußerst effektiv, und gerade, wenn sich aus den impulsiven Teilen wunderschöne Harmonien herauslösen, ist „Wilderness“ am besten. Dabei ist es egal, ob in den Songs märchenhafte SIGUR ROS-Momente („The Guide“ und „Wildfire“) stehen, ob sich OPETH-Soli („Dissociate“) einschleichen oder ob sich CAIRISS der relativ klassischen Subgenre-Ausrichtung von ALCEST und SYLVAINE hingeben, wie „Nervosa“ gleich zu Beginn verdeutlicht.
Auch wenn das Songwriting stringenter hätte sein dürfen, CAIRISS zeigen auf „Wilderness“, dass sie sich als Independent-Band nicht verstecken müssen.
Auch der Sound von „Wilderness“ ist wuchtig und voluminös, sodass CAIRISS in allen Belangen absolut konkurrenzfähig sind, selbst im direkten Vergleich mit den Big Playern im Genre. Und auch wenn das Songwriting gestrafft werden dürfte scheint es, als würden CAIRISS zwischendurch die Songs aus den Augen verlieren – glücklicherweise finden sie immer wieder ihre Richtung und bringen die Stücke zu einem befriedigenden Abschluss. CAIRISS und ihr leidenschaftliches Debütalbum sind ein lebender Beweis dafür, dass sich große Bands auch abseits der einschlägigen Labels finden. Wer melancholische und mitunter auch impulsive Musik liebt, die zwischen Post Metal, Post Rock, Black Metal, Shoegaze und Progressive Metal mäandert, liegt mit diesem Debütalbum goldrichtig.
Wertung: 7,5 von 10 Naturschutzgebiete
VÖ: 31. Juli 2026
Spielzeit: 42:40
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Lydia Williams – Vocals
Freya Brown – Vocals, Lyrics
Ethan Bishop – Guitars, Vocals
Martin Williams – Guitars, Vocals
Alex Taylor – Bass
Connor Frapwell – Drums
Label: Eigenproduktion
CAIRISS „Wilderness“ Tracklist:
1. Nervosa (Official Video bei Youtube)
2. The Guide (Official Audio bei Youtube)
3. Integrate (Official Audio bei Youtube)
4. Dissociate (Official Audio bei Youtube)
5. Retrace (Official Audio bei Youtube)
6. Wildfire (Official Lyric Video bei Youtube)
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