Fans ausgefeilter Melodien oder epischer Gitarrensoli waren an am 8. Oktober 2026 in der Kölner Essigfabrik definitiv nicht gut aufgehoben. Denn mit NAILS, WOLFBRIGADE, ROTTEN SOUND und INVUNCHE spielten gleich vier Band, die es kurz, laut und kompromisslos mögen. Dass es im Publikum trotzdem ausgesprochen entspannt zuging, gehörte zu den angenehmen Überraschungen des Abends.
Zunächst warfen jedoch die Deutsche Bahn und organisatorische Schwierigkeiten am Einlass meine Abendplanung durcheinander. Der Auftritt von INVUNCHE fiel damit leider aus. Ein Jammer, denn die Niederländer und ihre eigenwillige Mischung aus Black Metal und Punk versprachen einen durchaus interessanten Auftakt. Und so startete der Abend für mich mit ROTTEN SOUND, die seit mehr als drei Jahrzehnten ein fester Name in der Szene sind.
ROTTEN SOUND – wenn der Name Programm ist
Nach ihrem 2023 erschienenen Album „Apocalypse“ legte die Finnen im Dezember 2025 mit der EP „Mass Extinction“ nach. Und bewiesen, dass acht Songs in knapp zehn Minuten ausreichen, um ihre musikalische Botschaft unterzubringen. Auch live verloren die Grindcore-Veteranen wenig Zeit. Sägende Gitarren, Blastbeats und Keijo Niinimaas aggressive Vocals bestimmten das Geschehen. Dabei setzt die Band nicht ausschließlich auf Geschwindigkeit. Immer wieder sorgten groovende Passagen und Death-Metal-Einflüsse für Abwechslung, ohne den kompromisslosen Charakter der Musik aufzuweichen. Gerade diese Wechsel verliehen den kurzen Stücken die nötige Dynamik, damit die rasanten Songs nicht ineinander verschwammen.
Und dann verabschiedete sich zwei Songs vor Ende des Sets der Sound. Kein kurzer Aussetzer, kein streikendes Mikrofon – in der Essigfabrik wurde es schlagartig totenstill. Die Band nahm die Situation mit Humor. Auch das Publikum ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Während vereinzelte Zuschauer eine A-cappella-Einlage forderten, entwickelte sich im Pit eine fast schon komödiantische Szene: Die Fans hüpften im Kreis, schunkelten und schienen sich auch ohne Ton bestens zu amüsieren.
Auf der Bühne warteten die Finnen unterdessen darauf, dass sich die technischen Probleme beheben ließen. Doch sämtliche Bemühungen blieben erfolglos. Schließlich musste die Band ihren Auftritt vorzeitig abbrechen. Zwei Songs blieben auf der Strecke, dafür gab es einen Konzertmoment, der vermutlich noch länger in Erinnerung bleiben dürfte.
Micke Dahl bringt Bewegung in die Essigfabrik
Mit WOLFBRIGADE ging es musikalisch in eine etwas andere Richtung. Die Band, die Mitte der Neunziger unter dem Namen WOLFPACK gegründet wurde, hatte sich für ihre Show in Köln den optimalen Zeitpunkt ausgewählt. Denn nur einen Tag später erschien mit „Howl From Underground“ das neue Studioalbum der Schweden. Und selbstverständlich bekamen die Fans in der Essigfabrik eine exklusive Kostprobe geboten.
In Köln setzten WOLFBRIGADE auf treibende Rhythmen, raue Gitarren und eine ordentliche Portion Punk-Attitüde. Das funktioniert live ausgesprochen gut und sorgte auch in der Essigfabrik für ordentlich Bewegung vor der Bühne. Einen wesentlichen Anteil daran hatte Frontmann Mikael „Micke“ Dahl, der mit seiner charismatischen Bühnenpräsenz und reichlich Energie das Publikum mitriss. Auch wenn der Funke nicht bei jedem übersprang, lieferten die Schweden einen soliden, energischen Auftritt ab, den das Publikum entsprechend honorierte.
NAILS konzentrieren sich auf das Wesentliche
Dass NAILS nicht viel von musikalischen Umwegen halten, ist spätestens seit „Unsilent Death“ bekannt. Das Debütalbum der Kalifornier erschien 2010 und brachte es gerade einmal auf 15 Minuten Spielzeit. Auch „Abandon All Life“ (2013) und „You Will Never Be One of Us“ (2016) folgten dieser Philosophie. Die Band steht für eine aggressive Mischung aus Grindcore, Hardcore und Death Metal, die weder für ausgedehnte Arrangements noch für unnötige Verzierungen bekannt ist.
Auch live präsentierte sich die inzwischen wieder zum Trio geschrumpfte Band dementsprechend reduziert. Todd Jones übernimmt Gesang und Gitarre, Andrew Solis Bass und Backing Vocals und Carlos Cruz sorgt hinter dem Schlagzeug für das nötige Tempo. In der Essigfabrik präsentierten NAILS einen Querschnitt durch ihre Diskografie, bei dem auch ältere Stücke reichlich Berücksichtigung fanden.
Wer Wert auf eine imposante Bühnenshow legt, ist bei den Kaliforniern an der falschen Adresse. Jones und Solis blieben in Köln weitgehend auf ihren Positionen, große Bewegungen oder aufwendige Showelemente suchte man vergeblich. Ganz ohne Gestik ging es aber trotzdem nicht. Gerade Jones unterstrich seine Gesangsparts immer wieder mit theatralisch geballter Faust und setzte auch bei seiner Interaktion mit dem Publikum auf ausdrucksstarke Gesten. Ansonsten konzentrierte sich das Trio weitgehend auf die Musik.
Das mochte stellenweise etwas unspektakulär wirken, passte aber letztlich ziemlich gut zu einer Band, die auch musikalisch auf unnötigen Schnickschnack verzichtet. Stattdessen spielten NAILS ihr Set präzise, druckvoll und ohne unnötige Umwege. Die Wechsel zwischen rasanten Blastbeats, wuchtigen Gitarrenriffs und langsameren, groovenden Passagen verliehen den kurzen Songs eine Dynamik, die live besonders gut funktioniert.
Vor der Bühne herrschte derweil eine überraschend entspannte Atmosphäre. Die Essigfabrik hätte besser gefüllt sein können, doch das Publikum machte das Beste daraus. Trotz der musikalischen Härte blieb der Umgang miteinander bemerkenswert rücksichtsvoll. Aggressives Geschubse oder überambitionierte Kampfsporteinlagen waren an diesem Abend kaum zu beobachten.
Mit „Dollar Bin Generation“ und „Fear Based Life“ haben NAILS Anfang September zwei frische Songs veröffentlicht. Die neuen Tracks sind am 9. Oktober 2026 unter dem Titel „Fear Based Life“ als 7-Inch-Single auf Vinyl erschienen. Ein weiteres Studioalbum wurde für 2027 angekündigt.
NAILS – Setlist:
- I Will Not Follow
- Wide Open Wound
- God’s Cold Hands
- Endless Resistance
- Savage Intolerance
- In Exodus
- Tyrant
- Violence Is Forever
- I Can’t Turn It Off
- Dollar Bin Generation
- Fear Based Life
- Conform
- Scum Will Rise
- Life Is a Death Sentence
- You Will Never Be One of Us
- Friend to All
- Suffering Soul
- Unsilent Death