Kreator live in München 2026

KREATOR, CARCASS, EXODUS, NAILS: Konzertbericht – Zenith, München – 11.04.2026

Keine Ausreden: Früh aus den Puppen müssen nach einem Samstagabend die wenigstens, weshalb in München neben den Thrash-Veteranen KREATOR auch das hochkarätige Vorprogramm aus CARCASS, EXODUS und NAILS auf vollen Einsatz des Publikums hoffen darf.

Was lange währt, wird endlich gut: Bald 20 Jahre ist es her, dass wir KREATOR zuletzt auf der Bühne sehen durften. Damals noch unter freiem Himmel beim SUMMER BREEZE OPEN AIR, geht es diesmal nach München ins althergebrachte Zenith. Dort ist die deutsche Thrash-Metal-Legende eigentlich regelmäßiger Gast und dennoch hat es für uns terminlich irgendwie nie gepasst – bis heute jedenfalls, wo es noch dazu keine Ausreden gibt. Denn früh raus müssen nach einem Samstagabend die wenigsten, so dass sich das kernige Tourpaket schon vorab auf beste Bedingungen freuen darf.

Begleitet werden KREATOR nämlich von CARCASS und EXODUS, die beide selbst im Heavy Metal nahezu ikonischen Status genießen. Dagegen wirken NAILS geradezu Grün hinter den Ohren, obgleich das Trio seinerseits am 20-jährigen Jubiläum kratzt.


NAILS

Nails live in München 2026

Folglich müssen die US-Amerikaner auch nicht um die Gunst derjenigen betteln, die pünktlich angereist sind. So richtig voll wird es nämlich in der vorderen Hälfte der teils abgehängten Halle erst zum Ende des halbstündigen Sets, was allerdings keinesfalls den Einsatz des Anheizers schmälern soll. Auf der großen Bühne kann die recht statische Performance einerseits nicht die Intensität einer räudigen Clubshow entfalten, dank des massiven wie rohen Soundmixes ertönen NAILS dennoch überaus mächtig.

Dabei drückt die Band oftmals das Gaspedal bis zum Boden, fällt in „Lacking The Ability To Process Empathy“ jedoch auch mal auf drückenden Groove zurück. In den Seitenflügeln des Zenith beäugt man diesen bissigen Mix aus Grindcore und Hardcore tatsächlich eher skeptisch, dafür ist unmittelbar vor der Bühne in Windeseile etwas Bewegung zu erkennen.

NAILS liefern eine intensive Vorstellung

Nails live in München 2026

Klar, mit Melodie und Finesse können NAILS am frühen Abend weniger aufwarten, dafür führt Mastermind Todd Jones das Abrisskommando mit Härte und Konsequenz in die bayerische Landeshauptstadt. Wie sehr sich die Musiker indes selbst aufputschen, ist an Drummer Carlos Cruz abzulesen, den es im abschließenden „Unsilent Death“ für Teile des Stücks nicht mehr auf dem Hocker hält. Eine intensive Vorstellung, die nur zum Ende des Sets die ersten Zeichen der Abnutzung nicht länger verbergen kann.

NAILS Setlist – ca. 28 Min.

1. Suffering Soul
2. Lacking The Ability To Process Empathy
3. Conform
4. Scum Will Rise
5. Violence Is Forever
6. God’s Cold Hands
7. Wide Open Wound
8. Made To Make You Fail
9. I Can’t Turn it Off
10. I Will Not Follow
11. Endless Resistance
12. You Will Never Be One Of Us
13. Unsilent Death

Fotogalerie: NAILS


EXODUS

Exodus live in München 2026

Dass mit EXODUS nicht irgendeine Formation den zweiten Support-Slot füllt, ist verschiedenen Zeichen abzulesen. Da wäre natürlich der tosende Jubel aus dem Publikum, als das Quintett endlich die Bühne betritt, oder die gewaltigen Sprechchöre, welche das Set ab Song Nummer zwei konstant begleiten. Doch selbst so Detailfragen wie die überraschend dynamische Lichtuntermalung reflektieren das Standing, welches die Thrash-Urgesteine genießen.

Ihren Status wissen EXODUS darüber hinaus für sich zu nutzen: Zwar beginnt die Band mit dem aktuellen „3111“ relativ gemäßigt, setzt dann aber vor allem auf ihre Klassiker. „Bonded By Blood“ macht im Anschluss Nägel mit Köpfen – das erste von gleich drei Stücken des Debütalbums aus dem Jahr 1985. Kein bisschen gealtert sind dabei die flinken Gitarrensoli, die Gitarrist Gary Holt unter ekstatischem Beifall zum Besten gibt.

EXODUS haben sichtlich Spaß auf der Bühne

Exodus live in München 2026

Wie viel Spaß die Musiker selbst auf den Brettern haben, beobachten wir wiederum in „Blacklist“, wo sich Frontmann Rob Dukes kurzerhand Holts Plektron schnappt, um während Lee Altus‘ Solo selbst die Saiten der Rhythmusgitarre anzuschlagen. Ganz so sympathisch wie diese Einlage ist das ständige Spucken des Sängers im Gegenzug nicht. Ob man die eigenen Körperflüssigkeiten wirklich im Minuten Takt auf die Böden von Bühne und Fotograben entleeren muss?

Wenigstens macht Dukes ansonsten seine Sache ganz ordentlich, auch wenn er sich für unseren Geschmack die Plattitüden gerne sparen könnte: Alberne Singspiele und Lobhudelei müssen nicht sein, wenn die Fans EXODUS ohnehin aus der Hand fressen. So stürzt sich das – selbstverständlich – „lauteste Publikum in Europa“ – zu „The Toxic Waltz“ einmal mehr in den Pit, nachdem die Band zuvor verschmitzt SLAYERs „Raining Blood“ angeteasert hatte.

EXODUS Setlist – ca. 45 Min.

1. 3111
2. Bonded By Blood
3. Deathamphetamine
4. Blacklist
5. Goliath
6. A Lesson In Violence
7. The Toxic Waltz
8. Strike Of The Beast

Fotogalerie: EXODUS


CARCASS

Carcass live in München 2026

Im Glanz alter Tage baden sicherlich auch CARCASS, deren Setlist sich bis auf zwei Ausnahmen komplett auf die 90er Jahre und damit die Zeit vor dem damaligen Split stützt. Strategisch gesehen ist das ein kluger Schachzug, denn wie wir den Reaktionen im Zenith ablesen können, ist es exakt jene Ära der Briten, die man in der bayerischen Landeshauptstadt besonders ins Herz geschlossen hat.

Vielleicht ist der anfängliche Jubel nach dem Einstieg „Unfit For Human Consumption“ vom „Surgical Steel“-Album (2013) aus diesem Grund nicht ganz so euphorisch, wie ihn EXODUS erlebten. Das allerdings ändert sich im Handumdrehen, sobald Klassiker wie „Incarnated Solvent Abuse“ oder „Death Certificate“ angestimmt werden.

Jeff Walker wirkt mit weißem Hemd und Kurzhaarschnitt nicht wie der typische Metal-Frontmann

Carcass live in München 2026

Der Soundmix im Zenith ist in unserer Ecke leider etwas verwaschen, sodass der bluesige Touch von „Dance Of Ixtab“ verloren geht. Grundsätzlich aber haben wir schon Schlimmeres erlebt, so dass der charakteristische Stilmix der Band Wirkung zeigen kann – solange es jedenfalls nicht gar so ruppig und grindy wird wie in „Exhume To Consume“.

Dass Jeff Walker im weißen Hemd und Kurzhaarschnitt auf den ersten Blick mittlerweile mehr wie Versicherungsvertreter denn klassischer Metal-Frontmann wirkt, hat indes durchaus seinen Charme. Insbesondere weil der Bassist und Sänger bodenständig und sympathisch durch den Abend führt und sogar das Wohlergehen der Zuschauer:innen im Blick hat, indem er hier und da seine Wasserflaschen mit den ersten Reihen teilten.

Einen besonderen Applaus darf schließlich Tour-Drummer Waltteri Väyrynen (OPETH) einheimsen, welcher den kurzfristig ausgefallenen Dan Wilding ersetzt und keinen unwesentlichen Anteil daran trägt, dass die Fans liebgewonnene Stücke wie „Heartwork“ heute ohne Abstriche genießen dürfen. 

CARCASS Setlist – ca. 45 Min.

1. Unfit For Human Consumption
2. Buried Dreams
3. Incarnated Solvent Abuse
4. No Love Lost
5. Death Certificate
6. Dance Of Ixtab
7. Genital Grinder
8. Exhume To Consume
9. Corporal Jigsore Quandary
10. Heartwork

Fotogalerie: CARCASS


KREATOR

Kreator live in München 2026

Unser letztes Aufeinandertreffen mag eine ganze Weile her sein, doch lebten wir seither natürlich nicht hinter dem Mond. Deshalb sind wir umso gespannter auf die aktuelle Tourproduktion des Headliners, der auch heute wieder um eine passende Einstimmung bemüht ist. Zu den Klängen von Barry McGuires „Eve of Destruction“ erzählt ein animiertes Filmchen im Schnelldurchgang die blutrünstige Seite der menschlichen Geschichte nach. Die Referenzen auf historische Ereignisse und Werke sind zahlreich und klug miteinander verwoben, obschon ein kleiner Beigeschmack bleibt, wenn weltberühmte Gemälde wie Thomas Coles „The Course Of Empire“ oder Eugène Delacroixs „Die Freiheit führt das Volk“ wohl mithilfe generativer KI in Zeichentrick übersetzt werden.

Allzu lange darüber sinnieren können wir jedoch nicht, schließlich gibt das kurz darauf fallende Leinen den Blick frei auf eine pompöse Bühnendekoration, die von zwei plastischen Dämonen eingerahmt wird. Den Blick zieht aber das überdimensionale Pendant im Zentrum auf sich, dessen Augen in verschiedenen Farben leuchten und das stets nur einen Wimpernschlag davon entfernt scheint, Drummer Ventor in den Schlund der Hölle hinabzuziehen.

Feurige Spezialeffekte gehören bei KREATOR zum guten Ton

Kreator live in München 2026

Vollendet wird die Szenerie selbstverständlich durch diverse Spezialeffekte, die natürlich bei einer Arena-Show mittlerweile zum guten Ton gehören: CO2-Kanonen und Flammenwerfer sorgen für das Spektakel, das Stücke wie den Opener „Seven Serpents“ oder die ebenfalls aktuelle Single „Satanic Anarchy“ begleiten. So stimmig das visuelle Drumherum gestaltet ist, so gelungen ist der Soundmix im Zenith: Die Lead-Gitarre kann sich während der melodiebetonten Stücke mit Leichtigkeit behaupten, während es den energischen Tracks älterer Bauart keineswegs an Durchschlagskraft fehlt.

Folglich ist die Stimmung in der Halle schnell am Optimum angelangt: Erprobtes Material à la „Hail To The Hordes“ begleiten tausende Fäuste, während sich die Münchner:innen auf Bitten KREATORs für „Enemy Of God“ frühzeitig zur ersten Wall of Death versammeln. Dass die Thrash-Veteranen dem Stück erst den Auftakt von „Coma Of Souls“ vorschalten, scheint ein wenig irreführend, bringt die ekstatischen Anhänger:innen allerdings nicht aus dem Konzept. Im Gegenteil, erhebt man sodann im dringlichen „People Of The Lie“ inbrünstig die Stimmen, um Frontmann Mille die eigene Verbundenheit auszudrücken.

Für „Loyal To The Grave“ tauscht KREATOR-Sänger Mille die Gitarre gegen dunkle Engelsflügel

Kreator live in München 2026

Zwischen dem sympathischen Gitarristen und seiner Gefolgschaft scheint die Chemie ohnehin zu stimmen. Trotz manch kitschiger Ansage bleibt das Zenith am Ball und leistet selbst dann anständig Folge, als sich der Sänger zum rabiaten „Betrayer“ einen durchgehenden Strom an Crowdsurfern wünscht. Das Tempo halten KREATOR im weiteren Verlauf hoch, entlohnen Publikumseinsatz mit Showeinlagen, die von Fackelträgern, brennenden Puppen bis hin zu lodernden Feuerleisten am Bühnenrand reichen.

Die Gitarre indes tauscht Mille für die Hymne „Loyal To The Grave“ gegen einen Satz dunkler Engelsflügel ein, während den zweiten Sechssaiter so lange Bassist Frédéric Leclerq bedient. Skurril, doch ein bisschen Pathos passt irgendwie auch zum traditionell geprägten Song. Bissiger zeigen sich KREATOR bald in „Tränenpalast“, das nicht zuletzt dank Britta Görtz‘ (HIRAES) packender Gastdarbietung in Erinnerung bleibt.

KREATOR gelingt die Balance aus Alt und Neu

Kreator live in München 2026

Zwischen kompromisslosen Oldies wie „Endless Pain“ und dem abschließenden Evergreen „Pleasure To Kill“ dürfen freilich die Hits für die breitere Masse nicht fehlen: „666 – World Divided“ und das unkaputtbare „Violent Revolution“ sorgen auf der Zielgeraden für Auflockerung, so dass KREATOR nach rund 85 Minuten auf eine sichtlich zufriedene Meute blicken dürften.

Tatsächlich gelingt die Balance der beiden Seiten aus unserer Sicht ausgesprochen gut: Längen oder gar Eintönigkeit umschifft das Quartett geradezu routiniert, während showtechnische Schauwerte das Gesamtpaket stimmig abrunden. Sind KREATOR also 2026 eine bessere Band als noch damals vor 20 Jahren? Das wollen wir an dieser Stelle nicht entscheiden. Gewiss können wir jedoch feststellen, dass die Essener Urgesteine über zwei Dekaden in Würde zum hochklassigen Arena-Act gereift sind – und wir bis zum nächsten Wiedersehen sicherlich nicht nochmals so viel Zeit verstreifen lassen.

KREATOR – ca. 85 Min.

1. Seven Serpents
2. Hail To The Hordes
3. Coma of Souls / Enemy Of God
4. Satanic Anarchy
5. Hate Über Alles
6. People Of The Lie
7. Betrayer
8. Krushers Of The World
9. Hordes Of Chaos
10. Satan is Real
11. Loyal To The Grave
12. Phantom Antichrist
13. Tränenpalast
14. Endless Pain
15. 666 – World Divided
16. Violent Revolution
17. Pleasure To Kill

Fotogalerie: KREATOR

Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)