Alternde Black-Metal-Bands haben es nicht leicht. Was mit Anfang 20 gefährlich, entrückt oder zumindest angenehm unheilvoll wirkt, kann ein paar Jahrzehnte später schnell aussehen wie die Theater-AG des örtlichen Kulturzentrums. Stichwort CRADLE OF FILTH. Corpsepaint, Killernieten, theatralische Posen – irgendwo zwischen Blastbeats und Betablockern lauert die unfreiwillige Komik. Und so schrammen in die Jahre gekommene Schwarzmetaller nicht selten gefährlich nah am Rande der Lächerlichkeit entlang, wenn sie versuchen, ihre jugendliche Radikalität zu konservieren.
DARKTHRONE haben dieses Problem nie gehabt. Fenriz und Nocturno Culto müssen längst nicht mehr so tun, als müssten sie irgendwem den Teufel aus der Tiefgarage vorspielen. Im Gegenteil: Diese Band war schon immer dann am stärksten, wenn sie sich jeder Erwartung verweigert hat. Sie brauchen niemandem beweisen, wie böse, hart oder „trve“ sie sind. Schließlich waren sie selbst dabei, als der norwegische Black Metal in den frühen Neunzigern seine prägende Form annahm. Und dennoch wirken Fenriz und Nocturno Culto heute nicht wie zwei Männer, die verzweifelt ihr eigenes Denkmal abstauben.
„Pre-Historic Metal“ ist mehr als ein nostalgischer Rückblick
Vielleicht funktioniert „Pre-Historic Metal“ genau deshalb so gut. Hier geht es nicht um Fortschritt oder modernen, hochglanzpolierten Extreme Metal. Hier geht es um die Ursuppe. Wer DARKTHRONE vor allem über die großen Black-Metal-Meilensteine der frühen Neunziger definiert – „A Blaze In The Northern Sky“, „Under A Funeral Moon“, „Transilvanian Hunger“ –, wird auf „Pre-Historic Metal“ eines Besseren belehrt. Denn Fenriz und Nocturno Culto versuchen gar nicht erst, ihre eigene Legende nachzustellen. Stattdessen machen die beiden seit Jahren ziemlich genau das, worauf sie selbst Bock haben: räudigen, kantigen Metal irgendwo zwischen klassischem Heavy Metal, Doom, Speed Metal, Punk und frühem Death Metal.
„They Found One Of My Graves“ schiebt das Album mit seiner Mischung aus knochentrockenem Riffing und störrischer Energie an. DARKTHRONE klingen hier nicht primitiv, weil sie es nicht besser könnten, sondern weil genau dieser Sound seit Jahrzehnten ihr Markenzeichen ist. Fenriz und Nocturno Culto stehen für eine Klangästhetik, die nicht permanent nachbearbeitet, glattgezogen und sterilisiert wurde. „Pre-Historic Metal“ klingt so, als hätte jemand einen Verstärker aus einem feuchten Proberaum gerettet, kurz angepustet und dann beschlossen: Ja, reicht. Die Riffs haben diesen alten, fast archaischen Drive, der weniger auf große Refrains als auf Atmosphäre und Wiedererkennungswert setzt.

DARKTHRONE bleiben sich treu
Man hört hier keine Band, die beweisen muss, dass sie relevant ist. DARKTHRONE brauchen keine Hochglanzvideos, keine sorgfältig kuratierte Social-Media-Ästhetik und keine TikTok-tauglichen Image-Momente. In einer Musikszene, in der andere Künstler mit Reichweite, Look und Vermarktbarkeit punkten, wirken Fenriz und Nocturno Culto fast absurd entspannt. „Pre-Historic Metal“ verzichtet auf vieles, was im heutigen Metal als Standard gilt: keine massiv getriggerten Drums, keine bis ins Detail verdichteten Gitarrenspuren, keine Refrain-Mechanik, die auf sofortige Wiedererkennung zielt. Stattdessen dominieren trockene Riffs, schleppende bis mittelschnelle Grooves und ein rohes Soundbild.
Stark wird das Album vor allem dann, wenn DARKTHRONE ihre Liebe zum klassischen Metal nicht nur zitieren, sondern in ihre eigene Sprache übersetzen. „Siberian Thaw“ zieht das Tempo zurück und siecht mit schleppendem Groove und bedrückender Doom-Schwere vor sich hin. „Deeply Rooted“ wirkt seinem Titel entsprechend tatsächlich wie ein Song, der in den frühen 90ern geschrieben und produziert wurde. Das ist nicht spektakulär im klassischen Sinne, aber es hat Charakter. Und Charakter ist bei DARKTHRONE seit jeher wichtiger als Virtuosität.
Trotzdem zünden nicht alle Songs gleich stark. Mancher wirkt eher wie ein kauziger Jam aus dem Unterholz als wie ein zwingend durchkomponierter Track. „So I Marched To The Sunken Empire“ fällt im Albumfluss etwas kürzer und weniger massiv aus, während andere Stücke stärker nachhallen. Aber selbst diese kleinen Unebenheiten gehören bei DARKTHRONE fast schon zur DNA. Was „Pre-Historic Metal“ so sympathisch macht, ist seine völlige Abwesenheit von Anbiederung. DARKTHRONE müssen niemandem gefallen, und gerade deshalb funktionieren sie 2026 immer noch.
Diese Band war in den frühen Neunzigern prägend für den norwegischen Black Metal, aber sie ist längst nicht mehr nur ein Denkmal dieser Zeit. „Pre-Historic Metal“ ist damit kein zweites „A Blaze In The Northern Sky“, kein revolutionärer Einschnitt und wahrscheinlich auch kein Album, das DARKTHRONE-Skeptiker bekehren wird. Aber es ist ein starkes, ehrliches und erstaunlich unterhaltsames Spätwerk einer Band, die ihre eigene Legende nicht beweihräuchert. Old school? Ja. Uralt? Vielleicht. Aber altbacken? Auf keinen Fall.
Label: Peaceville/Tonpool
Veröffentlichung: 08.05.2026
Formate: LP / CD / Digital
Spielzeit: 41 Minuten
DARKTHRONE „Pre-Historic Metal“-Tracklist
- They Found One Of My Graves
- Pre-Historic Metal
- Siberian Thaw
- Deeply Rooted
- The Dry Wells Of Hell
- So I Marched To The Sunken Empire
- Eat Eat Eat Your Pride
- Eon 4
Line-Up
Gylve Fenris „Fenriz“ Nagell – Schlagzeug, Gitarre, Bass, Vocals
Ted „Nocturno Culto“ Skjellum – Vocals, Gitarre, Bass
Homepage: https://peaceville.com/bands/darkthrone
Instagram: https://www.instagram.com/darkthroneofficial