CEREMONY: Tell Me Your Dream

CEREMONY treibt es in die Achtziger: Nach der Synthrock-Phase vor sieben Jahren, landen die Kalifornier auf ihrem gewitzten Album „Tell Me Your Dream“ im Post Punk. Steht ihnen gut!

Den Sprung in den Olymp des zeitgenössischen Punkrocks haben CEREMONY bisher nicht geschafft, auch nicht, obwohl sie den Hardcore beiseitegeschoben und ein paar Jahre später flotte Synthesizer eingebaut haben. Eine Populatitätsbremse war wohl auch die lange Zeit seit dem letzten Album „In The Spirit World Now“, das in ein paar Wochen sieben Jahre alt wird. In der Zeit sind Bands wie HOME FRONT entstanden, die sich von CEREMONY inspirieren ließen. Zum weiteren Vergleich: Vor sieben Jahren trug der Verfasser seine Tochter in der Trage auf und ab, vergangene Woche wedelte sie mit ihrem ersten Zeugnis vor seiner Nase herum. CEREMONY wirken aber nicht, als hätten ihnen die sieben Jahre groß zugesetzt. Die EP „Vanity Spawned By Fear“ aus dem Jahr 2022 war dann der Peak in Sachen Synthpop-Evolution der Band, jetzt dreht sich die Windrichtung wieder.

Das zeigt schon, dass sich die Kalifornier sowas von gar nicht einengen lassen. Sie bringen mit „Tell Me Your Dream“ einen wilden Mix hervor, der trotz aller Eigensinnigkeit ziemlich gut funktioniert. CEREMONY limitieren sich stilistisch nicht und verschmelzen den Punkrock, der tief in ihrer DNA steckt, mit den Synthesizern und dem Post Punk, den sie über die letzten Jahre für sich entdeckt haben. CEREMONY klingen dadurch recht originell und frisch, und das ist nicht so selbstverständlich für eine Band, die seit 20 Jahren im Geschäft ist. „Tell Me Your Dream“ fährt eine große Bandbreite auf, hat aber einen guten Fluss, da die Basis der Band stets spürbar bleibt: krachende Gitarren, simple wie treibende Grooves und Ross Farrars Vocals.

„Tell Me Your Dream“ hat eine simple Basis, die genügend Raum bietet, damit sich CEREMONY entfalten können.

Auf diesem Fundament entsteht genügend Platz für eine gewisse Extravaganz, die durch Gitarrist Anthony Anzaldo in Form von Synthesizern und Optik zur Geltung kommen, oder auch durch Bassist Justin David dessen Basslinien etwas sehr Funkiges haben, siehe „Madness“. Insgesamt geht es stilistisch deutlich in die Achtziger und Neunziger, schon beim Opener „Prograde“, der sich Zeit lässt und einen Hauch THE JESUS LIZARD-Noiserock in sich trägt. CEREMONY zeigen sich hier und in den restlichen neun Songs als wütende, aber auch freche Band. Schon „Other Hells“ stellt CEREMONY in ein anderes Licht, hier steht wieder Punkrock im Vordergrund, verfeinert mit ein paar Synthesizern.

Man hat den Eindruck, CEREMONY können alles, sogar wenn sie wie in „Madness“ nach TALKING HEADS klingen; David Byrne wäre vermutlich Fan von diesem Song. So richtig geht „Tell Me Your Dream“ aber unter die Haut, wenn Melancholie à la frühe THE CURE hinzukommen und die Band wie in „Dark Summer“ oder „Antenna“ hingebungsvoll spielt. CEREMONY sind unglaublich tanzbar auf diesem Album und wirklich jeder der Songs zündet. Das funktioniert aber nur, weil sich die Band traut, in der Musikgeschichte zu wildern und alles einzubauen, was ihnen gefällt. Dennoch, in der zweiten Hälfte lockert die Band ein wenig den Griff: Ab „Justify“ sind die Songs nach wie vor richtig gut, aber nicht mehr sensationell. Erst beim abschließenden „Paradise“ mit seinem fast kitschigen Indie-Vibe erreichen CEREMONY wieder das Niveau der ersten Hälfte des Albums.

Bei „Tell Me Your Dream“ wippen sogar Robert Smith und David Byrne mit: CEREMONY sind starke Songwriter und noch bessere Performer.

So wenig sich CEREMONY stilistisch binden wollen, so stabil sind sie lyrisch, vor allem in Bezug auf ihr Heimatland die USA. „Tell Me Your Dream“ ist voller Zynismus und Sarkasmus, aber irgendwo auch hoffnungsvoll und mit einer gewissen Innensicht versehen. Das Album kracht aufs zweite Hören, der Sound klingt zunächst etwas zu sanft, aber begreift man die Musik, ist dieser Klang genau richtig: Der Raum im Mix schafft Kohärenz bei gleichzeitiger Varianz. Insgesamt ist „Tell Me Your Dream“ ein gewitztes, cleveres und trotzdem bitteres Album, keines das mit seiner Heaviness alles platt walzt, aber eines, das trotzdem zur Eskalation drängt und gleichzeitig sehr emotional ist. Vielleicht ist das nicht Punkalbum des Jahres, aber eine sehr starke Rückkehr die Band aus Rhonert Park.

Wertung: 8 von 10 Traumdeutungen

VÖ: 7. August 2026

Spielzeit: 31:00

Line-Up:
Ross Farrar – Vocals
Anthony Anzaldo – Guitar, Synthesizer, Keyboards
Andy Nelson – Guitar
Justin Davis – Bass
Jake Casarotti – Drums

Label: Relapse Records

CEREMONY „Tell Me Your Dream“ Tracklist:

1. Prograde
2. Other Hells (Official Audio bei Youtube) 
3. Madness
4. Dark Summer (Official Video bei Youtube) 
5. Deep Down Where I Belong
6. Antenna
7. Justify
8. Death Destruction Mayhem (Official Visualizer bei Youtube) 
9. 10 Planets
10. Paradise

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