Wir alle kennen diesen schmalen Grat zwischen kauziger Selbstironie und der Ursache für Fremdscham. Gerade dieser Balanceakt ist wohl eine der größten Stolperfallen im zeitgenössischen Power Metal, wo man sich im Ringen um Klicks für keinen Schwachsinn zu schade scheint. Dinosaurier, Ninjas, Zwerge, Wikinger, Einhörner, ja sogar verdammte Glühwürmchen haben es schon auf das Konzeptpapier so mancher Kapelle geschafft.
Deshalb können wir froh sein, dass POWER PALADIN ihrem Namen gemäß einfach auf klassische Fantasy setzen, die sie noch dazu mit einem Faible für traditionellen Metal schmieden, um in der Metapher zu bleiben. Denn obwohl sich „Beyond The Reach Of Enchantment“ keineswegs dem Keyboard-Einsatz verschließt, ist das Zweitwerk der Isländer eindeutig mehr HELLOWEEN als Eurovision.
POWER PALADIN entwickeln einen unbändigen Zug nach vorne
Das Sextett geht spielfreudig und ohne verbitterte Ernsthaftigkeit ans Werk, findet aber innerhalb der Genre-Grenzen das richtige Vokabular, um eben nicht zur geltungssüchtigen Kirmes-Attraktion zu verkommen. Anders formuliert: Es ist die richtige Art von Kitsch, die POWER PALADIN verinnerlicht haben und mit einem unbändigen Zug nach vorne intonieren.
„Sword Vigor“ ist ein mitreißender Einstieg, voller Riffs, voller Shredding – und einem kurzen 8Bit-Synth-Einschub, der eigentlich komplett aus dem Rahmen fallen müsste und sich doch völlig natürlich in das Songgerüst einfügt. „Glade Lords Of Athel Loren“ behält den drückenden Unterbau, den POWER PALADIN aber mit prägnanter Melodieführung, einer eingängigen Hook sowie punktuell gesetztem Growling verfeinern. Raum für ausgedehnte Instrumentalpassagen, Soli und Keyboard-Gitarren-Duelle bleibt überdies zur Genüge.
Keyboards verwenden POWER PALADIN auf „Beyond The Reach Of Enchantment“ songdienlich und mit Umsicht
Ihren stilistischen Horizont lotet die Formation fernerhin in „Aegis Of Eternity“ mit seinen kleinen Thrash-Zitaten sowie „The Royal Road“ aus, wo Hard-Rock-Einflüsse den Arrangements einen schmissigen Anstrich verpassen. Die Botschaft scheint hier wie grundsätzlich auf „Beyond The Reach of Enchantment“ klar: Im Fokus steht die klassische Metal-Besetzung mit den Gitarren als federführende Akteure. Synthesizer sind auch für POWER PALADIN wichtig, jedoch in songdienlicher Hinsicht – das richtige Maß hält Keyboarder Bjarni Egill Ögmundsson.
Umsichtig agiert darüber hinaus Sänger Atli Guðlaugsson, der kräftig ins Mikro knurren kann, aber auch die hohen Töne spielend meistert. Ein Faible für Theatralik beweist beispielsweise „The Arcane Tower“ mit MAJESTICAs Tommy Johansson, das eindrucksvoll darlegt, dass selbst gellende TWILIGHT FORCE-Regionen im Refrain für die beiden Sänger kein Problem darstellen.
Das Songmaterial auf „Beyond The Reach Of Enchantment“ ist vielfältig, farbenfroh und doch kraftvoll
Seine Spritzigkeit erreicht „Beyond The Reach Of Enchantment“ also gerade, weil sich POWER PALADIN auf die klassischen Werte berufen. Das Songmaterial ist vielfältig wie farbenfroh und hat doch die Kraft, die wir uns von diesem Genre allein per Definition wünschen.
Obwohl die Spannungskurve des Albums in der letzten Viertelstunde ein wenig abflacht, wollen wir ausnahmsweise und in Vertretung für POWER PALADIN gerne selbst zumindest einmal die Grenze zum überbordenden Kitsch überschreiten: Denn wer braucht schon Ninjas, Dinosaurier und Glühwürmchen, wenn man stattdessen einfach ehrlichen und gut geschmiedeten Stahl haben kann? Eben.
Veröffentlichungstermin: 27.03.2026
Spielzeit: 48:26
Line-Up
Atli Guðlaugsson (Vocals)
Bjarni Þór Jóhannsson (Gitarre)
Ingi Þórisson (Gitarre)
Einar Karl Júlíusson (Drums)
Bjarni Egill Ögmundsson (Keyboard)
Kristleifur Þorsteinsson (Bass)
Produziert von Haukur Hannes (auch Mix), Jarni Egill Ögmundsson, Atli Guðlaugsson, POWER PALADIN und Frank De Jong (Mastering)
Label: Rock Of Angels Records
Homepage: https://www.powerpaladin.is/
Facebook: https://www.facebook.com/powerpaladinice
Instagram: https://www.instagram.com/powerpaladinice
POWER PALADIN “Beyond The Reach Of Enchantment” Tracklist
1. Sword Vigor (Video bei YouTube)
2. Glade Lords Of Athel Loren (Lyric-Video bei YouTube)
3. The Royal Road
4. The Arcane Tower (Video bei YouTube)
5. Aegis Of Eternity (Stream)
6. Camelot Rock City
7. Keeper Of The Crimson Dungeon
8. Valediction