Vor kurzem hatte ich diesen Gedanken: Ob wir doch schon inmitten dieser cyberpunkigen Zukunftsvision der 1980er stecken, in der die Technologie uns kontrolliert, in der Faschismus versucht, die Menschen gleichzuschalten nach Rollenbildern, die schon vergangen geglaubt waren. Dann ist man da, in diesem „Mad Max“-artigen Wüstensommer mit anderen Freaks in einem Pit und versucht etwas zu spüren, etwas Echtes zu fühlen, das nicht durch Algorithmen gesteuert wurde, das nicht von KI erzeugt wurde. 2026 ist es schon so weit, dass sich echte Kunst wie ein Widerstand anfühlt. Dieses Gefühl habe ich Ende Juni bei AUTHOR & PUNISHER und Mitte August bei CHAT PILE. Und gerade CHAT PILE erweisen sich als eine der eindringlichsten Stimmen der vergangenen Jahre. Kein Wunder, dass am 7. November 2024, als Trump zum zweiten Mal gewählt worden war, kein anderes Album als „Cool World“ lief.
Weniger als zwei Jahre später steht CHAT PILEs drittes Album in den Startlöchern (die Kollaboration mit HAYDEN PEDIGO nehmen wir hier mal aus). Wo anderen Bands in diesem Stadium der Karriere die Puste ausgegangen sein könnte, eben nach den ersten 6 intensiven Jahren der Karriere, zeigen die vier Musiker aus Oklahoma keine Anzeichen von Abnutzung. „Who Loves The Sun“ hat zwar mehr ruhige Momente als die Vorgängeralben, aber auch mehr Kontraste. CHAT PILE sind mal so niedergeschlagen, dass es weh tut, dann generieren sie aus diesem Drangsal den größten, ätzendsten Lärm. So wird „Who Loves The Sun“ zu einem Album, das noch im Noise Rock zu Hause ist, aber dennoch einen sehr eigenen Charakter hat.
„Who Loves The Sun“ zeigt CHAT PILE so brutal und ätzend wie selten, und doch sind es Schwermut und Verzweiflung, die auf diesem Album dominieren.
Und so beginnt das Album so hässlich, wie es zu erwarten war. „Creature“ startet mit pumpendem Bass, einem treibenden Groove und nicht so ganz brachialen Gitarren, steigert sich aber ab dem ersten Refrain merklich. Es brodelt in CHAT PILE, während Sänger Ray B. seine Texte ausspeit: Every creature / Led To Slaughter / Every City / Underwater. Als brillanter Lyriker legt er den Finger in die Wunde, als großartiger Frontmann singt er mal, macht dann Sprechgesang oder kotzt sich die Seele aus dem Leib, siehe „PEN I S MALL“, das CHAT PILE maximal brutal zeigt: Hier überschreiten sie die Schwelle vom Noise Rock zum Sludge eindeutig. So heavy hat man die Band selten erlebt, und höchstens die brachial stampfende Strophe und Pre-Chorus von „Influence“ sind nochmal ähnlich gewaltig.
Aber tatsächlich regieren vor allem Schwermut und Verzweiflung auf „Who Loves The Sun“. „Deep Blue“ schwankt zwischen Trauer und Bitterkeit und ist dank seiner perfekt ausgespielten Kontraste der vielleicht beste Song auf diesem Album. Doch gerade in der ersten Hälfte erlauben sich CHAT PILE keine Schwäche: In den pechschwarzen Songs „Same Rules“ und „Shrine“ fühlt man sich an die DEFTONES erinnert und wo wir schon dabei sind, „Intruder“ klingt, als hätten UNSANE eine Liaison mit KORN (sic!) gehabt. Ebenso bemerkenswert: „Family Funeral“ bringt das Storytelling der Band auf ein neues Niveau, indem es die kalte Rhythmik mit einem kaum auszuhaltenden Monolog verbindet und die dissonanten Leadgitarren den lyrischen Wahnsinn kongenial steigern.
CHAT PILE scheuen sich nicht, Einflüsse abseits vom Noise Rock einfließen zu lassen: „Who Loves The Sun“ vereint vieles aus dem harten Bereich der Neunziger zu einem kohärenten Ganzen.
CHAT PILE hämmern ihre pessimistischen Botschaften in die Hörer mit einer Vehemenz, die den ersten beiden Alben in nichts nachsteht. „Who Loves The Sun“ ist in der ersten Hälfte unglaublich stark, hat mit „Christabel ’26“ einen kleinen Durchhänger zu Beginn der zweiten Hälfte, endet dann aber furios. Insgesamt schafft es die Band aber doch besser denn je, ein ganzes Album zu schreiben und die einzelnen Stücke in einen großen Kontext zu setzen. Immerhin sind sie mittlerweile voll und ganz eingespielt, jedes Instrument sitzt am richtigen Platz, und gerade der Drumsound, der noch immer so gelungen nach dem Industrial der frühen Neunziger klingt, begeistert nachhaltig.
„Who Loves The Sun“ zeigt die hässlichen Seiten dieser Welt, handelt vom Spätkapitalismus, von den Failed States der Gegenwart und nahen Zukunft und den Menschen, die darunter leiden. Dass am Ende mit „October All The Time“ dann der ewige Herbst leise und eindringlich heraufbeschworen wird, sagt viel über CHAT PILEs Weltsicht aus. Und wir, die wir vom alltäglichen Wahnsinn zerrieben werden, unsere Kinder bedauern und beweinen, da die Welt, in der wir aufwuchsen sich deutlich weniger nach der dem Apokalypsenbrei aus KI, Krieg, Autokratie und Klimakatastrophe schmeckte, haben dank „Who Loves The Sun“ etwas, zu dem wir brüllen und weinen können, weil es sonst nicht mehr auszuhalten ist. Danke, CHAT PILE.
Wertung: 9 von 10 Müllhalden
Spielzeit: 43:51
VÖ: 4. September 2026
Line-Up:
Ray B. – Vocals
L. Manhole – Guitar
Stin – Bass
Drums – Cap’n Ron
Label: The Flenser
CHAT PILE „Who Loves The Sun“ Tracklist:
1. Creature
2. Deep Blue (Official Music Video bei Youtube)
3. Same Rules (Official Music Video bei Youtube)
4. PEN I S MALL (Official Music Video bei Youtube)
5. Intruder
6. Shrine
7. Christabel ’26
8. Influence
9. Family Funeral
10. October All The Time
Mehr im Netz:
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