Aber was heißt hier „obwohl“? Häufig sind es ja gerade die anspruchsvollen, schwierigen Kunstwerke, die nicht jedermanns Sache sind und daher ein Nischendasein fristen. Im Falle von NOEKKs verschrobenem Progressive Rock führte das sogar dazu, dass die Band sich nach zwei Veröffentlichungen vom Hauslabel Prophecy Productions verabschieden musste, dann ihr Heil im Selbstverlag suchte und nun (für Kassette und „Vintage Jewelcase Edition“-CD) beim House Of Inkantation untergekommen ist, einem Label, das sich die Verschrobenheit auf die Fahnen geschrieben hat und erst gar keine Ambitionen hat, dem Untergrund zu entkommen.
Das passt perfekt, will man meinen, revidiert die Meinung nach zwei-drei Durchläufen von NOEKKs neuestem Streich aber bald wieder, denn dann wird klar: „Vergessenes“ ist das bisher eingängigste, melodischste, atmosphärischste Werk aus dem Hause NOEKK; die Lieder atmen pure Melancholie und Sehnsucht und sind – das traumhafte, das Album kongenial abrundende Cover von Benjamin König lässt es bereits vermuten – das wahrscheinlich Schönste und Lieblichste, was Helm und Stock seit EMPYRIUMs „Waldpoesie“ zusammen geschaffen haben.
Prog, Kraut Rock und lieblichste Melodien
Und das, obwohl die musikalische Basis nach wie vor skandinavisch und deutsch geprägter Prog der 70er darstellt und Stock sich am Schlagzeug synkopisch und verspielt austoben darf: Da finden sich 6/8-Takte, klar, aber auch Ungerades hat sich eingeschlichen, und langweilig wird es zu keiner Sekunde. Was eben dann auch daran liegt, dass die für den Prog charakteristische Rhythmik nicht Selbstzweck wird, sondern die Melodien sinnvoll unterstützt und trägt.
Die wiederum werden nicht nur von Flöte und Gitarre, sondern vor allem von Helms kraftvollem Gesang in klassischer Kunstlied-Tradition dargeboten, was sicherlich Geschmackssache ist, aber ich konnte davon noch nie genug bekommen und kriege hier die Vollbedienung: Was für eine Stimme, was für ein Ausdruck, was für eine Seele! Ja, es wird gar mehrstimmig, wie im eindeutigen Höhepunkt des Albums, „Manch Bild vergessener Zeiten“, das alles vereint, was NOEKK so einzigartig macht, inklusive analogem Synthesizer, knackigen Gitarrenriffs, 5/4-Takt und einer geradezu bestürzend romantischen Klimax, die es spielend aufnehmen kann mit allem (!), was EMPYRIUM früher geschaffen haben.
„Vergessenes“ schafft einen emotionalen Höhepunkt nach dem anderen
Nein, es sind nicht nur die Gedichte Heinrich Heines (acht der neun Stücke warten damit als Text auf), die für den Extra-Schuss Romantik sorgen, es ist auch die Musik: Wo ich auf den früheren Alben schonmal ein paar Stücke lang warten musste für einen emotionalen Höhepunkt, lassen NOEKK es auf „Vergessenes“ einfach in jedem Stück krachen, was das Zeug hält, und als sie damit fertig sind, hauen sie mit dem kulturpessimistisch bitteren „Das Herz ist mir bedrückt“ und vor allem „Das alte Haus“ noch zwei eher an THE VISION BLEAK (oder gar BETHLEHEM zu „Mein Weg“-Zeiten?) angelehnte mitreißende Rocker raus und lassen den Hörer und die Hörerin so durchgeschüttelt verzückt am Wegesrand stehen, dass er oder sie gar nicht anders kann als „Vergessenes“ ganz bestimmt nicht zu vergessen, sondern alsbald wieder aufzulegen.
Werde ich also die imaginäre Höchstnote vergeben? Leider nicht, denn zum perfekten Album fehlt es nach dem wilden alten Haus an ein-zwei abrundenden Stücken, die das Werk dann auch über die 40-Minuten-Marke gehoben hätten. So endet es nämlich nach nur 33 Minuten doch etwas zu abrupt. Wie dem auch sei: Wer sich nach der Melancholie von „Weiland“ sehnt und auf perfekt produzierten Prog Rock mit phänomenalem Gesang steht, für den wird es in diesem Jahr musikalisch nichts Besseres mehr geben. Ein Meisterwerk!
Spielzeit: 33:20 Min.
Veröffentlichungsdatum: 28.08.2026
Label: House Of Inkantation
NOEKK „Vergessenes“ Tracklist
- Aus alten Märchen (Audio bei Bandcamp)
- Durch den Wald
- Sterne
- Es fällt ein Stern
- Herbstwind
- Manch Bild vergessener Zeiten
- Am fernen Horizonte
- Das Herz ist mir bedrückt
- Das alte Haus