STABBING WESTWARD: Wither ReWired

STABBING WESTWARD haben ihren goldveredelten Klassiker „Wither Blister Burn + Peel“ aus dem Jahr 1996 komplett neu aufgenommen. Braucht es das? Wenn Ihr heute noch die Tanzfläche erobern wollt, auf jeden Fall. Aus den klaustrophobischen Industrial-Rock-Elegien werden groovende Synth-Rock-Nummern, die kompakter, wuchtiger und tanzbarer klingen als die Originale.

Als die Industrial-Rock-Pioniere STABBING WESTWARD 1996 ihr Durchbruch-Album „Wither Blister Burn + Peel“ aufnahmen – allein in den USA verkaufte es sich 750.000-mal –, waren Depressionen und gescheiterte Beziehungen für Sänger Christopher Hall keine bloßen Songthemen. Er beschrieb sich rückblickend als einen Menschen, der schon früh viel depressiv gewesen sei und sich selbst als eine Art menschlichen Eeyore gesehen habe: permanent niedergeschlagen, pessimistisch und davon überzeugt, einfach ein ziemlich elender Typ zu sein. Seine Musik sollte Menschen erreichen, die sich ähnlich gefangen in den dunklen Seiten ihrer Psyche fühlten.

Ihre Songs über emotionalen Schmerz und psychische Abhängigkeit, über Kontrollverlust und Ausweglosigkeit klangen dreckig und leicht unaufgeräumt, als hätte sich die Verzweiflung darin förmlich festgebissen. Elektronische Geräusche, Samples und ein ständiges Grundrauschen lagen über den Gitarren und Drums, während sich die Songs langsam aufbauten, immer dichter und bedrohlicher wurden und schließlich explodierten. Und dann dieser Gesang: mal geflüstert, dann heiser herausgeschrien, dann wieder die Silben halb verschluckt. Es gibt Momente, in denen Hall seine Stimmbänder so stark beansprucht, dass auch der Hörer physischen Schmerz empfindet.

STABBING WESTWARD geben ihrem Klassikeralbum ein neues Gesicht

30 Jahre später haben STABBING WESTWARD ihr Klassikeralbum unter dem Titel „Withered ReWired“ komplett neu eingespielt. Oder genauer: Sänger Chris Hall und Walter Flakus, die beiden verbliebenen Gründungsmitglieder. Unterstützt werden die beiden von Carlton Bost (THE DREAMING) an der Gitarre und Bobby Amaro an den Drums.

Und die Frage ist natürlich: Warum? Braucht es das? Ich will hier gar nicht anfangen, all die schrecklichen Neueinspielungen aufzuzählen, die langjährige Fans von Bands in die Verzweiflung trieben – und sie im Zweifel dann doch das Portemonnaie zücken ließen. MANOWAR! PESTILENCE! Um hier nur zwei Beispiele zu nennen.

Ich kann die Frage nur für mich beantworten, und die Antwort lautet: Ja. Ich brauche das. Denn es handelt sich eben nicht einfach um Neueinspielungen. Auch wenn Songs und Texte identisch sind, haben STABBING WESTWARD ihrem Album ein komplett neues Gesicht gegeben.

Die Atmosphäre ist eine andere, die Grundstimmung ebenfalls, und auch die Arrangements wurden teilweise gehörig umgekrempelt. Dort, wo die Neueinspielungen Qualitäten des Originals verlieren, gewinnen sie neue hinzu. Und bei aller Nostalgie klingt dieses Album auch noch verdammt frisch. Es pulsiert, es groovt, es atmet. Natürlich ist es ein Nostalgietrip in eine Zeit, in der Acts wie NINE INCH NAILS oder MARILYN MANSON an der Spitze der Charts standen. Aber es ist kein Trip, der sich in Nostalgie erschöpft: Die Zeitmaschine hat einen bestens geölten Motor.

„Wither ReWired“ bittet auf die Tanzfläche

Die Unterschiede werden bereits beim Opener „I Don’t Believe“ erahnbar. Im Original tastet sich Hall flüsternd in seine Verzweiflung hinein, die Stimme leicht schief und deutlich gebrochen: „Ich bin so ein Arschloch, Gott, bin ich ein Versager / Ich krieg’s einfach immer wieder verkackt“, singt er über verstimmten, dreckigen Gitarren und schwer hallenden Drums. Der Refrain: beinahe gekräht. „Ich glaube nicht, / Dass ich so blöd und naiv sein kann.“ Teenager Angst, verrauscht, mit einem schwer verschleppten Industrial-Rhythmus. Die verfremdeten Drums hallen wider wie von blutverschmierten Wänden.

Und nun? Bitten STABBING WESTWARD plötzlich auf die Tanzfläche. Der Rhythmus ist von vornherein präsent, der Sound aufgeräumter und die einzelnen Elemente greifen stärker ineinander. Hall singt sich immer noch die Seele aus dem Leib – aber selbstbewusster und deutlich weniger gebrochen. Seine Stimme klingt kräftiger und kontrollierter.

Hall und Flakus lassen hier die Gegensätze nicht mehr so hart aufeinanderprallen, sondern betonen stattdessen die Melodik ihrer Songs. Es ist, als würden sie fragen: Habt ihr eigentlich gemerkt, dass wir damals richtig catchy Nummern unter der rauen Oberfläche versteckt haben? Dass wir Industrial Metal auch in der Stadionrock-Variante beherrschen? Alles klingt raumgreifender und aufgeräumter, zugleich kompakter. Und sie betonen Momente, die natürlich schon damals vorhanden waren, nun aber noch stärker in den Vordergrund rücken: den Alternative Rock. Den Clubsound. Und den Pop.

„Goth Club Banger“: Begegnung mit dem 18-jährigen Ich

Interessant ist dabei, dass Hall die Neueinspielung auch als Rückkehr zu den eigenen Wurzeln versteht, wie er in einem Interview mit regenmag.com erzählt. Seine spontane Reaktion beim erneuten Hören der alten Songs: „Why is everything so slow?“ Warum zur Hölle ist alles so langsam?

STABBING WESTWARD seien ursprünglich in den 80er Jahren als Industrial-/Dance-Projekt gestartet, doch im Laufe der 90er habe sich die Band zunehmend in Richtung Alternative und Radio-Rock orientiert. Für die Neueinspielung habe er die Songs auf ihre wesentlichen Bestandteile reduziert und sich gefragt, was sein 18-jähriges, Wax-Trax!-begeistertes Ich daraus gemacht hätte. Die Antwort: Goth-Club-Banger.

Man darf das nicht missverstehen. Die Gitarren sind auch hier präsent und durchaus wuchtig. Sie sind kein Alibi, sondern eine wichtige Zutat. Allerdings verlieren sie ihren verrauschten, grungigen Klang, der im Original gelegentlich auch an Stoner Rock erinnerte. Sie sind nun zugleich raumgreifender und cleaner. Und doch werden auch die elektronischen Zutaten ausgebaut: Die Synths spielen auf der Neuausgabe eine noch wichtigere Rolle. Es gibt deutlich mehr tanzbare, groovende Rhythmen, tiefere Basssequenzen und Four-to-the-Floor-Beats.

Hall, der auch für viele der Synthesizer verantwortlich ist, hat seinen Maschinenpark gegenüber damals deutlich ausgebaut. Heute kann er fette, leicht verstimmte Bässe mit aggressiven FM-Sounds schichten und mehrere Samples übereinanderlegen. Das Ergebnis sind scharfkantige, metallische Klanganteile, die dem Sound deutlich mehr Aggressivität verleihen. Gleichzeitig bekommt die Produktion durch die tieferen und dichter geschichteten Frequenzen mehr körperlichen Druck.

Manche Songs werden komplett gegen den Strich gebürstet

Es fällt auf, dass STABBING WESTWARD an ihre Songs unterschiedlich stark Hand anlegen. Und manche Nummern komplett gegen den Strich bürsten. „Why“ ist im Original eine klaustrophobisch dahin siechende Nummer, mehr gesprochen als gesungen, die direkt aus dem Kellerverließ psychischer Konflikte die Treppe heraufkriecht. Nun wird daraus ein tanzbarer Ohrwurm mit hellen Synth-Fanfaren, der den DEPECHE-MODE-Sound der 90er Jahre mit Alternative Rock vermählt. Und verdammt BIG klingt. Aus dem schwierigen Grundgerüst des Originals schälen sie einen echten Hit. Fast einschmeichelnd klingt hier der Gesang – und wunderbar nuanciert. Tribal-artige Drumsounds begleiten nun den Refrain.

„Falls Apart“ ist hingegen auch in der Neuauflage ein harter Industrial-Metal-Song mit peitschenden Rhythmen, der nun noch wuchtiger und atemloser aus den Boxen dröhnt. „Ich bin zerrissen und zerbrochen, / liege verstreut auf dem Boden, / alles ist jetzt sinnlos, / diese Stücke hier / können mich niemals wieder ganz machen. / Hier bricht alles auseinander“, flüstert, singt und schreit Hall. „Ich fühle mich hilflos, während meine verdammte Welt / auf mich niederbricht.“ Auch hier ist der Eindruck cleaner als im Original, zugleich wirkt der Bass präsenter, die Gitarren breitbeiniger. Während die Synths in der Strophe widerhallen, als würde ein Aluminiumblech gebogen.

Von der Manie zur Hymne

„So Wrong“ sendet nun Rave-Salven in den Nachthimmel, flackert neonfarben über Groovegitarren. Und dass der Refrain noch stärker ins Schaufenster gestellt wird: Wer kann es der Band verübeln? Knapp 900.000 Streams für das Original sind wirklich nicht schlecht, aber das Ding war keinen Deut schlechter und weniger hymnisch als die bekanntesten FOO FIGHTERS-Songs, die ein paar Trilliarden Zugriffe mehr erreichen. Auch diese Version hat Kraft, wobei sich Puristen (die sich für diese Band ohnehin nie interessiert haben) an den neu hinzugekommenen Synth-Gewittern stören werden.

„Slipping Away“ schickt sich an, mit schraubenden Sequenzen und Old-School-EBM-Beats „Fuck You Like an Animal“ von NINE INCH NAILS von der Tanzfläche zu stoßen. Und „Shame“, damals ein Hit mit MTV-Airplay, schleift die leicht windschiefen Noise-Rock-Anteile und die flehend-verschleppten Zwischenteile ab, um dem Hörer nun noch unmissverständlicher das Wort „Hymne“ in die Ohren zu drücken. Wo Hall früher flehte und fast winselte, gibt er jetzt den Rock-Crooner mit angenehmer Singstimme.

Zu behaupten, der Song würde den Hörer nun umarmen, wäre zu wenig. Diese Umarmung hat etwas Beängstigendes, sie gleicht eher einer Umklammerung. Hier spricht ein Ich, das dem Gegenüber vollkommen verfallen ist und ohne ihn keinen Sinn mehr sieht: „If you ignore that I’m alive, I’ve nothing to cling to.“ Ein Zustand zwischen Manie und Verzweiflung.

STABBING WESTWARD auf einer neuen Reflexionsstufe

Müsste man ein Fazit ziehen, so könnte man sagen: „Wither ReWired“ sind STABBING WESTWARD auf einer neuen Reflexionsstufe. Künden die damaligen Songs von emotionalen Ausnahmesituationen, von Verzweiflung und Wut, so blicken sie 30 Jahre später auf diese Zeit zurück. Sie haben ihre Emotionen sortiert und neu geordnet – und damit auch die Songs, die nun deutlich aufgeräumter wirken.

Es wird Fans geben, die mit den hier getroffenen Entscheidungen nicht wirklich glücklich sind. Die Laut-Leise-Dynamiken wurden eingeebnet, dafür lassen sie nun öfter die Muskeln spielen, auch bei den Extremen. Ja, das Album klingt glatter. Man schreit nicht mehr gegen die Wand oder stößt gar den Kopf dagegen – die Band bewegt sich nun souverän im Raum. Das Wilde, Berstende, Unmittelbare ist ein Stück weit eingeebnet.

Aber was hinzugekommen ist: eine neue Reife. Hier sind Musiker am Werk, die wissen, wie sie klingen und ihren alten Sound neu übersetzen wollen. Sie zerstören ihre Songs nicht, sondern definieren sie neu. Und das auf eine sehr gelungene, selbstbewusste Weise. Wo viele Neueinspielungen anderer Bands eher von Unsicherheit künden, gibt es hier eine klare Idee und eine Vision, wie STABBING WESTWARD anno 2026 klingen können. Keine Verlegenheitsmodernisierung. Sondern organische, dynamische Songs, die einfach verdammt gut geschrieben sind – was gerade in der kompakteren Version hörbar wird. Von daher eine klare Empfehlung.

Veröffentlichungsdatum: 10.09.2026

Spielzeit: 44:00

Line-Up:
Christopher Hall – Vocals, Synth and Programming
Walter Flakus – Programming, Guitar and Bass
Carlton Bost – Guitar and Bass
Bobby Amaro – Drums

Label: COP International

Mehr im Netz:
Bandcamp: https://stabbingwestward.bandcamp.com/album/wither-rewired
Instagram: https://www.instagram.com/stabbingwestward
Offizielle Webseite: https://www.stabbingwestward1.com/

STABBING WESTWARD „Wither ReWired“-Tracklist

1. I Don’t Believe
2. What Do I Have to Do?
3. Falls Apart
4. Crushing Me
5. Why
6. Slipping Away
7. Shame
8. Inside You
9. So Wrong
10. Sleep
11. Akegata (Dawn)