GODFLESH: Decay

Der selbstgewählte Niedergang von GODFLESH, Akt I: „Decay“ wertschätzt alle Facetten ihres Sounds als Vorstufe des Abgesangs.

Ein Schatten liegt über diesem Album, denn dieses Mal soll es wirklich so weit sein: GODFLESH machen Schluss. Nicht so wie 2002, sondern wirklich und so richtig. „Decay“ soll das vorletzte Album der UK-Industrial Koryphäen werden, und es macht sich bereits jetzt ein Abschiedsschmerz bemerkbar. Justin Broadricks Projekte, vor allem JESU und GODFLESH, begleiten nicht nur den Verfasser seit Jahrzehnten – aber immerhin scheint der Musiker nicht ganz die Instrumente aus der Hand legen zu wollen. Trotzdem: GODFLESH inspirieren bis heute Bands auf der ganzen Welt und haben sich mit „Streetcleaner“, „Pure“, „Selfless“, „Messiah“, „Post Self“ und „Purge“ in die Seele gehämmert. Und „Decay“? Das kann getrost in diese Aufzählung aufgenommen werden.

GODFLESH haben Startschwierigkeiten, danach schlägt „Decay“ aber voll durch.

Und das trotz des Starts. „Decay“ startet dubbig-doomig mit dem knapp neunminütigen „Master And Slave“, das zugleich das schwächste Stück des Albums ist. Es fühlt sich wie ein zu lang geratenes Intro an und kommt nicht so recht in Gang – schade. Danach nehmen GODFLESH einen U-Turn in Richtung „Purge“ und stellen das sehr brachiale, treibende „Living / Ending“ an die zweite Stelle im Album. Der Song groovt mit einem noisigen Beat, dissonanten Riffs und wütenden Vocals und zeigt GODFLESH so aggressiv wie lange nicht. Spätestens jetzt zeigt sich, dass die Bandbreite des Albums für die Verhältnisse des Duos sehr hoch ist. „Feral Colony“ klingt fast LoFi und erzeugt Kontraste und nervöse Spannung mit den cleanen Vocals, dem stampfenden Beat und dem punkigen Riffing, das von G.C. Greens gewaltig verzerrtem Bass unterfüttert wird – hier zeigen GODFLESH, dass nach wie vor bisher ungehörte stilistische Variation für sie möglich ist.

So geschlossen der Gesamteindruck beider Vorgängeralben war, so offen ist das Sounddesign von „Decay“, und doch wirkt es so, als bewegte sich das Album recht symmetrisch, eingefasst von zwei monolithischen, epischen Songs als Start- und Endpunkt. In der zweiten Albumhälfte stehen „Fear Of Man“ und „Fodder“ als Pendant zu „Living / Ending“ und „Feral Colony“, der eine Track etwas offener und bedrückter, der andere spröde und brutal, aber mit dubbiger Schlagseite. Generell ist es aber hörbar, wie GODFLESH die Nähe zum Drone auf „Decay“ suchen. Waren die Rhythmen auf „Purge“ noch von Hip Hop-Beats geprägt, ist vieles dubbig und langsam, und selten auch etwas vom Post Punk inspiriert. So schlagen GODFLESH erneut den Bogen zu ihrer eigenen Vergangenheit und bringen vieles von dem in ihren heutigen Sound, was in den späten Neunzigern schon einmal zu hören war, allerdings auf sehr schmutzige und brachiale Art und Weise.

Zwar ist die Drone- und Dub-Seite von GODFLESH auf „Decay“ sehr präsent, das Album vereint dennoch vieles von dem, was die Band über die Jahre auszeichnete.

„Decay“ haftet etwas beinah Rituelles an. Wie sich die Musik zwischen den beiden Endpunkten bewegt und wie am Ende mit „Consume Me“ ein düsteres, tranceartiges Momentum entsteht, wenn die Riffs ins Gehirn gedroschen werden, mit einem Kontrast zwischen den kratzigen Gitarren und den programmierten Drums mit seinen Tom-Rolls. Dieses monotone Finale entschädigt für den schwachen Albumstart und hämmert in Zeitlupengeschwindigkeit in Richtung Trance. Das Maschinelle, das GODFLESH auszeichnet, wirkt auf „Decay“ organisch und albtraumhaft, beinahe surreal. Kein Wunder, das Album ist vollgestopft mit verstörenden Sounds, seien es die kalten Rhythmen, die schmerzenden Gitarren, die wummernden Bässe, die zahlreichen Gesänge oder die klaustrophobischen Synthesizer.

Ein neues GODFLESH-Album ist immer ein Grund zur Freude, so auch dieses Mal. Und das, obwohl „Decay“ das zweite, vermutlich definitive Ende der Industrial Metal-Koryphäen einläutet. Zwar ist „Decay“ nicht auf demselben Niveau wie die Vorgänger „Purge“ (2023) und „Post Self“ (2017), dank seiner atmosphärischen Qualitäten und seiner Vielseitigkeit ist das vorletzte Album der Briten ein intensiver, pechschwarzer Trip. GODFLESH zeigen die Zähne und wirken bedrohlich und relevant wie in ihrer Frühphase, aber auch ätherisch und spirituell wie am Übergang zur JESU‑Ära. Das ist wirklich geglückt, auch wenn etwas Geduld und Vertrauen nötig sind, weil „Decay“ erst mit dem zweiten Song wirklich Fahrt aufnimmt. Aber in einer Sache sind wir uns ja eh einig: Einem Justin Broadrick darf man sein Vertrauen schenken, auch und gerade wenn sich das Schaffen seiner größten künstlerischen Leistung dem Ende entgegenbewegt.

Wertung: 7,5 von 10 Industrieruinen

VÖ: 25. September 2026

Spielzeit: 41:54

Line-Up:
Justin K. Broadrick – Vocals, Guitars, Programming
G.C. Green – Bass

Label: Relapse Records

GODFLESH „Decay“ Tracklist:

1. Master and Slave (Official Audio bei Youtube) 
2. Living / Ending (Official Audio bei Youtube) 
3. Feral Colony
4. Fear Of Man
5. Fodder
6. Consume Me

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