In die Kategorie „Diese Kollaboration kommt jetzt überraschend, macht aber total Sinn“ fällt LUSTMORD LOMBARDO. Seit 20 Jahren sind Brian Williams und Dave Lombardo schon befreundet, doch jetzt arbeiten sie erstmals zusammen. Dabei klingt es nicht so, als würden die beiden irgendetwas lieblos Zusammengewürfeltes ausspeien, viel mehr strahlt „The Pulse Of Atoms“ dieselbe Energie aus wie eine organisch pulsierende, dunkle Masse, also die kleinsten der kleinen Teilchen in aller Materie: unzähmbar, formbar aber mit fester Struktur. Dabei wagt sich hier vor allem einer aus der Komfortzone: Dave Lombardo hat nur wenige Einsätze, die an sein klassisches Drumming erinnern – und damit meint der Verfasser eher MR. BUNGLE denn SLAYER. Aber gerade aus diesen Akzenten, die über LUSTMORDs brachiale Dark Ambient-Drones gelegt werden, entsteht etwas Unberechenbares, das atmosphärisch ganz groß ist.
Bei LUSTMORD LOMBARDO wagt sich vor allem einer aus der Komfortzone: Dave Lombardo darf auf „The Pulse Of Atoms“ kreativ freidrehen.
Der Unterschied zwischen LUSTMORD und redundantem White Noise-artigem Dark Ambient war schon immer gewaltig. LUSTMORDs körperlich spürbare, meterdicke Soundwände sind wie meisterhafte, abstrakte Gemälde, so auch auf „The Pulse Of Atoms“. Dieses Mal jedoch mit dem Unterschied, dass durch LOMBARDOs Drumming eine weitere physische Ebene hinzukommt. Die Synthesizer werden durch das Schlagzeug ergänzt und erweitert, mal mit Grooves und jazziger Improvisationskunst wie in „Paleomagnetic Resonance“ und „The Desolate Shore Part I: Submergence“, und mal klingt es etwas Tribal-artig, siehe „An Eternal Presence Part I: Unknown“ und „An Eternal Presence Part II: Relentless“. Generell stehen aber LUSTMORDs meterdicke Soundwände im Zentrum, seine Sounds bilden die Basis der Musik und LOMBARDO ist vergleichsweise wenig zu hören.
Aber genau das Timing der Einsätze bringt Dynamik in die Musik, und das fette, wuchtige Sounddesign sorgt nicht selten für ein Gefühl, als säße man im Kinosaal in einem Denis Villeneuve-Film, vorzugsweise mit dem Soundtrack von JÓHANN JÓHANSSON. Der große Unterschied zu „The Pulse Of Atoms“ ist aber, dass diese Musik nicht an Szenen angelehnt ist, sondern eine Stunde lang fließt, hin zu den dunklen Ecken der Unterbewussten. Und so folgt das Album einem eigenen Narrativ: Während sich die Musik in den ersten drei Tracks immer mehr und mehr verdichtet, ist „Beyond The Vast Cold Waste“ zu Beginn trotz der Düsternis etwas luftiger und leichter, dann gibt es einige Push-and-Release-Momente, die das Publikum maximal beunruhigen, nur um in der zweiten Albumhälfte wieder das Volumen zuzuspitzen.
LUSTMORD LOMBARDO erzeugen auf „The Pulse Of Atoms“ das Gefühl, als säße man im Kino in einem richtig großen, dunklen Scifi-Film.
Insgesamt liegt „The Pulse Of Atoms” selbstredend fern von klassischen Songstrukturen, und das gestaltet die Kollaboration LUSTMORD LOMBARDO nicht leicht konsumierbar, vor allem wenn man eingängige Musik bevorzugt. Die sieben Tracks sind deutlich mehr als Background-Sounds, mehr noch: „The Pulse Of Atoms“ ist eine Stunde aufwühlende, unter die Haut kriechender Dark Ambient, der durch Dave Lombardos improvisiertes Schlagzeug eine zusätzliche Ebene an Unbehagen erhält. Der wuchtige, brachiale Sound des Albums zeigt, wie verstörend gut LUSTMORD LOMBARDO ihre Musik gestalten. Ein spannendes, geglücktes Experiment, das nicht zu jeder Zeit konsumierbar, aber faszinierend ist.
Wertung: 5 von 7 tanzende Atome
VÖ: 2. Oktober 2026
Spielzeit: 56:04
Line-Up:
Brian Williams
Dave Lombardo
Label: Ipecac Recordings
LUSTMORD LOMBARDO „The Pulse Of Atoms” Tracklist:
1. An Eternal Presence Part I: Unknown
2. An Eternal Presence Part II: Relentless (Official Video bei Youtube)
3. Paleomagnetic Resonance (Official Video bei Youtube)
4. Beyond The Vast Cold Waste
5. The Desolate Shore Part I: Submergence (Official Audio bei Youtube)
6. The Desolate Shore Part II: Emergence
7. The Abyssal Deep
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