WOLVES IN THE THRONE ROOM, WORM, FINAL DOSE: Konzertbericht – Turock, Essen – 28.10.2026

Schwere Weihrauchschwaden, dichter Nebel und unfreiwillige Pyrotechnik: Am 28. Oktober verwandelten WOLVES IN THE THRONE ROOM das Essener Turock in einen Ort düsterer Klanglandschaften. Gemeinsam mit WORM und FINAL DOSE zeigten die US-Amerikaner, wie unterschiedlich sich Black Metal auf der Bühne inszenieren lässt.

Als WOLVES IN THE THRONE ROOM am 28. Oktober 2026 in Essen gastieren, liegt nicht nur Musik in der Luft. Hier erlebt man Black Metal mit allen Sinnen: Es riecht nach Rotwein, aromatischem Räucherwerk und angekokelter Bühnendeko. Auf ihrer „Knights Of Tiamat“-Europatour hatten die US-Amerikaner ein atmosphärisches Gesamtkonzept im Gepäck, das an diesem Abend einen unfreiwillig feurigen Auftakt erlebte.

Zuvor sorgten FINAL DOSE und WORM für zwei höchst unterschiedliche Interpretationen dessen, wie BLACK METAL auf der Bühne aussehen sollte. Das Turock war an diesem Mittwochabend gut gefüllt, ohne unangenehm überlaufen zu wirken. Die intime Clubkulisse bot damit beste Voraussetzungen für einen Abend, der weniger von spektakulären Effekten als von Atmosphäre leben sollte. Zumindest theoretisch – denn an Effekten wurde an diesem Abend keineswegs gespart.

Zwischen Kerzenschein und Nebelschwaden entstand eine beinahe rituelle Atmosphäre.

FINAL DOSE: Black Metal mit der Brechstange

Den Auftakt übernahmen FINAL DOSE aus dem Vereinigten Königreich. Deren Frontmann erschien mit einer schwarzen Henkerskapuze, die dem Auftritt eine leicht befremdliche Note verlieh. Musikalisch setzte die Band auf eine ruppige Mischung aus Black Metal, Crust und Punk, die mit dem atmosphärischen Ansatz des späteren Headliners wenig gemein hatte. Statt ausufernder Klanglandschaften dominierten rohe Energie, rasende Drums und aggressive Gitarren.

Das Ganze wirkte in seiner Inszenierung zunächst etwas eigenwillig. Allerdings verzichtete die Band dafür auch auf jene romantische Verklärung, die den Black Metal der beiden folgenden Acts prägte. Die Briten präsentierten sich schroff, direkt und wenig an einer ausgefeilten Ästhetik interessiert – von der ungewöhnlichen Kopfbedeckung einmal abgesehen.

FINAL DOSE aus London bei ihrem Set im vernebelten Turock.

Schon beim Set von FINAL DOSE zeigte sich ein Problem, das sich durch den ganzen Abend ziehen sollte: Knallrotes Bühnenlicht und eine nahezu undurchdringliche Nebelwand sorgten dafür, dass von den Musikern kaum mehr als schemenhafte Umrisse zu erkennen waren. So viel Atmosphäre das neblige Setting auch erzeugen sollte – ein wenig mehr Sicht auf die Bühnengeschehen hätte der Stimmung sicherlich nicht geschadet.

FINAL DOSE – Setlist:

  1. Eternal Winter
  2. Weathered Axe
  3. Burned Crest
  4. Golden Chalice
  5. Throne
  6. Rite of Spring
  7. Black Wings
  8. Forsaken Armor
  9. Dark Paradise

WORM laden zur Zeitreise mit Kelch und Schwert

Mit WORM folgte eine Band, bei der man sich unweigerlich in die Zeit der zweiten Black-Metal-Welle im Norwegen der frühen 1990er-Jahre zurückversetzt fühlte. Schon der Auftritt von Frontmann Phantom Slaughter ließ erahnen, dass die Musiker aus Florida ihre Bühnenshow ausgesprochen ernst nehmen. Vielleicht ein bisschen zu ernst.

Mit einem Schwert bewaffnet betrat der Sänger die Bühne. Mal schwang er die Klinge bedrohlich durch die Luft, dann griff er zu einem Kelch mit einer dicken, roten Flüssigkeit. Black-Metal-Fans der ersten Stunde dürften sich das Szenario bildlich vorstellen können. Killernieten, Corpsepaint und ein Ledermantel rundeten die konsequente Inszenierung ab.

Musikalisch steckte allerdings erheblich mehr dahinter, als die überladene Optik zunächst vermuten ließ. WORM haben sich von ihren frühen Death-Doom-Wurzeln zunehmend in Richtung symphonischen Black Metals entwickelt. Das im Februar 2026 erschienene Album „Necropalace“ knüpft entsprechend an jene opulente, keyboardgetragene Atmosphäre an, die Bands wie EMPEROR und DIMMU BORGIR in den Neunzigerjahren kultiviert haben.

Live verbanden WORM diese nostalgische Ästhetik mit schleppenden Doom-Passagen, ausladenden Melodien und bemerkenswerter Gitarrenarbeit. Besonders die virtuosen Soli verliehen den Kompositionen eine besondere Dynamik. Dass die Bühnenshow gelegentlich hart an der Grenze zur Selbstparodie vorbeischrammte, schmälerte den musikalischen Eindruck letztlich kaum. WORM lieferten einen überzeugenden Auftritt, der zeigte, dass sich musikalische Qualität und eine gehörige Portion Theatralik keineswegs ausschließen müssen.

WORM – Setlist:

  1. Gates to the Shadowzone
  2. Necropalace
  3. Empire of the Necromancers
  4. Dragon Dreams
  5. Blackheart

Ein Ritual mit Startschwierigkeiten

Mit WOLVES IN THE THRONE ROOM wurde die Stimmung anschließend deutlich meditativer. Schon der Bühnenaufbau machte klar, dass die Band BLACK Metal ein wenig anders interpretiert. Es wurden zahlreiche Kerzen aufgestellt, das Licht gedimmt und die Bühne in dichten Nebel gehüllt.

Ganz reibungslos verlief die Vorbereitung allerdings nicht. Beim Anzünden der Kerzen setzte ein Roadie versehentlich Teile der Bühnendekoration in Brand. Zum zurückbleibenden Brandgeruch kam die Räuchermischung, die von Gitarrist Kody Keyworth in einer Schale auf die Bühne getragen wurde. Eine wilde Duftkombination, aber auch ein sehr deutlicher Einstieg in die Welt von WOLVES IN THE THRONE ROOM: Dieses Konzert beansprucht mehr als die Ohren.

Der Mann fürs Räucherwerk: WOLVES IN THE THRONE ROOM-Gitarrist Kody Keyworth.

Das passt zu einer Kombo, die Themen wie Naturverbundenheit und Spiritualität seit ihrer Gründung im Jahr 2002 zum Kern ihrer Musik gemacht hat. Der pazifische Nordwesten der USA mit seinem Küstennebel, den tiefen Urwäldern und zerklüfteten Klippen dient als prägende Inspiration für ihren „Cascadian Black Metal“. Bereits auf „Two Hunters“ (2007) verband die Band den extremen Sound des Genres mit weitläufiger Atmosphäre.

Das instrumentale „Celestite“ (2014) führte die Erkundung 2014 in experimentelle Gefilde. Vor diesem Hintergrund lassen sich Kerzen und Räucherschale als Fortsetzung einer lange entwickelten Ästhetik verstehen: Musik und Sinneseindrücke gehen hier Hand in Hand.

Anders als viele Vertreter des norwegischen Black Metals bezieht das Trio seine Ästhetik nicht primär aus antichristlicher Provokation oder demonstrativer Menschenfeindlichkeit. Stattdessen ist die Musik der Ausdruck einer spirituellen Auseinandersetzung mit der Natur. Die Band, deren Mitglieder zeitweise auf einer Farm im US-Bundesstaat Washington lebten, entwickelte daraus einen unverkennbaren Sound.

Das Räucherwerk erfüllt dabei eine besondere Funktion. Es sieht nicht nur geheimnisvoll aus, sondern verändert den Konzertraum in seiner ganzen Atmosphäre. Wo andere Genre-Vertreter auf Kunstblut und martialischen Posen setzen, schaffen WOLVES IN THE THRONE ROOM ein Setting, das eher an einen abgeschiedenen Wald als an einen Konzertclub erinnert.

Galen Baudhuin unterstützt die Band bei ihren Liveshows am Bass.

Auch im Turock entstand die Wirkung nicht allein durch Musik und Licht, sondern auch durch das bewusste Erzeugen eines beinahe meditativen Zustands. Das hatte allerdings auch seine Tücken: Der großzügig eingesetzte Nebel nahm der Bühne zeitweise so viel Kontur, dass aus mystischer Entrückung irgendwann eingeschränkte Sichtverhältnisse wurden.

WOLVES IN THE THRONE ROOM interpretieren Black Metal neu

Musikalisch blieb sich die Band treu, ohne sich auf die Wiederholung bewährter Ideen zu beschränken. Nach dem Intro „Crown Of Stone“ eröffnete der Titelsong des erst fünf Tage zuvor erschienenen Albums „Estuary“ das Set. Das Konzeptalbum erzählte von einer Welt rund tausend Jahre nach dem Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation. Damit führen WOLVES IN THE THRONE ROOM ihre seit Jahrzehnten gepflegte Naturmystik in ein postapokalyptisches Szenario über.

Tremolo-Gitarren und atmosphärische Keyboardmelodien verschmolzen zu ausgedehnten Kompositionen, die zwischen rasender Intensität und beinahe hypnotischer Ruhe wechselten. Gerade diese Dynamik gehörte seit jeher zu den größten Stärken der Kombo aus Olympia. Die Songauswahl bot damit einen gelungenen Querschnitt durch die verschiedenen Entwicklungsphasen der Band. Das Zusammenspiel aus monumentaler Härte und atmosphärischer Tiefe entfaltete dabei gerade in längeren Passagen seine volle Wirkung.

Allerdings dürften nicht alle Zuschauer im Turock diese musikalischen Feinheiten gleichermaßen wahrgenommen haben. Besonders unmittelbar vor der Bühne wirkte der Sound stellenweise wenig differenziert. Die einzelnen Instrumente verschwammen ineinander, und die komplexen Arrangements verloren einen Teil ihrer Wirkung. Weiter hinten im Raum präsentierte sich das Klangbild dagegen deutlich ausgewogener.

Durch den fehlenden Bühnengraben kamen sich Band und Publikum besonders nah.

Das muss nicht zwangsläufig am Mix der Band liegen. Gerade in kleineren Clubs können sich deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Hörpositionen ergeben. Bei einer Band wie WOLVES IN THE THRONE ROOM, deren Musik stark von vielschichtigen Arrangements lebte, fiel dieser Unterschied allerdings besonders ins Gewicht. Wer weiter hinten stand, bekam an diesem Abend nicht nur den besseren Gesamtklang, sondern konnte auch die musikalische Detailarbeit besser nachvollziehen.

Ein Abend voller Kontraste

Mit FINAL DOSE, WORM und WOLVES IN THE THRONE ROOM trafen an diesem Abend drei sehr unterschiedliche Ansätze aufeinander: rohe Aggression, opulenter Nostalgismus und naturverbundene Klangmystik.

Gerade der Kontrast zwischen WORM und dem Headliner hätte dabei kaum größer sein können. Während die einen mit Schwert und Corpsepaint auf bewusst überzeichnete Metal-Ästhetik setzten, fokussierten sich die anderen auf eine zurückgenommene, beinahe zeremonielle Präsentation. Beide Inszenierungen funktionierten auf ihre ganz eigene Weise und das Turock bot dafür einen passenden Rahmen: bodenständig, angenehm überschaubar und mit viel Nähe zwischen Musikern und Publikum.

Am Ende blieb ein intensiver Konzertabend, der musikalisch wie atmosphärisch überzeugte. Zwischen dichtem Nebel, Räucherwerk und mystischen Klanglandschaften fügte sich selbst die unfreiwillig entflammte Bühnendekoration nahtlos ins Gesamtbild ein.

WOLVES IN THE THRONE ROOM – Setlist:

  1. Estuary
  2. Ghosts Among the Obelisks
  3. Angrboda
  4. The Old Ones Are With Us
  5. Eostre
  6. I Will Lay Down My Bones Among the Rocks and Roots
  7. Crystal Ammunition