Um Freude geht es dann aber weniger: Kummer, Wut und Hoffnung seien (wenig überraschend) die bestimmenden Gefühle hier, lässt uns das Promo-Schreiben wissen, und Marleen Bügeners Stimme lässt daran keinen Zweifel: Die junge Frau legt in ihr finsteres, böses Krächzen und Kreischen einfach alles an dunkler Emotion, was sie hat. Das klingt so kraftvoll wie wütend, und man mag gar nicht glauben, dass die zerbrechlich wirkenden Gesangsmelodien (teilweise dem Trad Folk entlehnt) in den Liedern URISKs von der gleichen Person stammen.
Aber so ist das: Nicht nur der Albumtitel kann auf verschiedene Arten interpretiert werden, auch die musikalische Darbietung ist eine der kontrastierenden Extreme; besonders prägnant finden wir dies in der Single „The Hauled and the Waif“ ausgeführt, aber auch „Night Call: To You Who Lie Buried Face To The Ground“ (großartiger Titel!) berührt mit seinem zärtlich-melancholischen Akkordeon-Einsatz im schimmernden Kontrast zu den ansonsten dissonant und wüst das Klangbild dominierenden Gitarrenwänden.
Anspruchsvolle Kompositionen, Wall Of Sound – URISK drehen voll auf
Der differenzierte, bassbetonte Klang von „Shrivelling Lights“ weicht bei URISK inzwischen nämlich einer Wall Of Sound aus flirrenden Gitarren (vier an der Zahl, durch acht Amps gejagt, alles in Eigenregie zuhause aufgenommen). Bass ist zwar immer noch ausreichend zu hören, aber er ist nicht mehr so prägnant wie früher, was dem Genre sicherlich angemessen ist, aber auch ein wenig die Dynamik heraus nimmt. So dauert es, bis man sich in „Call“ reingehört hat, und wenn man bei URISK von Hits sprechen kann, sind sie noch weniger augenfällig geworden.
Kein Wunder: Benedikt Brixius, Songwriter und Gitarrist der Band, kommt aus dem Prog Metal, das hört man nach wie vor, und da braucht man dann eben Hingabe und Aufmerksamkeit auch beim Hören – und ganz sicher auch die passende Stimmung, dann springt irgendwann der Schalter um, und ich kann mich in dieser faszinierenden Melange aus totaler Verzweiflung, Melancholie und Aufbruch verlieren. Mit „Jaws Of Dawn“ hat Brixius immerhin noch ein etwas direkter ins Ohr gehendes Stück auf „Call“ platziert, und nach einigen Durchläufen erschließt sich auch der Rest.
Kohärenz, Haltung und Aussage
Denn es sind die kleinen Verschiebungen und Variationen in den überlangen Stücken, die den Stich geben; die großen, direkten Hymnen sucht man nach wie vor besser woanders. Das ist, ich gebe es zu, für einen Melodie-Junkie wie mich nicht immer einfach, und ich wünsche mir von einer Band, die ich so liebgewonnen habe, vielleicht doch eine etwas direktere Herangehensweise. Ja, „Shrivelling Lights“ hatte die stärkeren Ausnahme-Momente, aber „Call“ funktioniert besser als Ganzes, als kohärentes Album mit Haltung und Aussage, und wird so vermutlich auf lange Sicht bestehen können.
Zudem ist die unerbittliche Leidenschaft und Authentizität, die aus den Live-Performances Bügeners nur so trieft, auch auf Platte deutlich zu spüren. Faszinierend bleibt ebenfalls die Hingabe zum schottischen Gälisch, die hier sogar am Ende in einem komplett in dieser Sprache geschriebenen Songtext ihren Ausdruck findet; nicht nur deshalb ist „Fògrach // Spirit Flight“ ein Höhepunkt des Albums, auch musikalisch finden wir hier nochmal einen der emotionalsten Momente des Albums.
Die Entfremdung vom Leben als solches
Das Schottische ist für URISK dabei mehr als ein Gimmick. Durch die Verwendung dieser Minderheitensprache machen sie aufmerksam auf ihr eigentliches Thema: den Verlust der Verbindung zwischen Mensch und Natur in der Moderne; die Entfremdung vom Leben als solches in einer Welt, die immer weiter zerstört wird durch Hass, Konkurrenz, Künstlichkeit und totale Operationalisierung, mithin durch das, was der Kapitalismus den Menschen wenn nicht aufzwingt, so doch sicherlich wärmstens ans Herz legt.
Nun kann man diese Form der Romantisierung von Ursprünglichkeit sicherlich kritisieren: Nicht alles, was „natürlich“ ist, ist gut (und was ist überhaupt „natürlich“?); nicht alles, was Ursprünglichkeit und Ganzheitlichkeit behauptet, ist menschenfreundlich, ganz im Gegenteil, man denke nur an die Völkischen und die Rassisten. Andererseits: Ist Menschenfreundlichkeit noch ein sinnvolles Kriterium, wenn immer mehr Menschen das Denken und Fühlen verlernen, ihr Leben einer „Künstlichen Intelligenz“ anvertrauen, ihr kulturelles Heil in möglichst deftiger Reproduktion von Oberflächlichkeit suchen? Und nicht zuletzt: wenn sie immer wieder und immer länger Krieg führen, auch und gerne wieder zum angeblichen Wohle der Menschheit und ihrer hohlen Werte? Und dafür jubeln und begeistert „Verantwortung übernehmen“?
Nein, ich kann angesichts der brutalen Aushöhlung einer Welt, der – auch das übrigens Thema von URISK – trotz alledem immer noch ein Zauber innewohnt, jeden antimodernen Reflex mittlerweile gut verstehen; wenn auch nicht immer gutheißen, denn die von den Antimodernen angebotenen Mittel und Wege zur erneuten Verzauberung der Welt sind oft genug solche, die in ein anderes Elend führen würden. Den Ruf von URISK jedoch verstehe ich, auch angesichts von Freundschaften mit dezidiert politischen Metal-Bands wie TYRANNUS, als dezidiert antifaschistischen. Und rufe mit.
Spielzeit: 46:00 Min.
Veröffentlichungsdatum: 02.10.2026
Label: Vendetta Records
Line-Up:
Benedikt Brixius – Guitars, Bass, Accordion, Synths, Programming
Marleen Bügener – Vocals
Pepe Roldan Duran – Drums
URISK „Call“ Tracklist
1. Ro-Ràdh: Air Chall ’s Gruama
2. Uprooting
3. Jaws of Dawn
4. The Hauled and the Waif (Lyric-Video bei YouTube)
5. Night Call: To You Who Lie Buried Face to the Ground
6. A‘ Choille Ghruamach
7. Fògrach // Spirit Flight