Dabei klingt Sam Fairclough immer noch so böse, bitter und brutal wie vor 20 Jahren, als sie in eben jener fantastischen Emo-Violence-/Screamo-Band aus England das Mikro angeschrien hat. Die Screamo-Szene war damals klein und gemütlich, ein Hort der Freundlichkeit und des Zusammenhalts. Und wenn man das Glück hatte, in Westfalen zu leben, hatte man es nicht weit, wenn jedes Jahr viele ihrer Mitglieder in einer urigen Landkaschemme zusammen kamen, um auf Einladung des Labels React With Protest DIY-Punk und Emo-Krach zu feiern, auch und gerne zusammen mit BATTLE OF WOLF 359, die dort dann auch ihren Abschied zelebriert haben damals.
Nun, alles geht einmal vorbei, aber schön ist es, wenn auch mal was weitergeht. JØTNARR gibt es noch, Sam Fairclough gibt es noch, und es ist ein perfect match! Die Band war immer ein bisschen weniger Emo und ein bisschen mehr Black Metal, aber eigentlich alle extremen Metal-Genres zusammen. Wer sich das Cover von „Feet First On The Corpse Path“ genauer anschaut, wird dann auch nicht unbedingt auf die Idee kommen, dass es sich dabei um sonderlich emotionale oder gar atmosphärische Musik handelt.
Extremer Metal & emotionaler Hardcore in Perfektion
Und doch finden wir – liegt es am Einstieg Faircloughs? – hier ganz ähnliche Gitarrenharmonien und Arrangements wie bei den Star-Trek-Fans von damals. Wir finden auch viel Krach, Brutalität und Gewalt, keine Frage. Aber die Welt ist in den letzten 20 Jahren gar nicht mal unbedingt sehr viel besser geworden, zumindest wenn man es von der Perspektive eines alternden Sozialisten oder Anarchos betrachtet, und deshalb ist das nur folgerichtig und tut es wohl so gut, wenn eine Band wie JØTNARR einfach mal richtig einen raushaut.
Und das tut sie: Nach dem brachialen (und allerdings irgendwie deplatziert wirkenden) Opener „Every Stone A Grave“ startet das Album einfach noch ein zweites Mal mit einem klassischen Sprach-Sample und „Lady Of The Blade“, das mit seiner herrlich abgehackten Gitarrenmelodie direkt aus dem Screamo der 2000er-Jahre kommen könnte. „Luminous Veil“ groovet dann locker aus der Hüfte, „Hold Tight“ ist die stärkste Durchhalteparole in Emo-Form, die ich je gehört habe, und das Album-Highlight „Yestermorn“ strahlt als eine regelrecht epische und ungemein schöne Hymne voller Nostalgie und Wehmut. So geht es weiter, und es gilt eigentlich für die ganzen noch nicht einmal 28 Minuten. Da wird gefühlvoll (und ziemlich anspruchsvoll!) geballert, dass es ein reiner Wahnsinn ist, und Sam Fairclough knurrt und growlt uns voller Frust und Leidenschaft die Ohren und die Herzen voll.
Interessant dabei: Die Band kommt ganz ohne Bassgitarre aus, aber nicht ohne Bass. Sie nutzt zwei sich perfekt ergänzende Gitarren (kein Wunder: Simon Rollo und Chris Moore sind seit ca. 15 Jahren zusammen JØTNARR), aber eine ist eben oft für den Bass zuständig, was dem Sound sehr viel Dreck, aber auch angemessen viel Druck verleiht und den atmosphärischen Parts die nötige Grundierung gibt. Diese sind dann auch mein persönliches Highlight hier, wenngleich die lauteren Passagen, vor allem gegen Ende, aufgrund ihrer hohen Melodie-Orientierung auch ordentlich Gänsehaut erzeugen. Insgesamt haben wir es mit sehr versierten Musikern zu tun, die im Zusammenspiel häufig schon regelrecht progressiv wirken bei dem, was sie tun. Was für ein Monolith der extremen Musik, was für eine Wonne!
Spielzeit: 27:15 Min.
Veröffentlichungsdatum: 09.04.2026
Labels: Bunkland, Prismatik, SquigyPop, SuperFi
Line-Up:
Melv – Guitar
Simon – Guitar
Chris – Drums
Sam – Vocals
Tracklist JØTNARR „Feet First On The Corpse Path“
1. Every Stone A Grave
2. Lady Of The Blade
3. Luminous Veil
4. Hold Tight
5. Yestermorn
6. The Tremor Beneath All Things
7. Lychgate
8. Father Of Plagues