THE KEENING: Devotion

Ein Album als Andenken: „Devotion“ ehrt Rebecca Vernons Vater. THE KEENING zeigen mit diesen sieben Songs, was Hingabe bedeutet.

Hingabe ist so ein großes Wort, eines mit einer so tiefen und reichen Bedeutung, dass ich nicht aufhören kann, darüber nachzudenken. Vielleicht liegt es daran, dass ich in diesem Jahr, wann immer die Angst und Trauer wieder droht übermächtig zu werden, auf Andrej Tarkowskis Weisheit zurückgegriffen habe, auf seine Filme, auf das, was er gesagt hat. Und immer wenn ich hadere, komme ich auf seine Weltsicht zurück. Und dann erdet es mich und ich stelle fest, dass alles was zählt, Opferbereitschaft, oder auch Hingabe ist. Ziemlich offensichtlich, wenn man Kinder hat, die sich selbst – berechtigterweise! – ins Zentrum stellen. THE KEENING erzählen die Geschichte von „Devotion“ aus einer anderen, aber ebenso berührenden Sicht. Rebecca Vernon (ex-SUBROSA) begleitete ihren Vater in den letzten Jahren seines Lebens sehr intensiv, sodass sich der Kreis schließen konnte, Hingabe der Eltern an die Kinder und später vice versa.

THE KEENING mäandern zwischen Doom, American Gothic und Post Rock. „Devotion“ geht einen sehr eigenen Weg.

THE KEENING schrecken auf ihrem zweiten Album also nicht davor zurück, die großen Emotionen ins Zentrum zu stellen, auch weil es zwischendurch um die Schattenseite der Hingabe geht: Sucht. Manchmal liegen diese Pole so nah beieinander, dass unklar ist, was wirklich gefühlt wird. „Devotion“ lädt ein, sich in der Musik zu verlieren und zu reflektieren, es fließt ebenso wie Gefühle, die sich nur schwer kontrollieren lassen. Die erste Hälfte des Albums zeigt das sehr deutlich: Zwischen American Gothic, Post Rock und Doom mäandert „Devotion I – IV“, wobei THE KEENING vor allem bei der hypnotisch-schweren Doom Rock-Nummer in Hymnenqualität „Devotion III – The King“ alte SUBROSA-Qualitäten in den neuen Sound überführt und dann mit dem totalen Kontrast „Devotion IV – O Mother“ ein nahezu perfektes, zu Tränen rührendes Folk-Stück bietet, bei dem Klavier, Gesang und Streicher wie aus dem Lehrbuch arrangiert sind.

Nach diesen atemberaubenden Songs kann es auf dem zweiten Album von THE KEENING eigentlich nur bergab gehen, richtig? Rebecca Vernon nutzt dies allerdings zu ihrem Vorteil. Aus dem zunächst fast schon unspektakulären Folk von „A Little Bit Of Blood“ entsteht eine große, berührende Hymne, in der Rebecca Vernon mit großer Würde und viel Herzblut singt. „Time Travel“ bleibt vergleichsweise leise, ist aber umso dichter arrangiert und instrumentiert und erzeugt so eine ähnliche Erhabenheit wie das vorige Stück. Generell ist die zweite Hälfte von „Devotion“ ein klassischer Slow Burner, denn auch das abschließende „The Murder Of Anna Brown“ zelebriert American Gothic, liebäugelt mit einem großen, heavy Chorus und geht dann zurück in Richtung Folk. So nimmt sich die zweite Albumhälfte bewusst zurück und setzt auf einen langen Atem.

„Devotion“ kommt ohne große Effekte aus: THE KEENING zeigen wie reifes Songwriting klingen kann.

THE KEENINGs zweites Album endet leise, strahlt aber Faszination aus. Vielleicht eben weil die Dynamik nicht bis ins Äußerste ausgespielt wird und weil „Devotion“ dadurch eine elegante, feierliche Atmosphäre innewohnt. Rebecca Vernon lässt die Songs organisch fließen, statt mit jugendlicher Wut immer wieder in die Heaviness zu gehen. Das sorgt davor, dass vor allem „Devotion IV – O Mother“ im Gedächtnis bleibt und der Rest des Albums erarbeitet werden muss. Aber dank der äußerst vielschichtigen Instrumentierung, von Streichern bis Klarinette, legen sich die Kompositionen wie eine wärmende Decke um die Hörer*innen. Wenn die emotionale Bindung zwischen Musik und Publikum etabliert ist, öffnet sich das Album dann auch recht schnell.

„Devotion“ ist trotz allem kompakter als „Little Bird“ und fokussiert sich zusehends auf klassische Folk- und Singer-Songwriter-Strukturen, allerdings durch eine Doom-Brille betrachtet. Insofern gehen THE KEENING noch weiter als auf ihrem Debüt, obwohl, oder gerade weil es sich anfühlt, als wäre das Album reduzierter, vor allem in Bezug auf Songlängen. Die Kompaktheit tut dem Material gut, weil es auch die Emotionalität zu keiner Zeit verwässert. Im Gegenteil: THE KEENING zeigen auch musikalisch, wie Hingabe funktioniert. Die Hingabe an ein Album, an die Songs, im Vertrauen darauf, keine Aufmerksamkeit durch billige Tricks erhaschen zu müssen, ist etwas, das in diesen Tagen sehr wertvoll ist. Was bei all dem am wertvollsten ist: Zu spüren, wie tief die Verbindung zwischen Vater und Tochter gewesen sein muss. Allein deshalb strahlt „Devotion“ bei aller Trauer auch Hoffnung aus. Schönes Album!

Wertung: 8 von 10 Nester

VÖ: 16. Oktober 2026

Spielzeit: 41:28

Line-Up:
Rebecca Vernon – Drums, Guitar, Piano, Organ, Hammered Dulcimer, Vocals

Gastmusiker*innen:
Andrea Morgan – Violin, Viola
Lily Breshears – Harp
Kelly Shilling – Flute
Dan Patridge – French Horn
Jackie Perez Gratz – Cello
Lisa Lipton – Clarinet

Label: Relapse Records

THE KEENING „Devotion“ Tracklist:

1. Devotion I – Golden Threat
2. Devotion II – Fitful Sleep
3. Devotion III – The King (Official Audio bei Youtube) 
4. Devotion IV – O Mother
5. A Little Bit Of Blood (Official Video bei Youtube) 
6. Time Travel
7. The Murder Of Anna Brown

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