ADORNED GRAVES sind wieder da! Und damit eine Band, die ich bekanntlich für eines der bestgehüteten Geheimnisse des deutschen Metal halte. Spätestens mit „The Earth Hath Opened Her Mouth“ hat sich die Bruderschaft mit White-Metal-Anmutung in mein Herz gespielt. Tatsächlich sind Cailen Leif an der Gitarre und Deafon am Schlagzeug Brüder. Epik trifft auf eine gewisse Kauzigkeit, während die Gitarren melodisch singen und zugleich mächtige Riffs auffahren. Eine solche Kombination bekommt kaum eine andere Band hierzulande so überzeugend hin.
Über die Veröffentlichungspolitik lässt sich streiten: Mit „Dream II“ erscheint bereits die zweite EP innerhalb von zwei Jahren. Ich werte das einfach mal als Bekenntnis zur Qualität, statt möglichst schnell das nächste Langeisen um die Ecke zu bringen. Immerhin schöpfen ADORNED GRAVES die Möglichkeiten des Formats ordentlich aus: Mit 25 Minuten und 52 Sekunden kratzt die EP an der halben Stunde.
Exkursion ins gelobte Land der 80er Jahre
Mittlerweile hat es sich bei den Pfälzern etabliert, dass sie ohne festen Sänger agieren und stattdessen Gäste ans Mikro bitten. Das eröffnet ihnen die Möglichkeit, je nach gewünschter Stimmung die passende Stimme auszuwählen. Andererseits identifiziert man Bands oft genug mit ihrem Frontmann – ein gewisses Risiko ist das also auch. Ein ähnliches Konzept verfolgen die US-Proggies EARTHSIDE, die ebenfalls episch aufspielen, musikalisch aber andere Fährten einschlagen. Während Letztere gern mit dem Raumschiff in cineastische Weiten aufbrechen, satteln ADORNED GRAVES lieber ein Ross – mit Wappen und heraldischen Farben.
Denn ähnlich wie die Vorgänger-EP ist auch „Dream II“ wieder eine Exkursion ins gelobte Land der 80er Jahre – und eine Verbeugung vor den Vorbildern. Damit weisen die fünf Songs recht unterschiedliche Charakteristika und Klangfarben auf – ohne, dass sich die Pfälzer selbst verleugnen würden. Die Klammer ist ein Hang zu Epik, auch ein gewisser elegischer Grundton. Und das feine, bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Gitarrenspiel, das von einer fähigen Rhythmusfraktion gestützt wird. Andreas Wormser ist für die Leadgitarre zuständig, Lupus Veruta spielt wie gewohnt den Bass (Leute, das sind doch Synonyme, oder?).
Der Opener „Disaster“ fällt zwar etwas aus dem Rahmen, kommt dem gewohnten ADORNED-GRAVES-Sound aber noch am nächsten. Eine kompakte, flott geriffte Thrash-Nummer, die sich vor der Bay Area ebenso zu verneigen scheint wie vor weniger bekannten White-Metal-Bands à la DELIVERANCE. Die veröffentlichten 1990 mit „Weapons of Our Warfare“ eines der besten Thrash-Alben der Dekade – ein echter Geheimtipp. Das schneidende Riff ist superb, die Gitarren stieben im wilden Galopp dahin. Eingestreute Soli und Tempowechsel erinnern uns daran, dass die Band auch gern mal in progressiven Gefilden ihre Festung erbaut. Am Mikro steht hier Craig Cairns, den wir von TAILGUNNER kennen und der bekanntlich in höheren Lagen zu Hause ist.
Vom Klagepsalm zum Mutmacher
Das elegische „The Edge“ eröffnet mit Akustikgitarren und dunkel dräuenden Keyboards, um zunächst ein folkiges Feeling aufzubauen – und dann in einen getragenen Midtempo-Groover einzubiegen, der sowohl an die frühen MANOWAR als auch an DIO zu „Holy Diver“-Zeiten gemahnt. Die Atmosphäre ist mystisch, die Stimmung dunkel. Den Gesang übernimmt hier Dale Thompson von den christlichen US-Metallern BRIDE: eine Band, die bereits seit 1983 unterwegs ist und auf sagenhafte 18 Studienalben zurückblicken kann.
Auch die christliche Motivik wird hier aufgegriffen: Der Text erinnert an einen Klagepsalm, einen Ruf aus der Tiefe eines krisenbelasteten Lebens. „Wir alle leben unser Leben auf des Messers Schneide“, heißt es. Die Menschen erscheinen als Pilger, die sich durch eine dunkle Welt kämpfen und nach Orientierung suchen. Natürlich nicht, ohne dass ADORNED GRAVES auch einen Weg aus der Finsternis weisen: Durch die Dunkelheit werden wir straucheln und dennoch triumphieren. Ja, das hat Pathos und wiegt schwer. Aber wer bitte würde sich über Pathos im traditionellen Metal beschweren?
Der Titeltrack feiert das harmonische, mehrstimmige Gitarrenspiel von Bands wie WISHBONE ASH und früher IRON MAIDEN, wobei die melodischen Twin-Gitarren mit knackig groovenden Riffs kombiniert werden. Ein melodischer Rocker, der wieder leicht an DIO gemahnt und zugleich in Richtung Lancaster winkt – in der bereits 1086 gegründeten Hafenstadt sind die Brüder im Geiste WYTCH HAZEL beheimatet. Den rauen, leicht kehligen Gesang in höheren Lagen steuert Herbie Langhans bei, den wir als Session-Musiker von Bands wie AVANTASIA und KAMELOT kennen.
Inhaltlich gibt sich „Dream II“ als Mutmacher mit spirituellem Einschlag. Es geht um Neuanfang, Eigenverantwortung und die Suche nach Liebe – verbunden mit der Hoffnung auf Erlösung. Entsprechend heller ist die Grundstimmung, das Feeling fast leicht.
Die leichte Seite des Grabes
Im Mittelteil baut sich der epische Achtminüter „Light Side Of The Grave“ auf, der erneut mit melodischen und äußerst wendigen Leads daherkommt. Der Song eröffnet mit klaren, kaum verzerrten Gitarren und einer Sprechstimme, die von einer fast PINK-FLOYDesken Leadgitarre begleitet wird. Eine tiefe, melancholische Stimme legt sich über elegante Riffs, die Spannung wird langsam aufgebaut – Goth-Rock-Feeling stellt sich ein, Nebel steigt auf über dem offenen Grab.
Der Text arbeitet mit christlichen Zitaten, zunächst schlagen wir das Buch Hiob auf: Hiob verflucht den Tag seiner Geburt und wünscht sich, er wäre nie geboren worden. Die Dunkelheit soll diesen Tag verschlingen. Das ist keine gewöhnliche Trauer, sondern eine radikale Klage über das eigene Dasein. Doch der Song bleibt nicht in dieser Finsternis gefangen.
Im weiteren Verlauf treten Bilder von Licht, Nächstenliebe und Erlösung an ihre Stelle. Musikalisch nimmt der Song mehrere Wendungen und biegt in einen fast chaotischen Mittelteil ein, der durch melodische Leads immer wieder aufgelockert wird. Statt Gesang sind Rufe zu hören, widerhallende Echos aus verschiedenen Richtungen – irgendwo zwischen Orientierungslosigkeit und Aufbegehren, beinahe wie ein Zwiegespräch. Symbolische Bilder von Rettung und Hoffnung treffen auf menschliche Not, Gewalt und moralische Forderungen.
Die Gitarren reiten derweil in bester IRON-MAIDEN-Manier dahin. Gegen Ende greift die Band das melodische Grundmotiv vom Anfang wieder auf und führt die verschiedenen Stimmungen zusammen. Es ist der komplexeste Song der EP, der auch an den epischen Metal skandinavischer Prägung denken lässt – mit CANDLEMASS als möglichem Referenzpunkt.
Mit einer schmissigen Nummer werden wir aus dem Album entlassen
Uff, durchatmen! Nachdem uns die Band eine derartige Schwere zugemutet hat – ein Wechselbad aus Zweifel, Aufbegehren und Hoffnung –, werden wir mit dem vergleichsweise schmissigen Hardrocker „Starry Night“ aus der EP entlassen. Hier zeigen ADORNED GRAVES noch einmal kompakt ihre Facetten: ein düsteres, folkiges Akustikintro, harmonisierte Twin-Leads, ein Tempo, das verschleppt und wieder angezogen wird. Eine pathetische Sprechstimme mischt sich mit klarem, melodischem Gesang in hoher Lage, für den sich erneut Craig Cairns verantwortlich zeigt.
ADORNED GRAVES bieten erneut hochwertige Kost, wobei man den Pathos natürlich abkönnen muss, der durch die eingestreuten Sprechpassagen noch verstärkt wird. Aber hey: Bei DIO oder Epic Doom beschwert sich ja auch keiner darüber. Facettenreich erkunden die Pfälzer, welche Ausdrucksformen innerhalb der gar nicht mal so eng gesteckten Grenzen des klassischen Metal möglich sind – von fast archaischer Rohheit bis hin zu majestätischen Melodien und epischen Spannungsbögen. Auch diese EP sei allen Pilgern mit Metalkutte ans Herz gelegt, die im gelobten Land der 80er Jahre noch längst nicht jede Burg und jedes Fleckchen Erde besucht haben.
Der Beipackzettel enthält übrigens den ausdrücklichen Hinweis, dass sich die Band gegen jede Form von religiösen Extremismus ausspricht. Christliche Motive und ein Bekenntnis zu religiöser Toleranz müssen sich schließlich nicht widersprechen.
Veröffentlichungstermin: 25.09.2026
Spielzeit: 25:52
Line-up:
Cailen Leif Graever (rhythm guitars, bass, vocals, lyrics)
Deafon Graever (drums, vocals, lyrics)
Lupus Veruta (bass)
Wout Wormser (lead guitars, guitars, bass, production)
Lead Vocalists:
Craig Cairns (TAILGUNNER) – Disaster and Starry Night
Dale Thompson (BRIDE) – On the Edge
Herbie Langhans (AVANTASIA, FIREWIND, SINBREED) – Dream II
Fede Vogliolio – Light Side of the Graves
Label: Soundmass (Australia)
Homepage: http://www.adorned-graves.de/
Facebook: https://www.facebook.com/AdornedGraves/
ADORNED GRAVES “Dream II” Tracklist:
1. Disaster (offizielles Video auf Youtube)
2. On the Edge
3. Dream II
4. Light side of the Grave
5. Starry Night