Album Nummer 13 ist Chefsache: Lange genug hat es gedauert, bis AMON AMARTH den nordischen Göttervater zur Leitfigur ernannt haben. Zwar wussten die Schweden vor 20 Jahren den Einäugigen bereits an ihrer Seite (2006), doch als Hauptcharakter rückt das Oberhaupt der Asen erst jetzt in den Fokus. Dass zuvor bereits Loki, Thor oder der Feuerriese Surt ihre eigenen Platten bekamen, soll dabei den Einfluss Odins nicht schmälern. Zwar ist „The Allfather Awakens“ keineswegs als Konzeptalbum erdacht, die Rolle des namengebenden Hauptgotts geht jedoch über die eines simplen roten Fadens hinaus.
Viele Kapitel seiner Sage haben AMON AMARTH freilich schon zuvor besungen, doch fördert das Quintett in der wiederholten Auseinandersetzung mit der Mythologie weiterhin neue Facetten und Details ans Licht. Nicht nur in lyrischer Hinsicht, wohlgemerkt, obschon der Auftakt „Gjallarhorn“ bis hin zum kitschigen Wikingerchor eher klassische Tugenden ins Gedächtnis ruft. Was der Track an Innovation missen lässt, macht das abgezockte Arrangement mit Leichtigkeit wett: Jocke Wallgrens Drumming ist verspielt und schwungvoll, während die melodischen Gitarren zielstrebig jenes Terrain umpflügen, das die Skandinavier schon in der Vergangenheit so zuverlässig nach ihrem Belieben geformt haben.
AMON AMARTH agieren auf „The Allfather Awakens“ routiniert, wagen sich aber zwischendurch an Neues
Geebnet wird diesmal der Weg für „Eight Legs Of Thunder“, das im Anschluss selbstbewusst über die weiten Felder galoppiert – die Gitarren geben den Takt vor und wir ziehen mit, auch wenn AMON AMARTH hier tendenziell das Risiko scheuen. Dabei ist es grundsätzlich weniger der fehlende Mut, den wir ankreiden möchten, als die Macht der Routine, welche die Band immer wieder in gewohnte Bahnen zurücklenkt. Besonders deutlich wird das in der Single „We Rule The Waves“, wo wir bis hin zum Text fast schon von Malen-nach-Zahlen im Wikinger-Kosmos reden könnten.
Dem gegenüber steht wiederum ein Novum wie „Upphaf“, das für AMON AMARTH-Verhältnisse nicht weniger als progressiv-experimentell bezeichnet werden darf. Begegneten wir der Akustik-Single ursprünglich noch mit einer guten Dosis Skepsis, fügt sich das Stück im Albumkontext hervorragend ein. Die Instrumentierung gelingt mit ausreichend Feingefühl, während Johan Heggs raue Erzählstimme in ehrfürchtigem Ton vom Anfang der Welt erzählt. Eine schöne Zäsur, die klugerweise in das mächtige wie groovende „Die With A War Cry“ überleitet.
Meist setzen AMON AMARTH auf Kontraste, zwischendurch werden die Schweden jedoch erstaunlich konsequent
Hier orientieren sich AMON AMARTH an ihrem letzten Studioalbum „The Great Heathen Army“ (2022), indem sie sich auf ihre Death-Metal-Einflüsse besinnen. Dadurch wird der Track zum unerwarteten Highlight, auch weil die Band hier konsequent bleibt. Meist spielen die Musiker nämlich mit den Kontrasten, stellen beispielsweise das kellertiefe Growling Johan Heggs in der donnernden Strophe von „Kvasir’s Blood“ einem ungleich beschwingten Refrain entgegen. Der Titeltrack wiederum verbindet stampfenden Rhythmus mit catchy Riffing zu einem klassischen Melodeath-Hit, der irgendwie die Leitideen von „Fate Of Norns“ (2004) und „Deceiver Of The Gods“ (2013) schlüssig zusammenführt.
Einen Hauch Epik versprüht derweil „Raven God“, dessen Gitarren-Arrangements im Fahrwasser der ausladenden Stücke à la „Embrace The Endless Ocean“ unterwegs sind, aber dessen Hook leider die nötige Dringlichkeit vermissen lässt. Stringent, doch ohne aufregende Kniffe endet „The Allfather Awakens“ darüber hinaus mit einem etwas größer angelegten Stück: „Ascending Like An Eagle“ erfüllt als stimmiger und gutklassiger Abschluss seinen Zweck und schafft es gleichzeitig, den Wunsch nach mehr zu wecken.
Neue Klangfarben und viel Vertrautes: AMON AMARTH setzen auf Konstanz und das Selbstbewusstsein, auch mal kurz über den Tellerrand zu blicken
Das ist ein gutes Zeichen nach 13 Alben in einem Stil, der nun mal eher für Konstanz denn Umbruch steht. AMON AMARTH jedoch gelingt diese Balance, spielen mit Vertrautem und punktuell mit neuen Klangfarben. Das alles geschieht auf „The Allfather Awakens“ mit einem Selbstverständnis, das sich nur die Größten im Geschäft erlauben können. Chefsache also? Die entschlossene Miene des Namenspatrons sollte wohl nach einem Blick auf das Artwork Antwort genug sein.
Veröffentlichungstermin: 02.10.2026
Spielzeit: 46:13
Line-Up
Johan Hegg – Vocals
Olavi Mikkonen – Guitar
Johan Söderberg – Guitar
Ted Lundström – Bass
Jocke Wallgren – Drums
Produziert von Jacob Hansen
Label: Metal Blade
Homepage: https://www.amonamarth.com/
Facebook: https://www.facebook.com/amonamarth
Instagram: https://www.instagram.com/amonamarth/
Bandcamp: https://amonamarth.bandcamp.com
AMON AMARTH “The Allfather Awakens” Tracklist
- Gjallarhorn (Video bei YouTube)
- Eight Legs of Thunder (Video bei YouTube)
- Kvasir’s Blood
- We Rule the Waves
- Upphaf (Video bei YouTube)
- Die With a War Cry
- Raven God
- The Allfather Awakes
- Oden’s Hunt
- Ascending Like an Eagle