AMON AMARTH: The Great Heathen Army

Mit “The Great Heathen Army” sind AMON AMARTH zurück an der Front: Die Schweden finden auf ihrem zwölften Album wieder Gefallen an kompromissloseren Klängen, ohne sich ihrer jüngeren Trademarks zu entledigen.

Seine letzten Worte sind unmissverständlich: „My ascent shall start!“ Frontmann Johan Hegg beendet das zwölfte Studioalbum seiner Band mit einer Ansage, die einem Fingerzeig an die gesamte Szene gleichen könnte. Dabei möchte man fast meinen, dass AMON AMARTH ohnehin schon oben angekommen seien: mehrere Nummer-eins-Platzierungen, regelmäßige Top-Billings auf den einschlägigen Festivals und die größten Konzerthallen – im Grunde ist mittlerweile nichts und niemand mehr sicher vor der schwedischen Wikinger-Speerspitze.

Aus gutem Grund, denn mit ihrem tödlichen Erfolgsrezept aus Folklore, Mythen, Showmanship und melodischem Death Metal holen die fünf Musiker auch solche Leute ins Boot, die normalerweise bei kehligen Vocals panisch die Flucht ergreifen. Auch deshalb ist „The Great Heathen Army“ ein in Teilen unerwartetes, ja sogar mutiges Werk: Die Songwriting-Maschine lief ja zuletzt – wenn auch etwas vorhersehbar – zumindest kommerziell wie geschmiert und dennoch ziehen AMON AMARTH nun die Daumenschrauben etwas an. Nicht ohne Grund bezeichnete etwa Gitarrist Olavi Mikkonen das neue Werk als das „Death Metal-Album“ der Band.

AMON AMARTH finden wieder Gefallen an kompromissloseren Klängen

Wobei wir natürlich die Kirche im Dorf lassen sollten. Selbstverständlich haben sich AMON AMARTH ihrer Trademarks nicht entledigt. Es darf zwischendurch weiterhin gegrölt, getrunken und gefeiert werden, wenn etwa die melodische Saufhymne „Heidrun“ mit ihrer catchy Melodie zum Anstoßen animiert oder der groovende Midtempo-Stampfer „Find A Way Or Make One“ das bewährte Nacken-Workout durch Bass-Licks und andere kleine Facetten auflockert.

Darüber hinaus finden AMON AMARTH allerdings zusehends Gefallen an kompromissloseren Klängen: Die BOLT THROWER-Vibes des Openers „Get In The Ring“ geben einen frühen Vorgeschmack, während die fies-morbide Lead-Gitarre im Titeltrack das Quintett so bissig und furchteinflößend zeigt, dass wir umgehend freiwillig die Waffen strecken. Anteil daran hat sicherlich auch die differenzierte wie kraftvolle Produktion Andy Sneaps, welcher die perfekte Balance für den Sound der Schweden gefunden zu haben scheint. Ob Schlagzeug, Bass oder Gitarre – jedes Instrument sitzt im Mix genau dort, wo es sein sollte, während Sänger Johan Hegg vielleicht so mächtig und klar wie nie aus den Boxen knurrt.

Mit “The Great Heathen Army” sind AMON AMARTH zurück an der Front

So breit wie „The Great Heathen Army” aufgestellt ist, müssen wir also schon genau hinsehen, um die Schwachstellen im Reigen zu finden. Zwischen unerbittlich („Oden Owns You All“) und episch-bombastisch („The Serpent’s Trail“) lassen AMON AMARTH im Prinzip keine Kategorie aus, ohne das Gesamtpaket zum Flickenteppich zu machen. Am Ende ist diese Routine wahrscheinlich Segen und Fluch zugleich, insofern die neun Kompositionen zwar durchaus diverse Schwerpunkte setzen, sich aber doch eben ausschließlich in der gewohnten Spielwiese AMON AMARTHs austoben. Immerhin können wir das einzige Gast-Feature in „Saxons And Vikings“ allein deshalb schon als Erfolg verbuchen, weil wir dabei zuhören dürfen, wie sich Frontmann Hegg und SAXON-Sänger Biff Byford in der zweiten Songhälfte abwechselnd diverse Beleidigungen an den Kopf werfen.

Problematisch ist der tendenziell konservative Ansatz diesmal allerdings nicht, schließlich stimmt ja die Qualität: Mikkonen und Söderberg an den Gitarren zeigen sich passagenweise wieder giftiger als noch auf „Berserker“ (2019) oder „Jomsviking“ (2016), Jocke Wallgren schüttelt regelmäßig ein paar kurzweilige Fills aus dem Ärmel und stimmlich ist Johan Hegg ohnehin seit jeher weltklasse. Deshalb werden wir uns an dieser Stelle auch hüten, dessen letzte Worte an uns auch nur in irgendeiner Weise anzuzweifeln. Mit „The Great Heathen Army“ sind AMON AMARTH definitiv wieder zurück an der Front – und wenn es laut Hegg ab hier weiter aufwärts gehen soll, dann ist da sicherlich was dran.

Veröffentlichungstermin: 5.8.2022

Spielzeit: 43:05

Line-Up

Johan Hegg – Vocals
Johan Söderberg – Gitarre
Olavi Mikkonen – Gitarre
Ted Lundström – Bass
Jocke Wallgren – Drums

Produziert von Andy Sneap

Label: Metal Blade

Homepage: https://www.amonamarth.com/
Facebook: https://www.facebook.com/amonamarth

AMON AMARTH “The Great Heathen Army” Tracklist

1. Get In The Ring (Video bei YouTube)
2. The Great Heathen Army (Video bei YouTube)
3. Heidrun
4. Oden Owns You All
5. Find A Way Or Make One
6. Dawn Of Norsemen
7. Saxons And Vikings
8. Skagul Rides With Me
9. The Serpent’s Trail