AMON AMARTH, MACHINE HEAD, THE HALO EFFECT: Konzertbericht – Olympiahalle, München – 14.10.2022

Mit einer ungewöhnlichen Allianz wagen AMON AMARTH und MACHINE HEAD den Schritt in die großen Arenen. Die “Vikings & Lionhearts”-Tour verspricht viel Spektakel und hochkarätigen Support von THE HALO EFFECT, geizt aber trotz gut aufgelegter Bands mit Überraschungen.

Vikings & Lionhearts. Es mag nicht die naheliegendste Allianz sein, doch auf dem Papier liegen die Vorteile auf der Hand: Obwohl die musikalische Schnittmenge begrenzt sein mag, bietet eine gemeinsame Tour sowohl für AMON AMARTH als auch MACHINE HEAD die Gelegenheit, endlich den Schritt in die großen Arenen zu wagen. Die Hoffnung auf den Synergie-Effekt ist nachvollziehbar, zumal beide Bands in Europa ihre jeweils eigenen Hochburgen haben. MACHINE HEAD etwa im Vereinigten Königreich, AMON AMARTH in Schweden und natürlich Deutschland. Deshalb wechselt man je nach Spielort die Running Order – in der bayerischen Landeshauptstadt dürfen etwa die Wikinger den Abend beschließen.

Doch noch ist das Zukunftsmusik, als wir gegen 18 Uhr an der Münchner Olympiahalle aufschlagen. Wir sind zeitig gekommen, da mit THE HALO EFFECT kein alltäglicher Support-Act das Tour-Billing komplettiert. Die Band um ehemalige IN FLAMES-Musiker und Veteranen der Göteborger Death Metal-Szene verspricht genau das: ein Wiederaufleben des klassischen Melodic Death Metal, der Anfang der 90er in eben jener Stadt seinen Anfang nahm. Keine Zeit zu verlieren also, weshalb wir den Merchandise-Stand nach einem kurzen Blick auf die mehr als stolzen Preise ohne schlechtes Gewissen hinter uns lassen, um gar nicht erst Gefahr zu laufen, den Auftakt des Anheizers zu verpassen.

THE HALO EFFECT

Dabei wirkt der erste Schritt aus dem Gewölbe in Richtung Innenbereich geradezu schockierend. Eine Viertelstunde vor Showbeginn begrüßen uns eine gähnend leere Arena und nahezu verwaiste Ränge – das mag auch an der frühen Uhrzeit liegen, ein gutes Omen sieht jedoch anders aus. Glücklicherweise sind THE HALO EFFECT alte Hasen und zählen mit Mikael Stanne (DARK TRANQUILLITY) einen der charismatischsten Frontmänner der Metal-Szene in ihren Reihen. Nicht zuletzt deshalb dauert es nach dem Intro nur wenige Sekunden, bis unsere komplette Aufmerksamkeit dem Treiben auf den Brettern gilt.

Die Musiker sind offenbar gut aufgelegt und gehen schon im Titeltrack des Debüts „Days Of The Lost“ (2022) mit Leidenschaft und Herz ans Werk. Der Sound ist so früh am Abend sogar halbwegs ordentlich abgemischt, während die recht eindimensionale Lightshow erwartungsgemäß dem Anfangs-Slot geschuldet ist. Visuelles Popcorn brauchen wir indes gar nicht, solange Material wie „The Needless End“ oder „The Last Of Our Kind“ mit eingängigen Melodien bzw. treibenden Blasts die Spielfreude des Quintetts so lebhaft zu kanalisieren vermag.

Die Freude, mit der THE HALO EFFECT ans Werk gehen, wirkt geradezu ansteckend

Zugegeben, ein wenig dauert es in der Olympiahalle, bis der Funke auf das allmählich anwachsende Publikum überspringt. Zwar setzt es schon zu Beginn höflichen Applaus, mitgeklatscht wird aber erst bei „Gateways“ und „Conditional“, wo sich schließlich hinter dem Wellenbrecher sogar ein kleiner Circle Pit formiert. Dass im Bandhit „Feel What I Believe“ ausgerechnet die Lead-Gitarre etwas neben der Spur zu liegen scheint, ist ein kleiner Wermutstropfen in einem sonst kurzweiligen Set, welches nach „Shadowminds“ mit viel Applaus und bei ausgelassener Stimmung sein Ende findet.

Es bleibt ein erfolgreich aufgewärmtes Publikum, eine auch ohne den verhinderten Jesper Strömblad befreit aufspielende Band – dessen Aufgaben übernimmt heute Abend Patrik Jensen (THE HAUNTED) – und natürlich wie immer ein über beide Backen grinsender Mikael Stanne. Routine kann so schön sein.

THE HALO EFFECT Setlist – ca. 35 Minuten

1. Days of the Lost
2. The Needless End
3. Gateways
4. Feel What I Believe
5. The Last Of Our Kind
6. Conditional
7. Shadowminds

Fotogalerie: THE HALO EFFECT

MACHINE HEAD

Eins muss man MACHINE HEAD lassen: Das Überraschungsmoment haben sie heute auf ihrer Seite. Mit den letzten Tönen von OZZY OSBOURNEs „Diary Of A Madman“ erlöschen erst die Lichter in der Halle, bevor ohne große Vorankündigung das überdimensionierte Leintuch vor der Bühne fällt und den Blick auf die umgestaltete Bühne freigibt: Zahlreiche Scheinwerfer bilden nebst Backdrop die Rückwand, während Videotafeln und rautenförmige LED-Panels dem Stage-Design ein wenig Profil verleihen.

Regelrecht nötig wären diese Bühnenelemente nicht, denn Mastermind Robb Flynn bringt heute selbst so viel Charakter und vor allem Ausstrahlung mit, dass selbst die farbenfrohe wie abwechslungsreiche Lightshow in den Hintergrund tritt. „Are you ready for a fast one?“, will Flynn eingangs wissen, um uns dann mit “Become The Firestorm” sofort den einzigen neuen Track des Abends vor den Latz zu knallen. Keine Frage, MACHINE HEAD haben heute Abend richtig Bock; nur das Publikum lässt sich zunächst noch etwas bitten, so dass die ersten Aufrufe zum Circle Pit eher zögerlich Umsetzung finden.

MACHINE HEAD beweisen den längeren Atem und verwandeln die Olympiahalle in einer Pulverfass

Ein wenig ist das wohl auch der Ticketpolitik geschuldet – nur als „Golden Circle“-Inhaber darf man in das vordere Viertel der Arena, was durch die aufgestellten Wellenbrecher nicht nur das moshwillige Publikum spaltet, sondern für alle feierwütigen auch den Raum etwas einschränkt. Der verhaltene Start geht derweil auch an den US-Amerikanern nicht vorüber: „Wake the fuck up!“, heißt es während „Imperium“, wo zumindest enthusiastisch die Fäuste gereckt werden.

Aus der Ruhe bringen lassen sich MACHINE HEAD derweil nicht, im Gegenteil: Das Quartett hat nicht nur den druckvollen und transparent abgemischten Sound hinter sich, sondern beweist auch den längeren Atem. Dass nach dem stimmigen Intro von „I Am Hell (Sonata in C#)“ die Hölle losbrechen würde, wussten Flynn und seine Mannen offenbar schon vorher: Ganze drei Circle Pits formieren sich im Stehbereich, während es auf den Rängen langsam die Leute aus den Sitzen hebt. Spätestens als dann im Finale die gigantischen Flammensäulen vier bis fünf Meter in die Höhe schießen, verwandelt sich auch die Olympiahalle in ein Pulverfass.

Nach stotterndem Start sorgen MACHINE HEAD für ein fulminantes Ende

Ob nun zum Nu Metal-Track „From This Day“ gesprungen oder in „Davidian“ inbrünstig mitgesungen wird – gerne auch während man das eigene T-Shirt über dem Kopf kreisen lässt -, vom Gas gehen will zu diesem Zeitpunkt niemand mehr. Selbst das balladeske „Darkness Within“ wird nach der entwaffnenden Ansage des Frontmanns zu einem emotionalen Höhepunkt, ohne die Spannungskurve abfallen zu lassen. Als Dank lässt Rob Flynn zwischendurch den einen oder anderen halbgefüllten Bierbecher in die Menge segeln, die enthusiastisch aus der Luft gefischt werden und so schnell neue Besitzer finden.

Mit der fantastischen Zugabe „Halo“ nimmt der letztlich überzeugende Auftritt nach stotterndem Start ein fulminantes Ende unter Flitterregen, dessen größtes Manko ein Blick auf die Uhr verrät: Nach gerade einmal 70 Minuten ist Schicht im Schacht – etwas mager für eine Live-Band dieses Formats.

MACHINE HEAD Setlist – ca. 70 Minuten

1. Become The Firestorm
2. Imperium
3. Ten Ton Hammer
4. I Am Hell (Sonata in C#)
5. Old
6. Darkness Within
7. Now We Die
8. From This Day
9. Davidian
…………………………
10. Halo

Fotogalerie: MACHINE HEAD

AMON AMARTH

Drei Jahre sind seit dem letzten Gastspiel AMON AMARTHs in München vergangen, als man mit der „Berserker“-Tour showtechnische Maßstäbe setzte. Warum also ändern, was sich bewährt hat? Jedenfalls erleben wir ein kleines Déjà-Vu, als in der Olympiahalle abermals IRON MAIDENs „Run To The Hill“ ertönt, das wiederum durch das altbewährte Live-Intro abgelöst wird, mit dem die Schweden nun bald seit zwei Dekaden ihre Konzerte eröffnen. Zwei Projektoren werfen derweil die bandtypischen Runen auf den schwarzen Vorhang, während ein erwartungsvolles Raunen durch den Saal hallt.

Die Ruhe vor dem Sturm? So ähnlich, denn mit den ersten Klängen des Live-Klassikers „Guardians Of Asgaard“ fällt das Banner und offenbart eine leicht gealterte, aber noch immer höchst vitale Band, die zwischen zwei überdimensionalen Wikinger-Figuren das Publikum sofort beim Schopf packt. Aufforderungen oder Bitten wären hier Fehl am Platz: Sofort gehen die Fäuste nach oben, es wird geschrien und gefeiert – es dürfte spätestens jetzt klar sein, wer für die Münchner heute die Hauptattraktion darstellt.

Für AMON AMARTH-Sänger Johan Hegg gleicht die opulente Bühnenaufbaut einer Spielwiese

Verdenken kann man es wohl niemandem, denn das feurige Spektakel, das in „Raven’s Flight“ die Bühne zwischenzeitlich in ein Flammenmeer verwandelt, ist höchst imposant. Die mehrstöckige Kulisse samt riesigem Wikingerschädel kennen wir bereits von der „Berserker“-Tour, auf der großen Bühne der Olympiahalle wirkt die Aufbaut aber nochmal etwas eindrucksvoller. Für Frontmann Johan Hegg, der heute Abend manchmal ein wenig heiser klingt, ist das Set ohnehin eine kunterbunte Spielwiese, auf welcher er munter auf und ab rennt, um ja alle angereisten Fans gleichermaßen anzusprechen.

Während „Deceiver Of The Gods” liefert sich der Sänger gar ein kleines Wortgefecht mit dem namengebenden Gott Loki, wohingegen sich die beiden Gitarristen Olavi Mikkonen und Johan Söderberg – und auch das ist mittlerweile von einer AMON AMARTH-Show nicht mehr wegzudenken – mit ihren nicht immer perfekt gestimmten Gitarren duellieren. Schlimm ist das keineswegs, denn Unterstützung bekommen die beiden von der engagierten Münchner Hörerschaft, welche die Lead-Melodie lautstark mitzusingen weiß.

Zahlreiche Showelemente lockern die Performance auf, doch den Wow-Effekt lassen AMON AMARTH vermissen

Bei so viel Einsatz ist es fast schon ein Unding, dass die „Heidrun“-Rufe im gleichnamigen Track vom Band verstärkt werden. Aber wir wollen keine Erbsen zählen, auch weil neues Material rar gesät ist: Das massive „The Great Heathen Army“ ist erwartungsgemäß ein absoluter Live-Killer, während die eingängige Standalone-Single „Put Your Back Into The Oar“ genau das macht, wofür sie geschrieben wurde: Nach Szenenwechsel mit neuem Backdrop und dekorativen Wikingerschiff-Elementen kommt hier der Eventcharakter einer AMON AMARTH-Show ein wenig zu plakativ zum Tragen. Statt zu moshen soll gemeinsam gerudert werden – was selbstverständlich anstandslos umgesetzt wird und doch ein wenig Kirmes-Flair mit sich bringt.

Dass sich AMON AMARTH-Konzerte derweil durch ihre visuellen Showelemente mitdefinieren, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Deshalb ziehen sich die Musiker auch auf der „Vikings & Lionhearts“-Tour zwischendurch auf die Plattformen im Hintergrund zurück, um in „The Way Of Vikings“ einem Live-Schaukampf beizuwohnen. Unterhaltsame Gimmicks wie dieses integrieren die Skandinavier meist nahtlos in ihre Songs, lassen im Gegenzug aber den Wow-Effekt vermissen.

AMON AMARTH meiden Risiken und damit Überraschungen

Denn weder showtechnisch noch musikalisch gibt es in der Olympiahalle irgendwelche Überraschungen. Sämtliche Tricks und Effekte durften wir bereits 2019 schon bestaunen, während sich die Songauswahl als absolut risikofrei entpuppt. Eigentlich meckern wir nur sehr ungern über die Setlist, doch dass es zum 20-jährigen Jubiläum des Meilenstein-Albums „Versus The World“ (2002) weder „Death In Fire“ noch überhaupt einen Song der Platte gibt, ist mehr als nur eine verpasste Chance.

Immerhin zelebrieren AMON AMARTH nach dem drögen „Raise Your Horns“ die Zugabe „Twilight Of The Thunder God“ nach allen Regeln der Kunst: Die Art und Weise, wie hier Licht und Ton zusammenspielen, um vor stürmischer See die riesige Midgard-Schlange zu offenbaren, ist inszenatorische Weltklasse. Ein Finale also, an dem man sich weder satt sehen noch hören kann. Dementsprechend endet der abwechslungsreiche Konzertabend auch mit einem Knall, der für ein paar Minuten selbst die kleinen Wermutstropfen vergessen lässt.

“Vikings & Lionhearts” – die ungewöhnliche Allianz hat einen stolzen Preis

Ein wenig zu sicher sind uns die sympathischen Schweden auf ihrer aktuellen Tour aber dann doch unterwegs. Auch wenn die Zeiten schwierig sind – von rund 15.500 Plätzen bleiben heute Abend nach unserer Schätzung etwas mehr als ein Drittel unbesetzt – hätten wir uns über ein paar frische Ideen gefreut. Zumal es sich bei den Auftritten der beiden Headliner um ein etwas kurzes Vergnügen handelte: 70 Minuten für MACHINE HEAD und 75 (ohne Intro) für AMON AMARTH ist gemessen am stolzen Ticketpreis etwas dürftig – zwischen 70,- und 85,-€ musste man in München schließlich für diese ungewöhnliche Allianz hinlegen. Und obschon selbige inmitten einer Vielzahl ungünstiger Faktoren für die Veranstaltungsbranche letztlich den erhofften Synergie-Effekt nicht ganz für sich nutzen konnte, ist die Preis-Leistungs-Frage in diesem Fall ein hausgemachtes Problem. Lösen ließe sich das immerhin recht einfach: ein bis zwei Nummern mehr und die „Vikings & Lionhearts“-Tour würde ihrem vollmundigen Namen auch quantitativ gerecht.

AMON AMARTH Setlist – ca. 75 Minuten

1. Guardians of Asgaard
2. Raven’s Flight
3. Deceiver of the Gods
4. The Pursuit of Vikings
5. The Great Heathen Army
6. Heidrun
7. Destroyer Of The Universe
8. Put Your Back Into The Oar
9. Cry Of The Black Birds
10. The Way Of Vikings
11. First Kill
12. Shield Wall
13. Raise Your Horns
…………………………
14. Twilight Of The Thunder God

Fotogalerie: AMON AMARTH

Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)