Dinge, über die sich der Verfasser noch nie Gedanken gemacht hat: Wie wohl der Winterhimmel auf der Südhalbkugel aussieht, speziell in Neuseeland? Keine so richtig naheliegende Frage freilich, es sei denn, es packt einen das Fernweh oder man betrachtet das Cover von LOR3L3Is Debütalbum „Peace By Proxy“. Die Künstlerin dahinter hat reichhaltige Erfahrung mit kosmischen Sounds, ihre Beteiligung an ISON mit Daniel Änghede und ihre derzeit aktuellen Bands REMINA und LIGHT FIELD REVERIE haben schon bewiesen, dass sie die Hörenden in die Weiten des Alls schweben lassen kann. Heike Langhans, die schon seit Jahren an ihrem Soloprojekt LOR3L3I feilt – man höre nur die empfehlenswerte Werkschau „The Demo Collection“ – hat nun „Peace By Proxy“ fertiggestellt. Und wie sollte es anders sein: Das Album hebt sich trotz aller Vertrautheit ein wenig vom bisherigen Schaffen der Musikerin ab.
„Peace By Proxy“ klingt wie REMINA und LIGHT FIELD REVERIE ohne das Metal-Grundgerüst: Es ist zu jeder Sekunde erkennbar, dass Heike Langhans hinter LOR3L3I steckt, und doch ist es eine Variation.
„Peace By Proxy“ ist eine dunkle Meditation über große Fragen des Lebens, statt Warp 10 ist Impulsgeschwindigkeit angesagt. Zwischen Darkwave, Synthwave, Synthpop und Dreampop hat sich LOR3L3I eine Nische gesucht, die einfach wie gemacht zu sein scheint für Heike Langhans. Ihr Beitrag zu REMINA und LIGHT FIELD REVERIE besteht eben nicht nur aus Gesang, ihre Synthesizer prägen beide Bands und verleihen der Musik ein sehr kosmisches Flair. Genau diese atemberaubende Atmosphäre, in der die Instrumente – inklusive sparsam eingestreuter Gitarren – mit ihrem sinnlichen Gesang verwoben werden, gibt es auf „Peace By Proxy“ Zehnmal zu hören, fünfzig Minuten lang.
Für „Peace By Proxy“ hat sich Heike Langhans viel Zeit gelassen, LOR3L3Is „Demo Collection“ mit Song aus den Jahren von 2004 bis 2019 ist schon einige Zeit her, und von den 19 Songs wurde nur einer neu eingespielt. Deshalb dieses Debütalbum auch sehr kohärent: Ein Schwebezustand, der über die gesamte Spielzeit hindurch nicht abreißen will. Gleichzeitig schafft es Heike Langhans die Songs nicht gleichförmig wirken zu lassen: Einige Stücke sind präsenter und druckvoller („Black Widow“, „Exogenesis“, „Peace By Proxy“), andere fokussieren sich auf das traumhafte, atmosphärische („Cloak Of Stars“, „Fables“, „Oneiro“). Und nicht selten reichen die Stücke von einem sanften Aufbau hin in eine pulsierende Richtung. Und das abschließende „Opaline Tears“ ist geradezu intim und trotz der Klangkulisse wahnsinnig direkt.
LOR3L3Is Debütalbum fließt von Song zu Song und erschafft eine große, intensive Hörerfahrung: „Peace By Proxy“ ist zutiefst bewegend.
Die Synthesizer wirken kalt wie der Nachthimmel, die Stimme schwebt mal darüber und mal ist sie sehr präsent. Heike Langhans singt sehr warm und sinnlich, ihre Stimme geht noch mehr unter die Haut, als in ihren früheren Veröffentlichungen. Wahrscheinlich, weil LOR3L3I einfach ihr Baby ist und nicht, weil der metallische Überbau der facettenreichen Gesangsperformance etwas Kraft nimmt. „Peace By Proxy“ fließt subtil, aber dennoch haben die Songs alle einen eigenen Charakter. Verglichen mit LOR3L3Is „Demo Collection“ wird auch deutlich, wie vielschichtig die Songs geworden sind: Zahlreiche Schichten von Synthesizern, pulsierende Beats, ein druckvoller Mix von Mike Lamb und stets ist die warme, vielseitige Stimme von Heike Langhans im Zentrum der Songs, ohne dass sie sich zu sehr in den Vordergrund stellt. Und deshalb funktioniert dieses Album sowohl leise als auch laut. Nun ja, vor allem LAUT.
Wer schon REMINA und LIGHT FIELD REVERIE ins Herz geschlossen hat und keinen Metal braucht, liegt mit „Peace By Proxy“ goldrichtig. Mit zahlreichen wunderbaren Songs und kaum einem Moment, der die Intensität zurückfährt, stellt dieses Album eine Einladung für die Stargazers dieser Welt dar, ihre introspektiven Momente zu genießen. Heike Langhans zeigt sich hier nicht nur als Sängerin, Instrumentalistin und Lyrikerin (man lese „Exogenesis“), sondern ganz allgemein als Künstlerin, die alle Fäden in der Hand hält, großartige Songs schreibt und ein rundes, mitreißendes und tief bewegendes Album erschafft. Zweifellos: Das große Sternenpanorama der Südhalbkugel leuchtet mit „Peace By Proxy“ zumindest im Herzen auf.
Wertung: 9 von 10 MOA-Teleskope
VÖ: 1. Mai 2026
Spielzeit: 49:17
Line-Up:
Heike Langhans – Music, Vocals, Lyrics, Artwork
Label: Eigenproduktion
LOR3L3I „Peace By Proxy“ Tracklist:
1. Cloak Of Stars (Official Audio bei Youtube)
2. Black Widow (Official Audio bei Youtube)
3. Fables (Official Audio bei Youtube)
4. Exogenesis (Official Audio bei Youtube)
5. Oneiro (Official Audio bei Youtube)
6. Passive Resistance (Official Audio bei Youtube)
7. Drive (Official Audio bei Youtube)
8. Rogue (Official Audio bei Youtube)
9. Peace By Proxy (Official Audio bei Youtube)
10. Opaline Tears (Official Audio bei Youtube)
LOR3L3I „Peace By Proxy“ Full Album Stream bei Youtube
Mehr im Netz:
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