IMPURE WILHELMINA: Le sanglot

Es gibt nicht viele Bands, die man in die „Alternative“-Schublade einsortieren könnte und die ich trotzdem mag. Um genau zu sein, gibt es nur eine, und die bringt nun endlich ihr neues Album raus, nach über zwanzig Jahren Bandgeschichte das erste auf Französisch. Ist es das Album des Jahres?

Die Frage stellt sich mir, weil ich die letzten zwei Alben von IMPURE WILHELMINA zwar sehr liebe, sie aber textlich doch die ein oder andere Schwachstelle, das ein oder andere englischsprachige Klischee zu viel drin haben. Nicht weiter ein Problem eigentlich, ist doch auch die Musik der Schweizer emotional einfach komplett drüber – KATATONIA zu „Last Fair Deal Gone Down“-Zeiten dabei nicht unähnlich und trotz (oder gerade wegen?) des Melancholie-Holzhammers mindestens genau so wirkungsvoll; ja, ich gehe so weit zu behaupten, dass mein achtzehnjähriges Ich dazu ebenfalls „Tänze aus Ebenholz“ (ach du meine Güte) vollführen würde, so wie es das weiland eben zum KATATONIA-Klassiker getan hat

Die neue von IMPURE WILHELMINA nun heißt „Le sanglot“ – „Das Schluchzen“ – und ach, nie hatte ein Album einen passenderen Titel. IMPURE WILHELMINA auf Französisch, das birgt die Chance (für Nicht-Frankophile), Musik und Sprache vor allem als Klang zu erleben. Und meine Güte, was haben sie sie genutzt! Wieder sind die Lieder unglaublich eindringlich, dynamisch und triefen nur so vor Weltschmerz: „Regarde la foule, regarde la vie!“, so viel Französisch kann ich dann doch, dass ich diesen verzweifelten Wahnsinnsrefrain („Abîme“) verstehe und fühle bis es wehtut. Genial.

Ja, dieses „Abîme“ ist für mich der Höhepunkt eines Albums, das musikalisch nahtlos an das 2019er Meisterwerk „Antidote“ anschließt – Gitarrenwände in Moll, schleppendes Schlagzeug, wehmütiger Gesang (diesmal im Ausdruck nochmal deutlich verbessert im Vergleich zu früher), schmachtende Soli – und kompositorisch etwas zwingender, unvermittelter ausgefallen ist: Gerade die ersten fünf Lieder spüre ich beim ersten Durchlauf bereits intensiv, kein großes Reinhören ist diesmal erforderlich.

Perfekt komponiertes Schluchzen und ein finsteres Experiment

Darin liegt aber dann auch eine Gefahr, nämlich die des relativ schnellen Abnutzens. IMPURE WILHELMINA umschiffen sie, indem ihre Melodien zwar simpel, aber perfekt komponiert sind und ihr musikalisches Fundament tatsächlich Metal ist. Zudem werden große Momente nicht über Gebühr strapaziert – der wunderschöne Refrain von „Abîme“ etwa wird nur einmal wiederholt, dann wandelt sich das Stück in einen Post-Metal/-Doom-Kracher und sorgt so dafür, dass man nicht zu sehr ins Schwelgen kommt, sondern immer wieder darauf zurückgeworfen wird, dass dieses Leben, diese Welt tatsächlich so furchtbar eingerichtet ist wie ein Blick ins Internet täglich vermittelt.

Dafür sorgt in der Mitte von „Le sanglot“ dann auch eine ganz besondere Kollaboration, die das Album sinnvoll in zwei Hälften teilt: „Train mort“ zeigt IMPURE WILHELMINA von ihrer finstersten Seite, mit großer Unterstützung von MÜTTERLEIN. Schon auf „Radiation“ und „Antidote“ gab es Ausflüge in den extremen Metal, aber die waren stets nur kurz gehalten; „Train mort“ ist nun ein anderes Kaliber, atmosphärisch ebenso sehr MÜTTERLEIN wie IMPURE WILHELMINA und der perfekte Kontrapunkt zu den drumherum drapierten vor Weltschmerz und Sehnsucht nur so triefenden Schmachtfetzen.

Nichtsdestotrotz bleibt es ein Experiment, und der Rest des Albums ist wirklich so dermaßen von Melodie und unmittelbarem Gefühl bestimmt, dass man sich fragen könnte, wie diese Band das seit Jahrzehnten immer wieder schafft. Aber was heißt hier „schafft“? Sie kann vermutlich einfach nicht anders, diese Sehnsucht muss raus, diese Emotionen wollen verarbeitet werden. Und wo KATATONIA seit vielen Jahren musikalisch kein Bein mehr an die Erde kriegen (in my humble opinion), hauen IMPURE WILHELMINA einfach schon wieder ein nahezu perfektes Emo-/Post-/Alternative-Metal-Album in Moll raus.

Eine gute Entscheidung

War die Entscheidung fürs Französische, vermutlich unter dem Eindruck des auf der 2023er EP „Dead Decades“ veröffentlichten Serge-Gainsbourg-Covers „La Javanaise“ getroffen, nun also richtig? Durchaus: Die Sprache sorgt für mehr emotionale Nähe und Distanz gleichermaßen und gibt der Band genau das, was sie brauchte, um in den Olymp der Melancholie-Musik aufzusteigen (bzw. zu bleiben, herrje, die Vorgänger sind ja nun ebenfalls Meisterwerke!). Ja, ich habe sogar den Eindruck, dass Sänger Michael Schindl dadurch nochmal an Selbstvertrauen gewonnen hat – mit „Demain j’abandonne“ traut er sich sogar ein Akustik-Stück zu und überzeugt auch dabei auf ganzer Linie – und das Stück sorgt für eine sinnvoll gesetzte Verschnaufpause vor dem letzten Song, der natürlich wieder purer Emo-Bombast ist.

Wenn du also dieses Jahr nur ein Album suchst, zu dem du melancholisch aus dem Fenster oder in die Gegend starren kannst, immer den Tränen nahe und vielleicht manchmal sogar darüber hinaus, dann schluchze mit dem Schluchzen; es lohnt sich.

Spielzeit: 50:26 Min.

Veröffentlichungsdatum: 22.05.2026

Label: Season Of Mist

IMPURE WILHELMINA „Le sanglot“ Tracklist

1. Électricité noire (5:01) (Video bei YouTube)
2. Cent mille plaies (3:43)
3. Abîme (6:26)
4. Larmes de joie (5:02)
5. Dévoreur d’étoiles (6:00)
6. Train mort (4:03) (Video bei YouTube)
7. Frelon ivre (4:40)
8. Blanche réalité (5:35) (Video bei YouTube)
9. Demain J’abandonne (4:04)
10. À Jamais radieuse (5:52)