ENEVELDE / GJENDØD: Elegier fra avgrunnen [Split]

Wenn zwei norwegische Meister des schwarzen Fachs sich zusammentun, um unter dem Titel „Elegien aus dem Abgrund“ und illustriert mit einem wunderschönen Gemälde ein Split-Album zu veröffentlichen, werde ich nochmal schwach und tauche ganz ein in klassische Black-Metal-Klangwelten.

Oder? Schließlich sind sowohl ENEVELDE als auch GJENDØD nicht nur für Traditionalismus, sondern durchaus auch für progressiv anmutende Klänge bekannt – der Musiker hinter ersterem Namen treibt z.B. auch unter dem deutlich bekannteren Namen MISOTHEIST sein Unwesen im Black-Metal-Untergrund, und das Bassspiel von GJENDØD kann man mit Fug und Recht schon länger als außergewöhnlich bezeichnen.

Trotzdem steht auf „Elegier fra avgrunnen“ ganz klar die Atmosphäre im Vordergrund. Seite A gehört ENEVELDE; mindestens so bassverliebt wie GJENDØD, aber weniger verspielt. Die Songs sind episch und langsam gehalten, wir hören viel Double-Bass, aber eben auch die Bassgitarre, und die sorgt dafür, dass es nicht langweilig wird. Der Gesang ist meist ein tiefes Röhren, nicht unbedingt mein bevorzugter Stil bei atmosphärischem Black Metal, aber hier stimmt’s einfach und sorgt für die Extraportion Finsternis.

Dass die B-Seite beginnt, bemerkt man erstmal nur, wenn man genau hinhört, so ähnlich sind sich die beiden Bands (übrigens beide aus Trondheim). Nach ein-zwei Durchläufen und mit Konzentration aber werden die Unterschiede zwischen ENEVELDE und GJENDØD umso deutlicher: GJENDØD haben einen signifikanten Tacken mehr Luft im Sound und ein entscheidendes Mehr an verspielter Folklore in den Melodien. Dadurch erscheint die ENEVELDE-Seite plötzlich nur mehr als nettes Vorspiel für einen geradezu genialen zweiten Akt, zumal der vierte Song auch noch mit komischem Synthesizer nervt und deutlich zu lang vor sich hin stampft am Ende.

Schönheit, Abwechslung und Lebendigkeit

Aber dann, GJENDØD: Allein dieser Bass! Auf dem 2025er-Album „Svekkelse“ kam er mir zu kurz, und ich fand das Album auch trotz eines brillianten Cover-Artworks nur zur Hälfte gut – „Livskramper“ von 2024 ist da viel besser. Wie schön, dass diese beiden Irren es nun mit dieser Split geschafft haben, an die Stärken dieses Albums anzuknüpfen. Was man sich hier in nur vier Songs an Melodien aus dem Ärmel schüttelt, ohne dabei ins Banale abzudriften, das ist wirklich große Kunst und nichts weniger als die perfekte musikalische Untermalung eines Spaziergangs in der auf dem Cover abgebildeten Szenerie.

Aber auch in jeder anderen Naturlandschaft, die irgendwie als angenehm empfunden werden kann, denn die Musik GJENDØDs transportiert neben viel Erhabenheit und Finsternis erstaunlicherweise auch viel Spaß, Schönheit, Abwechslung und Lebendigkeit. Und sie ist nicht nur perfekt produziert und aufgenommen, sondern eben auch meisterhaft gespielt – ein Traum für Black-Metal-Puristen und -Avantgardisten gleichermaßen.

Für die politisch sehr bewusst lebenden Leserinnen und Leser habe ich jedoch eine Warnung: Black Metal aus Trondheim ist nicht unbedingt links. GJENDØD haben früher auf einem NSBM-Label veröffentlicht – seit zwei Alben sind sie nun bei Osmose, und diese Split erscheint bei Terratur Possessions. Für mich persönlich ist es dadurch okay, meine Begeisterung zu teilen; andere mögen das anders sehen.

Spielzeit: 42:20 Min.

Veröffentlichungsdatum: 05.06.2026

Label: Terratur Possessions

Tracklist – ENEVELDE / GJENDØD – „Elegier fra avgrunnen“

1. Enevelde – Ut av deg selv
2. Enevelde – Langt fra umaken verdt
3. Enevelde – På dødelige terskler
4. Enevelde – Fødselsdefekt
5. Gjendød – Verden våkner
6. Gjendød – Dødsrikets pinsler
7. Gjendød – Mennesketårnet faller
8. Gjendød – Utslettelsen