Dass Menschen so sehr auf Rauschzustände abfahren, lässt sich vielleicht sogar anthropologisch erklären. Schließlich gibt es Forschende, die glauben, dass sich das menschliche Gehirn erst durch die Einnahme von psylocibinhaltigen Pilzen zu dem entwickelt hat, was es geworden ist – siehe die „Stoned Ape“-Theorie. Ist das nicht wundervoll? Dass wir uns in Rauschzuständen zu Hause fühlen ist kein Hedonismus, sondern ein ganz universeller Teil des Menschseins, mit dem wir das die profane Existenz hinter uns lassen können. Ist es das, was auch INFERNO wollen? Das Ich soll einer universellen Erfahrung weichen, und das haben sie auf „Paradeigma (Phosohenes Of Aphotic Eternity)“ schon angepeilt.
„The Anthropic Sophisms (On The Heights Of Despair)“ setzt nun an, dieses Konzept vollständig umzusetzen. Die Voraussetzungen sind gut: Das Sounddesign ist basslastig und ungewöhnlich für Black Metal, aber wer den Sound von Stephen Lockhart schätzt, kann hier andocken. Dennoch übernahm nicht dieser den Mix wie zu „Paradeigma“, sondern Tim De Gieter (ex-AMENRA), der „The Anthropic Sophisms“ einen dichten, meterdicken Klang verleiht. Unter der verwaschenen Oberfläche liegen die ganzen Details, die Synthesizer von Neumitglied Matron Thorn (ÆVANGELIST, DEATH FETISHIST), die seltsamen Gesänge die wie aus dem Unterbewusstsein nach vorne drängen. Die zahlreichen Schichten ergeben ein verstörendes Bild, das INFERNO abseits von konventionellem Black Metal platziert.
INFERNO bleiben abseits von konventionellem Black Metal: „The Anthropic Sophisms (On the Heights of Despair)“ zielt auf das Unterbewusste ab.
Dabei ist der Beginn ein klein wenig zäh: „Fission Of The Soul“ schraubt sich mit hypnotischen Grooves ins Hirn, bietet einige wenige Variationen, aber ist insgesamt ein zu sperrig, um sofort zu zünden. Ähnlich verhält sich auch „Dekranos Katexochen (Mých smrtí je bezpočet, mých nemocí mnoho)“, dessen langsame Grooves sich ein wenig zu sehr ziehen, um knapp zehn Minuten wirklich zuzupacken. Immerhin: Hiermit setzen sich INFERNO effektiv in Szene. Die erste Hälfte von „The Anthropic Sophisms (On the Heights of Despair)“ lädt vorwiegend dazu ein, sich in dieser bizarren Welt zurechtzufinden: Die tief gestimmten Gitarren, die Drones, der wummernde Bass, das brachiale Drumming und der in den Hintergrund gemischte Gesang wollen erforscht werden. In der zweiten Hälfte zeigen INFERNO jedoch, was wirklich in ihnen steckt.
Die zweiten 20 Minuten lang schafft die tschechische Formation ein Mindestmaß an Dynamik, wie etwas, wenn „With Raving Mouths They Utter Things Mirthless, Unadorned and Unperfumed“ zu Beginn zwischen GODFLESH und BLUT AUS NORD pulst und die Gitarren und Soundeffekte noch nicht auf Anschlag fahren. Das baut eine Stimmung auf, die, nachdem sie sich entladen hat, in einen Mahlstrom aus Klang übergeht. Dabei müssen INFERNO nicht permanent mit Blast Beats am Ende der Geschwindigkeitsskala liegen – das tun sie auch nicht. Die hypnotischen Grooves wirken psychedelisch genug, mithilfe des Schwirrens der restlichen Instrumente. Kurz: Dieser Song ist raum- und zeitlos wie eine Rave. Mit derselben Power beschließt „Circulus Vitiosus Deus (The Infinity Ravages All)“ INFERNOs neuntes Album und schleudert das Publikum nach in die irdische Welt zurück. Der Effekt sitzt: Wie ein Neugeborenes blendet das Licht und selbst die Luft, wie uns umgibt schmerzt.
„The Anthropic Sophisms (On the Heights of Despair)“ funktioniert vor allem in der zweiten Albumhälfte: INFERNOs Musik ist so raum- und zeitlos wie eine Rave.
„The Anthropic Sophisms (On the Heights of Despair)“ lässt sich schwer fassen, aber es geht dennoch gut ins Ohr, sofern man nicht zwingend Hooks und Ohrwurmmelodien braucht. INFERNO agieren als verschworene Einheit, die eine pechschwarze, undurchdringliche Wolke aus Klang erzeugen. Die Kompositionen verändern sich ebenso wie Wolkengebilde, organisch und fließend gehen sie über von einem Teil in den nächsten. Das ist ebenso faszinierend wie mitreißend, gerade wenn sich INFERNO über zehn Minuten und mehr hinweg ins Gehirn schrauben. So fließt das Album vom Beginn bis zum Schluss in Richtung Ende und dürfte mit diesem manischen, Trancezustände erzeugenden Sound gerne länger dauern.
INFERNOs Variante des Black Metal fräst sich ins limbische System und ist ebenso depersonalisiert wie bei BLUT AUS NORD, der als Künstler selbst hinter der Musik zurückbleibt. „The Anthropic Sophisms (On the Heights of Despair)“ ist so tranceartig wie ORANSSI PAZUZU, so vage wie MAYHEM zu „Ordo Ad Chao“, so spirituell wie CULT OF FIRE und so albtraumhaft wie AKHLYS. INFERNO haben sich im Laufe ihrer langen Karriere von einer Standard-Black Metal-Band hin zu Künstlern entwickelt, die den Horror der Existenz mit repetitiven, brutalen Sounds auszutreiben versuchen. Das Ergebnis ist laut, schweißtreibend und trifft das Unterbewusstsein ganz tief, während es die Hörer*innen dazu einlädt, sich im surrealen Klang und dem Puls der Musik zu verlieren. ORANSSI PAZUZU mögen der Goldstandard im Psychedelischen Black Metal sein, INFERNO sind gerade in der zweiten Hälfte von „The Anthropic Sophisms (On the Heights of Despair)“ gar nicht mal so weit abgeschlagen. Irre Platte.
Wertung: 8 von 10 Wolkenbeobachtungen
VÖ: 17. Juli 2026
Spielzeit: 40:48
Line-Up:
Ska-Gul
Sheafraidh
Morion
Adramelech
Matron Thorn
Spící hrdlo Antikrista
Label: Debemur Morti Productions
INFERNO „The Anthropic Sophisms (On the Heights of Despair)“ Tracklist:
1. Fission of the Soul
2. Dekranos Katexochen (Mých smrtí je bezpočet, mých nemocí mnoho)
3. With Raving Mouths They Utter Things Mirthless, Unadorned and Unperfumed (Official Video bei Youtube)
4. Circulus Vitiosus Deus (The Infinity Ravages All) (Official Video bei Youtube)
INFERNO „The Anthropic Sophisms (On the Heights of Despair)“
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