INFERNO: Paradeigma (Phosphenes Of Aphotic Eternity)

INFERNO gehören zu den seltsamsten Gewächsen der osteuropäischen Black Metal-Szene. Anfangs als eher grottige Band mit Pagan-Texten im Untergrund agierend, veränderten sie sich sehr schnell zum Besseren, als Gitarrist Ska-Gul vor 13 Jahren zur Besetzung stieß. Im Anschluss wurde es graduell okkulter, psychedelischer und bizarrer. Umso ärgerlicher, dass „Gnosis Kardias (Of Transcension And Involution)“ und die folgende Split bei einem sehr fadenscheinigen Label erschien. Mit „Paradeigma (Phosphenes Of Aphotic Eternity)“ haben INFERNO nicht nur das Ruder in Sachen Label herumgerissen, sondern arbeiten weiter an ihrer eigenwilligen Vision, die nunmehr tatsächlich ihresgleichen sucht.

Psychedelische Elemente im Black Metal sind nicht selten, und gerade ORANSSI PAZUZU beweisen, wie weit man gehen kann, um nur noch rudimentär als Black Metal zu gelten. Ganz so weit treiben es INFERNO nicht, aber der schwarze, surreale Sog auf diesem Album hat mit den Standards des Genres nichts mehr zu tun. Ein rauer, dröhnender Abgrund aus Klängen, die ähnlich chaotisch klingen wie das Gebilde auf dem Artwork, tun sich auf und verschlingen den Hörer wie der Wal Jonas. Und ja, im inneren von „Paradeigma (Phosphenes Of Aphotic Eternity)“ ist es ebenso ungemütlich, wie in dem biblischen Meeressäuger.

INFERNO präsentieren sich auf dem surrealen „Paradigma (Phosphenes Of Aphotic Eternity)“ als finstere Wesenheit – weit abseits von Black Metal-Klischees.

Und doch beherrschen INFERNO die Kunst der Dynamik, ohne an Intensität einzubüßen. Selbst wenn es wie im Interlude „Phosphenes“ leiser und langsamer wird, ist da nichts so richtig greifbares. Stimmen und Gitarren flirren um den Hörer herum, nichts ist wie bei einem klassischen Soundbild voneinander abgetrennt. Es wirkt, als würden die Instrumente alle ineinanderfließen und ein Eigenleben entwickeln – ein Kniff den Stephen Lockhart als Tontechniker seit jeher gut beherrscht. INFERNO und das Studio Emissary ergeben also ein perfektes Match und erzeugen einen schauderhaften Klangkosmos.

Die einzelnen Stücke zu erfassen ist nur an einigen Stellen möglich. „The Wailing Horizon“ lässt als Auftakt nach einem kurzen Intro die Münder offen stehen und schleudert das Publikum in einen tranceartigen Zustand. Der bedrohliche Einsatz von Synthesizern, der finstere Gesang zwischen Growlen und Heulen von Bandgründer Adramelech, der aus den hintersten Ecken der Psyche kommt, das erzeugt sofort eine unglaublich dichte Atmosphäre. Wer jetzt schon denkt, dass die Musik unkonventionell ist, darf gewarnt sein: Hier sind INFERNO dem isländischen und französischen Black Metal-Ausprägungen noch am nächsten. Danach wird es psychedelischer und konturloser, aber auch faszinierender. „Descent Into Hell Of The Future“ ist relativ langsam und sogar groovy, schichtet aber wieder zahllose Elemente übereinander und explodiert dann in der zweiten Hälfte auf kafkaeske Weise.

„Paradeigma (Phosphenes of Aphotic Eternity)“ mag mit 35 Minuten kurz sein, ist aber ein unglaublich schwer verdaulicher Brocken.

Wer diese Musik betrachten und auseinandernehmen will, wird scheitern. Viel mehr ist dieses monströse Album wie eine unheimliche Wesenheit, die den Hörer aus tausend Augen heraus betrachtet. INFERNO sind dabei so weit von den Standards des Black Metal entfernt, wie nur irgend möglich. Songschreiber Ska-Guls Riffs sind dabei aber gar nicht so ungewöhnlich – es ist innovativ, wie er darauf aufbaut. Dazu kommt das starke Drumming von Neumitglied Sheafraidh, das präzise ist und dadurch einerseits einen Kontrast zur Musik darstellt, andererseits aber wieder exzellent zum Sound passt. Am Ende schwanken INFERNO ein wenig. „Ektasis Of The Continuum“ ist wie ein Post Punk-Okkult Rock-Song im Black Metal-Gewand, kann mit dem Rest des Albums aber bei weitem nicht mithalten. Im Anschluss steht mit „Stars Within And Stars Without Projected Into The Matrix Of Time“ ein Stück, das ab der dritten Minute derart in Trance versetzt und den Wahnsinn auf ein weiteres Level schraubt, dass es den Atem raubt.

INFERNO ist ein Kunstwerk gelungen, das konsequent Grenzen in den finsteren Regionen der Psyche aber auch der Black Metal-Szene auslotet. Anderseits wirkt das Album stellenweise doch nicht so, wie man es sich erhoffen dürfte. Intensiv ist „Paradeigma“ definitiv geworden, aber emotional geht das Album nur selten unter die Haut. Denn INFERNO entziehen sich immer wieder zu sehr dem Hörer, statt ihm größere Häppchen hinzuwerfen und mit ihm zu spielen wie eine Katze mit der Maus – schade. „Paradigma (Phosphenes of Aphotic Eternity)“ ist ähnlich wie „Melinoë“ von AKHLYS für die unerschrockenen Hörer, aber nicht ganz so gut. Empfehlenswert ist dieses Album aber trotzdem. Denn wer denkt, im Black Metal-Bereich schon alles gehört zu haben, darf sich auf einen echten Höllentrip gefasst machen.

Wertung: 4,5 von 6 Risse in der Wirklichkeit

VÖ: 7. Mai 2021

Spielzeit: 35:49

Line-Up:
Adramelech – Vocals
Ska-Gul – Guitars, Bass, Composition & Sound Manipulation
Morion – Guitars
Sheafraidh – Drums, Engineering
Hekte Zaren – Guest vocals

Label: Debemur Morti Productions

INFERNO „Paradigma (Phosphenes Of Aphotic Eternity)“ Tracklist:

1. Decaying Virtualities Yearn For Asymptopia
2. The Wailing Horizon (Official Audio bei Youtube)
3. Descent Into Hell Of The Future
4. Phosphenes
5. Ektasis Of The Continuum (Official Audio bei Youtube)
6. Stars Within And Stars Without Projected Into The Matrix Of Time

Mehr im Netz:

https://pureinferno.bandcamp.com/
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