THE GROGGY DOGS: No Grog No Glory

Das wohl betrunkenste Album des Jahres: Die Celtic-Folk-Punks THE GROGGY DOGS schreiben Songs für Hobbypiraten, die nicht nur wegen des Seegangs schwanken – und haben definitiv mehr Alkohol im Blut als der gesamte Bierkönig. Bleibt die Frage: Hält man das auch nüchtern aus? Unser Rezensent hat den Selbstversuch gemacht.

Himmel! Als in der Redaktion die Frage rumging, ob jemand das neue Album der GROGGY DOGS besprechen wolle, hielt sich die Begeisterung zunächst – nun ja – in Grenzen. Vom Bandfoto blicken uns fünf Piraten und eine Piraten-Senorita entgegen, die ihre Steinschlosspistolen gen Betrachter richten, als wären sie direkt der Requisitenkammer des generischen Metal entflohen. Dreispitzhüte, Jacken mit breiten Manschetten, die Gesichter mit Dreck verschmiert – es soll ja schließlich authentisch wirken. Was ist DAS denn nun wieder? Haben Napalm Records eine neue Faschings- und Schunkelcombo für den ZDF-Fernsehgarten verpflichtet? Großes Fragezeichen, allgemeine Erheiterung.

THE GROGGY DOGS spielen Celtic-Folk-Punk der alkoholhaltigen Sorte

Natürlich funktioniert das Prinzip „Je peinlicher das Image, desto größer das Interesse“ noch immer. Und so fand sich der Rezensent dieser Zeilen – also ich – nach einem deprimierenden Pflegeheimbesuch plötzlich dabei wieder, doch auf den verlinkten Song zu klicken. Das Ergebnis: ein überraschend breites Grinsen. Aber seid gewarnt: Ob man das nun für weit angenehmer oder noch schlimmer als generischen Metal hält, hängt in Zweifel vom richtigen Alkoholpegel ab.

Die Stimme ist nicht schön, aber schön versoffen, das Tempo hoch – und dann ist da dieses Instrument, das man wirklich mögen muss. Töne, die gequetscht, gefiedelt und herausgepresst werden, als würde jemand eine leckgeschlagene Kogge mit Gewalt wieder flottmachen. Richtig: das Schifferklavier. Laut, unermüdlich und im Dauerduell mit der Geige von Fatima Caballero Ramirez, die ebenso hartnäckig im Hirn kreist, bis einem schwindelig wird. Dudeldideldumdidei. Aua. Und doch ist sofort rauszuhören: Die Harmonien so wieselflink kreisen zu lassen, erfordert Kunstfertigkeit. Das ist mehr als nur trockener Schiffszwieback.

Damit wäre die Zielgruppe für dieses Album auch ziemlich schnell umrissen. Das spanische Räuber-Sextett spielt flotten Celtic-Folk-Punk, irgendwo zwischen FLOGGING MOLLY, DROPKICK MURPHYS, FIDDLERS GREEN und den schnelleren THE POGUES. Und man kann nicht behaupten, dass sie das auf subtile Weise tun. Denn inhaltlich sind sie ziemlich monothematisch unterwegs: Elf Trinklieder bekommen wir aufgetischt, in denen mehr Alkohol fließt als im Bierkönig. Was, die Band heißt „Die beschwipsten Hunde“? Ich hätte es auch ahnen können.

Man könnte sogar meinen, diesem Album lag ein Trinkspiel zugrunde: Wie oft bekommt man in einem Song ein alkoholisches Getränk untergebracht? Wer im Studio keine Idee hatte, musste trinken. Meine Güte, wie oft kann man über die Distanz eines ganzen Albums ein alkoholisches Getränk aufzählen? Über elf Songs hinweg wird jedenfalls mit bewundernswerter Konsequenz nicht wirklich variiert. Rum ist die Grundkonstante. Wenn kein Rum getrunken wird, dann wird Grog getrunken. Und wenn kein Grog getrunken wird, dann wird eben wieder Rum getrunken. Dieses Album ist ein rollendes Rumfass.

Die Melodien lehnen sich an klassische Shantys an

Nun bin ich weit davon entfernt, den Suff verklären zu wollen. Ich selbst trinke seit vier Jahren keinen Alkohol mehr – und weiß aus eigener Erfahrung, wie viel Schaden er anrichten kann. Entsprechend sehe ich mich in der etwas ungewöhnlichen Situation, dieses Album – hahaha – nüchtern bewerten zu müssen. Dabei wäre es vermutlich angemessener gewesen, es komplett im Delirium zu rezensieren.

Und ich würde nicht ausschließen, dass so mancher Hörer hier nach wenigen Minuten zur Anlage stürmt, um völlig entnervt und mit kreisendem Kopf die Stopp-Taste zu drücken. Die Eigenkompositionen lehnen sich stark an klassische Shantys an, die Melodien sind maximal eingängig. Auf ihren beiden Vorgängeralben haben die Spanier noch viele Traditionals gespielt – darunter natürlich auch das berühmt-berüchtigte „Drunken Sailor“. Ich werfe euch nur wenige Zeilen vor den Bug und schwöre, ihr habt einen fiesen Ohrwurm für Wochen: „What will we do with a drunken sailor?/ What will we do with a drunken sailor?/ What will we do with a drunken sailor?/ Early in the morning!“ Bitteschön!

Shantys waren nie für Feinschmecker gedacht, sondern für Mannschaften auf Segelschiffen des 19. Jahrhunderts, die im Takt arbeiten mussten – etwa beim Segelsetzen, Ankerhieven oder Tauziehen. Entsprechend simpel sind Aufbau und Wirkung: einfache Melodien, klare Refrains, maximale Wiederholung. Einer gibt vor, der Chor antwortet. Genau dieses Prinzip treiben die GROGGY DOGS auf die Spitze.

Eine gewisse Abnutzungsgefahr ist nicht von der Hand zu weisen: Die Songs sind oft sehr ähnlich gebaut, zumal hier durchgehend hohes Tempo gefahren wird. Die Segel werden nur selten eingezogen, um der Mannschaft eine Verschnaufpause zu gönnen. Diese Kogge pflügt so schnell durchs Wasser, dass sie so manches Speedboot versenkt. Abwechslung bieten Songs wie „Go To Sea No More“, die melodisch eher der Irish-Folk-Ballade verwandt sind.

Die Folkinstrumente sind mit Chuzpe gespielt

Auch kann man der Band streng genommen vorwerfen, dass sie diese Art von Folk ein Stück weit missversteht. Folk lebt eben auch von Brüchen, von sozialen Themen und dem, was zwischen den Zeilen mitschwingt. Die emotionale Tiefe der POGUES – etwa in der todtraurigen Auswanderer-Hymne „Thousands Are Sailing“ – findet sich hier kaum. Es fehlen die genauen Beobachtungen, die Details, das Allzumenschliche.

Andererseits hat diese Band durchaus ihre Qualitäten. Die Folkinstrumente sind hier keineswegs nur Alibi, sondern im Mix klar präsent – und sie werden mit ordentlich Chuzpe gespielt. Schön dreckig, rau und im schwindelerregenden Tempo schießen Violine und Schifferklavier aus den Boxen. Der Punk im Sound ist durchaus vorhanden, Energie und Spielfreude stimmen. Auch die Rockinstrumente sind sauber produziert und druckvoll.

Zudem sind die GROGGYS deutlich dem Gesetz des Offbeat verpflichtet: Der Sound hat neben Alkohol auch deutlich Ska im Blut. Nur dass die kurzen, stoßartigen Akzente hier von den Folk-Instrumenten gesetzt werden, nicht von der Gitarre. Das bewahrt die Band davor, in allzu seichten SANTIANO-Gewässern auf Grund zu laufen. Die Instrumentalparts greifen auch klar auf traditionelle irisch-keltische Folk-Muster zurück – schnelle, verzierte Melodielinien, die in der Spielpraxis oft deutlich komplexer sind, als sie zunächst wirken. THE CHIEFTAINS sind mit an Bord. Gerade der Irish Folk ist hier superkompetent und lebendig gespielt.

Das Album wirft einige Hits für die Partyplaylist ab

Fakt ist: Dieses Album wirft für die Zielgruppe durchaus einige Hits ab, die sich direkt auf die Trinkspiel-Playlist setzen lassen. Das mit schnellen Ska-Rhythmen versehene Trinklied „One Last Toast“, das noch schnellere – öhm – Trinklied „Fifteen Men on a Dead Man’s Chest“ oder die im Jig-Feeling hüpfende Volkstanz-Nummer „The Sea for the Free“ (6/8-Rhythmus?), zu der man natürlich auch trinken kann, sind kompetent dargeboten, komplett drüber – und machen durchaus Laune.

Und so stellt sich gar nicht die Frage, wie viele Leser mich Kielholen wollen, wenn ich dieses Album auf „Empfehlung“ setze, statt mit dem Daumen nach unten zu zeigen. Denn ich habe ja beschrieben, was hier passiert. Wer schon beim Wort „Schifferklavier“ reflexartig zum Eimer greifen muss, soll mir bitte nicht in den Ausguck steigen, wenn er sich das Album versehentlich in die heimische Kajüte holt.

Weil die Texte auch konsequent auf Übertreibung setzen und kein Klischee auslassen – Outlaws werden glorifiziert, Papageien kommentieren das Geschehen, Schiffe gehen spektakulär zu Bruch – und am Ende landet alles zuverlässig im Reich der trinkfesten Legende –, kann man der Band kaum vorwerfen, hier Authentizität vorzugaukeln, wo keine ist. Sie wissen genau, was sie da tun. Wenn das Schiff kein stolzer Dreimaster ist, sondern ein Gummiboot – auch egal. Es gibt schlechtere Soundtracks, um über die Reling zu kotzen. Dass das Ganze live noch einmal eine Ecke mehr Spaß machen dürfte, ist eh klar. Ich vergebe stabile 7,5 Promille.

Er trug nie Orden und kümmerte sich nicht um Befehle,
ein wildes Herz, das für keine Königsfahne segelte.
Keine Krone, vor der man sich verbeugte. Kein Schiff, das ihm gehörte –
nur Feuer in den Augen und ein furchterregender Name.

Er tanzte mit den Stürmen, lachte mitten im Kampf,
sein Schatten war lang im bleichen Mondlicht.
Mit Spucke und Feuer beherrschte er die Flamme,
der Beste am Grill – ohne jede verdammte Scham.

Hebt das Glas auf Woodenhand Sam,
den Kühnsten, der segelte, ohne sich einen Dreck zu scheren!
Er grillte wie ein König und trank jedes Unheil weg –
verdammt, wir trinken heute auf seinen Namen.

THE GROGGY DOGS „No Grog No Glory“-Tracklist

1. Storms Ahead!
2. All Hands on Deck (Video bei Youtube)
3. One Last Toast (Video bei Youtube)
4. Fifteen Men on a Deadman’s Chest
5. Roll The Grog Around
6. The Ballad of Woodenhand Sam
7. Seven Seas of Grog
8. The Sea for The Free
9. Go To Sea No More
10. Roll The Woodpile Down
11. The Keelhauling Set

VÖ: 24. April 2026

Spielzeit: 42:12

Label: Eigenverlag

Line-Up:

Cap’n Mauro – Vocals & Guitar
Fátima “The Voodoo Witch” – Violine
Charlie “The Cook” – Bass
Lucas “The Deadman” – Drums
Naoki “The Castaway” – Keyboards, Akkordeon

Mehr im Netz:

Instagram: https://www.instagram.com/thegroggydogs
Bandcamp: https://thegroggydogs.bandcamp.com/music
Offizielle Webseite: https://www.thegroggydogs.com/