Der Verfasser ist weder Pharmazeut noch Biologe, diese Gaben besitzt seine geliebte Ehefrau. Dass Atropine in Nachschattengewächsen wie Alraune, Stechapfel und Tollkirsche vorkommen und sie einerseits verflucht giftig, andererseits aber aus der Medizin nicht wegzudenken sind, das musste erst nachgelesen werden. Schön, wenn diese Analogie auf die Musik angewendet werden kann. ASTRAYA nennen ihr zweites Album „Atropine“ und wecken damit Raum für Assoziationen. Für Heaviness und Harmonie, die gleichberechtigt nebeneinander stehen und sich so auch verweben, ist das ein durchaus schönes Bild.
ASTRAYA schaffen auf „Atropine“ auch in kurzen Songs beeindruckende Spannungsaufbauten.
Wirklich giftig klingt die Band aus Stuttgart auf ihrem zweiten Album allerdings nicht. Ist sie also ein eher Mittel gegen den Weltschmerz? „Atropine“ mäandert jedenfalls zwischen THE GATHERING zu Zeiten von „The West Pole“, späten ANATHEMA und zeitgenössischen Künstlerinnen wie ELLEREVE. Das ergibt emotionale Musik zwischen Progressive und Post Rock mit einem Hauch Metal. Schon die Eröffnung „A Spark Within“ entwickelt sich in dreieinhalb Minuten von einem reduzierten Stück hin zu einem leidenschaftlich-epischen Song, bei dem die Gitarren sich umgarnen, ohne auf Twin-Leads zu setzen, während die Rhythmus-Einheit subtil aber bestimmt groovt und Sängerin Melina Abele in sphärische Höhen vordringt.
Dass „Lighthouse“ recht beherzt mit schweren Riffs beginnt und dann eine melodiösere, luftigere Richtung nimmt, funktioniert ebenso gut, wie „In Devotion“, das leise und träumerisch startet, dann zunehmend heavier wird und in ein Gitarrensolo mündet, das ebenso leidenschaftlich und verspielt ist, wie Ricardo Amorims Soli bei MOONSPELL. Hier und auch im folgenden „A Theory Of Time“ klingt Melina Abele nach Silje Wergeland bei THE GATHERING durch ihre Stimmfärbung und Melodieführung und verschafft mehr als nur einmal Gänsehaut. Der Song schafft ebenso wie die Stücke zuvor, in relativ kurzer Zeit einen starken Aufbau und fließt organisch ein sehr gefühlvolles Finale. Überhaupt schaffen ASTRAYA viele gute Steigerungen, siehe „Desendant Of A Dead Man“ oder „Valley Of The Dead Part II“.
Etwas mehr Selbstbewusstsein und etwas weniger Understatement hätte „Atropine“ gutgetan, denn ASTRAYA haben viel Talent.
ASTRAYA feilschen nicht um Aufmerksamkeit und bleiben häufig zurückhaltend, und hier hätte „Atropine“ etwas offensiver und mutiger sein dürfen, denn die fünfköpfige Band hat viel zu bieten. Gerade in der zweiten Hälfte verlieren sich ASTRAYA dadurch zwischendurch immer wieder in der Gleichförmigkeit. Melina Abele, so schön ihre Stimme auch über den Songs schwebt, hätte etwas mehr Variation liefern dürfen, einige Stücke fließen zu unaufgeregt vor sich hin und nicht immer hat die Band die Heaviness im Griff: „In The Pale Glow Of Torches“, wirkt mit seinen abrupten Tempo- und Stimmungswechseln zwischendurch etwas konfus, fängt sich aber wieder und fließt mit tollen Harmonien dem Ende entgegen. Gitarrist Tim Suske, der als Soundingenieur für den Mix zuständig ist, lässt „Atropine“ organisch wirken, etwas wuchtiger und differenzierter hätte das Soundbild aber sein dürfen.
Das Atropin steht auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der WHO. Ist nun auch „Atropine“ ein unentbehrliches Album geworden? Nicht zwingend. Aber nicht falsch verstehen: ASTRAYA haben wirklich schöne und auch bewegende Momente auf ihrem Album stehen und stellenweise müssen die Hörer*innen ein wenig nach dem Besonderen in der Musik suchen. Wer sich aber Zeit für „Atropine“ nimmt, findet vieles im Unperfekten, das unter die Haut geht, wie das versteckte KATATONIA-Flair im abschließenden Titelsong. Hörer*innen der oben genannten Künstler*innen, die Lust auf eine frische Band in diesem Bereich haben, dürfen ASTRAYA gerne eine Chance geben.
Wertung: 7 von 10 Hausapotheken
VÖ: 24. April 2026
Spielzeit: 45:01
Line-Up:
Melina Abele – Vocals
Benny Gölz – Guitar
Tim Suske – Guitar
Tobias Hänsel – Bass
Klaus Wintermayr – Drums
Label: These Hands Melt
ASTRAYA „Atropine“ Tracklist:
1. A Spark Within (Official Video bei Youtube)
2. Lighthouse
3. In Devotion
4. A Theory Of Time (Official Video bei Youtube)
5. Descendant Of A Dead Man
6. Valley Of The Damned Part I
7. In The Pale Glow Of Torches
8. Arrival
9. Valley Of The Damned Part II
10. Atropine
Mehr im Netz:
https://www.astrayaband.com/
https://astraya.bandcamp.com/
https://www.instagram.com/astrayaband/
https://www.facebook.com/astrayaband/
https://astraya.bigcartel.com/
NATTRADIO: Neue Single „The End Song“
Das schwedische Duo NATTRADIO hat mit „The End Song“ eine neue Single veröffentlicht. Der Song steht nicht auf dem Album „The Longest Night“, das im Dezember 2025 veröffentlicht wurde.
NATTRADIO sagen über das Stück:
„Der Titel, der am Earth Day veröffentlicht wird, ist als Reflexion über einen Planeten gedacht, der sich seiner letzten Phase nähert – einem Moment, in dem nichts Dramatisches geschieht, doch alles zu Ende geht.“
Zu dem Song gibt es auch ein Video:
„The End Song“ kann auf allen gängigen Plattformen gestreamt und auf Bandcamp käuflich erworben werden.