LAIR OF THE MINOTAUR: I Hail I

Gut gebrüllt, mythische Sagengestalt! LAIR OF THE MINOTAURs erstes Album in 16 Jahren macht Spaß und ist trotz seiner Kompaktheit überraschend vielschichtig. Doch nicht alles funktioniert auf „I Hail I“.

Wer kommt aus dem Labyrinth empor, die Kleider voller Blut, die Augen voll Wahnsinn und Blutlust, in der Hand den Kopf des Minotaurus? Chicagos fiesester Typ natürlich! Der moderne Theseus Steven Rathbone ist wieder da. Sein Trio LAIR OF THE MINOTAUR hat nach sechzehn Jahren wieder ein neues Album am Start, dem fünften des Trios. In der langen Durststrecke dazwischen gab es zwei EPs mit je zwei Songs sowie zwei Singles. Das ist wenig Ausbeute für eine Band, die zwischen 2004 und 2010 in perfektem Abstand von je zwei Jahren neue Alben veröffentlichten, wobei „Evil Power“ ein wenig Stringenz und Dringlichkeit vermissen ließ. Vielleicht brauchte es also Zeit, um sich im Labyrinth von Knossos zu sortieren und den Weg zurückzufinden.

LAIR OF THE MINOTAUR lassen nichts anbrennen: „I Hail I“ hackt die Grenzen zwischen Thrash, Sludge und Death-Doom zu Brei.

„I Hail I“ heißt das chaotische und brutale fünfte Album, auf dem LAIR OF THE MINOTAUR die Basis aus derben Riffs, donnerndem Drumming und pumpenden Bässen als Unterlage für das Caveman-Gebrüll von Rathbone legen. Die Band, nun mit Neu-Bassist Sanford Parker (ex-BURIED AT SEA, ex-MINSK, ex-NACHTMYSTIUM und Produzenten-Tausendsassa) vervollständigt, lässt in den 30 Minuten von „I Hail I“ nichts anbrennen. Ähnlich wie auf „Evil Power“ gibt es viel HELLHAMMER-artiges Geprügel zu hören, vermischt mit Sludge, Thrash, Death-Doom und einem Hauch Black Metal. All das in 30 Minuten unterzubringen ist schon ehrgeizig, aber LAIR OF THE MINOTAUR haben diese Mischung besser unter Kontrolle als auf dem Vorgänger.

Als würde der wütende Minotaurus mit seiner Axt aus dem Labyrinth herausstürmen, startet „I Hail I“ mit dem thrashigen „Emperor Of Dis“ ohne Vorwarnung. Es bricht aus LAIR OF THE MINOTAUR heraus, in weniger als zwei Minuten wird alles kurz und klein geschlagen. Mit dem Titelsong, der weiterhin Proto-Thrash bietet, aber mit einem Chorus zum Mitbrüllen und Fäuste in die Luft recken gesegnet ist, findet das Trio seine Form rasch wieder. Doch das Chaos lässt sich nicht so leicht eindämmen: „Fucked Inside Out“ und „Deepest Hell“ stehen in ihrem Furor, in ihrer blinden Wut an der Grenze zum Grind. Das macht Spaß, aber wertet das Album nicht zwingend auf, zumal LAIR OF THE MINOTAUR an anderer Stelle beweisen, dass sie richtig gutes Songwriting auch trotz aller Impulsivität beherrschen.

Primitive Riffs und starkes Songwriting schließen sich nicht gegenseitig aus: LAIR OF THE MINOTAUR haben Hits und auch diverse Überraschungen auf „I Hail I“ versteckt.

Songs wie „Enthroned In Violence“, „Saturnus Reign“ und „Prowler Twin Sister“ klingen schon sehr nach HIGH ON FIRE. Das Rezept: Geile Riffs mit einem räudigen Gitarrensound, die von Chris Wozniaks direktem, aber pfiffigen Drumming ins Gehirn getrieben werden. Am wildesten ist jedoch das ETHEL CAIN-Cover „Family Tree“, das stimmig in den LAIR OF THE MINOTAUR-Sound überführt wurde, mit LoFi-Black Metal-Anstrich. Hier, und bei dem auf Synthesizer basierendem „Vulture Worship“ wird deutlich, dass Steven Rathbone und seine beiden Mittäter keine Scheuklappen tragen, wie andere Bands aus dem old school-Spektrum. Allerdings: „Vulture Worship“ will nicht so recht zum Rest von „I Hail I“ passen, könnte aber die Basis für ein Dungeon Synth-Projekt legen.

Auch das abschließende „Tartarus Apocalypse“, der unvermeidliche Doom-Death-Brecher mit siebeneinhalb Minuten Länge wirkt wie eine Pflichtübung, die erst gegen Ende mit der Intensität der besten Songs von „I Hail I“ mithalten kann und dann frustrierend abrupt endet. Der Drumsound klingt etwas platt, gerade im Zusammenspiel mit dem Gitarrensound, dabei verdient Chris Wozniaks grooviges Schlagzeugspiel eigentlich eine schönere Bassdrum. Steven Rathbones vielseitige Vocals zwischen tiefen Growls und urgewaltigem Gebrüll sind überraschend vielschichtig, und gerade in „Enthroned In Violence“ meint man überdeutlich Matt Pike zu hören. Es ist also schön, dass die Barbarei von LAIR OF THE MINOTAUR in die nächste Runde geht und die Band nach sechzehn Jahren unter der Erde noch immer quietschfidel ist, selbst wenn „I Hail I“ nicht an die ersten drei großen Alben von Chicagos nastiest heranreicht.

Wertung: 7 von 10 Ariadnefäden

VÖ: 1. Mai 2026

Spielzeit: 30:13

Line-Up:
Steven Rathbone – Guitar, Vocals, Synth
Chris Wozniak – Drums
Sanford Parker – Bass

Label: The Grind-House Records

LAIR OF THE MINOTAUR „I Hail I“ Tracklist:

1. Emperor Of Dis
2. I HAIL I (Official Audio bei Youtube) 
3. Enthroned In Violence
4. Fucked Inside Out
5. Deepest Hell
6. Saturnus Reign
7. Prowler Twin Sister (Official Video bei Youtube) 
8. Family Tree (Ethel Cain Cover)
9. Vulture Worship
10. Tartarus Apocalypse

Mehr im Netz:

https://lairoftheminotaur.bandcamp.com
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