A FOREST OF STARS: Stack Overflow In Corpse Pile Interface

Schillernde, tief melancholische Avantgarde-Musik voller Wut und Leidenschaft (und, äh, Leichen?): A FOREST OF STARS wissen, was die Stunde geschlagen hat.

Okay, ich dachte, ich schaue mal rein, was ich da vor knapp acht Jahren so geschrieben habe über „Grave Mounds And Grave Mistakes“, das letzte Album der Briten A FOREST OF STARS, und siehe da, es ist eine ellenlange Abhandlung gewesen über ein geradezu überirdisches Meisterwerk avantgardistischer Metal-Musik voller Verve und Wut. Wie soll man das bloß toppen – also, beides jetzt? Ich bin auch nur ein Mensch, und A FOREST OF STARS sind auch nur eine Band, aber – es ist geradezu unglaublich – wir sind beide noch da, und vielleicht ist das ja der passende Einstieg für einen Text über ein Album, das sich „Stack Overflow in Corpse Pile Interface“ nennt, auf deutsch: „Stapelüberlauf in Leichenhaufen-Interface“. Wie bitte?

Genau: Die Texte liegen mir gar nicht vor diesmal, denn ich will nicht warten auf die Special Edition, ich rezensiere nur die Promo, und da sind keine Texte bei, aber die Lektüre dieser wird ich lohnen: „I am my own maggot – consuming myself!“ rotzt uns Sänger Curse zum Einstieg mal vor die Füße, und allein dieses Rotzen, dieser völlig irre Spoken-Word-Gesangsstil zwischen Proklamation und Wahnsinn wäre genug, um mich erneut in Begeisterungsstürme zu versetzen, aber die Textfetzen, die ich verstehen kann ohne mitzulesen, zeigen, dass sich hier auch lyrisch mal wieder Welten öffnen, die sich lohnen zu betreten, wenn man – vorsichtig ausgedrückt – eine gewisse Skepsis gegenüber der herrschenden Normalität sein Eigen nennt.

Ein perverses Cabaret

Doch der Gentlemen’s Club Of A FOREST OF STARS wäre nicht eben jener, wenn er nicht auch musikalisch auf fast 74 unglaublich kurzweiligen Minuten wieder alle Register ziehen würde. Dabei wählt er einen Weg, den viele avantgardistisch agierende Bands kennen, den der wachsenden Zugänglichkeit nämlich: Jeder Song auf „Stack Flow in Corpse Pile Interface“ wartet mit geradezu lieblichen Melodien auf, dargeboten von „Katheryne, Queen Of The Ghosts“ auf ihrer Violine oder mit ihrer Stimme. Wenn sie geigt, klingt das wunderbar melancholisch und niemals schräg (ein Glück!), und wenn sie singt – und das tut sie oft diesmal – , erinnere ich mich erstaunlicherweise an THE GATHERING, als diese mit „How To Measure A Planet“ damals den Metal hinter sich ließen. (Wer sich davon überzeugen will, möge eines der im Stile des Artworks animierten Lyric-Videos anklicken – ich empfehle „Roots Circle Usurpers“.)

Doch keine Angst: A FOREST OF STARS sind nach wie vor eine Metal-Band, und jedes der sechs Stücke bietet ausreichend Gitarren und sogar Blast Beats, so dass ich die Einordnung als „Black Metal“ durchaus nachvollziehen kann, wenngleich hier stilistisch der Doom im Vordergrund steht und A FOREST OF STARS nach wie vor eher in ein perverses Cabaret passen würden als in eine satanische Messe oder einen norwegischen Fjord. Ja, das hier ist trotz der gestiegenen Zugänglichkeit und der vielen elegischen Parts immer noch ganz schön sperrig, auch wenn man doch einiges an zarten Melodien mehr dabei hat (es gibt sogar eine folkloristisch anmutende gespielt auf einem Glockenspiel!) und am Ende wirklich alle Bombast-Register zieht – dafür sorgt nicht zuletzt Mr Curse mit seinem unglaublichen Charisma, und dafür sorgt die Band durch ihr perfekt ausbalanciertes Spiel mit Harmonie und Disharmonie.

A FOREST OF STARS sind und bleiben einzigartig (wütend)

Aber nochmal zu Herrn Curse: Mann, was ist der wütend! Ich hasse Studio-Videos, aber von ihm würd ich mir eins anschauen; egal, ob er über „a thousand miserable piss artists“ schimpft oder beklagt, dass man sich doch bitte sein eigenes Loch graben möge, dieses hier sei seins… Es ist immer eine Wonne, und dabei hab ich – s.o. – noch nicht einmal damit angefangen, mir Gedanken über den eigentlichen Gehalt seiner Texte zu machen. Es gibt so einen Sänger kein zweites Mal, lediglich Alasdair von den auch sonst sehr von A FOREST OF STARS inspirierten ASHENSPIRE klingt ähnlich, aber Curse war eher da, und er hat Katheryne an seiner Seite, um den ganzen Hass, der sich durch ihn Bahn bricht, durch Zartheit auszugleichen. Es ist kein besonders originelles Rezept, sicherlich, aber die künstlerische Umsetzung dessen sucht einfach ihresgleichen in der internationalen Metal-Szene.

Übrigens auch visuell: Wie immer haben A FOREST OF STARS ein Gesamtkunstwerk geschaffen und bieten eine aufwändige Special Edition an, die neben einer 28minütigen EP namens „Ticket To Writhe“ auch dazu einlädt, sich in das von Mr Curse stammende, gewohnt unkonventionell in bunten Farben gehaltene Artwork zu vertiefen. Ja, „Stack Overflow in Corpse Pile Interface“ mag, typisch für die Band, schrill, irre, pompös und avantgardistisch sein – es ist vor allem bunter, wehmütiger, insgesamt weniger aufgedreht als die Vorgänger und in sich sehr stimmig: ein reifes, großes Werk einer brillianten Band, die genau weiß, was sie tut und was sie will, nämlich auf einem Fundament aus opulenter, schwelgerischer Wehmutsmusik wilde Worte voller Wut ausspucken über eine Welt, die so schön sein könnte (und es paradoxerweise ja auch ist). Danke, danke, danke!

Spielzeit: 73:33 Min.

Veröffentlichungsdatum: 08.05.2026

Label: Prophecy Productions

Tracklist – A FOREST OF STARS – „Stack Overflow In Corpse Pile Interface“

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