GENGHIS TRON: Signal Fire

Das Alarmsignal leuchtet grellrot: „Signal Fire“ bringt die Heaviness in den Sound von GENGHIS TRON zurück.

Inmitten der Pandemie ließen GENGHIS TRON nach langer Zeit wieder von sich hören, mit einer nicht unbedingt positiv stimmenden Vision. Die Krisen bleiben seither bestehen, sie summieren sich, werden immer mehr, an allen Ecken und Enden brennt es. Da ist es gut zu wissen, dass „Dream Weapon“ keine Eintagsfliege war, kein Midlifecrisis-Flirt mit der Vergangenheit, denn es braucht die, die klar denken mehr denn je. GENGHIS TRON machen weiter, „Signal Fire“ ist dabei ein Schritt nach vorne, aber zwei Schritte zurück.

Fünf Jahre nach dem Reunionalbum ist die Band zum Quintett gewachsen, und „Signal Fire“ hat den vollsten Klang aller bisherigen GENGHIS TRON-Alben. Dass mit Kenny Szymanski nun ein Bassist mit an Bord ist, lässt den Sound zwischen Synth Rock und Mathcore so voluminös werden, wie nie zuvor. Der erhöhte Härtegrad tut „Signal Fire“ gut, auch wenn die sich aufgestaute Spannung mittels großer, erlösender Ausbrüche öfter hätte entladen dürfen. Andererseits passt diese Nervosität sehr gut zum Konzept der permanenten Bedrohung, derer der Menschheit ausgesetzt ist. Und doch: „Tomorrow Mirage“ hat so eine Klimax, die ebenso wirkungsvoll ist, wie der eklektisch-ekektronische zweite Teil des Songs.

GENGHIS TRON erzeugen eine beunruhigende, nervöse Atmosphäre auf „Signal Fire“, die fast körperlich spürbar wird.

Doch von vorn. „Signal Fire“ passt mit seinem bitteren Postmodernismus passgenau zwischen die aktuellen Alben von CONVERGE einerseits und BOARDS OF CANADA andererseits und zeigt, dass GENGHIS TRON mit ihrer Ausrichtung und ihrem Mindset nach wie vor am Puls der Zeit liegen. „Signal Fire“ schafft den Spagat zwischen Chaos und Melancholie, zwischen Eingängigkeit und meditativer Ruhe in den Interludes. „I Am All“ pulst ganz am Anfang in das Album hinein, mit nervösen Synthesizern und infektiösen Beats. Hier zeigt sich, dass sowohl das energetische Drumming von Nick Yacyshyn als auch die Beats maßgeblich für den Gesamteindruck sind.

GENGHIS TRON verbinden chaotischen Hardcore mit Industrial und IDM sinnvoll, es bleibt aber deutlich, dass ihre DNA klar die einer Rockband ist, Hamilton Jordans cleverer Riffs sei Dank. Sänger Tony Wolski, der auf „Dream Weapon“ rein seine Cleanstimme verwendete, entpuppt sich als facettenreicher Sänger, der auch kraftvolle Screams beherrscht. Ein Song wie „Born Prey“ mit brutalem Beginn und sehr melancholisch-harmonischem Finale wäre auf „Dream Weapon“ undenkbar gewesen und katapultiert die Band eher wieder zurück in Richtung „Board Up The House“.

„Signal Fire“ spielt mit den Erwartungen der Hörer*innen: GENGHIS TRON spiegeln so den Zustand der Welt.

„Signal Fire“ klingt unberechenbar und ist häufig ein Spiel mit den Erwartungen der Hörer*innen: So wie „Born Prey“ Boshaftigkeit vortäuscht, hinter der eine tiefe Traurigkeit liegt, wähnt man sich beim eingängigen Intro von „A Love So Pure“ in Sicherheit, bevor das Chaos losbricht. Das vergleichsweise sanfte „Future Worship“, das einem Indiehit dank des großartigen Chorus noch am nächsten kommt, ist damit die Ausnahme auf dem vierten Album der Band. GENGHIS TRON untermalen mit solchen Songs das Textkonzept: Realitätsverzerrung, alternative Wahrheiten und Fakten. Dieser Kunstgriff macht „Signal Fire“ zu dem Album, als eigentlich nach „Board Up The House“ hätten kommen sollen. Eine erwachsene, verbitterte Variante eines Sounds, er schon immer sehr dystopisch war.

Der beste Beweis dafür ist das abschließende „New Gods“: Ein epischer Schlusspunkt wird angetäuscht, dann nimmt das Stück eine Abzweigung in eine brachiale Industrial-Richtung und endet sehr abrupt. So wie Altman, Musk und Thiel eine schöne neue Welt versprechen mögen, aber diese eigentlich brennen sehen wollen. Das ist das bittere Fazit von „Signal Fire“: Die Menschheit, der Autor eingeschlossen, lässt sich einlullen mit KI generierten lustigen Bildern, Same-Day-Deliveries, endlosem Serienbingen, outgesourctem Denken und Apps zur Selbstoptimierung, aber jede dieser Handlungen zählt die Zivilisation etwas mehr an. Das „Signal Fire“ leuchtet grellrot, und GENGHIS TRON warnen überdeutlich vor der ach so schönen neuen Welt. Ein intensives Album für interessante Zeiten.

Wertung: 8,5 von 10 Doomsday Clocks

VÖ: 12. Juni 2026

Spielzeit: 43:26

Line-Up:
Tony Wolski – Gesang
Michael Sochynsky – Synthesizer
Hamilton Jordan – Gitarre
Nick Yacyshyn – Drums
Kenny Szymanski – Bass

Label: Relapse Records

GENGHIS TRON „Signal Fire“ Tracklist:

1. I Am All (Video bei YouTube) 
2. Signal Fire
3. Future Worship
4. Like Fotocrom
5. Tomorrow Mirage
6. Nothing Blooms In The Hollow (Video bei YouTube) 
7. Without Form
8. Born Prey (Vizualizer bei YouTube) 
9. A Love So Pure
10. New Gods

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