MONO: Snowdrop

Wie man mit Trauer umgeht: Auf „Snowdrop“ agieren MONO würde- und wundervoll, auch ohne ihren langjährigen Begleiter Steve Albini.

Etwas mehr als zwei Jahre ist es nun schon her, dass Steve Albini völlig überraschend verstarb. Unter den vielen Künstlern, die mit ihm arbeiteten, ist vor allem eine Band, die seit 20 Jahren ausschließlich in den Electrical Audio Studios aufnahm, und die mit der Kompromisslosigkeit von Albini untrennbar verbunden war. Für MONO, die dem Punk-Ethos Albinis stilistisch scheinbar immer kontrastreich gegenüberstanden, war diese Zusammenarbeit schlicht stilprägend: Albini ließ MONO einfach im Studio MONO sein, ohne ihnen dreinzureden, aber der Verfasser ist sich sicher: Ohne Albinis Präsenz klänge die Band heute völlig anders. Die neue Ära ist für MONO längst angebrochen, doch gerade die aktuellste Weihnachts-EP „Heaven Vol. 4“ zeigte, dass sich unter der Regie von Brad Wood gar nicht so viel änderte.

In welchem Zustand sich MONO befinden, verdeutlicht bereits der Titel ihres ersten Albums der Post-Albini-Ära: „Snowdrop“, das Schneeglöckchen, könnte symbolträchtiger kaum sein. Ein Frühlingsbote, der die Schneedecke durchbricht und sich der Sonne entgegenstreckt. So gehen sie mutig voran, durch die Trauer hindurch und versuchen das Schöne zu entdecken das bleibt, nachdem die Trauer integriert wurde. Und musikalisch könnte das nicht stimmiger geboten werden. Das getragene Thema des Titelsongs bietet Platz für eine Veränderung von der Traurigkeit, hin zur Feier des Lebens. Spätestens, wenn nach fünf Minuten die Streicher ihren Platz im Song finden, geht es nicht mehr um Verlust, sondern Dankbarkeit.

MONO feiern das Leben: Jede Note von „Snowdrop“ verströmt Demut.

Dass sich Dankbarkeit nach einem Verlust einstellt, ist eine Frage der Zeit. Der Schock, nachdem jemand aus dem Leben gerissen wurde, passt nicht zu den Gefühlen, die MONO mit „Snowdrop“ channeln – sie sind somit schon ein paar Schritte weiter im Trauerprozess. Vielleicht rühren auch daher kleinere Änderungen im Bandsound: Das Klavier ist relativ häufig führend, hier scheint Takami, die ansonsten Bass spielt, etwas von Takaakira „Taka“ Gotos kreativer Führung abzunehmen. Die Streicher sind wie üblich präsent und äußerst üppig, doch daneben ist ein achtköpfiger Chor zu hören, dessen Gesang MONO in Richtung SIGUR RÓS bringt: So ähnlich hätte Jonsí auch im Falsett auf „Atta“ singen können.

Mit diesen Anpassungen erzeugen MONO auch in relativ kurzen Songs wie „Winter Daphne“ ganz große, bewegende Momente. Auch das große Panorama fahren sie auf: „Gerbera“ und „Farewell To Spring“ sind durchströmt von Liebe und Licht. Die Band funktioniert dabei auch ohne die orchestrale und chorale Begleitung: Das Zusammenspiel der Gitarren ist so vielschichtig und lebendig wie selten zuvor, die Rhythmuseinheit verleiht MONO zusätzlich eine wunderbare Bodenständigkeit. Das ist sicherlich auch Brad Woods geschuldet, der einen leicht veränderten klanglichen Fokus setzt. Leider hat „Snowdrop“ wie schon der Vorgänger „Oath“ in der Mitte einen Durchhänger: „Statice“ wirkt etwas konfus, „Hedera“ ziemlich blass.

MONO arbeiten mit Liebe gegen Zynismus: „Snowdrop“ ist verkitscht, aber genau deshalb so schön.

„Snowdrop“ ziert abermals ein Artwork, das irgendwie an das Gute glauben lässt, an ein Happy End, an ein wenig Poesie in dieser grauen Welt. Und sie schaffen es zu berühren, mit ihrem unbedingten Glauben an Schönheit und Poesie, und die Kraft, die all dem innewohnt. Und das ist es, was MONO 2026 mehr denn je ausmacht: Poesie. „Snowdrop“ ist in den lauten wie in den leisen Momenten voller Liebe, eine warme, tröstliche Badewanne voll Klang. Und wie üblich übertreibt es die Band hier gelegentlich, „Bells Of Ireland“ besteht nur aus Klavier und Streichern, sechs Minuten Pathos um das laute, noisige Finale vom beherzten „Shion“ herunterzufahren.

„Bells Of Ireland“ mag der Gipfel des Kitsches sein, aber es führt zum hoffnungsvollen Abschluss des Artikels und des Albums. Das Gegenteil von Zynismus ist, und das mag jetzt ein wenig zynisch klingen, der Kitsch. Was ist so schlimm daran, das Herz zu öffnen? Der Verfasser denkt es sich häufig beim Blick auf die Garderobe seiner Kinder. Wie wäre die Welt, würden wir Erwachsenen, gerade die Männer (!), mit Einhörnern und Pferden auf den Shirts herumlaufen? Gäbe es weniger Verbitterung und Hass? So hot ist dieser Take nicht. Der Fokus auf die Liebe, die Dankbarkeit, die Demut und das Weiche, das Schöne, das Kitschige – gespiegelt auch durch die Blumensprache von „Snowdrop“ – ist manchmal das, was es braucht, um sich wieder wohlzufühlen. MONO haben das längst begriffen und spielen es mit vollem Herzen aus. Aber natürlich, Albini wäre stolz auf MONO.

Wertung: 6,5 von 8 Bouquets

VÖ: 12. Juni 2026

Spielzeit: 49:27

Line-Up:
Takaakira ‚Taka‘ Goto – Guitar
Tamaki – Bass, Piano
Yoda – Guitar
Dahm – Drums

Label: Temporary Residence

MONO „Snowdrop“ Tracklist:

1. Snowdrop
2. Winter Daphne (Official Audio bei Youtube) 
3. Gerbera (Official Video bei Youtube) 
4. Statice (Official Audio bei Youtube) 
5. Hedera
6. Shion
7. Bells Of Ireland
8. Farewell To Spring

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