ZERAK: Wings Unchained [EP]

Bei ZERAK steht kein Ego im Raum, da zählt das Gesamtwerk, welches alle sechs großartig ausfüllen. Ein Meisterwerk anspruchsvoller Musik zwischen Prog-Metal und Prog-Rock und viel mehr.

ZERAK gibt es seit 2017. Meine armenische Apothekenfachlady sagt, das ist alt Persisch und steht für schlau, intelligent. Ah, hm, die Musik bringt es zumindest auf den Punkt. Den Grundstein legten die Gitarristen Chris Frank und Uwe Saussele, dazu kamen Steffen Singler (Bass), Christopher Carapetyan (Drums), Christian Wick (Keyboards) und Alison Zick (Vocals). 2020 gab es die Debüt-EP „Serak“. 2021 verließ Alison die Band aus der Stuttgarter Ecke, im Frühjahr 2022 kam Meike Fischer als neue Sängerin dazu. Oft missbraucht der Spruch, hier passt er: Es kam zusammen, was zusammen gehört!

Bei ZERAK kam zusammen, was zusammen gehört!

Seit gut sechs Jahren arbeitet die Band schon an „Wings Unchained“, und nun ist es endlich soweit, dass die Band ihr neues Werk präsentieren kann. Dem sie sehr limitierend den Progressive Metal-Stempel geben. Den gibt es, aber noch so viel mehr. „Chained“ eröffnet. Ein kurzes zartes Intro, ein aufbauendes Statement, und dann geht es voll ab. Wie sehr wünscht man sich, dass die Herren von IRON MAIDEN nochmal so ein Brett raushauen, denn an eine druckvolle Version der alternden Jungfrauen erinnert der Part. Und sofort freut man sich über die mitsingende Schweineorgel. Die klingt staubig echt und nicht nach Studiotools. Dann wird es tatsächlich zappelig, dass im Hause ZERAK gern mal DREAM THEATER laufen, das zeigen sie immer wieder und ziehen damit den Bogen zum Progressive Metal.

Sängerin Meike packt mit unfassbar kraftvoller Stimme in den ersten Part schon mehr Variationen als viele Trällerelsen auf ein ganzes Album

Etwas ungläubig lauscht man dem Gesang von Meike. Sie packt mit unfassbar kraftvoller Stimme in diesen ersten 8-Minuten-Part schon mehr Variationen als viele Trällerelsen auf ein ganzes Album. Und auch das wird sofort deutlich: Die Emotionen der dunklen Story um eine toxische Beziehung und der Befreiung daraus macht sie greifbar allein durch den Gesang. Wieder mal eine wilde Abfahrt, immer mal muss ich auch an die spinnigen Momente von MYRATH denken. Wenn Meike dann die Stimme wieder hochschraubt und fantastische Leads ins Rampenlicht kommen, dann findet das Drumherum schon längst nicht mehr statt, die Story hat einen gefangen. Und da ist sie wieder, diese zarte Melodie, die sich immer mal auch in Variationen durch die Kapitel zieht und den Zuhörer in der Story hält.

Frozen Moments beim verträumten „Sea Ghosts“

„Sea Ghosts“ kommt sehr zart und verträumt daher. Anfangs schmunzelt man etwas, das hat durchaus das Flair eines Zeichentrickfilmes. Aber mal ehrlich, haben wir nicht alle mit Anna und Elsa mitgelitten und mitgesungen? Ok, die ganz harten Metaller wohl eher mit Olaf. Wieder kurz das Aufbäumen vom Opener, dann wird es wieder zuckersüß mit Piano und Bildern, die Meike mit ihrer Stimme malt. Und das alles ohne jeden Hauch von Kitsch. Wenn sie dann zum Ende hin doch ausbricht, ist man wieder nur beeindruckt.

„Janus Face“, der Titel sagt alles. Der römische Gott mit zwei Gesichtern steht für Anfang und Ende, Neuanfang, das Öffnen von verschlossenen Türen. Nichts mit Kuschelrock, bedrohliches Piano, Flüsterstimmen, langsam drückt Unwohlsein durch. Hier und auch später immer mal wieder zeigen die Jungs, dass sie auch gerne mal im ganz frühen Prog/Art/Kraut-Rock unterwegs sind. Dann wird es doch lauter und passend zur Geschichte zerriger, wie Meike sich durch die Stimmungen arbeitet, das ist greifbar und gefühlsecht. Wenn in den lauten Momenten auf „Wings Unchained“ ihre Stimme kippt, jeder pflichtbewusste Produzent hätte das weg radiert. Aber nein, gerade das macht die Stimmung und Verzweiflung hörbar und greifbar.

Die durch „Wings Unchained“ führende Melodie wird schnell zu einer ständigen Begleiterin

Wieder die Melodie zum Album, erst zart am Piano, dann zart erzählt von der Gitarre, schön. Wie es gespielt wird zeigt, dass hier jemand DAVID GILMOUR mag. Aber auch folgend hat „Escape“ einen leichten PINK FLOYD-Touch. Willkommen zurück, du laute Albummelodie. Die geht – selbst erlebt – auch schon mal los mitten im Supermarkt, setzt sich garantiert dauerhaft und hartnäckig fest. Dann wird es wieder laut und zappelig, die „ich muss hier raus“ Wut wird musikalisch und stimmlich greifbar.

„Salvation“ wird dann nochmal richtig groß, diese eine Melodie macht sich in verschiedenen Linien breit, auch Meike übernimmt sie. Was für eine großartige Band im Gesamtbild! Mehr Stimmen, mehr Ausdruck, die musikalischen Themen des Albums kommen alle nochmal vorbei. Ein echter Showdown, großartig. Wie die Story um eine toxische Beziehung und dem Ausbruch daraus fühl- und greifbar gemacht wird, das ist ganz großes Kino.

Mag sein, dass ein Hauch von Begeisterung durchschimmert. Ein ganz großes Highlight bei ZERAK sind natürlich die fantastischen, kraftvollen und variablen Vokals von Meike. Man bleibt hier und da schon mal sprachlos zurück, was da abgeht. Wenn sie das ansatzweise – und das klingt mit jedem Ton durch – live so rüber bringt, dann ist das ganz groß. Wenn dies hier, fast unvorstellbar, nicht ihre eigene Story ist (die Lyrics stammen von Katharina Frank), dann wird es noch unfassbarer, wie sie diese Emotionen so fühlbar vertonen kann.

Bei ZERAK steht kein Ego im Raum, da zählt das Gesamtwerk, welches alle sechs großartig ausfüllen

Aber nein, ZERAK ist nicht Meike. Bass, Drums und Keys bei ihrem herrlichen Spiel mit- und gegeneinander zuzuhören, oft im Stil früher Progbands, das ist herrlich. Dass die Jungs an der Gitarre schon lange zusammenarbeiten, das hört man durchgehend. Jeder auf höchstem Level unterwegs, schaffen und geben sie Räume für sich und das Gegenüber. Da steht kein Ego im Raum, da zählt das Gesamtwerk. Was alle sechs großartig ausfüllen. Alles ist ins kleinste Detail durchdacht, ohne dass es jemals kopflastig klingt.

Natürlich muss man sich „Wings Unchained“ auch unter dem Kopfhörer anhören, um wieder und wieder neue Kleinigkeiten zu entdecken oder einfach mit der Musik und der Story allein zu sein. Die jede/r mitleben kann, der selbst zu lange in den Fängen einer/eines narzisstischen Irren war. Die EP eignet sich auch nicht wirklich zum nebenher hören bei der geselligen Grillparty. Schwierig auch im Autoradio, hab selbst schon Grünphasen verpennt, weil es gerade dramatisch wurde. Die Huperei war dann eher unharmonisch zu meiner neuen Lieblingsmelodie.

Wer als Prog-Metaller/Rocker in der Lage ist, bei Musik richtig zuzuhören und von der Band auch dazu eingeladen werden möchte, der kommt an „Wings Unchained“ nicht vorbei! ZERAK haben einen großen Weg vor sich, den ihr hoffentlich nicht die großen Labels zerschießen. Da steckt noch viel mehr in ZERAK, das hier ist hörbar eine echte gewachsene Band als großartiges Gesamtwerk. Und das sollte so bleiben! Aber wie so oft nach der halben Stunde geht jetzt der Finger wieder auf die Playtaste. Ich will jetzt mit „Wings Unchained“ allein sein!

Veröffentlicht am 01.07.2026

Spielzeit: 29:43 Min.

Lineup:
Gesang – Meike Fischer
Gitarre – Chris Frank
Gitarre – Uwe Saussele
Bass – Steffen Singler
Keyboards – Chris Wick
Schlagzeug – Christopher Carapetyan

Label: Eigenveröffentlichung

Homepage: https://zerak.de

Mehr im Web:
https://www.facebook.com/zerakmusic
https://www.instagram.com/zerak_music

Die Tracklist von „Wings Unchained“:

01. Part 1 – Chained (Audio bei YouTube)
02. Part 2 – Sea Ghosts (Audio bei YouTube)
03. Part 3 – Janus Face
04. Part 4 – Escape
05. Part 5 – Salvation