Hinter jedem Schatten lauert ein Dämon, in den Baumkronen sitzen die Gespenster und direkt im Nacken ist der Teufel. Und FLUISTERAARS treten auf als der Geisterreiter, der hinter den Hörer*innen herjagt. „Jacht der Mysteriën“ ist ein dunkles Album, etwas anderes als das farbenfrohe „Bloem“, als das impulsiv-improvisierte „Gegrepen Door de Geest der Zielsontluiking“ und selbstverständlich als das Ambient-Album „Manifestaties van de Ontworteling“. Unverkennbar ist die Handschrift der Niederländer dennoch: FLUISTERAARS haben eine eigene Aura, ein eigenes Flair, etwas das sich durch ihr Oeuvre hindurch zieht.
In „Jacht der Mysteriën“ fließt all das ein, was FLUISTERAARs in den vergangenen 15 Jahren ausgezeichnet hat.
In der Mystik von „Jacht der Mysteriën“ findet sich auch das folkloristische Element der EP-Trilogie „De Kronieken Van Het Verdwenen Kasteel“, im Vergleich dazu wird aber deutlich, dass die LoFi-Herangehensweise der EPs etwas anderes ist als das rohe Sounddesign von „Jacht der Mysteriën“. FLUISTERAARS leben hier den Minimalismus und zeigen erst auf den zweiten Blick, wie beeindruckend dieses Album ist. Während die restlichen Black Metal-Alben von FLUISTERAARS immer Liebe auf den ersten Blick darstellten, scheint „Jacht der Mysteriën“ zunächst einfach nur aus drei Riffs von Songwriter Mink Koops zu bestehen, in drei überlange Songs eingewoben. Doch die Skepsis verfliegt schnell – primitiv ist hier nämlich nichts.
Denn was sofort deutlich wird ist, wie sorgsam diese wenigen Riffs ausgearbeitet werden: Mit subtilen Variationen, sodass sie die überlangen Songs schnells ins Hirn fräsen. Raum und Zeit beginnen zu verschwimmen, sofern man sich auf das Album einlässt, kommen auch keinerlei Längen auf, so detailverliebt sind die Songs ausgestattet: Mit Maß und Ziel werden Synthesizer über die Songs geschichtet, und hier zeigt sich auf sehr subtiler Ebene, wie FLUISTERAARS anno 2026 ihr Improvisationstalent nutzen. Beginnend mit dem 13-minütigen „Grondeloos Donkere Bossen“ erzeugt die Band tranceartige Zustände. Die Grundstruktur des Songs ist simpel, ein Drumbeat mit Doublebass, ein Riff, darüber vereinzelte, schaurige Synthesizer und Bob Mollemas grimmiger Gesang. Die Variationen der Riffs innerhalb des Songs ist dabei hauchzart, das Lied fließt in seiner Morbidität kohärent dahin.
Trance Made In Gelderland: Auf „Jacht der Mysteriën“ zeigen FLUISTERAARS, wie gehaltvoll so wenige Riffs sein können.
Auf dieselbe Weise funktionieren auch die anderen beiden Songs: „Condities der Afstraffing“ hämmert rasant sich in den Kopf, ist wie ein Mahlstrom aus Riffs, mit Blast-Drumming, in das immer wieder Double Bass einstreut ist, und Leadgitarren, die abwechselnd mit dem Gesang und den Synthesizern immer wieder aus den Schatten auftauchen. Verglichen mit dem Opener ist hier aber auch ein langsamer Mittelteil zu hören, der die Komposition durchbricht. Ein beeindruckender Song, bei dem auch klar wird, dass die Livebesetzung von FLUISTERAARS den Charakter der Band nicht verwässert. Spätestens hier muss über ebenjene Besetzung gesprochen werden. „Jacht der Mysteriën“ wurde live in einem Take in einem alten Wasserturm eingespielt, und das ist die eigentliche Sensation an dem Album. Denn hier wird deutlich, wie sehr die Musik lebt, wie gut die Musiker eingespielt sind, und wie sie miteinander interagieren. „Jacht der Mysteriën“ ist Musik, die lebt, obwohl das zunächst gar nicht so richtig auffallen mag.
„Zwarte Zomermaan“ schließt das Album so ähnlich, wie es begonnen hat ab. Der Song nimmt aber nach fünf Minuten eine andere Richtung, spielt mit Dynamik und bäumt sich immer mehr auf, dann fließt es aus und besteht am Ende doch noch nur aus Ambient-Schichten. Leider haben sich FLUISTERAARS mit diesem ausufernden Outro etwas verschätzt: Es fühlt sich so an, als müsste da am Ende noch etwas stehen, stattdessen faded der Song relativ belanglos aus und auf den abschließenden Knall wartet man vergeblich. Dass die letzten sechs bis acht Minuten nicht um die Hälfte gekürzt wurden, ist schade. Davon abgesehen funktioniert das Album sehr gut. Wie klar und fokussiert das Songwriting sein muss, um aus so wenigen Riffs etwas so Gehaltvolles herauszupressen, ist allein schon beeindruckend.
Die Ästhetik von FLUISTERAARS ist dieselbe, die Musik auf „Jacht der Mysteriën“ wirkt erwachsener als zuvor.
Die Niederlande mögen nicht für ihre Wälder, für die abgeschiedenen Gegenden und die düsteren Geheimnisse bekannt sein. FLUISTERAARS erforschen mit der Meditation „Jacht der Mysteriën“ die finstere Vergangenheit ihrer Heimat und beeindrucken dabei sowohl auf kompositorischer als auch auf handwerklicher Ebene. Gerade hier kommt alles zusammen: Das fokussierte Songwriting, die Performance der Musiker, die Produktion, all das macht deutlich, dass FLUISTERAARS‘ Karriere nach „Gegrepen Door de Geest der Zielsontluiking“ eine Wendung nahm. Der Verve der Jugend ist einer neuen Ernsthaftigkeit gewichen, die nach dem vagen Abgrenzungsversuch „Manifestaties van de Ontworteling“ in eine erwachsenere Richtung übergeht. Vielleicht ist „Jacht der Mysteriën“ gerade deshalb ein beeindruckend atmosphärisches, dunkles Album geworden, das langsam entdeckt werden will.
Wertung: 8 von 10 Spukgestalten
VÖ: 11. September 2026
Spielzeit: 43:27
Line-Up:
M. Koops – Music and Guitars
B. Mollema – Vocals and Lyrics
N. de Wit – Drums
T. Cochrane – Bass
S. Claessen & A. van Bennekom – Lawine van Duisternis
Reus van de Steenen Tafel – Ruimte
Label: Eisenwald
FLUISTERAARS „Jacht der Mysteriën“ Tracklist:
1. Grondeloos Donkere Bossen
2. Condities der Afstraffing (Official Audio bei Youtube)
3. Zwarze Zomermaan
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