FLUISTERAARS: Gegrepen Door de Geest der Zielsontluiking

Ein Black-Metal-Album, das einfach alles kann: Wut kanalisieren, Trance erzeugen, Schönheit abbilden – mithin all das Kathartische, das wir dieser einzigartigen Musikrichtung seit jeher abtrotzen, und es schafft das mit spielerischer Leichtigkeit; ein großer Wurf!

Ihr kennt das sicherlich: Gerade habt ihr ein Buch gelesen, einen Film gesehen oder eine Nachrichtensendung ertragen, und nun wollt ihr das in euch entstandene Gefühl – eine merkwürdige Mischung aus Übelkeit, Wehmut und Verzweiflung – musikalisch ein wenig veredeln. Doch was tun? Gesucht wird etwas Wärme, ein Schrei vor märchenhafter Kulisse, Zuckerbrot und Peitsche zugleich, aber vor allem: ein weiteres Bier, nein, pardon, ein neues, frisches Black-Metal-Album, das vertraut klingt und es doch so gar nicht ist.

Hier kommen die Holländer FLUISTERAARS ins Spiel. Hörbar inspiriert von der ungezügelten Energie ihrer Freund:innen von TURIA, legen sie mit „Gegrepen Door de Geest der Zielsontluiking“ nur eineinhalb Jahre nach dem unwesentlich dezenter betitelten „Bloem“ ein Album nach, das einfach alles kann: Wut kanalisieren, Trance erzeugen, Schönheit abbilden; mithin all das Kathartische, das wir dieser einzigartigen Musikrichtung seit jeher abtrotzen, und es schafft das mit so spielerischer Leichtigkeit, dass ich mich fragen muss, wieso „Bloem“ überhaupt noch Schwachstellen haben konnte.

„Gegrepen Door de Geest der Zielsontluiking“ ist ein faszinierender Wirbelsturm aus Ästhetik und Raserei

Wie haben sie das geschafft? Nun, FLUISTERAARS hatten angekündigt, ihr neues Album werde eine ungefilterte, wilde Raserei, ursprünglich und rau – und das ist es tatsächlich; das und noch viel mehr allerdings. Das Werk beginnt wie ein Wirbelsturm aus Ästhetik, der mich immer wieder in ungeahnte Höhen aufsteigen oder grauenvolle Tiefen abfallen, aber niemals im Stich lässt: Immer nachvollziehbar und trotz der emotionalen Fülle niemals überbordend stürmt der Orkan Richtung melodischer Ekstase, und wenn er dort ankommt, klingt es merkwürdig nach den 70ern; Bilder einer Ausstellung kommen in den Sinn (EMERSON, LAKE & PALMER), doch ehe das Improvisierte nerven kann, geht es weiter mit dem nächsten unwiderstehlichen Riff.

Was dem Ganzen die Krone aufsetzt, ist der irgendwie entrückte Gesang, der sich alles traut, selbst das wahnwitzige Abkippen in die Kopfstimme und die aus dem alten Norwegen bekannten hymnischen Einlagen. Dieser ist es dann auch, der FLUISTERAARS nach der knappen Niederlage gegen ihre Landsleute letztes Jahr quasi in der Nachspielzeit an TURIA vorbeiziehen lässt – ob es unfair ist, dass sie sich dabei ihrer Mittel bedienen, sei dahingestellt; ich hoffe nur, dass der freundliche Wettstreit weitergeht und TURIA ihrerseits bald nachlegen.

Explizit erwähnen möchte ich zuletzt noch das stimmige Cover-Artwork, das mit seinem alles andere als simplen Minimalismus wie schon beim letzten Album kongenial auf die Stimmung setzt. Ja, da ist etwas Großes entstanden in Gelderland: Berauschende Melodik, wahnwitziger Gesang, unfassbar präzises Drumming und über allem der konsequente Mut loszulassen – man spürt in jeder Sekunde die Lust am ästhetischen Mittelfinger gegen diese Welt, an der verzweifelten Katharsis; deren Notwendigkeit wiederum man vielleicht schon verinnerlicht haben muss, um FLUISTERAARS und ihre gleichermaßen raue wie zärtliche Symphonik angemessen würdigen zu können.

Spielzeit: 35:36 Min.

Veröffentlichung am 27.8.2021 auf Eisenwald

FLUISTERAARS „Gegrepen Door de Geest der Zielsontluiking“ Tracklist

1. Het oevervleugelen der meute
2. Brand woedt in mijn graf
3. Verscheuring in de Schemering