Von Frank Feranna zum Rockstar – eine ehrliche Herkunftsgeschichte
Wer Nikki Sixx kennt, denkt sofort an Exzess, Hair-Metal und die legendären Skandale von MÖTLEY CRÜE. Mit „The Dirt“ und „The Heroin Diaries“ hat der Bassist und Gründer der Band bereits zwei Bücher über sein Leben vorgelegt. Doch wer war Nikki Sixx, bevor er Nikki Sixx wurde? Genau diese Frage versucht sein neuestes Werk zu beantworten.
Das Buch blickt auf die ersten 21 Jahre seines Lebens zurück, auf die Zeit, als er noch Franklin Carlton Feranna war. Der kleine Frankie wuchs in ungeordneten Verhältnissen auf: Der Vater verließ die Familie früh, die Mutter kämpfte mit ihren eigenen Dämonen und gab den Jungen oft bei seinen Großeltern ab, die als Arbeiter von Farm zu Farm und von Staat zu Staat zogen. Was wie das Skript eines Coming-of-Age-Films klingt, ist bittere Realität – und Sixx schildert sie ohne Selbstmitleid, aber mit bemerkenswerter Ehrlichkeit und Nachdenklichkeit.
Für ihn wurde der Glamrock der Siebziger zum Fluchtweg aus dem familiären Chaos und der Enge der amerikanischen Provinz. Dieser Moment – der erste Kontakt mit der Musik als Rettungsanker – gehört zu den stärksten des Buches. Man spürt, wie aus einem desorientierten Jungen ein Besessener wird, der nun ein Ziel kennt.
Von versifften Kellern, kleinen Betrügereien, geklauten Instrumenten und miesen Jobs
In 21 Jahre erzählt er pointiert und selbstironisch von seiner Odyssee auf dem Weg zum Ruhm, von versifften Kellern, kleinen Betrügereien, geklauten Instrumenten und miesen Jobs. Sixx schreibt flüssig und direkt, der Ton ist rau, manchmal lakonisch und oft auch komisch. Viele spätere Rockstars kreuzen dabei seinen Weg, von W.A.S.P.-Rabauke Blackie Lawless bis Randy Rhoads (OZZY), was dem Buch auch einen schönen zeitgeschichtlichen Wert verleiht: Man liest, wie eine ganze Szene entstand.
Was das Ganze auflockert: Der Autor wechselt immer wieder gern in die Gegenwart und die Zeit bei MÖTLEY CRÜE, wenn es die Anekdoten zulassen. Dazu gibt es einige Fotostrecken zu sehen, die den kleinen Franklin, seine Weggefährten und Verwandten aus der Zeit zeigen bis zu dem Tag, wo er zu seinem Namen kommt. Unfreiwillig komisch wirken heute die Haarspray-Exzesse auf einigen Aufnahmen.
Ein unterhaltsamer und erstaunlich bewegender Blick hinter die Glam-Rock Fassade
Das Gesamtbild überrascht. War „The Dirt“ eine zum Teil ekelhafte Skandalgeschichte, ist „21 Jahre: wie ich Nikki Sixx wurde“ kein Rockstar-Glorifizierungsbuch – es ist die Geschichte eines Außenseiters, der sich mit Sturheit, Ausdauer und Talent durch ein Amerika kämpft, das für ihn keine Bühne vorgesehen hatte.
Für MÖTLEY CRÜE-Fans ohnehin Pflichtlektüre – für alle anderen ein unterhaltsamer und erstaunlich bewegender Blick hinter die Glam-Rock Fassade.
Softcover: 232 Seiten
Verlag: Hannibal Verlag, 1. Auflage (2023)
ISBN: 978-3-85445-729-9
Größe: 21,5 x 14 cm
25,00 Euro