MOONSPELL: Far From God

Goth sei dank: MOONSPELLs dreizehntes Album „Far From God“ ist keine bloße Rückkehr zum Sound der Neunziger, sondern zeigt die Band so gereift, wie sie nun mal ist.

Sie sind noch in Fernando Ribeiros Kleiderschrank: Die Outfits der Neunziger, samt all der Vampirumhänge. Weil auch Ribeiro weiß, dass es zyklisch verläuft. Und MOONSPELL sind nun mal eine Band, die zyklisch denkt. „Far From God“ ist das dreizehnte Album der Portugiesen, und sie haben in über dreißig Jahren schon mehr erlebt und überlebt, als andere in fünf Karrieren. „Hermitage“ ließ Abschiedsschmerz erahnen, aber es ging doch nicht zu Ende. Möglicherweise waren es die anschließenden Jubiläums- und Orchestershows, die die Band daran erinnerten, wie magisch ihr Sound in den Neunzigern war. Warum also nicht an diese Zeit andocken?

Zumal: „Irreligious“ wird diesen Sommer 30 Jahre alt, und verdammt nochmal, es ist gut gealtert, auch wenn es schon ein bisschen nach überambitionierter Jugendsünde klingt. Aber wer, wenn nicht die Jugend darf überheblich sein? Wer würde also von „Far From God“ schmissige Hits wie „Opium“ oder „Mephisto“ erwarten, Songs zum Mitbrüllen, mit einem Furor, dass der Kajal verläuft? Die acht Songs des ersten Studioalbums seit 2021 sind etwas zurückhaltender in Sachen Hitpotenzial, aber dafür umso eleganter. Die Handschrift der Musiker ist unverkennbar und sie harmonieren über weite Strecken so gut miteinander, wie seit über zehn Jahren nicht.

„Far From God“ dockt am Sound der Neunziger an, MOONSPELL behalten aber das reife Songwriting bei.

Die Leadgitarren von Ricardo Amorim sind wieder so leidenschaftlich und harmonisch, wie zu den besten Zeiten der Band („Sin/Pecado“, natürlich), die Riffs haben hohen Wiedererkennungswert, die Keyboards zaubern eine schaurige und vor allem schöne Atmosphäre, und Fernando Riberos Bariton ist so gefühlvoll und sinnlich wie seit langer Zeit nicht. Ares Pereiras Bass bietet einen soliden, voll klingenden, nicht selten verzerrten Unterbau und Hugo Riberos Drumming verleiht „Far From God“ einen Hauch Modernität. So subtil, dass es nicht stört, und doch frisch und kraftvoll genug, dass MOONSPELL im Hier und Jetzt ankommen. Zu guter Letzt ist Jaime Gomez Arrellanos Produktion, wie schon auf „Hermitage“ wunderbar organisch und voluminös und passt haargenau zur Eleganz der Musik.

Es braucht also nur noch starke Songs, um ein Album wie „Far From God“ auch wirklich zur Gänze groß werden zu lassen. „Cross Your Heart“ geht hier als Opener sofort ins Ohr mit wunderbaren Leadgitarren, starker Rhythmuseinheit und tollen Vocals. Auch der folgende Titelsong, der noch am ehesten Mitsingqualitäten besitzt, zeigt MOONSPELL auf der Höhe ihres Schaffens: ein exzellenter Refrain und fantastische Gitarren sorgen für ein Kribbeln im Bauch. Und dann ist da noch das Epos des Albums, „The Great Wolf In The Sky“, das hymnische Qualitäten besitzt, ohne jedoch kalkuliert zu wirken; dieser Song hätte auch ohne den bemerkenswerten Einsatz der Violine von Alicia Nurho umgehauen. Nicht zufällig sind genau diese Songs die Vorabsingles.

MOONSPELL waren in der Vergangenheit härter, aber „Far From God“ punktet mit viel Gefühl und Eleganz.

Allerdings schleichen sich auf „Far From God“ auch einzelne Stücke ein, die nicht so gut funktionieren. Bei „Biblical“ wird es erstmalig richtig düster mit einem atmosphärischen Part, der nach zwei Minuten klimaxt, Fernando brüllt im Refrain, viel mehr passiert nicht. „Reconquista“ ist ein Midtemposong, dessen Riffs das Potenzial haben, eine Hymne wie „Full Moon Madness“ zu werden, aber dann doch unter den Möglichkeiten bleibt. Für diesen Abschluss hätten MOONSPELL gerne tief in die Pathoskiste greifen dürfen. Viel besser wird es an anderer Stelle: „Your Promise Of Light“ geht in eine ähnliche Richtung wie „Biblical“, ist nur etwas creepier und damit vielschichtiger und gelungener. „For The Love Of Mortals“ ist ein recht sanfter, subtiler Song, der aber wunderbare Gitarrenharmonien und eine tolle Gesangssteigerung am Ende bietet – ein einziger Wohlfühl-Gothic Metal-Moment. „Our Freedom To Fall“ kriegt gerade noch die Kurve und wird dann zu einem kleinen weiteren Hit: Nach einer kitschig-stampfenden Gothic-Strophe mit einem primitiven Riff wird der Song unberechenbarer, härter und bleibt in sich logisch.

„Far From God“ mag nicht das beste Album sein, das MOONSPELL je veröffentlicht haben, und vielleicht ist es auch nicht das beste, das ihnen anno 2026 möglich gewesen wäre. Und wenn das Label herumposaunt, dass es sich hierbei um das „Irreligious“ der 2020er Jahre handelt, liegt es hier glücklicherweise falsch, denn dieser Vampirumhang ist frisch ausgelüftet und rein gar nicht muffig und mittlerweile zu eng. Und genau deshalb funktionier dieses Album so gut, zwei schwächere Songs hin oder her: MOONSPELL bleiben auf diese Weise authentisch und biedern sich nicht der eigenen Historie an, außerdem bleiben sie frei in ihren Entscheidungen. Trends hinterherlaufen, wie vor 25 Jahren, muss die Band nicht mehr, außer vielleicht bei der Wahl des Coverkünstlers mit seinem, sagen wir, streitbaren Ergebnis. Nach dem teils etwas verkopften „Hermitage“ lockern MOONSPELL die Handbremse und spielen größtenteils verflucht gute Gothic Metal-Songs, die die Band von ihrer besten Seite zeigen. Auch wenn nicht alle Songs gleichermaßen zünden: „Far From God“ ist ein classy Gothic Metal-Album mit starkem Gesamteindruck.

Wertung: 6,5 von 8 gereifte Weine

VÖ: 3. Juli 2026

Spielzeit: 42:22

Line-Up:
Fernando Ribeiro – Vocals
Ricardo Amorim – Guitars
Pedro Paixão – Keys
Aires Pereira – Bass
Hugo Ribeiro – Drums

Label: Napalm Records

MOONSPELL „Far From God“ Tracklist:

1. Cross Your Heart (Official Video bei Youtube)
2. Far From God (Official Video bei Youtube) 
3. Biblical
4. The Great Wolf in The Sky (Official Audio bei Youtube)
5. Your Promise Of Light
6. For The Love Of Mortals
7. Our Freedom To Fall
8. Reconquista

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