„Sacraal“ ist ein sehr zeremonielles Album, dessen einzelne Songs die unterschiedlichen Teile einer Messe zu repräsentieren scheinen. War das beabsichtigt?
Einerseits ja, andererseits nicht wirklich. Als ich an dem Album gearbeitet habe, stellte ich mir die Atmosphäre eines heiligen Ortes vor. Ein Ort der Stille, der Innenschau und der Verehrung. Aber offen gesagt habe ich daran gezweifelt, ob diese Songs als Ganzes auch zusammenpassen. Es sind so viele verschiedene Instrumentierungen und Atmosphären zu hören, die in meinem Kopf nicht wirklich auf einem Album zusammen gepasst hatten. Glücklicherweise haben mich einige enge Freunde davon überzeugt, die Ähnlichkeiten der Songs zu sehen und mich nicht auf die Unterschiede zu konzentrieren: Für sie klang alles sehr nach ISKANDR. Danach macht das Ganze für mich auch viel mehr Sinn und ich konnte eine passende Tracklist erstellen. Heute bin ich sehr zufrieden damit, wie sich alles gefügt hat. Aber das war keine bewusste Anordnung wie in einem großen Satz, eher wie ein glücklicher Zufall. Im Gegensatz dazu steht zum Beispiel auch „Vergezicht“, das wirklich als ein großes Ganzes ausgearbeitet wurde.
Auch „Sacraal“ ist eine Weiterentwicklung von ISKANDRs Sound. Der große Bruch hin zu „Spiritus Sylvestris“ hat dich vom Metal weggebracht, aber mein Eindruck ist, dass „Sacraal“ ein stilistisch ebenso großer Schritt ist. Was meinst du dazu?
Dem stimme ich zu! Ich versuchte auf „Sacraal“ nicht mehr die Musik auf der Gitarre zu schreiben, sondern mit Klavier und Synthesizer. Das hat mein kreatives Vorgehen sehr verändert. So gesehen hat sich die Musik selbst verändert. Aber ja, die Blast Beats und die Growls hinter mir zu lassen, erscheint erst einmal der größere Schritt zu sein, das verstehe ich schon auch.
„In den Zwischenräumen können die magischen Eigenschaften einer Sache liegen.“ – ISKANDR entwickeln sich außerhalb eng gesteckter Genregrenzen.
Größere Teile des Albums fühlen sich reduziert und traumartig an, ganz anders als „Spiritus Sylvestris“, das mehr um Rhythmen kreiste.
Auch das meinte ich damit, dass ich mein Vorgehen deutlich verändert habe. Die Songs von „Sacraal“ spiele ich live nicht mal mehr auf der Gitarre. Ich versuche diese Musik in Bereiche zu treiben, die mir selbst noch unbekannt sind. Ich habe den Weg des Entdeckens eingeschlagen; immerhin spiele ich seit zwanzig Jahren Gitarre in Bands und Projekten. Das ist ein großer Schritt für mich.
Trotz des relativ ruhigen Gesamteindrucks ist das Album stilistisch gesehen sehr abwechslungsreich. Das Ambient-Stück „Zonsonderkomst“, die reduzierten Songs „Verdronken Vlinder“, „Melk en Honing“ und „Glinster“, die Heaviness von „Pilaren van de Zuivere Blik“ und die psychedelische Seite an „Bewegingen in Het Afkoelende Zand“ erzeugen viele Kontraste auf „Sacraal“, aber alles fließt wunderbar zusammen. Wie schwer war es so einen kohärenten Gesamteindruck zu erzeugen?
Das war eine ziemliche Herausforderung. Wie bereits erwähnt, sah ich zu Anfang keine Verbindung in den Songs. Ich dachte, ich müsste mehrere EPs aus dem Material machen und die Stücke aufteilen. Plötzlich hat es aber „Klick“ gemacht. „Bewegingen in Het Afkoelende Zand“ war das letzte Lied, das ich geschrieben habe, und es hat sich als wirklich guter Closer herausgestellt, sodass „Sacraal“ eine gute „Buchstütze“ bekommen hat. Von da an hat sich alles gefügt.
Zumeist führen Gitarre und Gesang die Songs an, aber es gibt auch Klavierstücke wie „Glinster“ und elektronische Momente. Bist du immer von einem bestimmten Startpunkt aus vorgegangen?
„Glinster“ war lustigerweise das einzige Stück, das wirklich auf der Gitarre entstand. Ich habe es danach nur auf das Klavier verlegt, weil es dort besser klang. Der Rest der Musik entstand mit Synthesizern und programmierten Drums, während die Gitarre erst als späteres Element hinzukam. Auf diese Weise habe ich mein neues Vorgehen gefunden.

Die Musik klingt feierlich und dunkel, aber darin kann man die Tiefe spüren. Die ruhigen, fast schon hypnotisierenden Momente transformieren das Album, es strahlt ein lebensbejahendes Gefühl aus. Interessanterweise spüre ich das Gleiche bei „Vergezicht“, dessen Epik trotz, oder gerade wegen der Black Metal-Basis besteht. Generell gesehen: Was bedeutet das Wort „Transformation“ für dich?
Das ist eine gute Frage. Für mich fühlt es sich so an, als würde ich mich von einer Form zur nächsten bewegen. In den Zwischenräumen können die magischen Eigenschaften einer Sache liegen. Die Schwellenräume liegen zwischen festen Grenzen, zwischen Momenten, in denen wir denken, dass wir alles „wissen“ und wo das Unbekannte und Mögliche vage in den Fokus kommen.
ISKANDR ist dein Soloprojekt, außer Mink Koops (FLUISTERAARS), der auf „Sacraal“ nur bei einem Song spielt, sind ansonsten keine Mitmusiker an Bord. Der Rest stammt von dir alleine. Was ist der Unterschied zwischen ISKANDR und deinen anderen Bands wie DOOL und SOLAR TEMPLE in kreativer Hinsicht?
Bei DOOL bin ich Teil einer größeren Formation, die von Raven van Dorst als Lead-Songwriter und Texter angeführt wird. Dort stehe ich im Dienste von etwas Größerem. SOLAR TEMPLE ist der Bereich, in dem für Mink und mich alles möglich ist. Dort können wir alles umsetzen, was uns Spaß macht. Das Projekt war zuletzt recht wenig aktiv, weil wir so viel mit unseren anderen Projekten zu tun haben, aber immer wieder strömen Ideen auf uns ein und wir bekommen so ein kreatives Jucken … Wir müssten nur etwas mehr Zeit finden.
„Wenn ich die Worte im Niederländischen aufschreibe, ist das was aus mir herauskommt ganz natürlich, während das, was ich auf Englisch schreibe eine Art Übersetzung aus meiner Muttersprache ist.“ – Omar zieht es vor, auf Niederländisch zu texten.
„Sacraal“ wurde in verschiedenen Städten aufgenommen. Der Vorgänger „Spiritus Sylvestris“ erschien vor drei Jahren und somit entstand die längste Lücke zwischen zwei ISKANDR-Alben. Ich vermute, dass es ein schwieriger Songwriting- und Aufnahmeprozess war.
Ja, es war ziemlich schwierig. Ich bin zwischen den Alben einige Male in andere Städte gezogen und hatte einige Zeit keinen festen Wohnsitz. Ich war nicht obdachlos, aber habe mich eben treiben lassen. Da war es schwierig, an Musik zu arbeiten, ich musste erst wieder Fuß fassen. Jetzt lebe ich wieder in meiner Heimatstadt Nimwegen und möchte hier auch länger bleiben. Mein Leben bekommt also wieder Strukturen. Es ist ein schönes Gefühl, wieder in der Nachbarschaft zu sein, die ich so gut kenne, mit all der schönen Natur in der Umgebung. Übrigens: Auf dem ersten Album „Heilig Land“ wurden alle Songs nach Teilen der Stadt benannt.
„Sacraal“ bietet eine gute Gelegenheit in niederländische Folkmusik einzutauchen, Stichwort Lennaert Nijgh und Boudewijn de Groot. Stellt „Verdronken vlinder“ für dich ein Cover dar? Das Stück ist das vermutlich Reduzierteste auf dem Album, und nebenbei mein Favorit. Was bedeuten dir der Originalsong und der Text dazu?
Ja, ich sehe es als Cover, auch wenn ich die Musik deutlich verändert und nur den Text original belassen habe. Musikalisch hat es wenig mit dem ursprünglichen Lied zu tun, die Folk-Melodie ist da zu erbaulich. Der Text ist aber eine wunderbare Metapher für das Ende des Lebens, das Zurückblicken darauf, und welche Dinge wirklich von Bedeutung sind. Seit ich ein Kind bin, ist das für mich ein sehr persönlicher Song und steht im Zusammenhang mit einigen sehr traumatischen Dingen, auf die ich nicht eingehen möchte. Aber ja, es ist der schwierigste Song, um ihn live zu spielen.
„Melk en Honing“ ist ein Stück, das „Verdronken vlinder“ sehr ähnlich ist. „Milk & Honey“ von Jackson C.-Frank ist im Original recht anders, aber Gemeinsamkeiten sind erkennbar. Was ist so besonders an dem Text und dem Song?
Diese Lyrics transportieren auch etwas, das die Essenz der letzten Jahre für mich einfängt. Es geht darum deine Zukunft, um der Menschen in deinem Umfeld willen loszulassen.

„Pilaren van de Zuivere Blik“ ist auch sehr interessant und schlägt wie „Bewegingen in Het Afkoelende Zand“ auch eine Brücke zu „Spiritus Sylvestris“, mit dem ruhigen Beginn und der heavy Klimax mit wunderbaren Melodien, bzw. hypnotischen Rhythmen. Hast du „Pilaren van de Zuivere Blik“ ganz zu Beginn geschrieben?
„Pilaren van de Zuivere Blik“ war tatsächlich der erste Song, den ich für „Sacraal“ geschrieben habe, ziemlich bald nachdem ich „Spiritus Sylvestris“ abgeschlossen habe. Das Stück ist in diesem Stil gehalten, das hast du richtig erkannt! Wie schon gesagt war „Bewegingen in Het Afkoelende Zand“ der letzte Song, den ich geschrieben habe, aber musikalisch schöpft er aus einer ähnlichen Quelle.
„Zonsonderkomst“ ist das Kernstück des Albums und deutlich anders als der Rest des Materials, mit seinen Beats, Synthesizern und den Spoken Word-Vocals. Welche Geschichte steckt hinter dem Song?
Ich wollte schon lange einen Song wie diesen schreiben, aber die Fertigstellung dauerte sehr lange. Es war schwer, bis daraus ein sinnvolles Ganzes wurde. Aber ich bin zufrieden, wie er am Ende geworden ist, und jüngst ist er auch zu einem meiner Favoriten für die Konzerte geworden. Es hat mich selbst überrascht, welche Wendungen das Lied nimmt, und ich freue mich jetzt schon darauf, in der Zukunft ähnliche Gefilde zu erforschen.
Wie üblich sind die Texte in deiner Muttersprache gehalten, und die meisten Bands deiner Szene schreiben niederländische Lyrics. Kannst die Message deiner Texte so besser rüberbringen?
Ja, das ist genau der Grund. Wenn ich mich hinsetze und die Worte im Niederländischen aufschreibe, ist das was aus mir herauskommt ganz natürlich, während das, was ich auf Englisch schreibe eine Art Übersetzung aus meiner Muttersprache ist. Und das verliert viel Spontaneität und poetische Qualität. Daher schreibe ich viel lieber auf niederländisch.
„Als ich an dem Album gearbeitet habe, stellte ich mir die Atmosphäre eines heiligen Ortes vor. Ein Ort, der Stille, der Innenschau und der Verehrung. Aber offen gesagt habe ich daran gezweifelt, ob diese Songs als Ganzes auch zusammenpassen.“ – Die Arbeit an „Sacraal“ war nicht einfach für Omar.
ISKANDR ist auch als Live-Act aktiv. Steht schon mehr an, und was ist das Setting, das für dich am besten funktioniert?
Ja, ich habe für den Herbst einige Konzerte anstehen und ich arbeite an weiteren Konzerten für 2027. Am liebsten trete ich in Clubs auf, da kann ich meine Visuals einsetzen, und die funktionieren eben am besten im Dunkeln. Aber dieses Jahr habe ich eine Show während eines großen Lagerfeuers in Nordisland auf dem Nordanpaunk Festival gespielt, und das war eine wunderbare Erfahrung in einer tollen Atmosphäre. Ich mag es also auch, Neues auszuprobieren.
Abschließende Frage: Ich mag den neuen Sound von ISKANDR wirklich sehr, aber genauso gern höre ich die älteren Sachen. Wird ISKANDR eines Tage zum Metal zurückkehren?
Seit ich bei FLUISTERAARS als Livegitarrist eingestiegen bin, ist der Black Metal zu mir zurückgekehrt. Ich arbeite an etwas in dieser Richtung, aber es geht langsam voran, weil ich so wenig Zeit habe. Ich bin mir unsicher, was daraus entstehen wird, aber hoffentlich finde ich im Herbst und Winter Zeit, daran weiterzuarbeiten. Wir werden sehen. Es freut mich, dass du auch weiterhin gerne mein altes Material hörst.
Omar, danke für deine Zeit und bis bald auf Tour!
Danke für das Interview und dafür, Musikjournalismus im Jahr 2026 am Leben zu halten.
Bilder: (c) Gerard van Roekel und Maaike Ronhaar