Nun hat der wirklich sehr gute Musikjournalist FRANK SCHÄFER ein Buch über die wirklich sehr gute Band MOTÖRHEAD geschrieben. Erschienen ist das Ganze in der Tat beim renommierten Hochkultur-Hort Suhrkamp Verlag – wir staunen noch immer..
Der Mann ist vom Fach: langjähriger Musikjournalist (Rolling Stone, Rock Hard, taz, NZZ, Zeit online), ehemaliger Musikant (SALEM’S LAW) und langzehntelanger MOTÖRHEAD-Aficionado. In Fachkreisen spricht man längst nur noch ehrfürchtig von Fränk Schäfer. Zeit für einen kleinen Schwatz über eine unserer ewigen Lieblingsbands und die Geheimnisse des Schreibens.
Ein Fanzine aus Franken hat jahrelang immer, wenn ein neues Album von MOTÖRHEAD erschienen ist, die gleiche Besprechung gebracht – also den selben Text abgedruckt und nur den Albumtitel geändert. Das ist ja das, was man MOTÖRHEAD gemeinhin gerne vorwirft: „Klingt alles gleich!“ – „Die haben nur einen Song, wahlweise in der langsamen oder in der schnellen Ausführung.“ Was macht für Dich die Faszination an MOTÖRHEAD aus?
Man kann es ja auch anders herum formulieren: MOTÖRHEAD hatten einen so ausgeprägten Personalstil, dass man sie unter hunderten Bands sofort heraushört. Und wenn eine Band so ähnlich klingen wollte, war gleich der Vorwurf des Plagiats im Raum. Ich empfinde das grundsätzlich mal als Qualität. Außerdem interessieren mich Bands, die mit der Kunst der Variation operieren, also diese ästhetische Methode wirklich ernst nehmen. Und wenn man sich einhört, so richtig einhört, dann hört sich eben doch nicht mehr alles gleich an. Man muss schon sein Sensorium schärfen. Diesen Vorwurf haben taube Verächter auch ganzen Genres gemacht: „Heavy Metal? Klingt ja alles wie AC/DC!“ Hab ich oft genug gehört in den späten Siebzigern und hat ja auch nie gestimmt.

Dein Buch „MOTÖRHEAD – die lauteste Band der Welt“ ist beim renommierten Suhrkamp Verlag erschienen, der wie kein anderer für die Hochkultur im Land der Dichter und Denker steht. Wie hast Du das geschafft?
Suhrkamp hat sich ja schon eine Weile der Popkultur geöffnet, aber MOTÖRHEAD würde man da dennoch nicht erwarten, das stimmt wohl. Ich hatte vorher schon eine Thoreau-Biografie dort veröffentlicht, die sich ganz gut verkauft hat, der Verlag war mir also nicht völlig feindselig gestimmt, und dann habe ich denen ein Exposé hingepfeffert, das keine Fragen mehr offenließ. Quatsch, nee: der Taschenbuch-Chef meinte wohl, dass Lemmy auratisch genug ist, um das Buch verkaufen zu können. Hinzu kamen ja auch noch die Geburts- und Todestage.
Irgendwann – gefühlt so ab der Jahrtausendwende – war da ja plötzlich so eine seltsame Faszination der Hochkultur an (dem Phänomen) MOTÖRHEAD – und Lemmy mit einem Mal auch ein Thema fürs Feuilleton …
Lemmy hat das selbst ganz gut analysiert. Er hat mal gesagt, er sei der alte Drecksack, der die ganze Geschichte des Rock’n’Roll erlebt und eben auch überlebt hat. Die Journalisten bräuchten ihn, weil er zu all dem etwas erzählen könnte. Und das kommt eben auch dazu: er konnte erzählen. Er war ziemlich oft ein großartiger Causeur, komisch und straßenweise.
Hast Du Lemmy mal getroffen? Oder wen anderes aus der Band?
Nein, keinen einzigen. Ich bin aber auch nicht dieser Fan-Typ, der Nähe zu seinen Heroen sucht. Mich interessiert das Kunstwerk und was es bei mir auslöst, wie sich das in mein Leben einmischt. Blöderweise bin ich auch kein guter Interviewer. Ich bin harmoniesüchtig, kriege meistens nicht viel raus aus meinen Gesprächspartnern, jedenfalls nicht in 20 Minuten, und mehr Zeit bekommt man ja nicht für so ein Star-Interview. Ich war neulich mal beim Literaten Jochen Schimmang und wir haben fast den ganzen Nachmittag miteinander gesprochen, da dringt man dann irgendwann wirklich zu den Geschichten vor, die noch nicht so oft erzählt wurden. Aber in einen halben Stunde gelingt mir das nie, da gibt es bessere. Und gerade von MOTÖRHEAD gibt es ja nun hunderte Interviews, ich hätte dem nichts mehr hinzufügen können, bilde ich mir ein.
Deine fünf Lieblings-Alben von MOTÖRHEAD?
„Overkill“, „No Sleep Til Hammersmith“, „Another Perfect Day“, „Orgasmatron“ und „1916“.

In „MOTÖRHEAD – die lauteste Band der Welt“ analysierst Du viele Texte von Lemmy Kilmister. Wir haben uns immer über die lyrische Diskrepanz bei MOTÖRHEAD gewundert: Manchmal waren das echt tiefgründige, philosophische Gedanken, oft hatte man aber auch das Gefühl, die Texte wurden mal eben schnell auf dem Weg in die Gesangskabine geschrieben …
Genau so war es ja wohl auch. Ein paar Themen lagen ihm am Herzen, der ewige Krieg natürlich, die Bigotterie der Religionen, die Korruptheit der politischen Eliten, dazu fiel ihm immer mal wieder auch sprachlich Außergewöhnliches ein. Aber dann wurde kurz vor knapp noch ein Song fertig, der einen Text brauchte, also meldete sich Lemmy für einen längeren Klogang ab und kam dann mit einem Text wieder, der das Phrasenschwein mal so richtig fütterte. Und selbst dann hat er manchmal noch eine Pointe oder eine hübsche Metapher zum Merken rausgehauen.

In Deinem Buch beschreibst Du schön, wie müde Lemmy in seinen letzten Tagen war. Mit Abstand betrachtet sind die letzten Fotos von ihm erschreckend – der Tod ist ihm da schon ins Gesicht gemeißelt. Und auch die letzte Tour war eigentlich nur noch ein Trauerspiel, auch, wenn man es damals nicht wahr haben wollte und es gefeiert hat, dass sie viele von diesen langsamen, staubigen Westernsongs gespielt haben. Du beschreibst in Deinem Buch die Feier zu Lemmys 70. Geburtstag in seiner Stammkneipe „Rainbow Bar & Grill“ in Los Angeles, zu der er sich nur noch hingeschleppt haben soll, um früh wieder zu verschwinden. Hier kommt die Frage: Glaubst Du, daß Lemmy manchmal keinen Bock (mehr) hatte, Lemmy – also der stolze, strahlende Rock’n’Roll-Gott und letztlich die von ihm geschaffene (Kunst-)Figur – zu sein?
Ja, das glaube ich wirklich, aber er wusste wohl nicht, was er anders hätte machen sollen. Und vielleicht hatte er Angst davor, dass er, wenn er nicht mehr in Bewegung ist, wirklich alt wird. Er konnte aber letztlich auch nichts anderes. Jeden Abend ins Rainbow Bar & Grill zu dackeln und an seinem Spielautomaten zu stehen, war eben auch nicht die Erfüllung. Gerade am Ende seines Lebens war er wohl auch ganz froh, dass er mit Cheryl Keuleman und seinem Sohn doch noch so etwas wie eine Familie bekam, obwohl er das jahrzehntelang als bürgerliche Scheiße abgelehnt hatte.
Writing about music is like dancing about architecture – man ist sich uneinig, wer es tatsächlich gesagt hat. Aber was ist dein Lieblingstanz?
Am liebsten erzähle ich Geschichten, in der die Musik zum Auslöser wird für etwas Lebensveränderndes oder in der sie eine bestimmte Episode im Leben verdichtet zusammenfasst. Da spielt es dann auch keine Rolle, dass es Übersetzungsverluste gibt, wenn man mit Sprache Musik einfangen will, weil man von vornherein nicht nur die Musik im Blick hat, sondern auch das, was Menschen mit ihr machen. Ich finde ohnehin, die Rolle des Hörers wird viel zu sehr unterschätzt. Er transzendiert die Musik, und daraus entsteht dann was, das kann mitunter mehr sein, als die musikalische Grundlage scheinbar hergibt.
Was nervt am meisten, wenn man ein Buch schreibt: Die Angst vor dem leeren Blatt, der erste Satz, der Faktencheck, das Lektorat – oder etwas ganz anderes?
Anfangen ist nicht so schwer, wenn man sich erst mal klargemacht hat, was man eigentlich schreiben will. Und das Lektorat ist ein Privileg, das lernt man bald, wenn man die ersten Autoreneitelkeiten abgelegt hat. Man muss eine neutrale und noch dazu wohlgesonnene Leserin wie meine Lektorin Susanne Gretter einfach ernstnehmen, wenn sie was nicht versteht oder einfach zu verschnarcht findet. Hinter dem Geniegetue von Autoren und Autorinnen stecken, glaube ich, eine Menge Angst und Selbstzweifel. Nein, nervig sind vor allem die vielen Korrekturdurchgänge. Ich kann meinen eigenen Text irgendwann nicht mehr sehen, und muss die Korrekturen doch sehr ernst nehmen, weil mich jeder Fehler, der stehengeblieben ist, unglaublich nervt. Es bleibt dennoch immer was stehen. Oft schlage ich das frisch gedruckte Buch auf und er springt mich förmlich an. Es ist frustrierend. Bei „Motörhead“ ist so ein dusseliger Fehler drin geblieben, dass ich wirklich froh war, dass früh eine zweite Ausgabe erschienen ist und ich denn bald tilgen konnte.
Was macht am meisten Spaß, wenn man ein Buch schreibt?
Der Flow, wenn man ihn denn mal hat. Wenn man nicht mehr selber schreibt, sondern geschrieben wird. Wenn man den Punkt erreicht, wo man plötzlich merkt, dass drei Stunden vergangen sind. Passiert leider viel zu selten. Oder diese Eingebung, wenn man in einer konzentrierten Schreibphase, in der eben auch das Unbewusste oder sogar Unterbewusste beteiligt ist, an einem Problem nagt – ein Freund von mir knirscht dann nachts mit den Zähnen –, und es sich irgendwann ganz von allein löst. Das sind so rare Glücksmomente. Es verschafft mir aber auch eine große Zufriedenheit, den Bildschirm sukzessive mit Worten zu füllen. Ich muss dann am Abend gar nicht mehr meditieren, um irgendwie runterzukommen. Ich bin schon unten.
Ist es immer schön, in die Geschichte einer Band wie MOTÖRHEAD oder auch BLACK SABBATH einzutauchen? Oder erfährt man auch Dinge, die man lieber nicht gewusst hätte?
Klar, aber ich rechne eigentlich nie mit Heroen, sondern mit Menschen, die natürlich ihre Fehler haben und durch ihre exponierte Position ein paar mehr machen dürfen, ohne dass ihnen was passiert. Insofern hat man das, was man da am Rand mitbekommt, in Schwundstufen auch im weiteren Bekanntenkreis schon gesehen. „Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd“, schreibt schon der römische Dichter Terenz.
Was würdest du jemandem empfehlen, der die Idee zu einem Buch hat?
Anfangen und vielleicht gar nicht unbedingt gleich an das ganze Buch denken, sondern loslegen an einer Stelle, die einem interessant erscheint oder das Buch im Kern zusammenhält. Das kann sich ja alles noch ändern – man schreibt selten ein Buch von vorne bis hinten durch. Über die Struktur kann man sich später noch Gedanken machen, oftmals ergibt es sich irgendwann einfach. Wichtig ist der Produktionsprozess, weil der darüber entscheidet, ob sich irgendwann die „Zuversicht des Gelingens“ einstellt, wie Thomas Kapielski das mal formuliert hat, also das Wissen darum, dass ein Buch auch zu Ende geschrieben wird. Und dann braucht es natürlich noch einen Verlag. Da empfiehlt sich ein kurzes Exposé, das erklärt, was man machen will, und eine Arbeitsprobe von zehn Seiten. Bestenfalls kennt man ein paar passende Lektoren oder kennt einen, der die kennt. Mittlerweile gibt es auch viel mehr gute Literaturagenturen, die einem die Arbeit der Verlagssuche abnehmen.
Lerche oder Nachtigall – wann, wo und wie schreibst Du?
Ich brauche einen Arbeitsplatz, an dem ich Sachen liegen lassen kann, Notizzettel, Kladden, Bücher etc., ein bisschen äußere Ruhe und vor allem Zeit. Ich glaube, man muss einfach Geduld haben und anfangen, ohne gleich was Druckreifes oder eine Seite Weltliteratur produzieren zu wollen. Je mehr Zeit man sich lässt, desto größer ist die Chance, dass einem was Gutes einfällt. Das stimmt aber auch nicht für jeden. Ein Freund von mir ist brillant am Anfang, es wird dann aber nicht mehr viel besser, wenn er daran herumbosselt. Ich bin nicht brillant, muss also lange dran herumbosseln.
Hast du ein Ritual, bevor du anfängst zu schreiben? Oder währenddessen? Oder danach?
Ich lese immer fünf Seiten „Das Grundgesetz“ … Haha! Nee, wie gesagt: hinsetzen, Tasse Kaffee und dann loslegen. Fünf Stunden später hat man dann schon irgendwas stehen.
Wir dachten lange, MOTÖRHEAD wären gut gealtert. Inzwischen sind wir uns da nicht mehr sicher. „Aftershock“ (2013) war nochmal prima – mit ein paar netten Nummern und einem echten Deepcut („Lost Woman Blues“). Das letzte Album „Bad Magic“ (2015) war vor allem unspektakulär – man müsste die Scheibe nochmal rauskramen, um sich an irgendwas zu erinnern. Aber ein richtig mieses Album haben MOTÖRHEAD zeitlebens ja eh nie abgeliefert. Trotzdem: War es ein Abschied nach Maß?
Die letzten Alben wurden allesamt zu euphorisch bewertet, weil man einfach froh war, dass es die Band noch gibt. Wenn man „Bad Magic“ heute hört, fällt vor allem auf, wie alt und zerbrechlich Lemmy da schon klingt. Da können einem alten sentimentalen Sack wie mir schon die Tränen kommen. Es war insofern ein ungeschönter Abschied und das hat ja auch eine gewisse Würde. MOTÖRHEAD haben genau das Album gemacht, das sie abzuliefern noch in der Lage waren.
Stilfrage: Darf man auf ein MOTÖRHEAD-Konzert ein MOTÖRHEAD-T-Shirt anziehen?
Mein Sohn benutzt mich immer als negativen Indikator, er fragt mich, „a oder b“, ich sage a, und er nimmt dann gezielt b. Insofern bin ich in solchen Fragen absolut inkompetent. Ich würde sagen, das geht, aber was weiß ich schon.
