Bei Kintsugi, dem traditionellen japanischen Kunsthandwerk, werden zerbrochene Keramiken mit Gold repariert. Schäden werden hervorgehoben und so die Vergänglichkeit sowie die Geschichte des geschundenen Objekts gewürdigt: Abnutzung, Risse, Traumata und Erfahrung. Auf diese Weise geflickte Stücke sehen nicht immer schöner aus als zuvor, als sie noch unverwundet, makellos und augenscheinlich perfekt waren. Die Goldnähte verleihen den geflickten Schälchen jedoch eine große Portion Charakter – die Bruchstellen werden Teil ihrer Schönheit.
Dass Josh Homme gerne seine Narben zeigt, merkt man spätestens, wenn er seinen Mund aufmacht und sein goldener Schneidezahn hervorblitzt. In den letzten Jahren musste der Gute so ziemlich jede erdenkliche Lebenskrise (Trennung, Krebs, graue Haare…) durchleiden, die man sich vorstellen kann und das hinterlässt natürlich Spuren. Diese sind hörbar in das neunte Album der QUEENS OF THE STONE AGE eingeflossen, ebenso wie der Geist des Kintsugi: Die Musik entstand bruchstückhaft im Laufe der Bandkarriere und wurde nun auf „Perfecth“ zusammengefügt. Perfektion existiert nicht, sie ist nur eine Annäherung und liegt irgendwo im Unvollkommenen. Der Albumtitel, ein Homme-typisches Wortspiel, bringt das augenzwinkernd zum Ausdruck. „Der Grund, warum diese Songs erst jetzt fertig geworden sind, ist, dass ich vorher einfach noch nicht qualifiziert dazu war, sie abzuschließen“, sagt Homme.
Die Schönheit des Unvollkommenen
Schon die ersten Töne des düsteren, jedoch sanften Openers „It’s Only Love“ verraten, dass „Perfecth“ gar nicht perfekt sein möchte. Die Akustikgitarre klingt die ersten Takte so schön nach ausgeleierter Kassette, als wäre sie auf einem alten Tascam 4-Spurgerät aufgenommen worden. Die Lyrics weisen den Weg, den das Album während den nächsten, sehr kurzweiligen 36 Minuten einschlägt: es wird persönlich. Sie erzählen von unterschiedlichen Formen der Liebe: von Familie, von Freunden und Menschen die wichtig sind – aber auch von solchen, die es vielleicht nicht mehr sind. „From forever to for never“. Von Liebe, die einen beinahe zerstört, und solcher, die einen wieder zusammensetzt. Und das in einer entspannten Gelassenheit, die im wohlig einladenden Herzstück des Albums „Insignificant Other“ unglaublich cool zum Tragen kommt. Kaum zu glauben: Die Aufnahme ist die zweite von insgesamt nur zwei Studiotakes. Spontanem wurde Raum gegeben und Zufälle zugelassen. Die zweite Vorab-Single des Albums entpuppte sich bei mir früh als unscheinbarer Ohrwurm, der mir noch Tage nach dem ersten, oberflächlichen Hören durch den Kopf kroch. „Where The Goth Girls At?“, Single Nummer 3, die im Anschluss folgt, setzt sich ähnlich hartnäckig in den Synapsen fest.
„Mono“ blick direkt in die Dunkelheit. Der Song taumelt dahin wie ein gebrochenes Herz: verloren und abgeschnitten von der Welt. Der unglaublich raffinierte Mix gleitet von Mono zu Stereo, von Klaustrophobie zu erhabener, orchestraler Wucht – ein zeitloser Fiebertraum. Zur Verdauung folgt das ruhige, liebliche Akustikstück „From The Cliff“, in dessen Bridge die dissonante Verschobenheit durchscheint, die schon lange ein Markenzeichen der Band ist.
Hat er Disco gesagt?
Die Aufnahmen für „Perfecth“ begannen nach der Tour zum Catacombs-Projekt, der reduzierten und kathartischen Neuinterpretation des Bandkatalogs, die tief in den unter Paris gelegenen Katakomben gefilmt wurde. Kurz vor Mardi Gras stürzte sich die Band in New Orleans ins Studio, wo beflügelt vom Chaos der Stadt, ein Cover des gemeinsam mit IGGY POP geschriebenen Stücks „Sunday“ entstand. Ursprünglich erschien der Titel auf dessen Album „Post Pop Depression“, einem Denkmal, das Josh Homme 2016 für ihn errichtete. Material aus dem eigenen, erweiterten Werk zu covern und mit aufs Album zu packen ist eine alte Tradition der Band. Auf fast jedem Album der ersten Schaffensphase sind Lieder der Desert Sessions gelandet, wie beispielsweise „Monsters in the Parasol“, einem Stück zu dem Iggys „Sunday“ noch eine weitere Parallele, bzw. alte Queens-Tradition aufweist: Disco. Ja, ihr habt richtig gehört, Disco! Kleine Anekdote: Als die Queens während der Rated-R-Tour am 5. Dezember 2000 im Kongresszentrum B in Stuttgart auftraten, kündigte J.Ho „Monsters in the Parasol“ wie folgt an: „The next song is a german disco-song about LSD. And it sounds a lot like this…“. Warum ich mich daran erinnern kann? Ich hab das Konzert noch irgendwo auf Tape rumfahren, weil die Aufnahme mal im Radio gesendet wurde. Ja, Radio konnte mal was.
Wo sind wir stehengeblieben? Ach richtig, Disco: „Die Sache brauchte ein wenig freudiges Brodeln, auch wenn der Text eigentlich fragt: ‚Wozu das Ganze?‘“, so Homme. „Ich hatte den Song zunächst genauso gesungen wie Iggy, und das fühlte sich falsch an. Dann fand ich einen Zugang, der eher in Richtung French Disco ging. Eine ziemlich tanzbare Version.“ Das ist sie, geht direkt in die Hüften. Ganz ohne Scheuklappen muss man hier mal anerkennen, wie wichtig Disco an dieser Stelle des Albums ist: „Sunday“ hebt an der entscheidenden Stelle wieder die Stimmung an und macht so das Gesamtpaket erst richtig rund.
Es folgt das gelassene „Easy Street“, die erste Single. Die Gitarren sind akustisch, die Synthis psychedelisch und der Humor bissig. Zu Gast hört man hier Nikki Lane, die Country-Singer-Songwriterin, deren viertes Album „Denim & Diamonds“ von Josh Homme produziert wurde. Entstanden sei das Stück wie eine Demoaufnahme: ein lockerer Take ohne Klicktrack, mit teilweise nicht ganz genauen Claps, die bewusst drinblieben. Hier kommen wir zurück zum Kintsugi: Die Unvollkommenheiten untergraben den Song nicht. Sie sind der Song.
Familienangelegenheiten
Wäre die Welt perfekt, dann würde den nächsten Song Dauergastsänger Mark Lanegan singen, langjähriger Freund und Weggefährte der Band. Seine Stimme würde so perfekt zu dem Seatlle-esken „Phantom Limb“ passen, von dem man meinen könnte er käme direkt aus dem Spätwerk der Screaming Trees (bei denen J.Ho übrigens kurz nach dem Kyuss-Ende Tour-Gitarrist war). Aber nein, die Welt ist nicht perfekt und Mark Lanegan leider tot. Umso tröstlicher, dass Homme ihn hier würdig am Mikro vertritt.
Den Abschluss macht „Run Away From The Mob”, zwei Tage vor Album-VÖ noch als vierte Single veröffentlicht. Ein tröstendes, optimistisches Ende, das neugierig nach vorne blicken lässt. Alle neun Songs des eher ruhigen und persönlichen Albums, sind trotz aller Vielschichtigkeit ungewöhnlich eingängig und kurzweilig. Die Streicher sind wohl dosiert und gut platziert. Produziert wurde „Perfecth“ aus nächster Nähe von Homme und Michael Shuman aka Mickey Shoes, Bassist und Bandnesthäkchen (der letzte unter 50). Den Produzenten-Stuhl bei einem so persönlichen Werk aus den Händen zu geben, wäre vielleicht nicht die beste Idee gewesen. Den beiden ist es hier gelungen, auch ausladende Arrangements immer sinnvoll, organisch und nie synthetisch Klingen zu lassen. Außerdem gehört es sich doch nicht, selber verursachte Scherben von jemand anders auffegen zu lassen. „Jeder Song klingt, als käme er aus einer ganz eigenen Sphäre“, sagt Homme. „Und das ist Absicht. Weil das Album all diese Gefühle miteinander verbinden will, die sich um Liebe, Verlangen, Dummheiten und jene Art von Weisheit drehen, die irgendwann aus all dem wie ein Geschenk entsteht.“
VÖ: 30. Oktober 2026
Label: MATADOR // BEGGARS GROUP
QUEENS OF THE STONE AGE : Perfecth Tracklist
- 1. It’s Only Love
- 2. Insignificant Other (Lyrics-Video bei YouTube)
- 3. Where The Goth Girls At? (Video bei YouTube)
- 4. Mono
- 5. From The Cliff
- 6. Sunday
- 7. Easy Street (Video bei YouTube)
- 8. Phantom Limb
- 9. Run Away From The Mob
Line-up:
Josh Homme – Gesang, Gitarre, Keyboards,
Troy Van Leeuwen – Gitarre, Keyboards,
Dean Fertita – Keyboards
Michael Shuman – Bass
Jon Theodore – Schlagzeug