Nein, „Heimdal“ war nicht das Album, mit dem ENSLAVED in die Geschichte eingingen, da konnte man sich noch so sehr bemühen und noch so viele positive Aspekte herausarbeiten. Dreieinhalb Jahre ist das nun her, die Band wird nicht jünger und die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums nicht länger. Dann war da noch Anfang des Jahres die SANTIANOSIERUNG der Band in Form der beiden fragwürdigen Songs der Kollaboration mit dem STORM WEATHER SHANTY CHOIR. Und so stand der Verfasser „Mið“, dem siebzehnten Album der Bergener, eher skeptisch gegenüber. Bis es zum ersten Mal lief. Und warum? ENSLAVED präsentieren sich so, wie man sie liebt, und machen das, was sie am besten können. Und noch ein bisschen mehr.
Vielleicht auch, weil „Mið“ nach einem kurzen Intro mit „I Am Ice“ ungestüm und rasant loslegt und einen klassischen ENSLAVED-Track bietet, mit allem, was dazu gehört: mit frostigen Riffs und Grutle Kjellsons kehligem Gekrächze, mit einem großen Chorus und als Würze einem krautigen Orgelsolo. Der Gastgesang des samischen Folkmusikers Johan Sara jr. geht darauf allerdings ziemlich unter. ENSLAVED machen nach diesem gelungenen Einstand mit Verve und Power weiter: „Solar Will“ hat ein tolles Mainriff, das fast schon nach HIGH ON FIRE klingt, samt dem passenden Drumming. Ein kraftvoller, eingängiger Track, der Hitpotenzial besitzt, auch wenn er nicht zu ENSLAVEDs ganz großen Songs gehört.
ENSLAVED haben die Kurve gekriegt: Auf „Mið“ kehren sie zu alter Stärke zurück.
Die brachiale Seite, wie sie auch in „Tales Of Trees“ zu hören ist, ist aber nur die eine Seite von „Mið“. ENSLAVED haben viele Songs, in denen sie sich auf ihre introvertierte Seite konzentrieren. Besonders schön ist es hier, wie ENSLAVED die Balance halten zwischen eingängigen, mitreißenden Momenten und denen, die weniger glatt sind. Ein gutes Beispiel ist „Mountain“, das psychedelisch und wenig einladend beginnt, an Konturen gewinnt, wenn die schroffen Riffs den titelgebenden Berg vor dem inneren Auge entstehen lassen und dann, am Gipfel angekommen, an Geschwindigkeit zulegt. Dieser Song funktioniert erst aufs zweite oder dritte Hören, fasziniert dann aber umso mehr.
Noch besser ist das achteinhalbminütige „Parting“, das als Albumepos alles ausspielt, was die Band auszeichnet: Sphärische Momente und Atmosphäre, schöne Gesangsharmonien, Momente der Heaviness, viel Dynamik und trotz allem eine klare Linie. Kurz: Der beste ENSLAVED-Track seit „Storm Son“. Dieses Niveau hält das Abschlussepos „I Miðju“ leider nicht, hier verlieren ENSLAVED zwischendurch immer wieder den Faden und wirken müde, wenn sie versuchen, die Pole des Albums zu verbinden. Schade, denn ein Album auf diesem Niveau verdient einen großen Abschluss.
Durch ihre Gastmusiker schaffen ENSLAVED kulturelle Verständigung: „Mið“ überwindet Grenzen und bleibt zentriert.
Schön ist aber, dass „Mið“ auch tatsächlich so klingt, wie es betitelt wurde. So, als hätten ENSLAVED ihre Mitte (wieder-)gefunden. Das Album präsentiert die Band, als schlummerte in ihnen ein in sich ruhender Kern, auch wenn auf dessen Orbitalen eine Menge passiert. „Mið“ zeigt auch, dass dieser Kern universell sein kann. In „Spirit Helper“ gibt es nur den Gesang von Kevin Kicking Woman zu hören, ein Ältester der Blackfeet-Nation, den ENSLAVED auf dem FIRE IN THE MOUNTAINS-Festival in Montana kennenlernten. Und siehe da: Das kulturelle Verständnis der Norweger ist gar nicht so verschieden von dem des Stammes der Blackfeet. Viel mehr zeigt es: Wer Kultur ernst nimmt, überwindet Grenzen. Und dass ENSLAVED auf „Mið“ genau das geschafft haben, ist das Wertvollste an diesem Album.
Wertung: 8 von 10 Atomkerne
VÖ: 30. Oktober 2026
Spielzeit: 43:27
Line-Up:
Ivar Bjørnson – Guitars
Grutle Kjellson – Vocals, Bass
Arve „Ice Dale“ Isdal – Guitar
Håkon Vinje – Keyboards, Clean Vocals
Iver Sandøy – Drums, Clean Vocals
Label: Nuclear Blast Records
ENSLAVED „Mið“ Tracklist:
1. Non-Being
2. I Am Ice (feat. Johan Sara Jr.)
3. Solar Will (Official Video bei Youtube)
4. Mountain
5. Spirit Helper (feat. Kevin Kicking Woman) (Official Visualizer bei Youtube)
6. Parting
7. Tales Of Trees (Official Visualizer bei Youtube)
8. I Miðju
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