Die Ursprungsgeschichte des Heavy Metal ist inzwischen so oft erzählt worden, dass sie den Status eines Gründungsmythos hat: TONY IOMMI verliert bei einem Arbeitsunfall in einem Birminghamer Stahlwerk zwei Fingerkuppen, stimmt seine Gitarre tiefer, um das Spielen erträglicher zu machen – und erschafft dabei akzidentiell einen Sound, der eine ganze Musikrichtung aus der Taufe hebt. Schwere Riffs, apokalyptische Texte, ein demonstratives Horrorimage: BLACK SABBATH erfinden den Heavy Metal, während sie eigentlich nur versuchen, trotz körperlicher Einschränkungen weiterzuspielen.
Der Gründungsmythos des Heavy Metals
Frank Schäfer, der als Musik- und Literaturkritiker unter anderem für NZZ, Rolling Stone und Rock Hard schreibt, ist inzwischen der produktivste deutschsprachige Autor auf dem schmalen Feld der ernsthaften Metal-Literatur. Nach einem Band über AC/DC beim Reclam-Verlag und einer MOTÖRHEAD-Biographie beim Suhrkamp-Verlag legt er nun beim Wallstein Verlag eine Bandgeschichte von BLACK SABBATH vor – und das Timing ist nicht zufällig: Mit OZZY OSBOURNEs Tod im Juli 2025 ist das Kapitel endgültig geschlossen, das Buch kann die gesamte Geschichte von der Gründung 1968 bis zum Ende erzählen.
Von 1968 bis zu Ozzys Tod – eine Bandgeschichte komprimiert auf 160 Seiten
Das Buch erscheint in der Wallstein-Reihe „Popgeschichte“, ist in kleinem Format schön gestaltet und versucht die Verknüpfung von Bandbiographie und Albenanalyse: Er erzählt die wechselvolle Geschichte der Band – Sucht, interne Zerwürfnisse, Besetzungswechsel, Auflösung und Reunion – ohne in bloße Skandalchronik zu kippen, und er würdigt das musikalische Werk, ohne in unkritische Huldigung zu verfallen. Ein angehängtes Literaturverzeichnis zeigt, dass er die vorliegenden Autobiographien und Quellen sorgfältig ausgewertet hat – und hinter dem einen oder anderen Band-Mythos diskret ein Fragezeichen setzt.
Macht Lust, die alten Scheiben wieder hervorzukramen
160 Seiten sind für mehr als fünf Jahrzehnte Bandgeschichte naturgemäß knapp. Wer eine erschöpfende Diskographie oder detaillierte Ausführungen zu den verschiedenen SABBATH-Besetzungen jenseits der Ozzy-Jahre erwartet, wird mit diesem Bändchen nicht vollständig zufrieden sein. Als konzentrierte, gut geschriebene Einführung in Bedeutung und Vermächtnis der Band funktioniert es jedoch ausgezeichnet – und macht Lust, die Platten wieder hervorzukramen.
Kritisieren kann man (neben den persönlichen Einordnungen und Einschätzungen eines jeden – ich jedenfalls empfinde „Born Again“ nicht als „interessantes Experiment“, sondern als absolute Großtat der Briten mit einer unfassbaren Gesangsleistung von IAN GILLAN), dass Frank Schäfer von seinem eher Gonzo-mäßigen, humorvollen Schreibstil abweicht und teilweise mal richtig den Germanisten raus hängen lässt.
Hardcover: 160 Seiten
Verlag: Wallstein Verlag, 1. Auflage (2026)
ISBN: 978-3-8353-6081-5
Größe: 10,5 x 17 cm
20,00 Euro