Wie aus dem Nichts lag eine E-Mail im Herbst 2024 im Postfach. Duncan Attwood, altes Haus, lange nichts gehört! Wir warten seit acht Jahren auf ein Album von Dir! Und dann, der Schock: Duncan erholte sich zu dieser Zeit von einem Schlaganfall. Die Sorge, ob BLUENECK jemals wieder Musik veröffentlichen könnten, war selbstredend zweitrangig. „Moonlighting“ war damals in Teilen fertiggestellt, inklusive der Vocals. Die Fertigstellung des Albums ihm bei der Genesung, die leider noch immer nicht ganz abgeschlossen ist. Das sechste Album von BLUENECK ist also ein ganz besonderes, nicht nur der Musik wegen.
Als im Herbst 2009 BLUENECK ins Leben des Verfassers traten, war die Verbindung sofort da: Die britische Melancholie, die großen Songs, die unheimliche Atmosphäre, das ist es, was immer noch an „The Fallen Host“ fasziniert. BLUENECK sind aber nicht stehen geblieben, wie viele andere Post Rock-Bands, die auch heute noch mit den gleichen Dynamiken spielen wie vor 20 Jahren. „King Nine“, das große tragische Werk und sein Nachfolger „The Outpost“ zeigten 2014, respektive 2016 das Duo Duncan Attwood und Rich Sadler in einem neuen Licht: Elektronischer, kühler, näher am Ambient und Synthpop, aber nicht zuletzt die Stimme und die Harmonien waren absolut vertraut. „Moonlightning“ vollendet nun die Trilogie dieser Alben, nicht ohne stilistisch wieder in andere Richtungen zu blicken.
Zehn Jahre nach „The Outpost“ setzen BLUENECK mit „Moonlighting“ wieder an dieser Stelle an – nicht ohne die Vergangenheit in den Sound zu integrieren.
„Moonlighting“ zeigt BLUENECK enorm vielschichtig, schon „Mouth Of The Snake“, das mit pulsierenden Synthesizern und Beats beginnt und langsam größer und epischer wird, entwickelt sich zu einem lauten Art Rock-Finale hin und klingt dabei stets zu einhundert Prozent britisch. Spannend, heavy, treibend und sehr atmosphärisch ist dieser kraftvolle Opener, der BLUENECK von ihrer besten Seite zeigt und gerade dem Publikum von „The Outpost“ sehr gefallen wird. Das Duo hat mehr Songs von diesem Kaliber zu bieten. „Return To Cadiz“ besticht mit ausgezeichneten programmierten Drums, lässt Erinnerungen an JOHN CARPENTER wach werden und vermischt das mit britischer Rock-Epik, schneidenden Gitarren inklusive.
„Goliath“ groovt mit minimalistischen Beats und subtilem Synthesizer als Basis für Duncan Attwoods großartige Gesangsperformance und bricht in der zweiten Hälfte unvermittelt aus, mit den gewaltigen, sehr effektiven Riffs von Rich Sadler: der vielleicht beste Song des Albums. Aber auch das Titelstück raubt den Atem. Ein nervöser Synthesizer mit pulsierender Basslinie und E-Bow-Gitarren bauen eine zum Greifen dichte Atmosphäre auf, während der Gesang in seiner Verletzlichkeit einen starken Kontrast bildet. Die Klimax beeindruckt mit schön akzentuiertem Klavier und einem gespenstischen Chor und wiederholt dann den Beginn mit beunruhigenden Drones. Dass dieser Song mit einem Outro auf Klavier- und Klarinette recht subtil und leise ausfaded, bringt Abwechslung auf das Album.
BLUENECK setzen sich keine Grenzen mehr; „Moonlighting“ hat zusätzlich einen sehr kohärenten Gesamteindruck.
Dazwischen wagen BLUENECK immer wieder einen Blick zurück: „Fragments“ startet leise und harmonisch, steigert sich nicht in Richtung Heaviness, sondern in Richtung urbritischem Alternative Rock oder Post Rock, wie OCEANSIZE in ihren epischen Momenten, üppig eingesetzte Streichersamples inklusive. „Inside Out“ fokussiert sich auf Klavier und klingt wie die nächste Ausbaustufe von „Repetitions“. Die beiden Songs sind sehr stark, kommen aber nicht ganz an die anderen heran. Mit „Did You See The Sunrise?“ liefern BLUENECK nach all der Düsternis ein überraschend positives Lied, das sich nahtlos in das Album einreiht und mit leichter Melancholie etwas Befreiendes hat. Schöner und positiver klangen BLUENECK nie. Und doch täuscht dieser Song ein Happy End vor. Wenn „Moonlighting“ eine Reise durch die Nacht ist, simuliert „Did You See The Sunrise?“ das Erwachen am Morgen nach einem unruhigen Schlaf, bevor das Bewusstsein einsetzt und es den Protagonist*innen dämmert, dass der Tag eines Abschieds angebrochen ist.
Denn der kurze Abschlusstrack „Send No Flowers“ klingt nach einer Beerdigung an einem regnerischen, tristen Tag, mit leisem, reduzierten Klavier, todtraurigen Leadgitarren und einer Stimme, die mehr spricht, als singt. „Moonlighting“ fährt zum Ende hin das leise Drama auf, und es wird deutlich, was für gute Songwriter BLUENECK sind; sowohl in den lauten, als auch den leisen Momenten. Ihre Erfahrung als Instrumentalisten ist zusätzlich spürbar und sie schaffen es die Songs nicht zu überfrachten. Dafür agieren sie umso effektiver, durch den richtigen Einsatz im richtigen Moment. Das ist auch getrieben durch die großartige, nicht zu fette, aber sehr dynamische Produktion von Matt Sampson.
„Moonlighting“ sticht selbst in einem großartigen Musikjahr wie 2026 heraus: BLUENECK haben eines der stärksten Alben ihrer Karriere vorgelegt.
Es ist ein kleines Wunder, dass dieses Album erscheint. BLUENECK, die im Post Rock der 2000er mit „The Fallen Host“ ein noch viel zu verkanntes Meisterwerk veröffentlicht haben, haben sich mit „Moonlighting“ endgültig freigekämpft und schließen den Kreis zur ersten Trilogie. Die acht Songs setzen klar die Linie von „King Nine“ und „The Outpost“ fort, negieren die Vergangenheit der Band aber nicht. Das macht „Moonlighting“ zu einem vollmundigen Album, das Freunden vom Alternative Rock der Neunziger ebenso gefallen wird, wie Anhängern von TALK TALK oder MOGWAI. „Moonlighting“ geht unter die Haut, es berührt und es zeigt BLUENECK so selbstbewusst und groß wie vielleicht nie zuvor. Und das ohne Label im Rücken. Es sagt einiges aus, dass selbst in diesem verrücktem Jahr für Musik „Moonlighting“ noch heraussticht. Ganz, ganz groß.
Wertung: 7,5 von 8 Straßenlaternen
VÖ: 10. Juli 2026
Spielzeit: 44:37
Line-Up:
Duncan Atwood
Rich Sadler
Produziert von Matt Sampson
Label: Eigenproduktion
BLUENECK „Moonlighting“ Tracklist:
1. Mouth Of The Snake (Official Audio bei Youtube)
2. Fragments
3. Return To Cadiz
4. Goliath (Official Audio bei Youtube)
5. Moonlighting
6. Inside Out
7. Do You See The Sunrise?
8. Send No Flowers
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