BLUENECK: The Fallen Host

Freunde von SIGUR ROS, GREGOR SAMSA und RADIOHEAD aufgepasst: Das ist pure Herbstmusik, schwermütig und doch mit einem Funken Hoffnung.

Weißt du noch, wie sehr du gezittert hast, als du auf der Leinwand den soeben aus dem Koma erwachten Jim gesehen hat, der zu East Hastings von GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR durch das menschenleere London wandert und langsam aber sicher verzweifelt? Und nicht nur das kanadische Kollektiv hat 28 Days Later viel von seiner Magie gegeben. Ohne den Soundtrack von John Murphy wäre dieser Film kein derartiges Erlebnis geworden. BLUENECK lassen momentan diesen Schauer in mir wieder wach werden, wenn ihre Musik läuft, wenn ich Die Arbeit der Nacht lese, oder wenn ich einfach nur daliege und völlig versinke.

Die vier Briten machen Post Rock, sind aber so weit von den semi-intellektuellen Auswüchsen dieser Szene entfernt, wie es nur irgendwie geht. BLUENECK sind so eigensinnig wie lakonisch, und tiefgründig wie unzugänglich. Mit den Elementen, die subjektiv gesehen an purer Stille kratzen können, muss man erstmal fertig werden. Aber wenn es sich dann wieder steigert, ist The Fallen Host trotz aller Behutsamkeit ohrenbetäubend. Das zweite Album von BLUENECK ist pure Experimentalpoesie, es berührt und es entsetzt, aber immer tut es seine Wirkung. Die acht Lieder auf diesem Zweitwerk sind enorm reduziert, so dass es nicht wundert, dass erst das dritte Stück Gesang bereit hält. Jeder in dieser Band kann sich zurückhalten, es dominiert häufig nur ein unaufdringliches Klavier, manchmal sind die leisen Gitarren alles, was man hört. Aber wenn sich BLUENECK, wie gerade in diesem Moment, da ich diese Zeilen schreibe, zu einer Einheit formieren, die stärker und schwerer ist, als jede brutale Metal-Band, da bemerke ich immer wieder, dass diese Band groß werden wird.

Und nicht nur Low mit seiner unglaublichen Steigerung hat mir gerade den Atem geraubt, auch The Guest, die wunderschöne Single Lilitu in einer ausufernden Version und der mächtige Schlusspunkt Revelations sind Songs, die mehr sind als Minimalismus und Spielerei im Mikrokosmos. BLUENECK lassen sich viel Zeit, bauen unerträgliche Spannung auf und bleiben dabei scheinbar ganz sanft. Selten war es so schön, zermürbt zu werden, so dass es die Tränen aus den Augen drückt. The Fallen Host besticht aber auch mit seinen Instrumentalsongs, egal ob das kräftige Seven, Children Of Ammon oder die heimliche Sternstunde des Albums, Weaving Spiders Come Not Here. Die sehr beherzt agierenden Musiker sorgen dafür, dass die schweren Klavierklänge, die klangvollen Gitarren und der zerbrechliche Gesang bestens zur Geltung kommen, und die Einsätze von Cellos und Violinen erweitern das Gesamtbild zusätzlich, so dass es in dieser erschaffenen Welt extrem viel zu entdecken gibt.

Mit so viel Liebe und Geschick wie die jungen Briten beim Songschreiben an die Arbeit gehen, wundert es nicht, dass sie sich zwar irgendwo zwischen SIGUR ROS, GREGOR SAMSA, RADIOHEAD und eben John Murphys Soundtracks, ja sogar ULVER einordnen lassen, aber doch ganz eigene Wege gehen. Auch weil der Gesamteindruck des Albums etwas gewöhnungsbedürftig ist, da hier konsequent auf jegliche bekannte und beliebte Struktur verzichtet wird. Dieser Mut kommt BLUENECK aber zugute, denn das ist einfach pure, ehrliche Leidenschaft, die Menschen mit einer melancholischen Ader mit offenen Armen empfangen werden. The Fallen Host ist pure Herbstmusik, schwermütig und doch mit einem Funken Hoffnung, die eigentlich niemals enden darf. Glaube mir, das ist eine neue musikalische Sensation.

Veröffentlichungstermin: 13. November 2009

Spielzeit: 55:09 Min.

Line-Up:
Duncan Attwood – Vocals, Guitar, Piano
Ben Green – Guitar
Ben Paget – Bass
Johnny Horsewell – Drums

Label: Denovali Records

Homepage: http://www.blueneck.com

MySpace: http://www.myspace.com/blueneck

Tracklist:
1. (Depart From Me, You Who Are Cursed)
2. Seven
3. Low
4. The Guest
5. Children Of Ammon
6. Weaving Spiders Come Not Here
7. Lilitu
8. Revelations