MOTÖRHEAD: Overkill (40 Anniversary Edition)

MOTÖRHEAD: Overkill (40 Anniversary Edition)

1979, was für ein Jahr, als Jung-Rocker mit der Zündapp K50 in der ersten Lederjacke durch die Gegend düsen, yeah! Und so kurz vor dem echten Durchbruch der NWOBHM gab es bereits krasse Scheiben, die den perfekten Soundtrack für diesen und so viele andere Jung-Rocker boten. SAXON machten neugierig mit ihrem Debüt, die SCORPIONS rockten mit „Lovedrive“ die Bikerszene, ZZ TOP präsentierten erstmals ihre Vollbärte und auf „Degüello“ meinen Bandfave „Cheap Sunglasses“. Aber am meisten Popo getreten haben MOTÖRHEAD mit ihrem zweiten Album „Overkill“. Das Debüt war ja schon eine Überraschung, so ein Mix aus punkigen dreckigen Rock`n´Roll und schon der Härte und Energie der bald anrollenden Metal-Welle, zu der sich MOTÖRHEAD selbst ja nie gezählt hatten – da brachten die drei Engländer hier ein erstes Meisterwerk ins Rennen. Dieses wird nun als „40 Anniversary Edition“ neu aufgelegt, ebenso wie das Folgealbum „Bomber“, welches noch später folgte 1979. Aber ein Album wie „Overkill“ gibt immer einen Grund zu feiern. Und wenn es so präsentiert wird, wie in dieser Edition, dann ganz besonders.

Ein Album wie MOTÖRHEAD´s „Overkill“ muss man feiern!

So gibt der rasante Titeltrack schon alles, wofür die Band auch heute noch steht. Es rumpelt, es drückt, es treibt, die Drums poltern, die Gitarre schrammelt, LEMMY klingt – nun ja, wie Lemmy halt! Schöne Musik geht anders, aber MOTÖRHEAD geht genau so! „Stay Clean“, so cremig, „(I Won´t) Pay Your Price“ hoppelt wie später „Damage Case“ etwas albern dahin, und macht eben deshalb Spaß. Immer wieder, wie auch beim zähen „Capricorn“ mit seinem zufällig mitgeschnittenen Solo wird deutlich, dass „Fast“ Eddie Clarke vor allem bei den Soli gern mal bei ACE FREHLEY, TED NUGENT, aber auch Billy Gibbons genauer hingehört hat. Letzteres wird natürlich eh überdeutlich, denn der Knaller „No Class“ ist eine fette Kopie des ZZ TOP-Klassikers „Tush“. Ein heimliches Highlight bleibt das ebenfalls an die Texaner angelehnte „Metropolis“, entstanden als Studioquickie mit total unsinnigen Lyrics.

Die „40 Anniversary Edition“ präsentiert „Overkill“ als zeitlosen Klassiker

Alle Songs machen durchweg Spaß und lassen den Zeitgeist von damals aufleben, präsentieren sich in dieser neuen Auflage aber als zeitlose Klassiker. Die auf Halfspeed neu gemasterten Aufnahmen wurden mit viel Feingefühl bearbeitet. Alles klingt runder, einiges an Staub wurde rausgefegt, ohne wie so oft bei ähnlichen Re-Releases erlebt den Sound totzupushen. Das wird deutlich, wenn man z.B. zum Vergleich „Tear Ya Down“ auf der Original-LP hört. Als eingeschobene Aufnahme der B-Seite der Single „Louie Louie“ fällt der Gute Laune-Rocker mit seinem „eins zwei drei vier“-Auftakt Soundmäßig zurück. Hier aber fügt er sich stimmig und kraftvoll ins Gesamtbild ein.

„Overkill“ ist ein Hard`n´Heavy-Klassiker, den jeder haben sollte. Egal ob man ihn schon im Regal hat. Der überarbeitete Sound wertet die Songs nochmals auf und trägt sie erfolgreich ins Heute. Wer immer noch glaubt, MOTÖRHEAD ist „Ace Of Spades“, der muss umdenken und nachrüsten! Zumal die Aufmachung fantastisch und eines Klassikers würdig ist. Das Hardcover enthält zahlreiche schmucke Bilder, ausführliche Erzählungen zur Band und der Entstehung des Albums.

„Overkill“ kommt in toller Aufmachung und mit echtem Live-Mitschnitt

Wem dies immer noch nicht reicht, der wird überzeugt von der Bonus-CD mit einem Konzert, das kurz nach dem Release des Albums zuhause in England, genauer in Aylesbury aufgenommen wurde. Wer alt genug ist und die Band schon auf den ersten Touren sehen konnte, der ist hier sofort wieder zuhause. Da ist nichts schön, nichts gefiltert, nichts glattgebügelt, das ist purer dreckiger Rock´n´Roll, immer zu laut, immer räudig und verschwitzt, wie man es selbst erlebt hat. Es quitscht, es pfeift, es gibt schiefe Töne, derbe Ansagen vom Lemmy.

„Keep Us On The Road“ zeigt bei den Gesangslinien und auch im Solo, dass die Jungs auch HENDRIX-Fans waren. Mal sind die Pausen zwischen den Songs zu lang mit Blabla und keiner weiss, was jetzt kommt, bei „The Watcher“ bricht Lemmy auch mal die Stimme weg. Bei „Damage Case“ unterhält Lemmy das Publikum und uns mit Asi-Spielchen. Stargehabe mit „Oh Yeah“-Spielchen sind nicht sein Ding, „Oliolioli“ und „Uaaaargh“ ist auch viel mehr Rock`n´Roll! Fürs Mitgröhlen gibt es von ihm ein nettes „Danke schön“, perfekt fürs englische Publikum!

MOTÖRHEAD live, dreckig, rumpelig, laut – MOTÖRHEAD halt

Dann zieht es MOTÖRHEAD in ihren eigenen Drive, „(I Won´t) Pay Your Price“ kommt so klasse, das rollt, man fühlt sich live dabei! Es folgt weiterhin viel Blabla, dass man eben dies nicht weggeschnitten hat, macht die Aufnahme zu einer echten Zeitreise zu einem echten MOTÖRHEAD-Konzert. „I´m Your Witchdoctor“ von JOHN MAYALL wird total verdreckt, das ist fast Punk. Da war die Version auf der EP mit dem ZZ TOP-Cover „Beer Drinkers ANd Hell Raisers“ doch etwas gemäßigter. Auch der 51er Blues „Train Kept A-Rollin“, hier angelehnt an der YARDBIRD-Version, kommt räudiger als noch auf dem ersten MOTÖRHEAD-Album. Zum Ende der Show ist auch Lemmys Stimme endgültig am Ende, „Motörhead“ als abschließender Gassenhauer haut nochmal ordentlich drauf.

Pflichtkauf!

Allein für diese authentische, ungebügelte Live-Aufnahe ist die Neuauflage von „Overkill“ ein klarer Pflichtkauf. Egal ob man als Fan der Engländer das Original stehen hat, die „40 Anniversary Edition“ ist ein klarer, wertiger Pflichtkauf. An wem das Album, warum auch immer, bisher vorbeigegangen ist, der muss es jetzt mitnehmen. Heutige Jung-Rocker, die MOTÖRHEAD nur von den letzten Scheiben kennen, sollten ebenfalls zugreifen, „Overkill“ ist ein Stück echte Musikgeschichte. Stichwort Jung-Rocker: Die erwähnte Lederjacke gibt es übrigens immer noch!

Veröffentlicht am 25.10.2019 / Original 24.03.1979

Spielzeit: 34:47 / 75:06 Min.

Lineup:
Lemmy – Bass, Vocals
Eddie Clarke – Gitarre
Phil Taylor – Drums

Label: BMG

Homepage: https://imotorhead.com

Mehr im Web: https://www.facebook.com/OfficialMotorhead

Die Tracklist von „Overkill“:

1.) Overkill
2.) Stay Clean
3.) (I Won´t) Pay Your Price
4.) I´ll Be Your Sister
5.) Capricorn
6.) No Class
7.) Damage Case
8.) Tear Ya Down
9.) Metropolis
10.) Limb from Limb

Good ´N´Loud
Live at Friars, Aylesbury – 31. März 1979
1. Overkill
2. Stay Clean
3. Keep Us On The Road
4. No Class
5. Leaving Here
6. Iron Horse / Born To Lose
7. Metropolis
8. The Watcher
9. Damage Case
10. (I Won´t) Pay Your Price
11. Capricorn
12. Too Late, Too Late
13. I´ll Be Your Sister
14. I´m Your Witchdoctor
15. Train Kept A-Rollin´
16. Limb From Limb
17. White Line Fever
18. Motörhead

Frank Hellweg
Frank (“WOSFrank”) ist seit 2002 bei vampster und alt genug, um all die spannenden Bands live gesehen zu haben, als die selber noch jung und wild waren! Er kümmert sich um Reviews, News und andere Artikel sowie um interne Hintergrundarbeit. Lieblingsbands: TROUBLE, CANDLEMASS, BLACK SABBATH, SWALLOW THE SUN. Genres: Doom, Stoner, Classic/Retro/Hard Rock, US/Power Metal, Southern/Blues Rock, Psychedelic/Progressive Rock, Singer/Songwriter.