Mister Paice, ist Ihnen so fad, dass Sie von einer Tournee mit DEEP PURPLE nach Hause kommen und kurz darauf schon wieder auf Tour gehen: mit einer DEEP PURPLE-Tribute-Band?!
Es geht nicht darum, dass mir langweilig ist – es geht darum, nicht mehr 21 zu sein. Wenn man als Kid ein Jahr Pause macht, dann ist das egal. Wenn man in meinem Alter ist – Ende 70 – dann sind die Muskeln nach so einer Pause nicht mehr dieselben. Meine selbstauferlegte Mission besteht also darin, dass ich nicht aufhöre zu arbeiten. Ich muss immer weitermachen, damit die Leute, wenn ich auf die Bühne gehe, das Tempo und das Niveau sehen, das sie erwarten. Und nicht nur einen Schatten von dem, sich erhoffen …
Sie üben also vor Publikum.
Im Grunde genommen, ja.
Sie haben doch aber in ihrem Haus einen wunderbaren Schlagzeugraum!
Ich kann das nicht zu Hause machen. Ganz allein in einem Raum – no way! Da wird mir dann tatsächlich langweilig. Zu Hause gehe ich vielleicht mal kurz die Grundübungen durch, aber selbst dann schaue ich nach zehn Minuten aus dem Fenster oder kriege Lust auf eine Tasse Kaffee oder ein gutes Bier. Nee, zu Hause funktioniert das nicht – ich muss das in echt machen. Vor Menschen.
Seit Jahren erlebt man Sie in den Tourneepausen Ihrer Stammband on the road mit der irischstämmigen DEEP PURPLE-Tribute-Band Purpendicular. Wie haben Sie zusammengefunden?
Puh, das liegt schon eine ganze Weile zurück. Ich glaube, ich habe Robby Walsh, den Sänger, bei einer unserer Shows kennengelernt. Er wusste, dass ich diese kleinen Gigs mit wechselnden Musikern in Italien gemacht habe. In Italien ging das los, weil ich dort so viele Freunde habe und es viele gute Musiker gibt. Robby schlug vor, dass wir so etwas doch auch in anderen Ländern machen könnten – in Deutschland und Österreich, der Schweiz, Frankreich, Skandinavien. Das klang interessant. Wenn ich in Italien spiele, ist es im Grunde jeden Abend eine andere Band. Wenn ich mit Robby zusammenarbeite, sind es immer dieselben Leute. So lernt man die anderen Musiker besser kennen und man kann besser zusammen spielen. Für mich ist es viel einfacher, mit einer festen Gruppe von Musikern zu arbeiten. Naja, es schien mir jedenfalls eine gute Idee zu sein und tatsächlich haben wir eine Menge Spaß dabei.
Mit Purpendicular spielt Ihr Lieder, die DEEP PURPLE noch nie oder schon lange nicht mehr im Programm haben. Wie viel Mitspracherecht haben Sie, wenn es um die Setlist geht?
Ich habe sie gefragt, was sie gerne spielen würden. Manchmal schlage ich auch etwas vor. Dieses Mal spielen wir wieder ein paar Nummern, die keine Ian-Gillan-Songs sind. Wir versuchen es auch für uns frisch zu halten und um den Zuschauern, die uns schon öfter gesehen haben, ein paar Überraschungen zu bieten. Ich muss nur versuchen, mich an diese ganzen Lieder zu erinnern …

Ein paar WHITESNAKE-Nummern waren zuletzt auch im Programm, habe ich gesehen.
WHITESNAKE ist ja genauso ein Teil meines Erbes wie DEEP PURPLE, und es gibt ein paar gute Stücke, die live Spaß machen. Die Hits von Purple sind gesetzt, die muss man eh jeden Abend spielen. Da ist es erfrischend, ein paar andere Nummern einzustreuen. Sie erinnern einen daran, dass man doch mehr als nur zehn oder zwölf Songs in seiner Karriere gemacht hat.
WHITESNAKEs „Come An’ Get It“ ist ein weiteres perfektes Hardrock-Album aus den frühen 80ern. Was macht diese Platte so magisch und nach all den Jahren und Jahrzehnten immer noch herausragend?
Es gibt Zeiten, besonders in einer Band, wenn im richtigen Moment mit den richtigen Menschen die richtige Musik entsteht. Man kann die beste Platte zur falschen Zeit machen und niemand wird sie je hören. Und man kann eine gute Platte zur richtigen Zeit machen und jeder hört sie. Dazu gehört eine Menge Glück, was für die gesamte Unterhaltungsindustrie gilt.
Spielen schön und gut – aber geht Ihnen das Reisen nach all den Jahren nicht sauber auf den Sack?
Das Reisen ist das Schwierigste. Die ganze Zeit auf der Straße und in Hotels – klar will man da nach einer Weile sein eigenes Bett sehen und vor seinem eigenen Fernseher sitzen. Das geht jedem so. Aber ich habe mir dieses Leben ausgesucht. Ein Teil des Preises, den ich dafür zahlen muss, ist, dass ich viel von zu Hause weg bin. Niemand zwingt mich dazu – ich tue das, weil es mein Leben ist … und mache mir darüber keinen großen Kopf. Das Schwierigste ist, wenn man für Konzerte um die halbe Welt fliegt, also 12, 14 Stunden in einem Flugzeug sitzt – das ist harte Arbeit. Denn man macht das ja nicht nur einmal, sondern vielleicht fünf oder sechs Mal im Jahr. In Europa zu reisen ist hingegen einfach. Man sitzt ein, zwei Stunden im Auto, macht ein Nickerchen oder schaut einen Film. Das ist leicht. Europa ist wundervoll klein.
Sie sind das letzte Gründungsmitglied von DEEP PURPLE, haben alle Platten eingespielt und saßen bei allen Shows hinterm Schlagzeug. Egal, was in der Band gerade wieder los war oder welche Egos aufeinandergeprallt sind – Sie haben den Takt gehalten, waren die Maschine, die die Band durch alle Stürme und alle Jahrzehnte getragen hat. Wie schafft man so etwas?
Ich hatte immer großen Respekt vor dem Glück, das mir widerfahren ist. Gut, ein bisschen Talent muss man schon mitbringen, aber wie viele talentierte Musiker gibt es dort draußen, die nirgendwo hinkommen? Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, habe die richtigen Leute getroffen – und auf einmal hatte ich eine Karriere. Und ich habe gemerkt, dass das alles so schnell wieder zerbrechen kann, wie ich es gefunden habe. Wenn ich dieses Glück nicht respektiere, dann kann es jederzeit wieder verschwinden. Also bin ich nie respektlos damit umgegangen. Ich schätze die privilegierte Position, in der ich mich befinde. Und ich genieße es, auf der Bühne zu stehen. Warum sollte ich das alles aufs Spiel setzen wollen? Natürlich gab es Zeiten, in denen ich mit anderen Menschen in der Band nicht einverstanden war. Aber am Ende des Tages ist auch eine Band ein demokratisches System, in dem die Mehrheit bestimmt. Damit muss man leben. Manchmal gewinnt man die Schlacht, manchmal nicht. Man muss das entspannt sehen. Auf meiner langen Reise habe ich auf Alben gespielt, auf denen mir ein paar der Nummern nicht gefallen haben. Aber die Mehrheit wollte sie machen, also haben wir sie gemacht. Wir wurden mit diesem wunderbaren Leben gesegnet und ich habe nach all den Jahren noch immer eine Menge Spaß dabei. All das zu gefährden, nur weil ich mein Ego ausleben muss, das ist doch dumm.
Aber konkret: Wie verhält man sich im Auge des Sturms? Wie haben Sie in einer Band wie DEEP PURPLE überlebt, in der Hitze lange Jahre nur durch Reibung entstand?
Du versuchst, der Diplomat zu sein. Du versuchst, Menschen dazu zu bringen, eine Position zu sehen, die sie vielleicht nicht gesehen haben. Manchmal gelingt einem das, manchmal nicht. Aber irgendwann kommt man immer in die Situation, in der man etwas ändern muss. Ich wäre nie derjenige gewesen, der geht. Lächerlich! Warum sollte man etwas aufgeben, das einem Spaß macht und mit dem man sich und seine Familie ernähren kann? Warum sollte man das tun? Das habe ich nie verstanden. Wenn ich konnte, habe ich immer versucht, zu helfen. So bin ich eben. Ich verstehe, dass andere Menschen das anders sehen und mich für zu anpassungsfähig halten, aber ich glaube, sie liegen falsch.
Was hat sich beim Schlagzeugspiel im Laufe der Jahre am meisten verändert?
Es gibt diesen sehr wahren Satz aus der Zeit der Big Bands: „Es gab noch nie eine großartige Band, die nicht einen großartigen Schlagzeuger hatte!“ In der heutigen Musik hört man, dass da keiner trommelt, sondern dass der Beat programmiert ist. Das hört man. Jede Note ist perfekt, gleich laut und gleich kalt. Das macht nichts mit einem.
Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich an Ihrem Schlagzeugspiel so mag. Ich bin kein Musiker, nur Zuhörer und Multiplikator. Nach Jahren des Studiums und des Nachdenkens kam es mir: Es sind die Trommelwirbel. Bei jedem Drum-fill gönnen Sie sich diesen kleinen Zusatzmoment – und kommen dann zeitversetzt zurück in diesen mächtigen Beat. Wir reden hier von einem Wimpernschlag. Würden wir übers Boxen sprechen, dann wäre es ein präziser, genau platzierter Schwinger.
Verstehe. Wenn man ein großes Drum-fill spielt, ist es ganz natürlich, dass man sich beeilt, um wieder in die Musik zu kommen. Also nehme ich mir diese Nanosekunde … und halte mich im letzten Augenblick ein bisschen zurück. Es ist aufregend, weil du deinen Körper in diesem Moment zu hundert Prozent anspannst. Rein technisch gesehen ist das nicht schwierig, aber man muss wissen, dass alles schneller wird, nachdem der Schlagzeuger ein Drum-fill gespielt hat. Man muss sich also nur diesen ganz kleinen Atemzug nehmen, diesen winzigen Moment – und ihn anhalten. Dann passt alles zusammen. Im Prinzip ganz einfach, aber man muss es erst lernen. Ich habe mir das vor vielen Jahren selbst beigebracht.
Vor Jahren hatte ich ein interessantes Interview mit einem Sternekoch. Der meinte, dass man, wenn man jung ist, einfach mal macht. Je mehr man dann mit den Jahren über sein Fachgebiet lernt und weiß, umso mehr verliert man diese Art von Unschuld und sucht sie am Ende wieder.
Das stimmt. Aber ich denke, das gilt für jede Art von Unternehmung. Wenn man ein Kind ist, ist man unsterblich. Man ist kugelsicher. Man kann alles tun – in seinem Kopf. Die Tatsache, dass man in Wirklichkeit gar nichts kann, spielt dabei keine Rolle. Und dann lernst du mehr und mehr dazu, und Dinge, von denen du irgendwann einmal dachtest, dass sie aufregend sind, sind dir irgendwann nicht mehr so wichtig, weil anderes kommt, das dir noch besser gefällt. Es ist also nicht so, dass du das nicht mehr hinkriegst – du hast es nur vergessen, weil andere Dinge nachgerückt sind. Wenn ich mir heute ein Video aus meinen frühen Tagen angucken, sehe ich, wie hart ich geschlagen habe. Als wir anfingen, gab es noch keine Mikrofone am Schlagzeug. Deshalb haben Leute wie Bonham, Ginger, Cozy Powell und ich sehr, sehr hart gespielt – weil wir keine Mikrofone hatten. Heute können wir das alles ein wenig entspannter angehen, aber es verändert natürlich die Art, wie man an das Schlagzeug herangeht. Alles entwickelt sich weiter. Für Schlagzeuger ist es ein bisschen einfacher geworden, weil wir nicht mehr der stärkste Mann der Welt sein müssen. Wir können uns von der Elektronik ein bisschen helfen lassen.
Aber dann sehe ich Lars Ulrich, wie er sein Schlagzeug fast nur noch streichelt …
Natürlich verändert das auch die Art und Weise, wie man spielt. Es sieht vielleicht nicht mehr ganz so aufregend aus, aber wenn man es sich anhört, ist es heute im Allgemeinen besser. Nee, das passt schon. Das einzige Problem, das Schlagzeuger heute haben, ist, dass wir in einem Zeitalter der maschinellen Zeitmessung leben, und viele Drummer versuchen, das nachzuahmen, was wir früher getan haben. Aber damals in den 30er, 60er und frühen 70er Jahren gab es so etwas wie Click-Tracks noch nicht. Wir hatten alle verstanden, dass sich die Zeit in einem Song bewegen kann. Das Tempo konnte ein wenig ansteigen und es konnte ein wenig zurückgehen. Das war das menschliche Gefühl. Jetzt gibt die maschinelle Zeiterfassung alles vor – und verpasst uns allen eine Gehirnwäsche. Wenn etwas auch nur einen Takt variiert, ist es schon nicht mehr in Ordnung. Dabei ist das ja nicht zwingend falsch. Wir wurden nur darauf konditioniert, dass alles, was wir hören, perfekt sein muss. Und dadurch geht etwas von der Magie dieser wunderbaren alten Schallplatten verloren, die ihre eigene Bewegung hatten – wie eine Welle auf dem Meer. Damals war noch die Menschlichkeit der Musiker zu hören, die spielten. So etwas ist heute nur noch schwer zu erreichen. Das gilt aber für fast alles auf diesem Planeten.
Monitoren Sie sich und ihr Spiel selbst – etwa, indem sie alte Mitschnitte von sich anschauen und analysieren?
Nur, wenn ich etwas spielen muss und vergessen habe, wie es ging. Ich weiß noch, wie es sich anhören soll, aber ich muss sehen, was meine Hände gemacht haben, um mich daran zu erinnern. Habe ich mit der linken Hand angefangen? Oder mit rechts? Möglicherweise ist es 40 Jahre her, dass ich besagten Song zum letzten Mal gespielt habe. Und vielleicht gibt es da ein paar komplexe Teile, die damals selbstverständlich für mich waren, es heute aber nicht mehr sind. Dann muss ich etwas neu lernen, das ich vor vielen Jahren gemacht habe. Manchmal reicht es tatsächlich, wenn ich es mir ansehe, um den Ausgangspunkt wiederzufinden.
Haben Sie ein ein Archiv von Ihrer Arbeit?
Gute Idee, aber nein: Habe ich nicht.
Spielen Sie nach all den Jahren immer noch gerne „Smoke On The Water“?
Natürlich. Für viele Leute ist das ein sehr wichtiger Song ist – und ich verstehe das. Manchmal ist es ein Teil ihrer Jugend oder sie haben eine andere Verbindung dazu. So oder so, es ist ein großartiger Rock’n’Roll-Song. Nein, ich werde nie müde, ihn zu spielen. Herzlichen Dank, wenn man ein oder zwei solcher Nummern in seiner Karriere hat – das ist etwas Besonderes. Wenn wir sie nicht bringen würden, wären viele Leute sehr traurig.
Was sind Ihre Lieblingslieder von DEEP PURPLE?
„Living Wreck“ vom „In Rock“-Album – ein Stück, das wir mit Purple nicht mehr spielen. Ich mag das Schlagzeugspiel darauf sehr. Nicht wirklich schwierig, aber sehr musikalisch. „Burn“ ist ein großartiges Stück für einen Schlagzeuger, um sich zu zeigen.
Ian Gillan würde nie einen Song wie „Burn“ spielen, oder?

Nein. Ian Gillan erinnert sich ja schon an seine eigenen Texte nicht mehr – da wird er keinen Text von David Coverdale lernen … (lacht)
Über meine nächste Frage bitte nicht lachen: Ich fand es so cool, dass Sie schon immer eine Brille getragen haben. Sie waren der einzige Rockstar … nun ja, nicht der einzige, aber einer der wenigen Rockstars, die ihre Gläser sogar auf der Bühne an hatten. Das bedeutete mir in jungen Jahren viel, weil ich selbst früh eine starke Brille tragen musste und lange darunter gelitten habe.
Meine Augen waren auch nicht so toll, aber da kann man nichts machen. Das heißt ja nicht, dass du deshalb ein schwacher oder schlechter Mensch bist. Ich habe mich entschlossen, eine Brille zu tragen, die von den Leuten nicht allzu ernst genommen wurde: mit verschiedenen Farben und einer etwas merkwürdigen Form. So konnte ich auf der Bühne wenigstens scharf sehen. Mit dem Alter wurden meine Augen besser, heute brauche ich eine weniger starke Brille. Das ist schön. Aber irgendwann gehörte die Brille zu meiner Bühnenpersönlichkeit – so wie der Zylinder bei Slash. Ohne Brille würden mich die Leute heute gar nicht mehr erkennen!
Dieser Soundeffekt am Anfang von „Fireball“ – was ist das?
Das war das Geräusch einer anspringenden Klimaanlage im Studio. Man hört, wie der Kompressor angeht. Wir dachten, das klingt cool, haben es aufgenommen und auf die Platte gepackt. Und die Klimaanlage wieder hochgedreht. Wir haben damals eine Menge solcher Sachen gemacht. Wir waren eine Generation von Musikern, die sich an keine Regeln halten mussten – wir haben unsere eigenen Regeln aufgestellt. Wenn wir dachten, dass sich etwas gut anfühlte oder anhörte, dann taten wir es einfach. Und die Plattenfirma war sehr glücklich, weil sie Millionen und Abermillionen von Dollar mit uns verdient hat. Ich würde sagen, 90 Prozent unserer Karriere hatten wir mit Plattenfirmen zu tun, bei denen Leute gearbeitet haben, die Musik mochten. Heutzutage ist das keine Selbstverständlichkeit mehr. Viele dieser Menschen sind Geschäftsleute, ihr Job ist es, dafür zu sorgen, dass die Zahlen am Ende des Jahres schwarz und nicht rot sind. Sie wissen nicht viel über Musik. Wahrscheinlich mögen sie Musik nicht einmal besonders. Früher war das anders, als wir mit EMI und Warner Brothers zu tun hatten, vor allem mit Warner Brothers America. Die Leute dort waren interessiert und wollten mit dir über Musik sprechen und nicht nur übers Geschäft. Das war schön.
Kriegt Ihr heute etwa Druck von Euerer Plattenfirma, ein neues Album zu machen?
Nein. Wenn wir heute eine neue Platte machen, dann ist das unsere Entscheidung – nicht die der Plattenfirmen. Wir befinden uns aktuell in der Position, das wir so etwas beschließen können – und die Plattenfirma steht hinter uns und geht da mit. Das ist eine gute, gesunde Beziehung, finde ich. Natürlich hilft es auch, dass der Chef unseres Labels Ear Music ein großer DEEP PURPLE-Fan ist …
Stimmt es, dass DEEP PURPLE in Deutschland einen voll ausgestatteten Proberaum unterhalten?
Keinen klassischen Proberaum, nein. Aber seit dem Brexit lagern wir unser gesamtes Equipment in Deutschland – was einfach nur praktisch ist. Wenn wir Sachen in die USA, nach Südamerika oder Japan verschiffen, dann ist es egal, woher sie kommen. Aber wenn man in Europa arbeitet, warum sollte man all diese schrecklichen Zollprobleme auf sich nehmen, um sein Zeug von der Insel und wieder zurück zu bringen? Das ist eines der unsinnigen Dinge am Brexit. Also lagern wir einfach alles in Deutschland und laden es dort in ein Auto. Mit leichtem Gepäck einzureisen und später wieder zurück nach Großbritannien zu gehen, macht es ein Vielfaches einfacher für uns.

Darf ich mir das dann als Lagerraum vorstellen?
Das Equipment ist in einem großen Lagerraum untergebracht, aber auf dem Gelände gibt es auch eine riesige Soundbühne, auf der man eine komplette Probe fahren kann, bevor man auf Tour geht. Die mieten wir, wenn wir sie brauchen – so, wie viele andere Künstler auch. Die ist echt riesig: Rund vier Stockwerke hoch und wahrscheinlich 70 Meter im Quadrat, so dass man eine komplette Bühne mit Licht und PA aufbauen und sicherstellen kann, dass alles funktioniert. Da zu proben ist immer ein großer Spaß.
Sie haben auf YouTube einen eigenen Kanal: Ian Paice Drumtribe.
Als Covid kam und keiner mehr etwas tun konnte, wollte ich meine Zeit zu Hause konstruktiv nutzen. Also habe ich ein paar Dinge hervorgekramt, von denen ich dachte, dass sie die Leute interessieren könnten. Ein paar Geschichten, ein paar Studiosachen undsoweiter. Seit das Leben wieder erwacht ist, geht das jetzt alles wieder ein wenig langsamer, weil ich natürlich weniger Zeit habe. Aber ich poste immer noch neue Sachen, wenn ich welche finde.
Wuppen Sie das alleine?
Den kreativen Teil erledige ich selbst. Ich habe das Glück, dass ich hier ein schönes großes Haus habe, in dem ich all diese Dinge tun kann. Aber ich habe einen Neffen, der sich um den ganzen Internetkram kümmert, weil ich davon keine Ahnung habe. Er kümmert sich um die richtigen Formate und dass es am Ende auf YouTube landet. Manche Menschen fühlen sich mit dem Mikrofon vor einer Kamera wohl. Glücklicherweise gehöre ich zu denen. Ich kann da einfach ich selbst sein und den Leuten scheint es zu gefallen.
Haben Sie sich wirklich mit allen Musikern vertragen, die in den Jahren und Jahrzehnten bei DEEP PURPLE gespielt haben?
Mehr oder weniger, ja. Ich bin ein ziemlich unkomplizierter Typ. Und: Ich erwarte nicht, dass jeder die Welt so sieht, wie ich sie sehe. Ich erwarte auch nicht, dass das Gegenüber alles mag, was ich mag. Das ist in Ordnung. Anders zu sein ist okay. Als DEEP PURPLE zusammenkamen, waren Ritchie und ich die engsten Freunde in der Band. Wir zogen gemeinsam viel um die Häuser, musikalisch waren wir meistens einer Meinung. Doch dann, als er die Band verließ und RAINBOW gründete, wurde er ein anderer Mensch – weil er plötzlich der Chef seiner eigenen Band war. Als ein solcher Chef kehrte er später zu Purple zurück. Aber bei Purple gab und gibt es keinen Chef. Mein Vater, der lange vor mir Musiker war, hat einmal zu mir gesagt, dass wenn man einmal der Anführer ist, nie wieder zurück kann. Du kannst dann nie wieder nur einer der Jungs sein. Ich glaube, das war bei Ritchie so. Er genoss es, die Kontrolle zu haben. Als wir die Band 1984 neu aufstellten, dachte er, dass er jetzt der Chef bei Purple ist. Er ist der Typ mit dem Namen, er ist der Typ, der vorne steht. Aber das funktionierte überhaupt nicht. Es gab nie zu viele Egos bei DEEP PURPLE – nur zu viele andere wichtige Musiker, die das gleiche Recht haben, zu sagen, was sie denken. Und das ist auch schon die ganze Geschichte.
Heute sieht man DEEP PURPLE auf der Bühne und fühlt ein großes Miteinander. Ja, ich habe das Gefühl, Ihr seid eine sehr demokratische Band.
So soll es doch aber auch sein: Es soll Spaß machen. Wenn du mit deinen Freunden unterwegs bist, dann können nicht drei das eine und zwei etwas anderes tun. Dann ist es keine Band mehr. Klar, es gibt immer Menschen, mit denen man sich besser versteht, weil man ähnliche Ansichten über Humor, Politik, Religion und so weiter teilt. Mit anderen groovt es nicht so. Das ist aber keine große Sache und man sollte auf keinen Fall zulassen, dass so etwas das eigene Leben trübt. Die Menschen sind verschieden und so soll es auch sein.
Haben Sie noch Kontakt zu Ritchie Blackmore?
Die Erinnerungen, die ich an Ritchie habe, sind alle aus den frühen Tagen und sie sind alle wunderbar. Und wenn er mich heute anrufen würde, würden wir über die gute Zeit reden, keine Frage. Aber er ruft nicht an. Und ich rufe ihn auch nicht an. Ich habe nichts Schlechtes mehr über Ritchie zu sagen. Er ist, wer er ist. Wenn er sich von seiner besten Seite zeigt, ist er ein wunderbarer Musiker. Aber er ist gegangen. Ich bin es nie. Belassen wir es dabei.
Bei der Vorbereitung auf dieses Interview stieß ich im Netz auf einen Mitschnitt der „Slaves & Masters“-Tour 1991. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Joe Lynn Turner denken, der damals für ein Album und diese Tour bei DEEP PURPLE war?

Joe war nie der richtige Mann für DEEP PURPLE. Aber es gab sonst niemanden, der singen konnte und den wir damals hätten kriegen konnten. Und Joe hat uns etwas unglaublich Wertvolles gegeben: Er schenkte uns ein weiteres Jahr, um Ian Gillan zurück in die Band zu holen. Ohne dieses Jahr mit Joe hätten wir nicht weitergemacht, alles wäre vorbei gewesen. Joe ist wunderbarer Kerl. Wir sollten uns bei ihm bedanken, wann immer wir ihn sehen. Er hat die Reunion mit Ian Gillan ermöglicht.
Ich mag „Slaves & Masters“, aber es war für mich immer mehr ein RAINBOW-Album, auf dem halt DEEP PURPLE stand.
Im Grunde genommen ja.
Darf ich Sie etwas über ein paar Kollegen von Ihnen fragen?
Sie können mir alle Fragen stellen. Aber ich weiß wirklich sehr, sehr wenig über andere Musiker. Und ich sage Ihnen auch warum: Wenn Sie mich nach Musikern fragen, die ähnliche Dinge tun wie ich, dann ist das für mich nicht interessant. Es muss mein eigenes Ding sein, ich mittendrin, die Spannung, der Reiz, die Aufregung von mir selbst erzeugt. Deshalb bin ich nie sonderlich begeistert, wenn ich jemanden anderen sehe, der etwas Ähnliches macht wie ich. Sie können mir gerne all ihre Namen nennen, aber ich werde nicht wissen, von wem Sie sprechen.
Zumindest einen auf meiner Liste kennen und schätzen Sie: ALICE COOPER hat oft erzählt, dass alle Geschichten über Keith Moon, die man hört, wahr sind. Stimmt das?
Oh ja. Keith lebte auf einem anderen Planeten. Wenn ihm etwas in den Kopf schoss, dann tat er es. Egal ob es Sinn machte, ob es gut oder schlecht, gefährlich oder sicher war – er hat es einfach gemacht. Wissen Sie, manchmal trifft man Leute in seinem Leben und sagt: „Dieser Typ wird nie ein alter Mann sein.“ Keith war so einer. Er hat das Leben ein bisschen zu schnell gelebt. Aber er hat in diesen Jahren viel, viel erlebt.
Wusste man das, wenn man ihn getroffen hat?
Ja, das wusste man. Man konnte es schlicht sehen. Und er ist nicht der Einzige von dieser Sorte. Es gibt Menschen, über die sagt man: „Wenn man die Kerze an beiden Enden anzündet, dann wird es gefährlich.“ Keith Moon hat beide Enden und die Mitte angezündet.
Sie feiern eine Gartenparty und dürfen drei Gäste einladen – Leichen willkommen! Bands, die es nicht mehr gibt, Musiker die schon tot sind … Wer spielt auf Ian Paices Gartenparty?
Oh, eine meiner Lieblingsbands war immer Sly & The Family Stone: toller Groove, toller Blues und Soul, tolle Songs, tolle Produktion, tolle Musiker. Dann: Chuck Berry! Und ich würde Little Richard dort haben wollen. Die Songs von Chuck Berry, die Stimme von Little Richard und der Funk und der Groove von Sly – ja, das wäre eine Wahnsinnsparty.
Kein Jazz?
Jazz gerne für mich mit einem Drink in der Hand. Aber für eine Party, nein.
Ich habe es immer geliebt, wenn Sie über Jazz gesprochen oder auch mal Jazz gespielt haben.
Ach, so viel habe ich da doch gar nicht gemacht. Es macht mir Spaß, Jazz zu spielen – oder besser: Musik im Jazz-Stil. Ich bin aber kein Jazz-Schlagzeuger, sondern ein Rock’n’Roll-Schlagzeuger, der einige Jazz-Einflüsse verwendet. Ich kenne viele großartige Jazz-Schlagzeuger, die können keinen Rock’n’Roll spielen, so wie ich umgekehrt auch nicht Jazz spielen kann wie sie. Man sucht sich eine musikalische Nische und ist darin hervorragend. Buddy Rich ist mein absoluter Schlagzeug-Held, doch wehe es versuchte ihn einer dazu zu bringen, einen einfachen Rock’n’Roll-Song zu trommeln – das konnte er nicht. Warum auch: Es war nicht sein Ding. Es war eine andere Generation, eine andere Art zu spielen. Bei jedem Rock’n’Roll-Stück hätte ich ihn in den Boden gestampft, aber wenn ich in einer Big Band spielen müsste, wäre ich im Vergleich zu ihm ein verlorenes Baby.